Wie die Menschen in der DDR die Mauern der Angst zu Fall brachten

Alle Themen die eine Bezug zur Wende und Grenzöffnung haben. Persönliche Erlebnisse, Gedanken aus dieser Zeit, Dokumente und ähnliches.

Re: Wie die Menschen in der DDR die Mauern der Angst zu Fall brachten

Beitragvon pentium » 3. November 2014, 15:54

Heute: 3. November 1989.

Neun von zehn Arbeitern sehen keinen Einfluss auf die Gesellschaft

Der VII. Philosophiekongress in Ost-Berlin endet für die meisten jungen Teilnehmer enttäuschend. Prof. Dr. Martin Buhr von der Akademie der Wissenschaften betont zwar, es sei der letzte Kongress im alten Stil gewesen, doch wird von den jungen Wissenschaftlern für Anfang Dezember ein alternativer Kongress einberufen.

Soziologen stellen die Ergebnisse einer aktuellen Befragung in einem Kombinat vor. Danach fühlen sich zwar nur 38,8 Prozent der Arbeiter an den Entscheidungen im direkten Umfeld ihrer Tätigkeit nicht beteiligt. Auf Betriebsebene sind es aber schon 82 Prozent. An den Entscheidungsprozessen in der Gesellschaft fühlen sich gar 90,1 Prozent nicht beteiligt. Die Ergebnisse der Umfrage durften selbstredend bislang nicht veröffentlicht werden.

Mitterand lehnt deutsche Wiedervereinigung nicht grundsätzlich ab

Die 54. deutsch-französischen Konsultationen in Bonn enden mit einer Pressekonferenz, auf der sich Frankreichs Staatspräsident Francois Mitterand positiv zur Wiedervereinigung äußert. Er habe keine Angst vor einem geeinten Deutschland, so lange sich ein Vereinigungsprozess im Rahmen der europäischen Einigung bewege und auf dem ausdrücklichen Wunsch des deutschen Volkes in Ost und West beruhe.

Modrow greift an

Die SED-Bezirksleitung unter Hans Modrow veröffentlicht ein Positionspapier, das nicht nur in seinen Reformansätzen über die bisherige Parteilinie hinausgeht, sondern auch als klarer Angriff auf Egon Krenz und seine Regierung gewertet werden muss.

Unter der Überschrift „Was wir wollen und wofür wir uns mit ganzer Kraft einsetzen“ werden zwar die Werte des Sozialismus - wie „Sicherheit und Geborgenheit für Kinder und Alte, Kranke und Schwache“ – betont. Ansonsten aber wird dem Leistungsprinzip das Primat zugewiesen. Schlamperei und Leistungsunwilligkeit wird der Kampf angesagt, Sondervorrechte und Privilegien sollen abgeschafft werden. In diesem Sinne sei auch ein anderer Umgang mit Geld notwendig.

Der neue Sozialismus solle sich an den Bedürfnissen der Menschen, an wahrer Demokratie und dem Erhalt der Umwelt orientieren. „Es hat sich viel angehäuft, was unser Leben belastet und grundlegend verändert werden muss. Dazu braucht unser Land eine neue Führung, die die tiefgreifende Erneuerung des Sozialismus will und auch zielstrebig leiten kann.“
Wie fortgeschritten der Wandel in den DDR-Medien tatsächlich ist, kann man auch daran ablesen, dass das Dresdner Papier von allen zentralen Medien geflissentlich übergangen wird. Die „Wende,“ von der jetzt alle sprechen – sie hat noch einen weiten Weg vor sich.

Oberbürgermeister von Leipzig tritt zurück

Lange Zeit hat er sich einem ernsthaften Dialog mit den Bürgern verweigert. Nach harscher Kritik zieht Leipzigs Oberbürgermeister Dr. Bernd Seidel die Konsequenzen und tritt von seinem Amt zurück. Seidel hatte die Amtsgeschäfte der Stadt seit 1986 geleitet. Sein Nachfolger wird für einige Monate Günter Hädrich.

Auch zwei Gewerkschaftsbosse nehmen ihren Hut. Herbert Bischoff, Vorsitzender der Gewerkschaft Kunst, muss sich von der Basis die „Verletzung innergewerkschaftlicher Demokratie“ und die „Missachtung gewerkschaftlicher Interessenvertretung“ vorwerfen lassen. Gegen Gerhard Nennstiel, dem Vorsitzenden der IG Metall, war am Wochenende massive Kritik erhoben worden, nachdem er unter Verdacht geraten ist, sich aus unlauteren Quellen ein luxuriöses Eigenheim errichtet zu haben.

Prag drängt Ost-Berlin zu einer Lösung der Flüchtlingsfrage

Nur wenige Tage nach Wiederzulassung des pass- und visafreien Reiseverkehrs in die Tschechoslowakei, droht die bundesdeutsche Botschaft in Prag erneut aus allen Nähten zu platzen. Das tschechoslowakische Außenministerium teilt dem Botschafter der DDR in Prag, Helmut Ziebart, mit, dass die CSSR keine Flüchtlingslager für geflohene DDR-Bürger einrichten wird.

Die Regierung in Prag erwartet vielmehr, dass von Seiten der DDR Maßnahmen ergriffen werden, die den weiteren Zustrom von politischen Flüchtlingen beendet. Andernfalls müsse die DDR zu einer Abfertigungspraxis kommen, die es jeden Tag so vielen DDR-Bürgern erlaubt, aus der CSSR in die BRD auszureisen, wie täglich in die BRD-Botschaft neu hinzukommen. Bislang konnte die DDR-Botschaft lediglich 50 Ausreisgenehmigungen pro Tag erstellen.

Ziebart informiert den ZK-Abteilungsleiter für Sicherheitsfragen, Wolfgang Herger, und Stasi-Chef Mielke auch über die Verwunderung der tschechoslowakischen Genossen, warum die DDR die Ausreisewelle über die bundesdeutsche Botschaft in Prag abwickle und nicht gleich über die Ständige Vertretung der BRD in Ost-Berlin.

Demonstranten aus Dresden müssen ins Gefängnis

Drei Jugendliche werden in Dresden zu mehrjährigen Freiheitsstrafen im Zusammenhang mit den Demonstrationen vor dem Hauptbahnhof der Stadt Anfang Oktober verurteilt.

Die meisten DDR-Bürger müssen weiter auf ein Telefon warten

Seit Jahren wartet die Mehrzahl der DDR-Bürger auf einen Telefonanschluss. Jedes Jahr gehen ungefähr 100.000 Eingaben zu diesem Ärgernis bei Postminister Rudolph Schulze ein. Heute gesteht er ein, dass es noch Jahre dauern wird, die rund eine Million Anträge realisieren zu können. Die Investitionskosten veranschlagt er auf etwa neun Milliarden Mark. Angesichts der wirtschaftlichen Misere, deren Umfang der Bevölkerung weiter verschwiegen wird, scheint dies ein hoffnungsloses Anliegen zu sein.

Neun von zehn Jugendlichen glauben an die Erneuerung der DDR

Mehr als 80 Prozent der Jugendlichen in der DDR gehen laut einer Umfrage des Zentralinstituts für Jugendforschung in Leipzig davon aus, dass die eingeleitete Erneuerung der Gesellschaft gelingen wird. Lediglich 14 Prozent sehen das eher kritisch. Etwa 92 Prozent befürchten allerdings für die nächste Zeit große wirtschaftliche Probleme in der DDR. Genauso viele Befragte wollen sich aber auch mit aller Kraft für die Erneuerungen einsetzen.

Neun von zehn Jugendlichen glauben an die Erneuerung der DDR

Mehr als 80 Prozent der Jugendlichen in der DDR gehen laut einer Umfrage des Zentralinstituts für Jugendforschung in Leipzig davon aus, dass die eingeleitete Erneuerung der Gesellschaft gelingen wird. Lediglich 14 Prozent sehen das eher kritisch. Etwa 92 Prozent befürchten allerdings für die nächste Zeit große wirtschaftliche Probleme in der DDR. Genauso viele Befragte wollen sich aber auch mit aller Kraft für die Erneuerungen einsetzen.

