"Betrug am Arbeiter"

"Betrug am Arbeiter"

Beitragvon Interessierter » 25. Januar 2014, 09:29

Die Kaffeekrise 1977 im Blick des MfS

Vor über 35 Jahren wurde in der DDR ein weit verbreitetes Genussmittel zum Politikum: Der Kaffee. Aufgrund gestiegener Weltmarktpreise hatte sich die DDR-Regierung entschlossen, einige Kaffeesorten durch einen "Kaffee-Mix" genannten Verschnitt zu ersetzen. Dies löste einen Sturm der Entrüstung aus, der die SED binnen weniger Monate zwang, das neue Produkt wieder vom Markt zu nehmen. Stimmungsberichte aus dem Jahr 1977, die seit dieser Woche online verfügbar sind, zeigen anschaulich, wie groß der Unmut in der Bevölkerung über den "Kaffee-Mix" war.

Bild
Treibstoff für die Arbeitswelt: Kaffee Quelle: Bundesarchiv, Bild 183-L0301-0311

"Muffig-erdig, wirklich gemein" – so lautete das vernichtende Urteil des professionellen Kaffeetesters einer Hamburger Großrösterei, nachdem man ihm das neueste Produkt aus dem "Kombinat Nahrungsmittel und Kaffee" in Halle vorgesetzt hatte – den "Kaffee-Mix". Dieses Mischgetränk aus minderwertigem Rohkaffee und Ersatzstoffen wie gerösteten Erbsen, Roggen, Gerste und Zuckerrübenschnitzeln ersetzte nach einem SED-Beschluss ab August 1977 die bisherigen günstigen Kaffeesorten "Kosta" und "Mocca-Fix Silber". Doch nicht nur der westdeutsche Kaffee-Experte fand den Trunk ungenießbar, auch in der DDR-Bevölkerung stieß das Mischgetränk auf einhellige Ablehnung. Es hagelte Beschwerden, die staatlichen Stellen wurden mit einer Flut von über 14.000 Beschwerden überschüttet.

Auch das MfS registrierte in seinen Stimmungsberichten den massiven Unmut, als bisher bekannten Kaffeepackungen aus den Regalen verschwunden waren und die schlechte Qualität des Ersatzproduktes "Kaffee-Mix" offenbar wurde. Beklagt wurde zudem eine Ungleichbehandlung: Die Sparmaßnahmen richteten sich „nur gegen den 'kleinen Mann'", da in Arbeitergaststätten nur noch Mischkaffee angeboten würde, während es in Interhotels weiterhin echten Kaffee gebe. Der Wegfall der günstigen Sorte "Kosta" benachteilige vor allem Rentner, die sich die teureren Sorten nicht leisten könnten. Sogar vom "Betrug am Arbeiter" war die Rede, dem "nicht einmal mehr eine Tasse Kaffee gegönnt" würde. Zudem stünden die Sparmaßnamen im Kaffeeverbrauch in keinem Verhältnis zu "Repräsentationskosten auf höherer Ebene", zur "Einfuhr von teuren Westwagen für Funktionäre" und zur "Nutzung von Dienstwagen für private Zwecke".

http://www.bstu.bund.de/DE/Bundesbeauft ... D.2_cid354

Das alles noch im Jahre 1977 ! Ob da wohl wieder einer schreibt " Man beachte die Zeit " ? [laugh] [laugh]

" Erichs Krönung " wie dieses Gesöff von den Bürgern genannt wurde, war ja wohl wirklich eine Zumutung, wenn man sich die Reaktionen anschaut. In den Jahren 1975 - 1977 stammten 20 - 25% des gesamten Kaffeeverbrauchs in der DDR aus dem Westen. 1978 importierte die DDR dann 500.000 Tonnen Kaffee aus nichtsozialistischen Ländern. Desweiteren konnten DDR - Bürger ab 1978 Westkaffee der Marken Jacobs und Tchibo in Delikat - Läden erwerben. Natürlich zu sagenhaften Preisen.

Die Qualität des DDR - Kaffees blieb unvermindert schlecht.

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Re: "Betrug am Arbeiter"

Beitragvon Interessierter » 25. Januar 2014, 17:20

Kann eigentlich ein User über reale Geschmackserfahrung mit " Erichs Krönung " berichten ? Wonach schmeckte das Zeugs denn eigentlich ? War das vielleicht der " Blaue Würger " des Kaffees?

