Bodo Rudwaleit über die Wendezeit

Alle Themen die eine Bezug zur Wende und Grenzöffnung haben. Persönliche Erlebnisse, Gedanken aus dieser Zeit, Dokumente und ähnliches.

Bodo Rudwaleit über die Wendezeit

Beitragvon Interessierter » 27. April 2019, 09:25

»Sie riefen: Stasi-Schweine«

Bodo Rudwaleit stand 33 Mal im Tor der DDR-Nationalmannschaft und über 20 Jahre im Kasten des BFC Dynamo. Ein Gespräch über »Stasi«-Rufe im Stadion, seinen Mercedes 280 und das Schweineschlachten.

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Herr Rudwaleit, wo haben Sie den Mauerfall erlebt?


Beim Schlachtefest! Wir waren gerade bei meinen Schwiegereltern in Heiligenstadt in Thüringen. Am frühen Morgen ging es los, wir haben das Schwein und das Bolzenschussgerät geholt, das Schlachten zog sich über den ganzen Tag hin. Nachmittags kamen Kumpels meines Schwippschwagers und sagten: »Wir waren im Westen, wir kommen gerade von drüben!«

Wie war Ihre Reaktion?

Abends, als alles angerichtet war, schalteten wir den Fernseher an. Und tatsächlich: Die Grenzen waren offen. Wir konnten es gar nicht glauben.

War es speziell als Spieler des »Stasi-Klubs« BFC Dynamo ein Spießrutenlauf bei den Spielen nach dem Mauerfall?

Anfeindungen von den Rängen waren wir ja schon gewohnt. Durch die sich ändernde Atmosphäre im Land hat sich das dann weiter hochgeschaukelt.

Was mussten Sie sich als BFC-Spieler anhören?

Rufe wie »Stasi-Schweine« gab es regelmäßig. Die Aggressionen begannen aber schon, als wir zwei, drei Mal Meister geworden waren. Mich als Torwart haben sich die gegnerischen Fans als besonderes Feindbild aufgebaut. Ich war nur »Bodo Eierkopp« für die. Aber das kennt man ja, Olli Kahn hat man ja auch ohne Ende beschimpft. Ich habe daraus eher zusätzliche Motivation gezogen.

Alle DDR-Profis hatten auch einen zivilen Beruf. Wer war Ihr Arbeitgeber?

Ich hatte einen Dienstgrad bei der Volkspolizei, andere waren auch direkt beim Ministerium für Staatssicherheit angestellt. Das bedeutete natürlich nicht, dass sie automatisch Leute bespitzelt haben. Ich wäre auch gerne bei der Stasi angestellt gewesen – da gab es nämlich mehr Geld. Da meine Oma im Westen wohnte, hatte ich kadermäßig keine weiße Weste, mir war deshalb dieser Weg verbaut.

Ende 1989 verließen Sie den BFC Dynamo nach über 20 Jahren. Warum?


Nach dem Ausscheiden im Europapokal in Monaco erfuhr ich, dass ich beim Pokalspiel in Halle nicht spielen sollte. Mich hat gestört, dass keiner es für nötig hielt, mir das vorher zu sagen. Es hatte schon längere Zeit Strömungen gegen mich in der Mannschaft gegeben. Für mich war der Punkt erreicht, wo ich mich dem Druck nicht mehr unbedingt stellen wollte.

Hatten Sie die Hoffnung, dass ein Bundesligist auf Sie aufmerksam werden würde?

Ach was, dafür war ich doch zu alt. Ich war ja bei der Wende schon 32. Ich wäre auch nicht mehr ganz woanders hingegangen, dafür bin ich viel zu bodenständig.

Statt in den Westen gingen Sie zu Stahl Eisenhüttenstadt.

Vor meinem Wechsel trat ich aus der Polizei aus und gab mein Parteibuch ab. Ich wollte einen richtigen Cut. Bei Stahl herrschte in der Mannschaft eine wunderbar ehrliche Atmosphäre. Statt Intrigen zu schmieden, sprachen die Leute dort alles offen an. Das war eine wirklich tolle Zeit für mich.

