Was geschah JETZT vor 30 Jahren?

Alles was in den Zeitraum nach der Wende gehört. Das Zusammenwachsen von zwei grundverschiedenen Systemen, Probleme, Erwartungen, Empfindungen usw.

Was geschah JETZT vor 30 Jahren?

Beitragvon augenzeuge » 9. November 2019, 17:20

BILD dokumentiert den 9. November 1989 im historischen Live-Ticker!

09.00 Uhr
Nervosität bei der DDR-Führung
Trabis und Wartburgs stauen sich am Straßenrand von Gießen. Auch an der Grenze zur Tschechoslowakei (CSSR) stehen DDR-Flüchtlinge mit ihren Autos Schlange.

Nervosität bei der SED-Führung. Vier Offiziere des Ministeriums des Innern und der Staatssicherheit kommen im Innenministerium zusammen, um im Auftrag des SED-Politbüros eine neue Ausreisereiseregelung zu entwerfen.

Fortan sollen auch Privatreisen erlaubt sein, jedoch nur mit Antrag, Visum und Pass. Und ganz wichtig: erst ab dem 10. November.


11.30 Uhr
„In Anbetracht der Lage“
Das Ministerium für Staatssicherheit (Stasi) beendet die Kontrolle der Post in den Postämtern. Zur Begründung heißt es: „In Anbetracht der Lage.“


14.00 Uhr
Witze aus der DDR
Der Bundesnachrichtendienst protokolliert politische Witze aus der DDR: „Warum sind DDR-Bürger immer so müde? Weil es schon 40 Jahre bergauf geht!“


14.25 Uhr
Innenminister Dickel fordert: „Grenze schützen“
Im Zentralkomitee der SED fordert Innenminister Friedrich Dickel: „Diese Grenze ist da und diese Grenze muss geschützt werden!“


Bundeskanzler Kohl reist nach Polen
Bundeskanzler Helmut Kohl bricht mit großem Tross zu einem Staatsbesuch nach Polen auf. Das politische Bonn ist verwaist.

Gegen 15 Uhr kommt die Delegation in Warschau an, wird von Polens Ministerpräsident Mazowiecki am Flughafen in Empfang genommen.


15.00 Uhr
Zehntausende DDR-Flüchtlinge registriert
Die Bilanz des Auswärtigen Amtes in Bonn besagt, dass 3260 DDR-Bürger mit 20 Sonderflügen über die Botschaft in Warschau ausgereist sind. Am Fluchtpunkt Prag reisten vom 4. bis zum 8. November 19 736 DDR-Bürger über die Tschechoslowakei in die Bundesrepublik aus.


16.00 Uhr
„Wie wir’s machen, machen wir’s verkehrt“
Krenz verliest die einzelnen Punkte der neuen Reiseregelung und sagt: „Wie wir’s machen, machen wir’s verkehrt. Aber das ist die einzige Lösung, die uns die Probleme erspart, alles über Drittstaaten zu machen, was dem internationalen Ansehen der DDR nicht förderlich ist.“


16.40 Uhr
Diskussion: Muss es „zeitweilig“ sein?
Der Ministerrats-Entwurf wird im Zentralkomitee erörtert. Hans-Joachim Hoffmann, der Kulturminister der DDR, fragt bei SED-Chef Krenz nach: „Genosse Krenz, könnten wir nicht dieses Wort ,zeitweilig‘ vermeiden?“

Und weiter: „Das erzeugt andauernd den Druck, als hätten die Leute keine Zeit und müssten sofort und so schnell wie möglich. Könnten wir nicht – ich kenn den Gesamttext jetzt nicht –, können wir das nicht vermeiden oder umschreiben?“


Weiter:
https://www.bild.de/politik/inland/poli ... .bild.html

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Re: Was geschah JETZT vor 30 Jahren?

