Affenbrot in der Bundesrepublik

Affenbrot in der Bundesrepublik

Beitragvon Interessierter » 20. August 2017, 11:42

In den 1950er Jahren wohnten wir im Norden Hamburgs, in einer neu errichteten Siedlung.
Wie es in Neubaugebieten auch heute noch üblich ist, wurde zuerst Wohnraum geschaffen, die notwendige Infrastruktur erst Jahre später. Die nächste Schule war zum Beispiel sechs Kilometer entfernt, einen Bäcker oder Krämer gab es auch nicht in der Nähe.

Diese Versorgungslücke war aber für den örtlichen Handel die Chance zum Geldverdienen. Ein Lebensmittelhändler, der einen halben Kilometer von der Siedlung entfernt einen kleinen Lagerraum hatte, kam regelmäßig mit seinem zweirädrigen Handwagen und verkauft hier die dringend benötigten Grundnahrungsmittel. So ein Gefährt wurde als Schottsche Karre
bezeichnet, hatte eine eineinhalb Quadratmeter große Ladefläche, eine Achse mit metergroßen, eisenbereiften Holzspeichenrädern und cirka zwanzig Zentimeter hohen Bordwänden. Die Karre wurde an zwei Holmen geschoben oder gezogen, wobei ein breites Band, quer über die Brust gelegt und mit der Karre verbunden, das Ziehen sehr erleichterte. Zwei hohe Eisenbügel dienten zum Abstellen der Karre. Über die Waren war eine Plane gezogen, die vor Nässe und Staub schützte.

Die Straße, in der wir wohnten, war nur notdürftig befestigt. Man hatte den schwarzen Humus mit einem Bagger ausgehoben und in die entstandene Vertiefung den Trümmerschutt aus der Innenstadt geschüttet. Ich erinnere mich an eine schnaufende Dampfwalze, die den Schutt verfestigte und dabei schwarze Wolken aus ihrem Schornstein ausstieß. Für uns Kinder eine Attraktion!

Der Regen wusch im Laufe der Zeit den Schutt so aus, dass die zerbrochenen roten Ziegelsteine kreuz und quer aus der Oberfläche schauten, weil die feinen Bestandteile des Schutts in die Hohlräume zwischen den groben Steinen gespült wurden.

Wenn der Kaufmann Heise mit seiner Karre kam, hörte man das Rumpeln der eisenbereiften Räder schon von weitem. Er stellte die Karre ab und läutete mit einer Handglocke, um auf sich aufmerksam zu machen.

Die Plane hatte er zurückgeschlagen und seine Waage mit den Gewichten, sowie seine Geldkassette aufgestellt. Mehl, Zucker und Salz wurden mit einer kleinen Schaufel aus dem Vorratsbehälter in Papiertüten gefüllt und abgewogen. Es gab die alltäglich benötigten Lebensmittel und die im Haushalt ständig benötigten Sachen, mehr passte auch nicht auf die Karre.

Mit dem Zeitzeugenbericht geht es hier weiter:
http://www.ewnor.de/hk/270_hk.php

Die später noch erwähnten Dreirad - Lieferwagen gab es, wenn ich mich recht erinnere - von den Firmen Tempo und Goliath. Ob es ähnlich Dreirad - Lieferwagen auch in der DDR gab, weiß ich nicht?

Bild
Auch aus Steinen die einem in den Weg
gelegt werden,
kann man was schönes bauen
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Re: Affenbrot in der Bundesrepublik

Beitragvon augenzeuge » 20. August 2017, 12:05

Ja, es gab Dreirad Autos in der DDR. Ein Onkel von mir fuhr in den 60er Jahren einen Framo. Das war ne Marke aus Sachsen, später Barkas.

AZ
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Re: Affenbrot in der Bundesrepublik

Beitragvon Volker Zottmann » 20. August 2017, 12:26

Nein Wilfried,
die wenigen Dreiräder die einst auch hier fuhren waren allesamt Vorkriegsmodelle.

Gruß Volker
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Re: Affenbrot in der Bundesrepublik

Beitragvon Volker Zottmann » 20. August 2017, 12:27

augenzeuge hat geschrieben:Ja, es gab Dreirad Autos in der DDR. Ein Onkel von mir fuhr in den 60er Jahren einen Framo. Das war ne Marke aus Sachsen, später Barkas.

AZ

Donnerwetter, habe ich nie gesehen. [shocked]

Volker
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Re: Affenbrot in der Bundesrepublik

Beitragvon pentium » 20. August 2017, 12:36

Kleiner Erklärbär:

Framo war eine sächsische Automobilmarke, die ab 1927 Kleintransporter, später auch kleine PKW herstellte. Der Name Framo leitet sich von der ursprünglichen Produktionsstätte Frankenberg (bis 1933) ab. Nach dem Zweiten Weltkrieg setzte die IFA unter dieser Marke die Produktion von Kleintransportern fort. 1957 erfolgte die Umbenennung in VEB Barkas-Werke Hainichen, kurz darauf wurde der Betrieb von Hainichen nach Karl-Marx-Stadt verlegt und ging dabei in einem Zusammenschluss mehrerer Werke, den VEB Barkas-Werken Karl-Marx-Stadt auf.
https://de.wikipedia.org/wiki/Framo

Man beachte die späteren Modell, dass waren keine "Dreiräder" mehr....

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