" Der Interessierte "
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Re: "Betrug am Arbeiter"

Beitragvon augenzeuge » 25. Januar 2014, 17:32

Interessierter hat geschrieben:Kann eigentlich ein User über reale Geschmackserfahrung mit " Erichs Krönung " berichten ? Wonach schmeckte das Zeugs denn eigentlich ? War das vielleicht der " Blaue Würger " des Kaffees?

" Der Interessierte "


Da muss ich jemanden morgen unbedingt fragen.... [denken]
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Re: "Betrug am Arbeiter"

Beitragvon Volker Zottmann » 25. Januar 2014, 17:36

Interessierter hat geschrieben:Kann eigentlich ein User über reale Geschmackserfahrung mit " Erichs Krönung " berichten ? Wonach schmeckte das Zeugs denn eigentlich ? War das vielleicht der " Blaue Würger " des Kaffees?

" Der Interessierte "


Der Vergleich zum Würger ist gut! [grins]
Den Kaffee(ersatz) hat wohl fast jeder Ossi mal getrunken. Ich auch. Ich weiß nur, dass er nicht schmeckte. Wie genau? Keine Ahnung mehr. Ob Du da wen findest, der sich an den genauen Geschmack erinnert, bezweifle ich. Denn das Zeug wurde ja nicht getrunken, es blockierte eher die Warenregale der HO und des Konsums.

Gruß Volker
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Re: "Betrug am Arbeiter"

Beitragvon pentium » 25. Januar 2014, 18:02

Wie das Zeug geschmeckt hat? „Kaffee-Mix“ war eine Mischkaffeesorte mit 50-prozentigem Ersatzkaffeeanteil, wenn man also schon einmal Muckefuck oder auch Lorke getrunken hat, weiß man wie das Zeug schmeckt oder besser geschmeckt hat. Nach Zichorie, Getreide u.s.w.
übrigens in Gaststätten und Gemeinschaftsverpflegung gab es weiterhin "Kosta", in Großabpackungen.
Der ersatzweise vorgesehene Kaffee-Mix war nämlich in größeren Kaffeemaschinen nicht lauffähig und führte zu deren Versagen, da der Mixtur u. a. Erbsenmehl beigemischt war. Das darin enthaltene Eiweiß quoll unter Druck und Hitze auf und verstopfte die Filter. (Bumm!)
Kaffee-Mix lag wie Blei im Regal.
Und die Moral von der Geschicht: Es gab eine Menge Getöse, etliche zerstörte Kaffeemaschinen und das undankbare Volk, trank mehr Kaffee als je zuvor !

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Re: "Betrug am Arbeiter"

Beitragvon karnak » 25. Januar 2014, 18:53

Volker Zottmann hat geschrieben: Denn das Zeug wurde ja nicht getrunken, es blockierte eher die Warenregale der HO und des Konsums.


[flash] So ist es,da hat der DDR-Deutsche den kollektiven Aufstand praktiziert.Ich habe den Kaffee -Mix nie getrunken,kannte auch keinen der ihn getrunken hat.Der Kaffee war uns heilig,egal was er gekostet hat.Ich wundere mich manchmal heute,wenn ich mir den Preis des Kaffees in der DDR nochmal verdeutliche,dass wir ihn so einfach gekauft haben,es eigentlich kein Luxusgut war,aber das Geldausgeben war eben einfach anders struktuiert.
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Re: "Betrug am Arbeiter"

Beitragvon Harsberg » 26. Januar 2014, 07:19

Also privat habe ich den nicht , oder meine Frau, gekauft. wir hatten genug Westvorrat. [laugh]
Aber in den Betriebskantinen musste das Zeug angeboten werden, da schmeckte ja Wasser besser [sick]
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Re: "Betrug am Arbeiter"

Beitragvon augenzeuge » 26. Januar 2014, 09:59

Harsberg hat geschrieben:.... wir hatten genug Westvorrat. [laugh]


Manchmal frage ich mich schon, was passiert wäre, wenn niemand diesen "Westvorrat" je gehabt hätte. Nicht nur beim Kaffee.
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Re: "Betrug am Arbeiter"

Beitragvon augenzeuge » 27. Mai 2024, 16:20

Erichs Krönung

„Was ist der Unterschied zwischen Kaffee-Mix und der Neutronenbombe? Es gibt keinen. Die Tasse bleibt ganz, aber der Mensch geht kaputt.“ Oder auch ganz ohne Ironie: „Er ist das reinste Rattengift.“ Der Unmut der Bürger wogte derart hoch in der „Kaffeekrise“ der DDR 1977, dass sogar das Ministerium für Staatssicherheit Alarm schlug.