Neues Deutschland entschuldigt sich für falschen Bericht

Das SED-Zentralorgan Neues Deutschland muss sich bei seinen Lesern für eine offenkundige und peinliche Falschmeldung entschuldigen. Am 21. September 1989 wird über einen Koch der Schlafwagengesellschaft MITROPA berichtet, der angibt, in Budapest mit einer Menthol-Zigarette betäubt und über Österreich in die BRD verschleppt worden zu sein. Die Meldung wird republikweit auch von anderen Presseorganen übernommen. Mit ihr soll offensichtlich dem Eindruck entgegengewirkt werden, Bürger der DDR würden das Land aus Enttäuschung oder Verärgerung verlassen. Stattdessen würden sie von Schlepperbanden regelrecht entführt.
Die lahme Propagandalüge kann kaum einen DDR-Bürger überzeugen und dient als Beispiel der gezielten Fehlinformation durch die DDR-Medien. Nun haben Recherchen ergeben, dass die Darstellung frei erfunden wurde und so niemals stattgefunden hat.

quelle:
tagesspiegel.de

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Re: Wie die Menschen in der DDR die Mauern der Angst zu Fall brachten

Beitragvon pentium » 4. November 2014, 13:58

4. November 1989: Stefan Heym beschwört den aufrechten Gang

Großkundgebung in Berlin. Eine halbe Million Menschen demonstriert auf dem Alexanderplatz. SED-Bezirkschef Schabowski wird gnadenlos ausgepfiffen.

Müller warnt vor dramatischen Konsequenzen der Wirtschaftskrise

Der bekannte Dramatiker Heiner Müller trübt ein wenig die Stimmung. In Kontrast zu den euphorisierend wirkenden Beiträgen seiner Vorredner, erinnert der schon leicht angetrunkene Müller an die Schwierigkeiten, die das Leben der Bevölkerung nach der friedlichen Revolution nicht leichter machen werden.

"Die nächsten Jahre werden für uns kein Zuckerschlecken" warnt Müller. "Die Preise werden steigen und die Löhne kaum. Wenn Subventionen wegfallen, trifft das vor allem uns. Der Staat fordert Leistung. Bald wird er mit Entlassung drohen. Wir sollen die Karre aus dem Dreck ziehen." Müller liest aus einem Aufruf zur Gründung unabhängiger Gewerkschaften vor. Sein pessimistischer Beitrag wird nicht nur freundlich angenommen.

"Stell dir vor, es ist Sozialismus und keiner geht weg!"

Für Christa Wolf hat die revolutionäre Bewegung auch die Sprache befreit. "Was bisher so schwer auszusprechen war, geht uns auf einmal frei von den Lippen." Die populäre Schriftstellerin Christa Wolf macht vor allem neue Begrifflichkeiten zum Gegenstand ihres Beitrags. Das Wort "Wende" klingt für sie weiterhin nach von "oben" verordneter Veränderung. Sie bevorzugt stattdessen den Begriff "Revolution", denn "Revolutionen gehen von unten aus." Ihren "Traum" beschreibt sie so: "Stell dir vor, es ist Sozialismus, und keiner geht weg!" Den wichtigsten Satz der letzten Wochen - eine schlichte Vorstellung - sollen die Menschen in Zukunft nicht vergessen: "Wir - sind - das - Volk!"

Schorlemmer appelliert an Toleranz und Gemeinsamkeit

Pfarrer Friedrich Schorlemmer, Mitbegründer des Demokratischen Aufbruch, beschwört den Geist der Veränderung. „Atemberaubend“ sei, was im Land passiert. All jenen, die noch gehen wollen ruft er zu: „Hier lohnt es sich, hier wird es spannend. Bleibt doch hier!“ Der begonnene Dialog müsse fortgesetzt werden und spürbare Ergebnisse bringen.

Das Misstrauen des Volkes gegen jene, die jetzt „das weiche Pfötchen“ hinhalten, während Viele „noch die Kralle darunter fürchten“, sei verständlich. Vor allem „das größte innenpolitische Sicherheitsrisiko, die Staatssicherheit“ müsse „radikal abgebaut und vom Volk kontrolliert“ werden. Doch solle man nicht alte Intoleranz gegen neue austauschen, deshalb „bitte keine Rachegedanken!“ Was das Land brauche, sei eine „Koalition der Vernunft“, in der die bisherigen Parteien mit den neuen Bewegungen zusammenarbeiten.

Heym beschwört den aufrechten Gang

Große Begeisterung löst der Auftritt des lange verfemten Schriftstellers Stefan Heym aus. Der als „Nestor unserer Bewegung“ angekündigte 76jährige findet die richtigen Worte. Ihm ist, „als habe einer das Fenster aufgestoßen nach all den Jahren der Stagnation.“ Heym spricht seinen Landsleuten Mut zu: „Wir haben in den letzten Wochen unsere Sprachlosigkeit überwunden und sind jetzt dabei, den aufrechten Gang zu erlernen.“ Sozialismus, erklärt Heym, der immer wieder von orkanartigem Applaus unterbrochen wird, sei ohne Demokratie undenkbar. „Demokratie aber, ein griechisches Wort, heißt Herrschaft des Volkes.“

Quelle und Videos
http://www.tagesspiegel.de/themen/mauer ... 08220.html

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Re: Wie die Menschen in der DDR die Mauern der Angst zu Fall brachten

Beitragvon pentium » 7. November 2014, 17:23

7. November 1989

Seiters teilt die Bedingungen für Hilfe der BRD mit

Seiters teilt nach Rücksprache mit Kohl dem Unterhändler der DDR, Schalck-Golodkowski, telefonisch die Bedingungen der Bundesregierung für wirtschaftliche Hilfe mit.

Materielle und finanzielle Unterstützung wird an die öffentliche Erklärung des Staatsratsvorsitzenden gebunden, dass die DDR bereit ist, die Zulassung oppositioneller Gruppen und die Zusage zu freien Wahlen zu gewährleisten. Dieser Weg wird nur als möglich erachtet, wenn die SED auf ihren absoluten Führungsanspruch verzichtet. Sollte die DDR diese Bedingungen erfüllen, so Seiters, halte der Bundeskanzler „vieles für machbar und alles für denkbar.“

Neues Forum fordert generelle und umfassende Reisefreiheit

Die Opposition bezieht zum neuen Reiserecht Stellung. Die vorgeschlagenen Regelungen werden vom Neuen Forum abgelehnt. Stattdessen solle jeder Bürger ein generelles Ausreisevisum nach allen Staaten der Welt erhlten, das alle zwei bis drei Jahre erneuert wird. Eine Befristung der Reisedauer und willkürlich auslegbare Einschränkungen dürfe es nicht geben. Jeder Bürger solle dazu berechtigt sein, jeden Tag die Grenze zu überschreiten, kurzfristig zu Ausstellungen, Veranstaltungen, Feiern und Besuchen fahren zu können.

SED-Nachwuchs greift Parteispitze an

Mitglieder der Parteihochschule der SED fordern von dem am nächsten Tag beginnenden 10. ZK-Plenum die Einberufung eines außerordentlichen Parteitags noch für 1989. Dort müsse ein neues Statut und ein neues Parteiprogramm beschlossen werden.

Auch die Parteispitze wird in Frage gestellt. Das ZK solle prüfen, welche Politiker "ihre Verantwortung nicht wahrgenommen, ihre Macht und ihren Einfluss missbraucht und sich dadurch diskreditiert haben." Alle Mitglieder des Politbüros müssten persönlich Rechenschaft über ihre Mitverantwortung ablegen. Die Partei sei im Dialog unglaubwürdig, wenn auf oberster Ebene weiterhin Opportunisten das Sagen hätten. Durch jahrelange Ignoranz und Arroganz habe die SED-Führung die jüngste Krise heraufbeschworen.

Polizeiübergriffe sollen untersucht werden

In der Ost-Berliner Stadtverordnetenversammlung tagt erstmals eine Untersuchungskommission. Sie soll die Übergriffe am 7. und 8. Oktober durch Schutz- und Sicherheitsorgane der DDR aufklären. Marianne Birthler, Beauftragte der Kirchenleitung der Evangelischen Landeskirche Berlin-Brandenburg schlägt vor, die Kommission mit einem unabhängigen Untersuchungsausschuss zusammenzuschließen, der sich in der vergangenen Woche konstituiert hat. In ihm engagieren sich Ärzte, Juristen, Psychologen, Schriftsteller, Kirchenvertreter und Mitglieder verschiedener Basisgruppen.

Nach mehrstündiger Debatte wird die Entscheidung vertagt. Immerhin wird im Roten Rathaus ein Kontaktbüro eingerichtet, wo betroffene Bürger Anzeige erstatten können.

