Als Rostock die Stasi-Bastille stürmte

Alle Themen die eine Bezug zur Wende und Grenzöffnung haben. Persönliche Erlebnisse, Gedanken aus dieser Zeit, Dokumente und ähnliches.

Als Rostock die Stasi-Bastille stürmte

Beitragvon Interessierter » 28. Februar 2017, 13:10

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„Nie wieder MfS egal unter welchen Namen!“, forderten im Dezember 1989 die Demonstranten in Rostock. Am 4. stürmten sie die Stasi-Zentrale
Quelle: Roland Hartig

Am 4. Dezember 1989 besetzten Bürgerrechtler in verschiedenen Städten der DDR die Filialen des SED-Geheimdienstes. Als wohl einziger West-Journalist war ein „Welt“-Redakteur unmittelbar dabei.


Der Rauch. Es war der Rauch, der die Situation in Bewegung brachte. Schon seit Tagen, teilweise seit Wochen rauchte es überall in der DDR aus Schornsteinen auf den meist weitläufigen Arealen des Ministeriums für Staatssicherheit, in der Zentrale in Ost-Berlin ebenso wie in den meisten der 16 Bezirksverwaltungen. Akten wurden vernichtet, denn die Geheimpolizisten wollten möglichst viele Beweise für ihre Vergehen beseitigen, bevor ihnen die Kontrolle über Ostdeutschland vollends entglitt.

Doch das Gegenteil trat ein: Die deutlich sichtbaren Vernichtungsbemühungen brachten Bürgerrechtler erst richtig in Wallung. Anfang Dezember 1989 war das Maß voll: In Erfurt, Leipzig und einigen anderen Städten wurden die Filialen des Repressionsapparats nachmittags friedlich umlagert, dann abends besetzt und meist von Militärstaatsanwälten versiegelt.

Offenbar war nur ein einziger westdeutscher Journalist bei einer dieser ersten Besetzung anwesend: Der „Welt“-Redakteur Dankwart Guratzsch hielt sich gerade in der Hansestadt Rostock auf. Er ging mit zur August-Bebel-Straße 15, wo die Staatssicherheit in einem alten Gerichtsgebäude und mehreren Neubauten residierte. Am folgenden Morgen gab er seine Reportage telefonisch an die Redaktion in Bonn durch, am 6. Dezember 1989 erschien der Text in der „Welt“. Zum 25. Jahrestag dokumentieren wir diesen Artikel in neuer Rechtschreibung, ansonsten aber unverändert.

Wir lassen keinen mehr dort raus, bis nicht die Akten sichergestellt sind

„Ich fahre jetzt zur Stasi!“ Rabenschwarze Finsternis auf Rostocks Altem Markt. Der Trabi-Fahrer mit der Schirmmütze hat extra noch einmal die Fahrertür aufgemacht, um den wildfremden Passanten über sein Vorhaben zu informieren. Der glaubt seinen Ohren nicht zu trauen. „Wie bitte?“ Der Mann steigt aus, zieht ein Schreiben aus seiner Tasche: „Offener Brief an das Amt für Nationale Sicherheit, August-Bebel-Straße, Rostock. „Wenn eine Regierung das Vertrauen ihres Volkes gewinnen will, muss sie aufhören, das Volk zu kontrollieren. Dem Nachfolger von Herrn Mielke wurden in Berlin nur zwei leere Panzerschränke übergeben. Damit auch hier in Rostock die Panzerschränke leer werden, bitten wir Sie, uns zum Nikolaustag 1989 unsere ,Stasi-Akten‘ zu übersenden.“ Unterschrieben von Reinhard Haase und Reinhard Wegener.

Vorausgegangen war ein Aufruf: „Zur Verhinderung von Absetzbewegungen und Verschleierungsversuchen in Berlin“. Er war nach der Flucht von Staatssekretär Schalck-Golodkowski von Oppositionsgruppen verfasst und von Regierungssprecher Meier und Volkskammerpräsident Maleuda ausdrücklich begrüßt worden. Aber dass er nun auch auf Einrichtungen des gefürchteten Staatssicherheitsdienstes angewendet werden sollte, das war von den „Neuen Bewegungen“ in Rostock selbstständig und impulsiv am Nachmittag beschlossen worden.

