Republik der Missgunst

Alles was in den Zeitraum nach der Wende gehört. Das Zusammenwachsen von zwei grundverschiedenen Systemen, Probleme, Erwartungen, Empfindungen usw.

Republik der Missgunst

Beitragvon Interessierter » 18. November 2019, 12:54

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30 Jahre nach dem Mauerfall glaubt weniger als die Hälfte der Deutschen, dass die Wiedervereinigung Vorteile für das Land gebracht habe. Das ist eines der vielen deprimierenden Ergebnisse einer Umfrage von YouGov und des Sinus-Instituts. Umfragen sind zwar mit Vorsicht zu genießen, aber es wäre andererseits erstaunlich, wenn die deutsche Neigung zu Nörgelei und Selbstmitleid nicht auch das unverhoffte Glück von 1989 irgendwann eingeholt hätte.

47% der Ostdeutschen meinen, der Westen habe Osteuropa nach der Wiedervereinigung ausgebeutet. 46% der Westdeutschen hingegen finden, die Osteuropäer hätten die Hilfsbereitschaft des Westens ausgenutzt. Wahrscheinlich stimmt beides. Ostdeutsche finden, die Wessis hätten mehr von der Einheit profitiert als sie, und den Westdeutschen geht es umgekehrt. Ohne ein Gefühl der Benachteiligung ist der oder die gewöhnliche Deutsche anscheinend nicht glücklich.

Dazu passt, dass 57 Prozent der Ostdeutschen glauben, der Sozialismus in der DDR sei eine gute Idee gewesen, die nur schlecht umgesetzt worden sei. Als könnten freie Geister eine Kultur des Neids, der Missgunst, der Gleichmacherei und des Generalverdachts gegen Individualismus Eigentum, Aufstieg und Genuss ertragen. Als wäre ein solches System je ohne eine diktatorische Bürokratie durchgesetzt worden.

Auf die Frage, wer den größten Anteil an der Wiedervereinigung gehabt habe, nennen 43 Prozent der Deutschen Michail Gorbatschow, 27 Prozent Helmut Kohl und 23 Prozent die Montagsdemos in Leipzig. Sogar Hans-Dietrich Genscher wird von 19 Prozent genannt. Aber den wichtigsten Mann, Ronald Reagan, nennt niemand. Die Sieger des Kalten Krieges – die Westalliierten, allen voran die USA – werden von ganzen sieben Prozent der Deutschen als Hauptverantwortliche für die Wiedervereinigung angesehen. Als hätte Gorbatschow aus lauter Menschenliebe der Wiedervereinigung zugestimmt und nicht deshalb, weil das sowjetische Reich um ihn herum in Trümmer fiel. Als hätte Kohl ohne George Bush Senior die Wiedervereinigung durchsetzen können.

30 Jahre nach dem Mauerfall ist ein Großteil der Deutschen immer noch nicht im Westen angekommen. Ihr verqueres Geschichtsbild wird auch vom Außenminister bedient. In einem Schreiben bedankte sich Heiko Maas (SPD) bei den europäischen Nachbarn für ihren Beitrag zur deutschen Einheit und hob besonders Gorbatschow hervor. Für die USA und die Nato, Reagan und Bush hatte er keine Silbe übrig. Es ist zum Fremdschämen.

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Re: Republik der Missgunst

Beitragvon Volker Zottmann » 18. November 2019, 13:20

Den zweiten fett gedruckten Abschnitt mit den 57 % möchte man erst widersprechen. Doch dann kommt das Aber, welches die Ostdeutschen die Nachdenken, selbst anfügen.
Die Grundidee mag so falsch nicht sein. Vieles von damals wird heute bereits wieder umgesetzt.
So brauchte im Osten keine Frau die Arbeitserlaubis eines Ehemannes, so wurden Kinder generell pflichtgeimpft. Das gestaffelte Schulsystem der DDR , aber ohne beigemengte Ideologie, wäre erhaltenswert gewesen. Heutige Schnupperpraktika sind nur ein Abklatsch des flächendeckenden Unterrichts in der Produktion.
Polikliniken mussten, weil DDR, erstmal zerschlagen werden, um nun kostspielig neue Ärztehäuser zu schaffen.

Eine Symbiose beider Systeme wäre sicher eine sinnvollere Alternative gewesen, rein theoretisch. Die Ungeduld ist uns allem im Weg gewesen! Praktisch war es nicht umsetzbar. Auch ich wehre mich gegen erneute Menschenversuche.

30 Jahre nach Tag X dürfte die Anpassung eigentlich bald erledigt sein. Bei Nachgeborenen spielt die geographische Herkunft keine Rolle mehr. Die des Elternhauses aber sehr wohl.
Missgunst aber ist unser schlechtester Wegbegleiter. Jeder soll mal sein Umfeld kritisch beschauen. Deutschland ist ein gutes und reiches Land.

Gruß Volker
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Der Große sieht ihn breiter, der Kleine leider nicht.
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