Und das kam so: Weil steil steigende Weltmarktpreise die Beschaffung von Kaffeebohnen für die an Devisen arme DDR extrem teuer machten, beschloss das SED-Politbüro am 26. Juli 1977 die Einführung von „Kaffee-Mix“. Der Verschnitt mit nur 51 Prozent Röstkaffee brachte nicht nur die Kaffeetrinker zum Kochen, sondern auch Kaffeemaschinen zur Explosion. Teuerungswellen auf dem Kaffeemarkt gibt es bis heute – erst Anfang 2022 trieb die Furcht vor Ernteausfällen in Brasilien die Preise stark nach oben. Bemerkenswert aber ist die politische Krise, die in der DDR vor nun genau 45 Jahren daraus erwuchs.

Die Leipziger Sozialwissenschaftlerin Anne Dietrich spricht von einer Zäsur. Mangelnde Glaubwürdigkeit, fehlende Informationen, Qualitätsmängel und eine versteckte Preiserhöhung hätten letztlich „zu einer Legitimationskrise des sozialistischen Versorgungsstaates“ geführt, schreibt sie in ihrem Aufsatz „Kaffee in der DDR – Ein Politikum ersten Ranges“.



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Re: "Betrug am Arbeiter"

Beitragvon karnak » 27. Mai 2024, 17:14

Es gab die Sorten Costa, Rondo und Mona.
Ich glaube Kosta war die billigste Sorte,wurde eingestellt und als Ersatz gab es dann dieses Kaffee Mix. Sprich eine versteckte Preiserhöhung. Beim Kaffee hörte der Spaß aber auf [flash] , das Zeug war ein Ladenhüter und am Ende kaum noch in den Regalen zu finden, es kaufte einfach niemand.
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Re: "Betrug am Arbeiter"

Beitragvon pentium » 27. Mai 2024, 17:31

Meine Güte, das ist doch kalter Kaffee....„Kaffee-Mix“. Der Verschnitt mit nur 51 Prozent Röstkaffee brachte nicht nur die Kaffeetrinker zum Kochen, sondern auch Kaffeemaschinen zur Explosion.
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Re: "Betrug am Arbeiter"

Beitragvon Nostalgiker » 6. Juni 2024, 07:58

Ein Witz von damals zum Kaffee-Mix:

Wer 10 leere Tüten KaffeeMix bei der Krankenkasse abgibt bekommt sofort einen Blindenhund.
Ich nehme zur Kenntnis, das ich einer Generation angehöre, deren Hoffnungen zusammengebrochen sind.
Aber damit sind diese Hoffnungen nicht erledigt. Stefan Hermlin

Freiheit ist nur ein anderes Wort dafür, dass man nichts zu verlieren hat. Janis Joplin

Psychologen haben herausgefunden, dass Menschen, die immer bei anderen auf die Rechtschreibfehler hinweisen, eine Persönlichkeitsstörung haben und unzufrieden mit ihrem Leben sind. Netzfund
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Re: "Betrug am Arbeiter"

Beitragvon Edelknabe » 6. Juni 2024, 08:07

Erinnere mich das es 1977 bei der Grenztruppe für Soldaten und Gefreite nur Malzkaffee gab. Zumindest im Stab. (Grenzunterstützende Einheiten) Schmeckte irgendwie auch.

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Re: "Betrug am Arbeiter"

Beitragvon Spartacus » 6. Juni 2024, 17:49

Edelknabe hat geschrieben:Erinnere mich das es 1977 bei der Grenztruppe für Soldaten und Gefreite nur Malzkaffee gab. Zumindest im Stab. (Grenzunterstützende Einheiten) Schmeckte irgendwie auch.

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Muttern hatte für uns immer ne große Kanne Malzkaffe auf dem Herd stehen. Vom Fußball rein und gleich aus der Kanne gesoffen. Herrlich. [hallo]

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Re: "Betrug am Arbeiter"

Beitragvon pentium » 6. Juni 2024, 17:56

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