Flucht dank Freundschaft

Flucht dank Freundschaft

Beitragvon Interessierter » 13. September 2017, 11:52

Vor 25 Jahren erzählte Stephan Gildemeister den Kieler Nachrichten seine Geschichte. Von seiner Flucht aus der DDR über Ungarn bis nach Fleckeby. Noch heute lebt der gebürtige Rostocker in Schleswig-Holstein. Jetzt lässt er die Erinnerung mit seinem Fluchthelfer Moritz Nissen nochmals aufleben.

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Stephan Gildemeister (links) und Moritz Nissen lassen die Flucht aus der DDR Revue passieren.
Quelle: Uwe Paesler


Es gibt Fragen, von denen man sich kaum vorstellen kann, sie einmal zu stellen. Viel zu unwirklich klingen die Worte. Doch Moritz Nissen stellte genau eine solche Frage, als er 1987 dem gerade erst kennengelernten Stephan Gildemeister in einem Hotel in Prag gegenüber saß: „Kannst du dir vorstellen, dass du auf mich schießt?“

27 Jahre ist diese Frage nun her. Moritz Nissen war mit dem Männergesangsverein aus Fleckeby nach Prag gereist. Durch Zufall traf er dort auf den gebürtigen Rostocker Stephan Gildemeister, der in der tschechischen Hauptstadt Urlaub machte. Die beiden kamen ins Gespräch. Und dann diese Frage, die mehr war, als schlichte Plauderei. Damals war es eine Frage zwischen West und Ost. Mit der Befürchtung im Hinterkopf, was geschieht, wenn es zwischen den beiden Teilen des heute vereinten Landes einmal so richtig knallen sollte. Gleichzeitig bildeten die so hart klingenden Worte den ersten Schritt zu einer Freundschaft über die Mauer hinweg. Eine Verbindung, die Stephan Gildemeister helfen sollte, die Grenze zu überwinden und mit seiner damaligen Frau und dem gemeinsamen Sohn einen Neuanfang in Schleswig-Holstein zu wagen.

Ein großer Regimekritiker sei er nie gewesen, sagt der heute 54-jährige Stephan Gildemeister. Das hätte nur Schwierigkeiten gebracht. Er machte eine Ausbildung als Restaurantfachmann in einem Hotel seiner Heimatstadt Rostock und arbeitete anschließend im gleichen Unternehmen weiter. 1981 heiratete er seine erste Frau Bianca und wurde Vater seines Sohnes Maxim. Durch seine Arbeit im Hotel und die Gäste aus der Bundesrepublik, aus Schweden und Norwegen bekam Stephan mehr mit als andere DDR-Bürger. Von dem Leben im Westen mit seinen schönen Autos und diesem typischen Duft der Intershops, den einzigen Läden im Osten, in denen es die Westprodukte zu kaufen gab. Dieser Geruch nach Seife und Parfum. Vor allem bekam er eine Vorstellung von einem Leben in Freiheit – sagen zu können, was man will, reisen zu können, wohin man will. Der Gedanke an Flucht reifte in seinem Kopf. Doch Wirklichkeit wurde er erst mithilfe des Ehepaares Nissen aus Fleckeby.

Nach dem Kennenlernen in Prag blieb die Freundschaft bestehen. Moritz Nissen fuhr mehrfach mit seiner damaligen Frau Brigitta nach Rostock. Er erinnert sich noch an dieses beklemmende Gefühl, ständig darauf Acht zu geben, dass keine falschen Ohren mithören. Bei Spaziergängen am Strand wurde über Fluchtpläne diskutiert.

Schließlich stand fest, dass es über die „Grüne Grenze“ in Ungarn gehen sollte. Am 10. September 1989 stieg die Familie Gildemeister in den Zug nach Berlin und dort in den Flieger nach Budapest. Alles, was sie mitnahmen, passte in nur einen Koffer. Keiner der zurückgelassenen Angehörigen wusste, dass aus der vermeintlichen Urlaubsreise ein neues Leben werden sollte.

In einem Hotelzimmer in Budapest traf die Familie auf Brigitta Nissen und eine weitere Helferin. Gemeinsam ging es am nächsten Morgen mit dem Auto weiter. Und manchmal hat man im Leben auch einfach Glück: Es war der Tag, an dem die ungarischen Behörden die Grenzen zum Westen hin öffneten, sodass die Gildemeisters ihr altes Leben ganz ohne Angst vor Grenzsoldaten hinter sich lassen konnten.

Nicht einmal vier Wochen später sah Stephan Gildemeister im Fernsehen, wie die Mauer endgültig fiel. „Im ersten Moment war ich schon enttäuscht. Ich hatte so viel auf mich genommen“, sagt er. Zu dieser Zeit lebte die Familie im Haus des damaligen Bürgermeisters Fleckebys. Ein halbes Jahr lang musste sie sich in fremden Häusern einquartieren, dann wurde eine Doppelhaushälfte frei. Mit einer neuen Arbeitsstelle geht es bei Stephan wesentlich schneller. Schon gute sechs Wochen nach der Ankunft kehrte er in die Gastronomiebranche zurück.

Der Neuanfang war nicht immer leicht. Als „Ossi“ musste sich der Rostocker erst eingewöhnen und den ein oder anderen derben Spruch kassieren. Auch die kommenden Jahre hielten Hürden bereit. Die erste Ehe ging auseinander, berufliche Rückschläge mussten verkraftet werden. Doch Stephan Gildemeister rappelte sich immer wieder auf. 1993 lernte er mit Grit seine zweite Frau kennen. Mit ihr bekam er seine heute 18 Jahre alte Tochter Paula. Zusammen kaufte das Paar ein Haus in Borgstedt, das bis heute ihr Zuhause geblieben ist.

Wenn Stephan Gildemeister zurückblickt, ist da keinerlei Groll. „Ich denke eigentlich immer weniger daran zurück“, sagt er. Doch vergessen könne man so etwas nicht. „Immerhin“, fügt Moritz Nissen hinzu, „hat man ein Stück Geschichte hautnah miterlebt“.

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Niemand hat dich gefragt, ob du leben willst. Also hat dir auch niemand zu sagen, wie du leben sollst!
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