DDR-Außenminister regt Schließung der CSSR-Grenze zur DDR an

Außenminister Oscar Fischer informiert den sowjetischen Botschafter Kotschemassow über die vom Politbüro geplante Ausreiseregelung. Man wolle die CSSR fragen, ob es ihr Entlastung bringen würde, wenn sie die Grenzen zur DDR schließt. Die DDR könne dies nicht noch einmal tun. Das liefe auf eine Machtprobe mit der Bevölkerung hinaus. Des Weiteren sei die Dableib-Kampagne in den DDR-Medien zu verstärken. Eine Unterstützung des Unterfangens durch den Genossen Gorbatschow wäre sehr hilfreich.

Politbüro berät Reisegesetz

Als einen weiteren Tagesordnungspunkt der Politbürositzung nimmt Krenz kurzfristig das soeben von der Volkkammer abgelehnte Reisegesetz auf. Grund sind die anhaltenden Beschwerden der tschechoslowakischen Regierung über die neue, massenhafte Abwicklung der Ausreisebewegung von DDR-Bürgern über ihr Staatsgebiet. Die Partei- und Staatsführung der CSSR fürchtet ein Übergreifen der Unruhen auf die eigenen Leute. Auf allen politischen Kanälen fordert sie von der SED-Spitze, den Ausreisestrom zu stoppen. Sie erwägt anderenfalls, eigene Maßnahmen zur Grenzkontrolle zu ergreifen oder gar, die Grenze zu schließen.

Es wird beschlossen, zumindest die Ausreiseregelung im Entwurf des Reisegesetzes in Kraft zu setzen. Eine entsprechende Beschlussfassung soll in den nächsten Tagen ausgearbeitet werden. Die Regierungen der Sowjetunion, der Tschechoslowakei und der Bundesrepublik werden über diese Absicht informiert.

Da die Durchführungsverordnung zur ständigen Ausreise noch dem am nächsten Tag beginnenden ZK-Plenum vorgelegt werden und danach „sofort“ in Kraft treten soll, ist große Eile geboten. Mit der Ausarbeitung wird das MfS beauftragt, das in diesen Fragen das formal zuständige Innenministerium steuert. Generalleutnant Gerhard Neiber vom MfS und seine Mitarbeiter arbeiten noch am gleichen Tag einen ersten Entwurf aus, der mit dem Innen- und mit dem Außenministerium abgestimmt wird. Dieser Entwurf sieht vor, dass Visa zur ständigen Ausreise unverzüglich erteilt werden sollen. Von Privat- oder Besuchsreisen ist in dem Papier noch nicht die Rede.

Volkskammer lehnt neues Reiserecht ab

In der Volkskammer regt sich Widerstand gegen die bisherige Praxis, in der die SED-Spitze den Volksvertretern lediglich zugestand, der Politik der Regierung zuzustimmen. Der Rechtsausschuss des DDR-Parlaments verlangt die sofortige Einberufung der Volkskammer zur Beratung der Lage der Nation. Das Vorgehen des Präsidiums, die Sitzung ungeachtet des Willens von mehr als einem Drittel der Abgeordneten zu verschleppen, wird missbilligt.

Der vorgelegt Entwurf zum neuen Reisegesetz wird vom Verfassungs- und Rechtsausschuss und von der in der Volkkammer vertretenen FDJ entschieden abgelehnt. Auf die vorgesehen Visumspflicht solle grundsätzlich verzichtet werden. Auch die geplante Begrenzung auf 30 Reisetage pro Jahr müsse überdacht und die Frage der Beschaffung von Devisen zur Reisefinanzierung geklärt werden.

Sowjetunion genehmigt oppositionelle Kundgebung am Nationalfeiertag

Zum 72. Jahrestag der Oktoberrevolution findet auf dem Moskauer Roten Platz erstmals eine genehmigte Gegendemonstration zur offiziellen Militärparade statt.

Politbüro will Ausreiseregelung ausarbeiten lassen

Das Politbüro tritt zu seiner regulären diensttäglichen Sitzung zusammen. Hauptthema der auf fünf Stunden angesetzten Beratung ist die am nächsten Tag beginnende 10. Tagung des Zentralkomitees der SED. Umfassende personelle Veränderungen stehen an. Zunächst soll das Politbüro geschlossen zurücktreten. Dann soll Egon Krenz Vorschläge zur Neubesetzung des SED-Führungsgremiums machen. Das Politbüro berät neben diesen Vorschlägen auch sein mehrstündiges Referat zur Lage der DDR.

Nachdem Krenz schon am 3. November in seiner Fernsehansprache den Rücktritt einzelner Regierungsmitglieder angekündigt hat, wird nun die Demission der gesamten Regierung Stoph beschlossen. Am Nachmittag soll dies bekannt gegeben werden. Wolfgang Herger, im ZK für Sicherheitsfragen zuständig, will dem ZK die Zulassung des Neuen Forums vorschlagen. Krenz berichtet über sein Gespräch mit Sowjetchef Gorbatschow. Die Unterredung Schalck-Golodkowskis hält er geheim.

Junge Welt erkennt revolutionäre Situation

Das FDJ-Organ Junge Welt erklärt sich eindeutig für die Reformbewegung. Der Ruf „Wir sind das Volk!“ klinge, so ist in einem Kommentar zu lesen, wie „Ihr nicht!“ Die Demonstranten würden sich damit von jenen „da oben“ abgrenzen, die „auf den Frust von vielen mit Arroganz reagiert“ haben und „auf noch mehr Frust mit noch mehr Arroganz.“

Die Demonstranten würden mit jeder weiteren Demonstration immer wieder bestätigen, dass sie die Wende eingeleitet haben und eben nicht jene da oben. „Und das stimmt. Eine revolutionäre Situation besteht dann, wenn die da oben nicht mehr können und die da unten nicht mehr wollen.“ So, und nicht anders lautet die leninsche Definition einer revolutionären Situation. Und in der ist es für eine Zeitung wie die Junge Welt selbstverständlich, gegen die da oben Stellung zu beziehen.

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Re: Wie die Menschen in der DDR die Mauern der Angst zu Fall brachten

Beitragvon andr.k » 8. November 2014, 01:00

pentium hat geschrieben:Da die Durchführungsverordnung zur ständigen Ausreise noch dem am nächsten Tag beginnenden ZK-Plenum vorgelegt werden und danach „sofort“ in Kraft treten soll, ist große Eile geboten. Mit der Ausarbeitung wird das MfS beauftragt, das in diesen Fragen das formal zuständige Innenministerium steuert. Generalleutnant Gerhard Neiber vom MfS und seine Mitarbeiter arbeiten noch am gleichen Tag einen ersten Entwurf aus, der mit dem Innen- und mit dem Außenministerium abgestimmt wird. Dieser Entwurf sieht vor, dass Visa zur ständigen Ausreise unverzüglich erteilt werden sollen. Von Privat- oder Besuchsreisen ist in dem Papier noch nicht die Rede.


@pentium, hast Du nun das Buch "Chefermittler" von Gerhard Lauter gelesen? Speziell ab Seite 148 im Kapitel "Nenn es Rechtsmittelinformation statt Rechtsmittelbelehrung", erfährst Du den genauen Ablauf über die Entstehung dieser Entwürfe. Ab Seite 161 kannst Du die Einzelheiten vom 9. November 1989 von morgens 7.00 Uhr bis zum 10. November 1989 morgens 9.00 Uhr lesen.

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Re: Wie die Menschen in der DDR die Mauern der Angst zu Fall brachten

Beitragvon Interessierter » 10. November 2014, 07:47

25 Jahre Mauerfall Die wahren Revoluzzer

Ein Multimediaspezial von Nicola Kuhrt und Peter Wensierski


findet man hier:
http://www.spiegel.de/einestages/mauerf ... 01458.html
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Re: Wie die Menschen in der DDR die Mauern der Angst zu Fall brachten

Beitragvon Interessierter » 16. November 2014, 07:57

Rüdiger Sielaff über die Stimmung in Westbrandenburg vor dem Mauerfall

Wie hat die Brandenburger Kreisdienststelle des Ministeriums für Staatssicherheit (Stasi) in der Neuendorfer Straße 89 sich in den Wochen vor dem Mauerfall 1989 mit der Protestbewegung in Brandenburg und Umgebung beschäftigt. Die Fragen der MAZ beantwortet Rüdiger Sielaff (56).