„Wir fahren jetzt dahin und bilden mit anderen eine Menschenkette“, sagt der Mann. „Wir lassen keinen mehr dort raus, bis nicht die Akten sichergestellt sind.“ „Wie findet man denn aber dieses Haus?“, will der Passant wissen. Reinhard Haase sagt: „Das kennt doch in Rostock jedes Kind.“

In der August-Bebel-Straße liegt der Eingang des Stasi-Gebäudes in gleißendes Scheinwerferlicht getaucht. An die 100 junge, aber auch grauhaarige Menschen, darunter auffällig viele Frauen, blockieren die Türen. Sie halten Kerzen in den Händen. Plakate lehnen an Hauswänden und Hecken: „Neues Forum. Mahnwache gegen die Vernichtung von Beweismitteln“ und „Schließt euch an“, lauten die Losungen. Autos fahren hupend vorbei. Aus einem Wagen der Stadtreinigung steigt ein Mann, er stellt das orangerote Blinklicht an. Hinter den abgedunkelten Fenstern rührt sich nichts. „Braucht ihr Verstärkung?“, fragt eine Dame. Sie hat soeben im Konzert von der Aktion gehört. Ein Herr mischt sich ein: „Auch im Theater ist ein Aufruf verlesen worden. Da werden noch viele kommen, wir sind die Ersten“, vermutet er.

Weiter geht es hier:
https://www.welt.de/geschichte/article1 ... ermte.html

Eine wunderbare Erinnerung an das extrem mutige Verhalten der Rostocker Bürger.... [bravo]
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Re: Als Rostock die Stasi-Bastille stürmte

Beitragvon Werner Thal » 28. Februar 2017, 16:00

Und ob jedem Kind dieser Gebäudekomplex von Außen bekannt war, er lag ja fast im Zentrum
von Rostock. Ironischerweise sprach ich hin und wieder mit nahen Kollegen von der diesem
Komplex umgebenden "Bannmeile", die es tunlichst zu meiden galt!

Aber ab Oktober 1989 änderte sich die Situation schlagartig - die Abneigung wich dem
aufrechten Gang - immer donnerstags - an dem Gebäude vorbei!

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Re: Als Rostock die Stasi-Bastille stürmte

Beitragvon karnak » 28. Februar 2017, 16:18

Werner Thal hat geschrieben:Und ob jedem Kind dieser Gebäudekomplex von Außen bekannt war, er lag ja fast im Zentrum
von Rostock. Ironischerweise sprach ich hin und wieder mit nahen Kollegen von der diesem
Komplex umgebenden "Bannmeile", die es tunlichst zu meiden galt!

.

Das Bekanntsein kann nicht so bedeutend sein wenn draußen die Firma dransteht, mit Sprechzeiten übtigens [flash]
Was die "Bannmeile" angeht, Du erzählst einfach nur Quatsch, was nicht so schlimm wäre, würdest Du das nicht vorsätzlich tun.
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Re: Als Rostock die Stasi-Bastille stürmte

Beitragvon Werner Thal » 28. Februar 2017, 16:23

Zu deiner Entlastung seis geschrieben: In DEN Rostocker Verhältnissen kennst und kanntest
du dich - schlichtweg - gar nicht aus! "Quatsch" entstammt deiner Denkweise!

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Re: Als Rostock die Stasi-Bastille stürmte

Beitragvon karnak » 28. Februar 2017, 16:28

Ich glaube aber nicht, dass in der zentralisierten DDR und Stasi die Dinge von Ort zu Ort so massiv anders gewesen sein sollen, die ausgehängten Schilder schon mal gar nicht.
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Re: Als Rostock die Stasi-Bastille stürmte

Beitragvon Dr. 213 » 28. Februar 2017, 20:02

Werner Thal hat geschrieben:Und ob jedem Kind dieser Gebäudekomplex von Außen bekannt war, er lag ja fast im Zentrum
von Rostock. Ironischerweise sprach ich hin und wieder mit nahen Kollegen von der diesem
Komplex umgebenden "Bannmeile", die es tunlichst zu meiden galt!