Beitragvon augenzeuge » 9. November 2019, 17:48

Wer sich die emotionalen Ereignisse nochmal ansehen will.....die friedliche "Erstürmung" des Brandenburger Tors ist für mich immer noch ein Wunder.
https://www.spiegel.tv/videos/1641274-e ... te-schrieb

Flutung ab: 26:00.....
Brandenburger Tor: ab 31:30

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Re: Was geschah JETZT vor 30 Jahren?

Beitragvon Volker Zottmann » 9. November 2019, 17:54

augenzeuge hat geschrieben:Wer sich die emotionalen Ereignisse nochmal ansehen will.....die friedliche "Erstürmung" des Brandenburger Tors ist für mich immer noch ein Wunder.
https://www.spiegel.tv/videos/1641274-e ... te-schrieb

Flutung ab: 26:00.....
Brandenburger Tor: ab 31:30

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Das stimmt so nicht! Es ist jetzt kurz vor 18:00Uhr. Und nun vor 30 Jahren:
Ich habe da noch gewartet, dass der Schabowski in der Pressekonferenz stottern wird! [laugh]

Gruß Volker
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Die Weite Deines Horizonts ist Frage Deiner Sicht.
Der Große sieht ihn breiter, der Kleine leider nicht.
(Volker Zottmann)
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Re: Was geschah JETZT vor 30 Jahren?

Beitragvon augenzeuge » 9. November 2019, 17:58

Klickst du
https://www.bild.de/politik/inland/poli ... .bild.html

17.30 Uhr
Schabowski bekommt den Entwurf
Krenz übergibt den Entwurf an Günter Schabowski, den Sprecher des SED-Zentralkomitees. Schabowski stellt den Fahrplan (Foto) für die Pressekonferenz auf, die später anstehen wird: Die Reiseregelung soll am Ende verkündet werden.


https://bilder.bild.de/fotos-skaliert/d ... 0.bild.jpg

17.45 Uhr
Zurück zur Tagesordnung
Nach der kurzen Unterbrechung, um die Reiseregelung zu diskutieren, geht die Sitzung des Zentralkomitees ganz normal weiter. Keiner der nachfolgenden Redner im Plenum kommt auf die neue Reiseregelung zurück.

Die Abgeordneten haben die Tragweite dieser Entscheidung nicht erkannt.
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Re: Was geschah JETZT vor 30 Jahren?

Beitragvon augenzeuge » 9. November 2019, 22:36

21.57 Uhr
Unterbrechung im DDR-Fernsehen
Ein Spielfilm im DDR-Fernsehen wird unterbrochen. Dort wird verkündet: „Die Reisen müssen beantragt werden!“

Doch auch an der Sonnenallee überqueren die ersten DDR-Bürger die Grenze. Ein Informant meldet dem Stasi-Lagedienst: „West-Berliner rufen: Macht das Tor auf.“ Antwort: „Bei uns stehen se auch und wollen raus.“

Auf der Ostseite des Brandenburger Tores skandieren DDR-Bürger: „Tor auf! Tor auf!“



[grin]
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Re: Was geschah JETZT vor 30 Jahren?

Beitragvon pentium » 9. November 2019, 23:59

23.18 Uhr
In der Nacht brechen nach und nach alle Dämme

Um 22:42 Uhr beginnen die ARD-Tagesthemen. Die erste Meldung lautet: DDR-Grenze geöffnet: „Die Tore in der Mauer stehen weit offen.“ Diese Nachricht löst einen Sturm auf die Grenzübergänge aus.