Ihren Wohnsitz haben Sie nicht verlegt, sondern sind aus Erkner bei Berlin gependelt.


Es spielten damals noch einige andere Berliner bei Stahl. Wir sind maximal einmal pro Woche dort geblieben und sind am Anfang oft zusammen im Auto gefahren. Den Rekord habe ich mit meinem Mercedes 280 aufgestellt, den ich mir damals gebraucht gekauft hatte: Berlin – Eisenhüttenstadt in 35 Minuten! (lacht)

Merkte man schon in den ersten Monaten nach der Wende, wie der Kapitalismus Besitz ergriff von den Ostvereinen?

Stahl Eisenhüttenstadt hatte einen guten Geschäftspartner: Günter Netzer hatte die Bandenwerbung übernommen. Er kam einige Male persönlich vorbei und hat auch uns Spieler beraten und uns Tipps gegeben. Netzer sagte damals: »Ihr müsst auch wissen, was ihr selber könnt. Verlasst euch nicht nur auf die Leute, die von außen kommen und etwas von euch wollen.«

Wie lief es sportlich für Sie?

Ich brauchte ein halbes Jahr, um wieder richtig fit zu werden. 1990/91 spielte ich dann noch einmal so etwas wie die Saison meines Lebens. Wir hatten insgesamt ein Superjahr, kamen bis ins Pokalfinale, qualifizierten uns dadurch für den Europapokal und scheiterten erst in der Relegation zur 2. Bundesliga an Lok Leipzig.

Dennoch wechselten Sie nach Ende der letzten DDR-Oberligasaison noch einmal, zu Tennis-Borussia Berlin.

Stahl hat alles versucht mich zu halten. Aber das Angebot war zu verlockend. TeBe warf damals ja mit seinen Sponsorenmillionen nur so um sich. Ich hatte sowieso nur noch ein, zwei Jahre. Sportlichen Wert hatte das natürlich nicht mehr, das habe ich schnell gemerkt. Schon während der Trainings war das Hauptthema, wo am Abend gefeiert werden sollte.

https://www.11freunde.de/interview/bodo ... -wendezeit
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Re: Bodo Rudwaleit über die Wendezeit

Beitragvon Interessierter » 29. April 2019, 14:58

In Gera verhinderten Arbeiter die Aufrüstung der Volkspolizei gegen Demonstranten.


Die Arbeiter in der Beizerei des "VEB Maschinen- und Dampfkesselbau" in Gera-Liebschwitz bereiteten sich mit volkseigener Gelassenheit auf den Arbeitstag vor: ein wenig Mängelverwaltung, ein wenig Schlendrian - und dann noch den Auftrag C 0088986 erledigen: "Beizen/Passivieren von ca. 120 Stück Zaunsegmenten". Kein Problem, den Rest der Dinger würde man auch noch vom Rost befreien.

Minuten später aber war es an diesem Dienstag morgen vor drei Wochen mit der real existierenden Unschuld vorbei. Aufgeweckte Kollegen hatten sich die "Zäune" einmal genauer angeschaut, die herumliegenden Einzelteile zusammengebaut. Bald war allen in der riesigen Halle klar: Hier sollten nicht Gärten oder Hausgrundstücke, hier sollte die bröckelnde Macht der SED-Clique vor dem Volk geschützt werden.

Die so harmlos als "Zaunsegmente" deklarierten Werkstücke entpuppten sich als Räumgitter für die Lastwagen der Volkspolizei vom Typ "W 50", ideal geeignet zum brutalen Vorgehen gegen Demonstranten: vorne ein Teil von 2,20 mal 1,20 Metern, links und rechts ein kleineres zum Ausklappen. Und als Krönung der Sache sollten alle drei Gitter einen "Übersteigeschutz" erhalten: aufgesetzte Mähdreschermesser.