Am 21.Oktober 1989 finden im Brandenburger Dom die ersten beiden Informationsveranstaltungen zu den anstehenden politischen Veränderungen mit massenhafter Beteiligung statt. Wie reagiert die Stasi darauf?

Rüdiger Sielaff: Die Kreisdienststelle (KD) des MfS Brandenburg ist mit Inoffiziellen Mitarbeitern (IM) dort vertreten. Die Stasi zählt am 21. Oktober 1989 1700 Teilnehmer und berichtet, dass ein Mehrparteiensystem verlangt wurde, eine echte Opposition, freie Wahlen und Gewerkschaften.

Wer spitzelt dort für die Stasi?

Sielaff: Zum Neuen Forum berichten im Oktober/November 1989 unter anderem die IMS „Rolf“ und IMB „Nora Frank“. „Nora Frank“ besucht bereits am 12. Oktober 1989 eine Veranstaltung des Neuen Forums in der Bergstraße. Sie informiert die Kreisdienststelle über die zu erwartenden Veranstaltungen im Dom und einen Informationsabend zum Neuen Forum in der Kirchengemeinde Kirchmöser. Aus den Unterlagen, die erhalten geblieben sind, ergibt sich, dass schließlich in Wusterwitz von 19.27 bis 21.39 Uhr 300 Personen teilnahmen. Sie waren zu 70 Prozent jünger als 30 Jahre, analysiert die Stasi.

Worüber diskutieren die Wusterwitzer?

Sielaff: Die Stasi-Mitarbeiter berichten von folgenden Forderungen und Aussagen: „Jedem Bürger einen Reisepass. Alle, die Fahnen zum 7. Oktober geflaggt haben, sollten sich schämen. Es muss eine andere Führung her. Wir wollen nicht, dass unsere Kinder Pioniere und FDJler und letztendlich Betonköpfe werden.“

Weiter hier:
http://www.maz-online.de/Themen/Wendeze ... rfall-1989
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Re: Wie die Menschen in der DDR die Mauern der Angst zu Fall brachten

Beitragvon Interessierter » 17. November 2014, 08:35

Briesenerin Susann Fischer berichtet von Aufständen am 7. Oktober 1989

Erinnerungen an eine bewegende Nacht

Kurz vor dem Mauerfall ist am 7. Oktober 1989 das 40-jährige Bestehen der DDR gefeiert worden. Viele haben dagegen demonstriert, auch Susann Fischer. Wenn sie über damals spricht hat sie noch immer Angst, die Ereignisse lassen sie nicht los. Auch, weil sie unter DDR- Soldaten Bekannte sah und eingesperrt wurde. Dank eines Tricks entkam sie der Gefangenschaft


Warum, das erfährt man hier:
http://www.maz-online.de/Themen/Wendeze ... ende-Nacht
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Re: Wie die Menschen in der DDR die Mauern der Angst zu Fall brachten

Beitragvon Interessierter » 18. November 2014, 09:07

Sechs Geschenkte Jahre

Fast 15 Jahre lang arbeitete und lebte das Ärztepaar Zytariuks in dem Haus in Löwenberg. Im Herbst 1983 machten sie mit ihren damals 14 und 15 Jahre alten Söhnen, Bernhard und Christian, wie es im Volksmund hieß, „rüber in den Westen“. 25 Jahre nach dem Mauerfall ist das Paar zurückgekehrt.

Schönwalde/Löwenberg. Auf dem Grundstück Nummer 16 in der Eberswalder Straße in Löwenberg sieht es so aus, als wäre die Zeit stehen geblieben. Bis auf den neuen Namen der Straße, die zu DDR-Zeiten nach dem SED-Mitbegründer Wilhelm Pieck benannt war, und die in Eierschalengelb übertünchte Fassade hat sich auch nach über 30 Jahren kaum etwas verändert. Nur die zu einem stattlichen Baum herangewachsene Blautanne im Vorgarten der Arztvilla verrät, dass einige Zeit vergangen sein muss, seit Günter und Heidemarie Zytariuk hier ihr ganzes Hab und Gut zurückließen.

Fast 15 Jahre lang arbeitete und lebte das Ärztepaar in dem Haus in Löwenberg. Im Herbst 1983 machten die Zytariuks mit ihren damals 14 und 15 Jahre alten Söhnen, Bernhard und Christian, wie es im Volksmund hieß, „rüber in den Westen“. 25 Jahre nach dem Mauerfall ist das Paar zurückgekehrt. In Schönwalde-Glien – nur knapp 800 Meter von der ehemaligen deutsch-deutschen Grenze entfernt – fangen Zytariuks zum dritten Mal in ihrem Leben neu an.

http://www.maz-online.de/Themen/Wendeze ... nkte-Jahre
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Re: Wie die Menschen in der DDR die Mauern der Angst zu Fall brachten

Beitragvon Interessierter » 23. November 2014, 08:44

Die erste Protestdemonstration in Potsdam am 7. Oktober 1989 - Eine „ungesetzliche Zusammenrottung“

"In den Abendstunden des 7. Oktober 1989 versuchten in Berlin Randalierer, die Volksfest zum 40. Jahrestag der DDR zu stören. Im Zusammenspiel mit westlichen Medien rotteten sie sich am Alexanderplatz und Umgebung zusammen..." vermeldet die Märkische Volksstimme am 9. Oktober. Auch in Potsdam und Luckenwalde (Teltow-Fläming) kommt es zu Protesten.

Bild

Am Rande der offiziellen Feierlichkeiten zum 40. Jahrestag der DDR kommt es in der Innenstadt am Sonnabend, den 7. Oktober 1989 erstmals zu einer großen Protestdemonstration in Potsdam. Gegen 14 Uhr trifft sich an der Spieluhr auf dem Vorplatz des Brandenburger Tores eine Gruppe von zunächst 30 bis 40 Potsdamern. An die Hände gefasst, singen sie Klassiker der Arbeiterbewegung wie „Brüder zur Sonne zur Freiheit“ und „Die Internationale“, skandieren Losungen wie „Wir bleiben hier, verändern wollen wir!“ und „Wir bleiben hier, gestalten wollen wir!“.

Die Gruppe setzt sich schließlich die Klement-Gottwald-Straße (Brandenburger Straße) hinunter in Bewegung und wächst rasch zu einem Demonstrationszug mit weit mehr als 1000 Menschen aller Altersgruppen.

Der Zug wird gegen 15:20 Uhr an der Kreuzung Friedrich-Ebert-Straße von Polizei mit schwerem Räumgerät gestoppt und schließlich auseinandergetrieben. Für Verstörung sorgt nicht zuletzt die Stürmung des Café „Heider“ durch Polizisten auf der Jagd nach flüchtenden Demonstranten. Mehr als 100 Menschen werden verhaftet und in der Polizeisporthalle in der Bauhofstraße (Henning-von-Tresckow-Straße) interniert.

Der vollständige Artikel hier:
http://www.maz-online.de/Themen/Wendeze ... menrottung

Schuld hatte und Initiator war natürlich wieder der böse Klassenfeind aus dem Westen, jedenfalls nach Meinung der " freien " DDR - Presse. [flash]

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Re: Wie die Menschen in der DDR die Mauern der Angst zu Fall brachten

Beitragvon Dr. 213 » 23. November 2014, 21:51

Für die Erwähnung seines Namens wird sich der Herr Genosse? Adam nur ein paar wenige Tage später
mächtig in den Allerwertesten gebissen haben.
Hoffentlich hat es die Siegerjustiz angemessen berücksichtigt. Natürlich war es kein strafbarer Akt,
weßhalb man ein Gericht bemühen mußte. Aber bei der Frage der Übernahme in die Reihen der "Guten"
sollte es schon Berücksichtigung gefunden haben. Ich fürchte jedoch .... ach egal, der Bonbon ist gelutscht.

Gruß
Dr. 213
Sie lügen, sie lügen und wir müssen uns barmherzig zeigen, denen gegenüber, die lügen. (Colonel Kurtz)
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Re: Wie die Menschen in der DDR die Mauern der Angst zu Fall brachten

Beitragvon Interessierter » 25. November 2014, 09:26

Beelitzer Wende-Akteure erinnern an freie Bürgerversammlung - Als vor 25 Jahren die Lawine losbrach

Beim Treffen einiger Wendeaktivisten in Beelitz wurden spannende lokale Gechichten erzählt. Schade, dass bei einem solchen interessanten Themenabend mit lokalem Wissen aus allererster Hand die Gäste ausbleiben.