Aber ab Oktober 1989 änderte sich die Situation schlagartig - die Abneigung wich dem
aufrechten Gang - immer donnerstags - an dem Gebäude vorbei!

W.T.


"jedem Kind......."
In meinem Fall trifft das sogar zu 100 Prozent zu.
Ich war damals Kind und man glaubt es kaum, genau bei dem Kundeneingang der BV der Stasi,
auf der anderen Strassenseite war mein erster Kindergarten in einer grauen Holzbaracke.
Was genau Stasi bedeutete war mir als vielleicht 4- jähriger Bub natürlich noch nicht so bekannt.

Eines muss ich aber noch anmerken.
So wie ich es erinnere, sprach man immer über die "Hermannstrasse" wenn man Stasi meinte.
Der Eingang August- Bebel Strasse, also dort wo die Demo und die vielen Kerzen waren, war sonst immer wie verwaist.
Ich kann mich nicht erinnern, daß dort Betrieb war. Nur der Wachposten stand zuverlässig immer gleich links um die
Ecke Wache. Und es gab Videokameras in unübersehbar großen Gehäusen.
Also so groß war das Bedürfnis nicht, dort ungefragt mal aufzuschlagen. Dahin verirrten sich nichmal Besoffene.

Gruß
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Re: Als Rostock die Stasi-Bastille stürmte

Beitragvon andr.k » 28. Februar 2017, 22:56

Dr. 213 hat geschrieben:Und es gab Videokameras in unübersehbar großen Gehäusen.
Also so groß war das Bedürfnis nicht, dort ungefragt mal aufzuschlagen. Dahin verirrten sich nichmal Besoffene.


Du hast doch wohl nicht geluschert, oder? [flash] Die Kameras kenne ich auch.
#2860(Minus "automatische Löschfunktion")

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Re: Als Rostock die Stasi-Bastille stürmte

Beitragvon Interessierter » 30. November 2017, 11:58

Stasi - Akteneinsicht in Rostock - "Ein falscher Schritt, und Sie wären abgestürzt"

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An einem Sonntag im Juli 1990 begegnen wir beim Familienspaziergang in Rostock unserem Bekannten Joachim Gauck, seit wenigen Monaten Volkskammerabgeordneter von Bündnis 90/Die Grünen. Er erzählt von seiner Tätigkeit als Vorsitzender im Sonderausschuss zur Auflösung der Stasi. Sie wollen, so erläutert er, den Aktenbestand sichern und zugänglich machen. Es gebe aber Bestrebungen der Bundesrepublik, die Akten verschwinden zu lassen. Gauck rät uns, schon mal einen formlosen Antrag zu stellen, um Druck zu machen. Er gibt uns seine Adresse, wir spazieren weiter.

Kurz darauf beantrage ich tatsächlich Akteneinsicht. Um Druck zu machen, nicht weil ich glaube, wirklich etwas zu finden. So kurz nach der Wende gibt es Dringenderes als Hinterlassenschaften des Spitzelministeriums: Für meine Familie steht die Welt Kopf. Wir müssen in einer total veränderten Welt eine neue Existenz aufbauen. Erst 1999 erinnere ich den Außenstellenleiter der Gauck-Behörde an meinen Antrag. Die Antwort: Ja, es gibt tatsächlich eine Akte.

Termin bei der Rostocker Außenstelle des "Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik": Eine Mitarbeiterin leitet mich über den Flur des ehemaligen Stasigebäudes in ein karges Lesezimmer zur Rechtsbelehrung. Sie legt eine recht schmale Akte auf den Tisch und sagt mit ernstem Gesicht, mein Leben in der DDR sei ein Balanceakt auf einem Hochseil gewesen: "Ein falscher Schritt, und Sie wären abgestürzt!" Sogar Anbahnungsgespräche seien schon geplant gewesen, um mich als IM, als inoffiziellen Mitarbeiter, zu gewinnen. Aber dazu kam es nicht mehr.

Weiter mit dem Bericht und 27 Fotos geht es hier:
http://www.spiegel.de/einestages/stasi- ... 76369.html
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