Der Fund von Gera macht deutlich: Auch nach der "Wende" setzten Teile der Staatsmacht in der DDR weiter auf Konfrontation, rüstete sich die in 40 Jahren Einparteien-Diktatur auf SED-Kurs eingeschworene Volkspolizei weiter zum Krieg gegen das eigene Volk.

Aber auf dem Hof der Maschinenfabrik kam an diesem Dienstag morgen auch ein neues Stück DDR-Wirklichkeit zur Aufführung. Als gegen neun Uhr zwei Vopos in Zivil mit ihrem Kleintransporter "Barkas B 1000" vorfuhren, um die bestellten Stücke abzuholen, stellten sich ihnen mehr als 20 aufgebrachte Arbeiter in den Weg. Der starke Arm der Werktätigen verhinderte, daß die "Zaunsegmente" aufgeladen wurden; die "Zivilen" suchten unverrichteter Dinge das Weite.

Zwei Stunden später machte die Volkspolizei einen zweiten Anlauf, an die begehrten Gitter zu kommen. Zwei Vertreter der "Bezirksbehörde der Deutschen Volkspolizei Gera", darunter der für die Aktion zuständige Oberstleutnant Zierath, erschienen, um die Arbeiter von der Harmlosigkeit der bestellten Stücke zu überzeugen.
Die Arbeiter blieben hart. Die geschockten Vertreter der Staatsmacht Ost konnten nicht verhindern, daß Gitter wie Messer noch an Ort und Stelle mit Schneidbrennern in kleinste Stücke geschnitten wurden. Es sei, so pflichtete Betriebsdirektor Klaus Frank seinen rebellierenden Arbeitern bei, "unglaublich und unmenschlich", Gitter mit solchen sichelscharfen Aufsätzen überhaupt einsetzen zu wollen. Die Offiziere mußten versprechen, alle noch vorhandenen Messer herauszurücken - sie kamen am Freitag derselben Woche im "VEB Maschinen- und Dampfkesselbau" öffentlich unter die Schneidbrenner.

Damit allerdings war die Gitter-Affäre in der ostthüringischen Industriestadt noch längst nicht beigelegt: Das neugewonnene Selbstvertrauen der Geraer Bürger forderte weitere Einzelheiten und Hintergründe der Vopo-Aktion. Nach Gesprächen mit dem Sprecher des "Neuen Forums" vor Ort und beim Oberbürgermeister Horst Jäger mußte sich die Volkspolizei eine Woche nach dem Arbeiterprotest auf einer Belegschaftsversammlung des volkseigenen Betriebes rechtfertigen.

Was dort auf Drängen der Metaller ans Tageslicht kam, läßt ahnen, mit welcher Präzision sich die Führung in Ost-Berlin wie in den Bezirken in den letzten Monaten auf bürgerkriegsähnliche Zustände im Lande eingerichtet hatte.
Der Bau der "Sperr- und Räumgitter" (Zierath) war nämlich nicht etwa die Schnapsidee der örtlichen Vopo-Zentrale an Geras Klement-Gottwald-Straße. Der Befehl zur Aufrüstung kam im September aus dem Innenministerium der DDR. Und er ging - mit "Geheimhaltungsauftrag" - an die Bezirksbehörden der Volkspolizei.

Weil den Aufpassern in Berlin mulmig wurde angesichts von Ausreisewelle und murrender Bevölkerung, drängten sie zur Eile: Die Ordnungskräfte vor Ort sollten sich selbst um den Bau der Räumgitter kümmern.
Das war wohl ein Fehler der Berliner. Die übereifrigen Genossen in Gera jedenfalls änderten den in den Konstruktionsunterlagen vorgesehenen "Übersteigeschutz" aus gestanzten Metallstreifen eigenmächtig. Sie kamen, so Oberstleutnant Zierath vor den Arbeitern zerknirscht, "auf die Idee, die Messer im Maschinenhandel zu erwerben" - der Einfachheit halber. "Wie können", fragte ein Arbeiter entgeistert zurück, "Genossen der Volkspolizei auf die Idee kommen, eine Technik zu , die gegen das Volk eingesetzt werden soll ukonstruierennd die so gedacht ist, daß die Menschen aufgeschlitzt werden?"