Beelitz. Martina und Heribert Heyden waren am Donnerstagabend, 30. Oktober 2014, aus Borkwalde gekommen, um aus erster Hand zu erfahren, was sich vor 25 Jahren in Beelitz ereignet hatte. „Wir erlebten die Maueröffnung im Ruhrgebiet und kannten nur, was die Medien darüber berichteten“, sagt Martina Heyden. Da sie seit acht Jahren in der Nachbarschaft wohnen, interessierte sie die Zusammenkunft, zu der Beelitzer Akteure der Wendezeit eingeladen hatten, ein Vierteljahrhundert nach der ersten freien Bürgerversammlung in der Spargelstadt.

Dort hatten sich viele Probleme aufgestaut im Herbst 1989: Wohnungsmangel, kaputte Dächer und Straßen, und dann gab es noch das Agrochemische Zentrum (ACZ), wo Düngemittel unter freiem Himmel lagerten, ins Erdreich geschwemmt und vom Wind ins Wohngebiet getragen wurden. Nun sollte zusätzlich ein Stützpunkt für Pflanzenschutzmittel entstehen, ein „Giftlager“. Die Beelitzer fürchteten um ihr Trinkwasser. So drängten engagierte Bürger den Rat der Stadt zu einer Versammlung. Der Saal der HO-Gaststätte „Stadt Beelitz“ platzte am Abend des 30. Oktober aus allen Nähten. Und viele trugen vor, wofür sie dringend Lösungen erwarteten. Eine Lawine brach los, die nicht mehr aufzuhalten war.

Lebhaft ist Thomas Wardin der Soldatenaufstand zum Jahreswechsel 1989/90 in der NVA-Kaserne im Gedächtnis. Pfarrer Wolfgang Stamnitz, der auch den Runden Tisch moderierte, hatte ihn am Neujahrstag mit dorthin genommen, weil er Gewalt befürchtete. Viele Beelitzer unterstützten die Wehrpflichtigen, versorgten sie mit Essen.

Der vollständige Beitrag hier:
http://www.maz-online.de/Themen/Wendeze ... mlung-1989
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Re: Wie die Menschen in der DDR die Mauern der Angst zu Fall brachten

Beitragvon Interessierter » 27. November 2014, 10:34

„Wir wollten die DDR reformieren“

Ein wenig nachdenklich steht Wieland Klingler vor der Kreuzkirche in Königs Wusterhausen (Dahme-Spreewald). Der ehemaliger Vize-Bürgermeister vermag kaum zu glauben, dass seit der Wende schon 25 Jahre vergangen sind.

Königs Wusterhausen. Noch wie heute erinnert sich Wieland Klingler, ehemaliger Vize-Bürgermeister von Königs Wusterhausen, an den 1. November 1989. Damals nahmen mehrere hundert Menschen an einem offiziell vom Volkspolizeikreisamt genehmigten Schweigemarsch von der Kreuzkirche zur alten Kaufhalle in der Goethestraße teil.

„Gleich zu Beginn ging ein gehöriger Schreck durch die Reihen, als einige plötzlich riefen ,Stasi in die Produktion’“, sagt der ehemalige Baustadtrat. „Schließlich hatten wir einen Schweigemarsch angemeldet. Direkt gegenüber der Kreuzkirche befand sich die Kreisdienststelle der Stasi.“ Aber glücklicherweise sei damals, wie in der gesamten Wendezeit, alles friedlich geblieben, habe niemand die Nerven verloren und abgedrückt.

Oppositionsgruppe an der Bauakademie

Wie bei ihm alles begann? 1979 übernahm der Leipziger in der Bauakademie der DDR in Berlin eine neue Aufgabe und zog nach Königs Wusterhausen. Als Ingenieur untersuchte er die Bausubstanz der großen chemischen Betriebe. „Unter Kollegen haben wir uns manchmal gefragt, wie dort angesichts der maroden Anlagen überhaupt noch Produkte hergestellt werden konnten“, sagt Klingler. Heimlich gründete sich an der Bauakademie im Juni 1989 eine kleine illegale Oppositionsgruppe. Eine Art Vorgänger des späteren Neuen Forums. „Unser Ziel war die Formation einer vernehmbaren Stimme, mit der wir die DDR reformieren wollten“, erzählt Klingler. Über die Mund-zu-Mund-Propaganda in Berlin erfuhr er schon früh von den Friedensgebeten in der Gethsemanekirche in Prenzlauer Berg, wo er auch Bürgerrechtlerin Bärbel Bohley kennenlernte. Um seine Familie nicht unnötig zu gefährden, erzählte er seiner Frau nur selten von diesen Treffen.

Etwa nach einem Vierteljahr hieß es, ob er nicht auch in Königs Wusterhausen so eine Gruppe ins Leben rufen könne. Als Mitbegründer und Vorsitzender der Wohnsportgemeinschaft hörte sich der Ingenieur vorsichtig um und bekam schnell Kontakt zum Bürgerrechtler Rolf Wettstädt sowie zu einer Zeuthener Gruppe um Achim Stoff. Der damalige Königs Wusterhausener Pfarrer, Hanns Leisterer, stellte ihnen Kirchenräume für Treffen zur Verfügung. Daher startete von dort aus auch der Schweigemarsch.

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Re: Wie die Menschen in der DDR die Mauern der Angst zu Fall brachten

Beitragvon Interessierter » 29. November 2014, 10:06

„Wir wollen raus“

Wie hat die Brandenburger Kreisdienststelle des Ministeriums für Staatssicherheit (Stasi) in der Neuendorfer Straße 89 sich in den Wochen vor dem Mauerfall 1989 mit der Protestbewegung in Brandenburg und Umgebung beschäftigt. Die Fragen der MAZ beantwortet Rüdiger Sielaff (56)
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Brandenburg an der Havel. Wie hat die Brandenburger Kreisdienststelle des Ministeriums für Staatssicherheit (Stasi) in der Neuendorfer Straße 89 sich in den Wochen vor dem Mauerfall 1989 mit der Protestbewegung in Brandenburg und Umgebung beschäftigt. Die Fragen der MAZ beantwortet Rüdiger Sielaff (56). Der gebürtige Stendaler leitet die Außenstelle des Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Ministeriums für Staatssicherheit (BStU) in Frankfurt (Oder).

Am 21.Oktober 1989 finden im Brandenburger Dom die ersten beiden Informationsveranstaltungen zu den anstehenden politischen Veränderungen mit massenhafter Beteiligung statt. Wie reagiert die Stasi darauf?

Rüdiger Sielaff: Die Kreisdienststelle (KD) des MfS Brandenburg ist mit Inoffiziellen Mitarbeitern (IM) dort vertreten. Die Stasi zählt am 21. Oktober 1989 1700 Teilnehmer und berichtet, dass ein Mehrparteiensystem verlangt wurde, eine echte Opposition, freie Wahlen und Gewerkschaften.

Wer spitzelt dort für die Stasi?


Sielaff: Zum Neuen Forum berichten im Oktober/November 1989 unter anderem die IMS „Rolf“ und IMB „Nora Frank“. „Nora Frank“ besucht bereits am 12. Oktober 1989 eine Veranstaltung des Neuen Forums in der Bergstraße. Sie informiert die Kreisdienststelle über die zu erwartenden Veranstaltungen im Dom und einen Informationsabend zum Neuen Forum in der Kirchengemeinde Kirchmöser. Aus den Unterlagen, die erhalten geblieben sind, ergibt sich, dass schließlich in Wusterwitz von 19.27 bis 21.39 Uhr 300 Personen teilnahmen. Sie waren zu 70 Prozent jünger als 30 Jahre, analysiert die Stasi.

Worüber diskutieren die Wusterwitzer?

Sielaff: Die Stasi-Mitarbeiter berichten von folgenden Forderungen und Aussagen: „Jedem Bürger einen Reisepass. Alle, die Fahnen zum 7. Oktober geflaggt haben, sollten sich schämen. Es muss eine andere Führung her. Wir wollen nicht, dass unsere Kinder Pioniere und FDJler und letztendlich Betonköpfe werden.“

Wie findet die Stasi das?


Sielaff: Sie hält die Versammlung für gut organisiert. 54 Pkw werden festgestellt, die Kennzeichen notiert und die Namen der Fahrzeughalter ermittelt. Es sind Menschen aus der Laubestraße, der Bergstraße, der Heidenstraße – alles Trabantfahrer.