Tausende drücken in der Bornholmer Straße auf die Grenztore, die Grenzwächter fürchten um ihr Leben. Von 20 000 Wartenden ist die Rede. Um 23:30 Uhr stellen die Wächter die Kontrollen ein. Das letzte Kommando lautet: „Wir fluten jetzt!“

Die Grenzübergang Invalidenstraße wird fünf Minuten später geöffnet. Kurz vor Mitternacht enden auch die Kontrollen am Checkpoint Charlie: „Keiner wusste mehr, wer woher kam und wo er hingelaufen ist.“

An den Grenzübergängen Sonnenallee und Oberbaumbrücke ergeht um 0.17 Uhr der Befehl: „Alles aufmachen!“

Nach 28 Jahre Mauer laufen Ost-Berliner jubelnd durch West-Berlin. In ihrem Freudentaumel schneiden Männer das Emblem aus einer DDR-Flagge. Das Brandenburger Tor und der Pariser Platz werden friedlich erobert – wildfremde Menschen tanzen vor Freude gemeinsam auf der Mauer.
*Dos Rauschen in Wald hot mir'sch ageta, deß ich mei Haamit net loßen ka!* *Zieht aah dorch onnern Arzgebirg der Grenzgrobn wie ene Kett, der Grenzgrobn taalt de Länder ei, ober onnere Herzen net!* *Waar sei Volk verläßt, daar is net wert, deß'r rümlaaft of daaner Erd!*
Anton Günther

Freundeskreis Schloss Hubertusburg e. V.
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Re: Was geschah JETZT vor 30 Jahren?

Beitragvon Grenzwolf62 » 10. November 2019, 07:57

So, nun haben wir diese berühmte Nacht vor 30 Jahren hinter uns gelassen.
Heute vor 30 Jahren war ich brav früh zur Arbeit gegangen, irgendwie waren da die Reihen etwas ausgedünnt, viele Kollegen waren noch unterwegs um an der Freiheit zu schnuppern oder schliefen sich erst mal aus nachdem sie geschnuppert hatten.
Ich hab mir dann in Ruhe so einen Stempel geholt bei der Polizei und mich auf der Autobahn angestellt um nach so 6 Stunden im Stau bei Oelsnitz im Vogtland die Grenze zu passieren, in Hof war es fürchterlich, die Stadt war rappevoll von Besuchern, bin dann nach Helmbrechts ausgewichen um den Westen zu begucken, dort war es nicht ganz so überlaufen.
Eine Woche darauf bin ich dann paar Kilometer weiter getuckert und hab mich beim erstbesten Baumeister im Dorf als Zimmermann aus dem "Oschten" verdingt, damals war ich da noch ein Paradiesvogel im Dorfkrug abends als einer der kurzentschlossenen ersten Arbeitnehmer von hinter der Grenze.
Bin dann mühselig Freitags und Sonntags gependelt, waren lange Fahrten, vor allem freitagabend für ca. 120 Kilometer und öfters bin ich auch übers WE in Bayern geblieben weil mir die Anstellerei an der Grenze einfach zuviel war.
Lustig war mein erster Arbeitstag im Kapitalismus, dachte ja da darf man von der Arbeit nicht mal hochschauen und hab losgenagelt (mit dem Hammer) [smile] als wenn ich nicht von dieser Welt wäre, bis mir ein Kollege erst mal ein Bier in die Hand drückte mit den Worten "Jockel, trink erst moal an Saidel und dann moachst ruhig doahi" [wink]
Alles wird, vielleicht, gut.
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Re: Was geschah JETZT vor 30 Jahren?

Beitragvon Grenzwolf62 » 10. November 2019, 08:39

...fünf Saidel später zum Feierabend und dem Kopfrechnen was ich an dem Tag verdient hatte, was so 200 Mark rum waren und dazu noch wunderbare Holzbearbeitungs-Maschinen von der Firma Maffel womit die Arbeit einfach Spaß machte, dachte ich mir "coole Sache dieser Kapitalismus" [wink]
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Re: Was geschah JETZT vor 30 Jahren?

Beitragvon AkkuGK1 » 10. November 2019, 09:20

Ich bin mit meinen Kollegen morgens 7.00 Richtung Berlin gefahren und waren 8.45 in Westberlin, Kreuzberg. Wir fassten die 100 Mark ab und dann ab zum kuhdamm. Das Wetter war wie heute nur etwas kühler... Sonne, nachdem es bei jeder Montagsdemo geschifft hatte...
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