Die Bürger von Gera, die wie die in Leipzig und anderswo in der DDR einmal wöchentlich friedlich auf die Straße gehen, ahnen inzwischen, wie knapp sie an einem Blutbad vorbeigeschliddert sind. Manchem von ihnen wird jetzt klar, was der inzwischen abgesetzte Stadtparteichef der SED, Wolfgang Heiland, am 3. Oktober mit seiner öffentlichen Drohung meinte: "Mit den Provokateuren und Konterrevolutionären hier werden wir nach dem 40. Jahrestag der DDR abrechnen, so wie das in China bereits geschehen ist."

https://www.spiegel.de/spiegel/print/d-13498614.html

So waren sie halt in großen Teilen die sogenannten " Freunde und Helfer " in Diktaturen. Da wird unter anderem auch erklärlich warum diese Truppe besonders lange ihre Akten schredderten.
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Re: Bodo Rudwaleit über die Wendezeit

Beitragvon andr.k » 29. April 2019, 15:56

Interessierter hat geschrieben:Die so harmlos als "Zaunsegmente" deklarierten Werkstücke entpuppten sich als Räumgitter für die Lastwagen der Volkspolizei vom Typ "W 50", ideal geeignet zum brutalen Vorgehen gegen Demonstranten: vorne ein Teil von 2,20 mal 1,20 Metern, links und rechts ein kleineres zum Ausklappen. Und als Krönung der Sache sollten alle drei Gitter einen "Übersteigeschutz" erhalten: aufgesetzte Mähdreschermesser.


Interessierter hat geschrieben:Weil den Aufpassern in Berlin mulmig wurde angesichts von Ausreisewelle und murrender Bevölkerung, drängten sie zur Eile: Die Ordnungskräfte vor Ort sollten sich selbst um den Bau der Räumgitter kümmern.
Das war wohl ein Fehler der Berliner. Die übereifrigen Genossen in Gera jedenfalls änderten den in den Konstruktionsunterlagen vorgesehenen "Übersteigeschutz" aus gestanzten Metallstreifen eigenmächtig. Sie kamen, so Oberstleutnant Zierath vor den Arbeitern zerknirscht, "auf die Idee, die Messer im Maschinenhandel zu erwerben" - der Einfachheit halber. "Wie können", fragte ein Arbeiter entgeistert zurück, "Genossen der Volkspolizei auf die Idee kommen, eine Technik zu , die gegen das Volk eingesetzt werden soll ukonstruierennd die so gedacht ist, daß die Menschen aufgeschlitzt werden?"


Oha, eine neue Räuberpistole …

Zu den neu unterstellten Kräften und Mitteln gehörten auch sogenannte Sperr-LKW vom Typ W-50, die am Kühler aufklappbare Metallgitter im Format 2 x 4,50 m trugen, und zwei Wasserwerfer. Diese Fahrzeuge wurden später von manchem Demonstrantenfälschlich als "Räumpanzer" bezeichnet, die es in der Ausrüstung der DVP aber gar nicht gab. Die Fahrzeuge schoben auch keine Menschen zusammen, wie einige später erzählten. Sie handelten passiv in der Sperrkette.

W50.png
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Re: Bodo Rudwaleit über die Wendezeit

Beitragvon Nostalgiker » 29. April 2019, 16:10

Ein hysterischer Artikel von Ende November 1989 ........
Ich nehme zur Kenntnis, das ich einer Generation angehöre, deren Hoffnungen zusammengebrochen sind.
Aber damit sind diese Hoffnungen nicht erledigt. Stefan Hermlin
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Re: Bodo Rudwaleit über die Wendezeit

Beitragvon Grenzwolf62 » 29. April 2019, 17:34

Ich will den Spitzname vom Bodo, den wir für ihn in seiner aktiven Zeit als Anhänger einer BSG benutzten, lieber nicht hier einstellen [blush]
Alles wird, vielleicht, gut.
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