Wie tickt die Stasi in den Wochen und Monaten vor dem Mauerfall?


Sielaff: Am 6. Oktober 1989 finden beim Leiter der KD, Oberstleutnant Fubel, letzte Absprachen und Einweisungen in die Aufgaben zum „Jubiläum 40“ statt. Provokationen sollen verhindert werden. Forderungen nach Rücknahme der Einführung der Visapflicht für DDR-Bürger bei Reisen in die CSSR sollen zurückgewiesen und unter Kontrolle gehalten werden. Jede Ansammlung „negativer Personen“ müsse kontrolliert werden. Mehr IM sollen Veranstaltungen kontrollieren. Aus dem Bereich der Volkswirtschaft soll ein tägliches Stimmungsbild erarbeitet werden. „Für alle Genossen besteht Hausbereitschaft“, heißt es.

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Re: Wie die Menschen in der DDR die Mauern der Angst zu Fall brachten

Beitragvon Interessierter » 2. Dezember 2014, 07:30

Als SED und Stasi überrumpelt wurden

Auf den Spuren des Neuen Forums und der ersten Schweriner Montagsdemonstration

Am 23. Oktober 1989 gingen Schweriner Bürger erstmals zu einer "Montagsdemonstration" auf die Straße. Rund 30.000 bis 40.000 Menschen wurden damals gezählt, die sich für Reformen in der DDR einsetzten. Die BStU-Außenstelle half bei einer Spurensuche in Schwerin.


Mit einer Veranstaltung in der Schweriner Paulskirche, am Pfaffenteich und im Dom erinnerten Schweriner Aufarbeitungsinstitutionen am 23. Oktober 2014 an die entscheidende Phase der Friedlichen Revolution 25 Jahre zuvor. Auszubildende der BStU-Außenstelle Schwerin spielten dabei eine herausgehobene Rolle. Sie rezitierten an zentralen Handlungsorten der Friedlichen Revolution aus historischen Dokumenten.

Bild
Auf den Spuren der Friedlichen Revolution in Schwerin. Veranstaltungsteilnehmer am 23. Oktober 2014. Quelle: BStU, Außenstelle Schwerin / Grimm

In Schwerin hatte sich das Bürgerbündnis "Neues Forum" am 2. Oktober 1989 gegründet - aus Sicht des SED-Staats als illegale Vereinigung. Auf Anhieb kamen rund 800 Menschen zur ersten öffentlichen Veranstaltung. Doch der ursprünglich ausgewählte Versammlungsort, das Gemeindehaus in der Bäckerstraße, erwies sich als zu klein. Daraufhin zogen die Forums-Sympathisanten zum wenige hundert Meter entfernten Paulskirche um. Dieser Schritt in die Öffentlichkeit wurde schon damals von vielen Teilnehmern als erste nichtstaatlich organisierte Demonstration in Schwerin wahrgenommen und überrumpelte Stasi und SED. Schon beim nächsten öffentlichen Treffen am 6. Oktober 1989 in der Paulskirche änderte sich das. Mehr als 200 Genossen der SED wurden aufgeboten, um die Zusammenkunft zu stören.

Doch unerschrocken stellten Bürger ihre Wohnungen für Treffen thematischer Arbeitsgruppen zur Verfügung. Stadtweit kamen auf diese Weise knapp 20 Gesprächskreise mit mehreren hundert Teilnehmern zusammen. Ein Koordinierungskreis organisierte schließlich die erste Montagsdemonstration mit dem Ziel, Reformen in der erstarrten DDR durchzusetzen, allem voran Rechtsstaatlichkeit, Reisefreiheit, Meinungsfreiheit und Demokratie.

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Beitragvon Interessierter » 27. Dezember 2015, 10:37

Auf den Spuren des Neuen Forums und der ersten Schweriner Montagsdemonstration

Am 23. Oktober 1989 gingen Schweriner Bürger erstmals zu einer "Montagsdemonstration" auf die Straße. Rund 30.000 bis 40.000 Menschen wurden damals gezählt, die sich für Reformen in der DDR einsetzten. Die BStU-Außenstelle half bei einer Spurensuche in Schwerin.


Mit einer Veranstaltung in der Schweriner Paulskirche, am Pfaffenteich und im Dom erinnerten Schweriner Aufarbeitungsinstitutionen am 23. Oktober 2014 an die entscheidende Phase der Friedlichen Revolution 25 Jahre zuvor. Auszubildende der BStU-Außenstelle Schwerin spielten dabei eine herausgehobene Rolle. Sie rezitierten an zentralen Handlungsorten der Friedlichen Revolution aus historischen Dokumenten.

In Schwerin hatte sich das Bürgerbündnis "Neues Forum" am 2. Oktober 1989 gegründet - aus Sicht des SED-Staats als illegale Vereinigung. Auf Anhieb kamen rund 800 Menschen zur ersten öffentlichen Veranstaltung. Doch der ursprünglich ausgewählte Versammlungsort, das Gemeindehaus in der Bäckerstraße, erwies sich als zu klein. Daraufhin zogen die Forums-Sympathisanten zum wenige hundert Meter entfernten Paulskirche um. Dieser Schritt in die Öffentlichkeit wurde schon damals von vielen Teilnehmern als erste nichtstaatlich organisierte Demonstration in Schwerin wahrgenommen und überrumpelte Stasi und SED. Schon beim nächsten öffentlichen Treffen am 6. Oktober 1989 in der Paulskirche änderte sich das. Mehr als 200 Genossen der SED wurden aufgeboten, um die Zusammenkunft zu stören.

Doch unerschrocken stellten Bürger ihre Wohnungen für Treffen thematischer Arbeitsgruppen zur Verfügung. Stadtweit kamen auf diese Weise knapp 20 Gesprächskreise mit mehreren hundert Teilnehmern zusammen. Ein Koordinierungskreis organisierte schließlich die erste Montagsdemonstration mit dem Ziel, Reformen in der erstarrten DDR durchzusetzen, allem voran Rechtsstaatlichkeit, Reisefreiheit, Meinungsfreiheit und Demokratie.

Termin war der 23. Oktober - und erneut suchte die SED-Bezirksleitung auf Anweisung aus Berlin die Konfrontation. Zeitgleich und ebenfalls am Alten Garten wurde trotzig eine "Dialog"-Kundgebung der staatstragenden Parteien des so genannten "Demokratischen Blocks" angesetzt. Aus dem gesamten Bezirk wurden vermeintlich linientreue Genossen mit Bussen dorthin kutschiert. Aber die Rechnung der SED ging nicht auf, da sich die meisten Kundgebungsteilnehmer der friedlichen Demonstration des Neuen Forums anschlossen. Der Chef der SED-Bezirksleitung wurde sogar ausgepfiffen.

Als aber am Abend des 23. Oktober 1989 das DDR-Fernsehen nur über die "Dialog"-Kundgebung der SED berichtete, schrieb die Ortsgruppe Pinnow des Neuen Forums einen Protest-Brief an den Landesintendenten von Leipzig. Sie baten ihn, diesen öffentlich in der Leipziger Nikolaikirche verlesen zu lassen. 25 Jahre später verlasen die Auszubildenden der Außenstelle des BStU den Text erneut, diesmal auf einer Bühne am Schweriner Pfaffenteich.

Bewegende Festrede im Dom


Bild
Schweriner Festredner im Dom: der Mitbegründer des Neuen Forums, Martin Klähn Quelle: BStU, Außenstelle Schwerin / Grimm

Anschließend erinnerte der Schweriner Mitbegründer des Neuen Forums, Martin Klähn, im Dom mit einer facettenreichen Festrede an jenen 23. Oktober. Die Aufbruchsstimmung beschrieb er so: "Punkt 17 Uhr fing der 1. Sekretär an zu sprechen und wir fingen an zu demonstrieren. Die
Werderstraße hinunter, durch die Amtsstraße zum Pfaffenteich. An der Bezirksbehörde der Deutschen Volkspolizei begannen Demonstranten ihre Kerzen abzustellen. Die ersten Kerzen wurden von Polizisten noch weggetreten. Aber immer neue Wellen der Demonstrierenden brachten immer neue Kerzen. Ein Lichtermeer bildete sich. Ein unvergessliches Signal für unseren Aufbruch...".


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Re: Als SED und Stasi überrumpelt wurden

Beitragvon augenzeuge » 27. Dezember 2015, 19:32

Und der Vertrag über den Vollzug der Wiedervereinigung trat am 3. Oktober in Kraft.
Auch der Kalte Krieg war damit zu Ende. Der Warschauer Pakt zerfiel. Die Frontlinie, die
mitten durch Deutschland verlief, löste sich auf. Diese Frontlinie war keine Kriegsfront und
dieser Krieg daher ein kalter gewesen. Hier hatte nur eine Regierung auf ihr Volk schießen
lassen.


Manchmal klingt es fast unglaublich, wie schnell dieser kalte Krieg zerfiel. So als ob er nur von wenigen Menschen gepflegt worden war....aber nie von einem Volk. [denken]
AZ
Freiheit ist ein Gut, das durch Gebrauch wächst und durch Nichtgebrauch dahinschwindet. Keiner darf für sich den Besitz der Wahrheit beanspruchen, sonst wäre er unfähig zu Kompromiß und überhaupt zu Zusammenleben.
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Re: Als SED und Stasi überrumpelt wurden

Beitragvon Volker Zottmann » 27. Dezember 2015, 19:38

Das wäre auch heute bei heißen Kriegen so, dass die nämlich schnell beendet würden, wenn man statt der Soldaten die Politiker Und Rüstungslobbyisten schicken würde.

Gruß Volker
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Die Weite Deines Horizonts ist Frage Deiner Sicht.
Der Große sieht ihn breiter, der Kleine leider nicht.
(Volker Zottmann)
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Re: Als SED und Stasi überrumpelt wurden

Beitragvon andr.k » 27. Dezember 2015, 22:10

Interessierter hat geschrieben:Am 23. Oktober 1989 gingen Schweriner Bürger erstmals zu einer "Montagsdemonstration" auf die Straße. Rund 30.000 bis 40.000 Menschen wurden damals gezählt, die sich für Reformen in der DDR einsetzten. Die BStU-Außenstelle half bei einer Spurensuche in Schwerin.

Mit einer Veranstaltung in der Schweriner Paulskirche, am Pfaffenteich und im Dom erinnerten Schweriner Aufarbeitungsinstitutionen am 23. Oktober 2014 an die entscheidende Phase der Friedlichen Revolution 25 Jahre zuvor. Auszubildende der BStU-Außenstelle Schwerin spielten dabei eine herausgehobene Rolle. Sie rezitierten an zentralen Handlungsorten der Friedlichen Revolution aus historischen Dokumenten.


Hatten wir schon ... [denken]

Siehe ---> viewtopic.php?p=157554#p157554
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Re: Wie die Menschen in der DDR die Mauern der Angst zu Fall brachten

Beitragvon Interessierter » 30. April 2019, 13:16

Bevor ich den nachstehenden Bericht einstellte, habe ich mir den ganzen Thread noch einmal durchgelesen. Selbst nach 30 Jahren bewegen mich die damaligen Geschehnisse und der Mut der DDR - Bürger immer noch sehr.

Das gebetsmühlenartige Schönreden und Bestreiten durch ehemalige, freiwillige Angehörige ( Diener dieser verbrecherischen Diktatur ) und jetzige User, bleibt auch heute noch einfach nur peinlich.


„Das ist ja unfassbar!“


CHRONIK

Montag, 6. November 1989

Leipzig
Mit Lust probt das Volk seine neue Kraft. Trotz Eiseskälte und Dauerregen strömen 500 000 Demonstranten in die Leipziger Innenstadt, und viele genießen es, ihrer Wut freien Lauf zu lassen.
Den Karl-Marx-Platz bedeckt ein Wald von Regenschirmen. Partei-Würdenträgern, die das Wort ergreifen, schlägt Empörung entgegen: "Abtreten!", "SED, das tut weh!", "Zu spät, zu spät!" Ausgelöst hat die vieltausendfache Aggression der Entwurf eines neuen Reisegesetzes, den die Regierung an diesem Tag vorgestellt hat.
Völlig unbeeindruckt davon, dass 48 Stunden zuvor in der Ost-Berliner City fast eine Million DDR-Bürger ihr Recht auf Freizügigkeit eingefordert haben, will die SED von Dezember an gerade mal 30 Tage Auslandsurlaub und 15 Mark Reisedevisen genehmigen - pro Person und Jahr.

Geplant sind obendrein "Bearbeitungsfristen" von einem Monat und Reiseverbote, die von der Obrigkeit verhängt werden können, wann immer der "Schutz der öffentlichen Ordnung" es erfordert.
"365 Tage Reisefreiheit und nicht 30 Tage Gnade" verlangen dagegen die Montagsdemonstranten. "Jetzt sollen wir reisen dürfen, mit dem Bettelsack auf dem Rücken", ruft ein Redner sarkastisch. Riesenbeifall, als er endet: "Das Reisegesetz muss weg."
"In 30 Tagen um die Welt, ohne Geld", höhnen die tropfnassen Massen - bis plötzlich ein Sprechgesang anschwillt, der einen verwegenen Traum beschreibt, von dem niemand weiß, wie schnell er wahr wird: "Die Mauer muss weg, die Mauer muss weg, die Mauer muss weg."

Ost-Berlin


Im ZK, neuerdings "Zirkus Krenz" genannt, sind die Volksdompteure ratlos.
Die "Deutsche Demonstrierende Republik" (Transparent-Text) lässt sich offenbar weder mit Zuckerstücken noch mit der Zuchtpeitsche dressieren.
Eine Flut von Hiobsbotschaften bricht über den glücklosen Egon Krenz herein, dessen Zähne noch länger, dessen Augenringe noch dunkler wirken als sonst.
Auf die Straße gegangen sind an diesem Tag nicht nur die 500 000 in Leipzig, sondern auch 60 000 in Halle, 50 000 in Karl-Marx-Stadt, 25 000 in Schwerin, 10 000 in Cottbus. Und überall knallen SED-Mitglieder den Funktionären die Parteibücher auf den Tisch. Ratlos registriert Krenz: "Unser Bund von Gleichgesinnten, wie wir die Partei nennen, fällt wie ein Kartenhaus in sich zusammen."

Klaus Gäbler, 58, Leiter der Abteilung Propaganda des Zentralkomitees, hat für den SED-Chef eine "Erste Einschätzung" der Alex-Demo gefertigt: Selbst reformbereite Funktionäre, "begonnen bei Genossen Schabowski", kamen kaum zu Wort, SED-Kritiker dagegen wurden selbst dann gefeiert, wenn sie "wenig Konstruktives" zu bieten hatten.

Krenz selber lief es, als er im Krisenstab die Demonstration am Bildschirm verfolgte, immer wieder "kalt über den Rücken". Die an seiner Partei geäußerte Kritik empfindet er als "so grundsätzlich, dass sich die Frage stellt: Ist unsere Konzeption vom Sozialismus überhaupt noch zu verwirklichen?"
Der millionenfache Protest gegen den halbherzigen Reisegesetz-Entwurf hat die SED nun noch weiter zurückgeworfen. "Was vor einem halben Jahr noch ein großer Fortschritt gewesen wäre, ist jetzt schon am Tag der Veröffentlichung Makulatur", begreift Krenz: "Wieder traben wir den Ereignissen hinterher."

Auch in der Stasi herrscht Weltuntergangsstimmung. Erich Mielke lässt seit Tagen brisante Papiere beiseite schaffen. Geheimhaltungsbedürftige Akten, die Rückschlüsse auf das Stasi-Spitzelsystem ermöglicht hätten, sollen aus den schlecht gesicherten Kreisfilialen in die Bezirksverwaltungen gebracht werden. Für die wenigen Dokumente, die vor Ort bleiben dürfen, "sind die erforderlichen Voraussetzungen für ihre kurzfristige Vernichtung zu schaffen".
Während die Stasi insgeheim Vorsorge für den Tag X trifft, buhlt sie mit einem absurden Vorstoß um das Vertrauen der Bürger.

Im "Neuen Deutschland" erscheint ein vom Ministerium vorformuliertes "Interview". Darin stellt Rudi Mittig, 64, der momentan aussichtsreichste Kandidat für die Mielke-Nachfolge, die Stasi als eine Art Heilsarmee hin:
Der "totale Überwachungsstaat", das "allgegenwärtige Spitzelsystem" existieren nur in der Phantasie westlicher Medien. Das Ministerium für Staatssicherheit "überwacht" nicht das Volk, es arbeitet mit den Bürgern zusammen.
Doch die Bürger sind vom Glauben längst abgefallen. "Lügen haben kurze Beine", reimen Montagsdemonstranten, "Egon zeig, wie kurz sind deine."


Mehr als die zunehmenden Schmähungen bedrücken den Generalsekretär die Wirtschaftsdaten: Die ostdeutsche Republik hat Auslandsschulden von 49 Milliarden Valutamark. Um die Verschuldung zu stoppen, müsste der ohnehin dürftige Lebensstandard im nächsten Jahr um 25 bis 30 Prozent gesenkt werden. Das, weiß der SED-Chef, ist "politisch nicht zu verantworten".

Der längere Bericht geht hier weiter:
https://www.spiegel.de/spiegel/print/d-37861621.html
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Re: Wie die Menschen in der DDR die Mauern der Angst zu Fall brachten

Beitragvon andr.k » 30. April 2019, 17:01

Interessierter hat geschrieben:Das gebetsmühlenartige Schönreden und Bestreiten durch ehemalige, freiwillige Angehörige ( Diener dieser verbrecherischen Diktatur ) und jetzige User, bleibt auch heute noch einfach nur peinlich.


Peinlich sind deine immer wiederkehrenden Räuberpistolen. [hallo]
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Re: Wie die Menschen in der DDR die Mauern der Angst zu Fall brachten

Beitragvon Klaus B. » 30. April 2019, 19:19

Zum Thema: Natürlich war es zu jener Zeit normal, dass die "öffentliche" Meinung ganz gewaltig von den geäußerten Privatmeinungen z.B. im Familienkreis abwichen... Ich erinnere mich noch, dass es 1988 und 1989 auch Gerede gab, wohin soll das alles führen? Allerdings wurden die Menschen im Sommer 1989 lauter, dass es nicht mehr zu halten sei, aber was dann? Natürlich hatte man Angst und Ungewissheit, täglich diese Bilder aus Ungarn und Österreich, die Besetzungen der Botschaften usw.
Trotz allem bleibt es eine historische Wahrheit, dass erst relativ wenige Leute protestierten, dann mehr und mehr, zeitweise von VP u.ä. verprügelt und/oder zugeführt, ihren Unmut verkündeten.
Dann ergab sich wohl doch, das weiß wohl heute kaum noch einer, eine Welle des Herausbrechens des Protestes gegen die schreiende Unmenschlichkeit des mit aggressiven Mitteln erhaltenen Machtapparates, dessen Basis, die SED-Mitglieder und das Volk diesem Machtapparat seine Legitimation entzogen haben...

Auch ich bleibe dabei, dass die Mehrheit der Menschen in der DDR durch ihren kollektiven Mut dieses verkrustete inhumane System zu Fall gebracht hat.

VG Klaus B. [wink]
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Re: Wie die Menschen in der DDR die Mauern der Angst zu Fall brachten

Beitragvon Interessierter » 16. Mai 2019, 11:44

Auf der Suche nach der schweigenden Mehrheit Ost

Die geheimen Infratest-Stellvertreterbefragungen und die DDR-Gesellschaft 1968–1989


1.Volksmeinung und ihre Erforschung
2.Das Infratest-Programm: Zur Geschichte einer Wissensform
3.Einstellungen im Systemvergleich
4.Lebensperspektiven zwischen Gleichheit und Gerechtigkeit
5.Informationsressourcen und Mediennutzungsverhalten
6,Politikdistanz versus innere Demokratisierung – Haltungen zum »Politischen«
Ausblick


Anmerkungen

1. Volksmeinung und ihre Erforschung

Konrad H. Jarausch hat in seiner Analyse des geteilten Nachkriegsdeutschlands den Wandel der Wertorientierungen in der deutschen Bevölkerung in den Mittelpunkt gestellt und nach den ebenso widersprüchlichen wie langfristigen Prozessen innerer Demokratisierung gefragt.[1] Während diese Entwicklungen für Westdeutschland auf der Basis einer breiten und vielfältigen Forschungslandschaft zu analysieren sind, steht die Untersuchung von Wertorientierungen in der DDR-Gesellschaft vor grundlegenden methodischen Schwierigkeiten. Wie Jarausch herausarbeitet, war zwar die Ausgangslage der auseinanderdriftenden Gesellschaften von vielen gemeinsamen postfaschistischen Hypotheken geprägt.

Die Angebotssituation für eine Neuorientierung war aber von einer grundlegenden Asymmetrie geprägt. Die ostdeutschen Werte eines Aufbaus des Sozialismus nach sowjetischem Vorbild erwiesen sich zunehmend als trügerisch und wirkten auf Dauer über eine Minderheit des systemloyalen SED-Milieus hinaus bestenfalls im Hinblick auf einzelne Elemente überzeugend, nicht aber als in sich geschlossene Weltanschauung. Mit dem fürsorgediktatorischen Angebot der 1970er-Jahre gingen durchaus attraktive Werte wie Egalitarismus und soziale Sicherheit ins Rennen.[2] Von früh an entwickelte allerdings der westliche Wertekanon Sogkraft in den Osten, sei es in Bezug auf politische Orientierungen, Populärkultur oder Ansprüche an Konsumstandards und Lebensqualität. Zugleich wirkten obrigkeitsstaatliche Traditionen in der autoritär-paternalistischen politischen Kultur des Parteistaates fort. Über das Zusammenspiel und den Wandel in den Mischungsverhältnissen dieser Wertorientierungen fehlt es an belastbarem Wissen.

Einen deutlichen Kulminationspunkt hatte die »Umkehr« im Falle der DDR in der demokratischen Revolution von 1989, also einer Demokratisierung nicht auf der Basis langwieriger und zunächst aufgezwungener Umerziehung wie im Westen, sondern in Form eines aus eigener Kraft und Überzeugung gespeisten Umsturzes der Diktatur. Dieses Faktum erfüllt einige seiner Akteure und Chronisten mit Stolz gegenüber den Nutznießern der geschenkten Demokratie im Westen.[3] Gleichwohl ist es ausgesprochen schwierig, diesen zeitlich langen Weg nachzuzeichnen, was die inneren Einstellungen zu Fragen von Demokratie, politischen Wertorientierungen und Haltungen zur Politik in der DDR-Bevölkerung anbelangt.

Der sichtbarste Pfad ist die Entstehung von zivilgesellschaftlichen Strukturen und Kommunikationsformen in den Oppositionsgruppen der DDR sowie in der evangelischen Kirche.[4] Vieles spricht aber dafür, dass die Haltungen und Positionen dort nicht identisch waren mit denen der breiten Bevölkerung. Erst im Sommer 1989 verknüpften sich die Handlungsstränge von organisierter Opposition, Ausreisebewegung und größeren Bevölkerungsgruppen, die offenkundig von unterschiedlichen Wertpräferenzen aus agiert hatten.

[5] Dies zeigen nicht nur die fortgesetzten Konflikte zwischen Dissidenten und Ausreiseantragstellern, sondern auch die erneute Aufspaltung der revolutionären Bewegung nach der Maueröffnung sowie die anschließende Marginalisierung der organisierten Dissidenten und ihrer Dritter-Weg-Konzepte. Die historische Forschung steht daher vor der Aufgabe, die tatsächlichen Werthaltungen der lange Zeit »schweigenden Mehrheit« genauer zu untersuchen und auf die subkutanen Potentiale abzuklopfen, die Ende der 1980er-Jahre in Handlungswillen und Handlungsmacht umschlugen und der Demokratiebewegung die Richtung gaben.

Das Bild dazu ist noch immer rätselhaft: Die DDR-Bevölkerung scheint im Vergleich zur lebendigen Protestkultur in Polen oder dem schleichenden Systemwandel in Ungarn sehr lange stillgehalten zu haben, dann aber den Sturz des kommunistischen Regimes entschlossen angegangen zu sein. Und eben diese »schweigende Mehrheit« gab bekanntlich mit dem Wahlergebnis von 18. März 1990 ein klares Votum für einen schnellen, geradezu überstürzten Beitritt zur Bundesrepublik, vertrat allerdings in wenig später erstellten Meinungsumfragen mit ebenso breiter Mehrheit die Aussage »Der Sozialismus ist eine gute Sache, die nur schlecht ausgeführt wurde« – und daran hat sich in Ostdeutschland bis heute nichts geändert.

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