Das DDR-Hausbuch

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Beitragvon augenzeuge » 17. September 2010, 11:39

Besucher aus der DDR, die länger als 3 Tage blieben, mussten sich beim Hausbuchbeauftragten melden und wurden ins Hausbuch eingetragen. Besucher von außerhalb der DDR mussten innerhalb von 24 Stunden eingetragen werden.

Beim besuchsweisen Aufenthalt war neben dem Namen der Person das Geburtsdatum, die Staatsbürgerschaft, die zur Zeit ausgeübte Tätigkeit, die Anschrift der Hauptwohnung, der Name des Besuchten, der Zeitraum des Besuchs sowie die eventuelle An- und Abmeldung bei der Volkspolizei (DVP) einzutragen. Besucher von außerhalb der DDR mussten zusätzlich das Datum des Grenzübertrittes eintragen lassen. Die Meldung bei der DVP musste von Nicht-DDR-Bürgern innerhalb von 24 Stunden erfolgen. DDR-Bürger mussten sich bei der DVP melden, wenn der Besuchszeitraum 30 Tage überschritt.



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Re: Das DDR-Hausbuch

Beitragvon SkinnyTrucky » 17. September 2010, 11:48

Naja, so sollte es wohl sein....aber wer hat das denn schon gemacht AZ...??? Ich hab sowas nie erlebt....unser Hausbuch bei meinen Ellies blieb weitesgehend leer....bis auf die Buchstaben, die dort eh reingedruckt waren.....

groetjes Cusago

Mara
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Re: Das DDR-Hausbuch

Beitragvon augenzeuge » 17. September 2010, 12:32

Oh, Mara, ich kenne es nur so, dass es gemacht wurde. Ich habe als Kind in einem Neubaublock gewohnt, und konnte so immer lesen, wer Westbesuch hatte und was die beruflich gemacht haben,fand es immer interessant. [grins]

Inwieweit das kontrolliert wurde, weiß ich nicht.....aber IM's werden das schon erfasst haben... [flash]

AZ
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Re: Das DDR-Hausbuch

Beitragvon Bushmaster » 17. September 2010, 12:35

Sehe ich genauso wie Mara. Die Meldearie der Westverwandtschaft ist mir noch gut in Erinnerung, auch das ein Hausbuch existierte. Aber ich kann mich nicht erinnern, dass wir da jemand zur Eintragung gebracht haben.

Wie war denn das rechtlich geregelt? Waren die Meldepflichten nicht mit der polizeilichen Meldung erledigt? Oder war eine unterlassene Eintragung im Hausbuch irgendwie strafbewehrt?

Was war überhaupt mit Einfamilienhäusern? Hatten die auch so ein Hausbuch zu führen?
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Re: Das DDR-Hausbuch

Beitragvon karl143 » 17. September 2010, 13:54

Ich kenne das auch noch. Wenn ich als Kind mit meiner Oma in Ostberlin zu Besuch war. Ich kann mich erinnern, kurz nachdem wir angekommen waren, klingelte es und ein älterer Mann kam vorbei. Das ist eben in einem "Arbeiter- und Bauernstaat" so. Das war ja Anfang der 60er Jahre. Blieb das Verfahren eigentich bis zum Ende der DDR so?
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Re: Das DDR-Hausbuch

Beitragvon icke46 » 17. September 2010, 13:58

Zu der Frage mit den Einfamlienhäusern:

nach §14 in

http://www.verfassungen.de/de/ddr/meldeordnung65.htm

waren die Hausbücher in jedem Haus in Gemeinden über 5000 Einwohnern zu führen. Von daher sollte das eigentlich auch für Einfamilienhäuser gelten, zumindest nach dem Gestzbuch - ob es so war, entzieht sich meiner Kenntnis [wink] .

Gruss

icke

Kleine Ergänzung zur Nachfrage von Karl:

http://de.wikipedia.org/wiki/Hausbuch_%28DDR%29
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Re: Das DDR-Hausbuch

Beitragvon SkinnyTrucky » 17. September 2010, 14:02

augenzeuge hat geschrieben:......und konnte so immer lesen, wer Westbesuch hatte und was die beruflich gemacht haben,fand es immer interessant. [grins]

Inwieweit das kontrolliert wurde, weiß ich nicht.....aber IM's werden das schon erfasst haben... [flash]


Hahahaha AZ.....an dir is auch ein IM verloren gegangen was.....

groetjes

Mara, die in einem Eigenheim großmaltretiert wurde.....
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Re: Das DDR-Hausbuch

Beitragvon SkinnyTrucky » 17. September 2010, 14:14

Ja Karl, selbst Eigenheime hatten das....aber es blieb leer.....und nun nich denken, das wir nie Besuch hatten he.... [flash]

groetjes

Mara
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Re: Das DDR-Hausbuch

Beitragvon manudave » 17. September 2010, 15:32

Da mir das Thema völlig unbekannt ist, hab ich mal meine Mutter hierzu befragt.

Wir hatten mit dem Hausbuch nichts zu tun - niemand fragte nach Einträgen oder den Gästen.
Mum meinte: "Warum auch? Wäre doppelt gemoppelt gewesen."
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Re: Das DDR-Hausbuch

Beitragvon augenzeuge » 17. September 2010, 15:36

SkinnyTrucky hat geschrieben:Ja Karl, selbst Eigenheime hatten das....aber es blieb leer.....und nun nich denken, das wir nie Besuch hatten he.... [flash]

groetjes

Mara



haha, Mara....bei euch haben das Buch wohl andere geführt...... [grins]

AZ [wink]
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Re: Das DDR-Hausbuch

Beitragvon S51 » 17. September 2010, 16:14

Wir haben ein Eigenheim und hatten zu DDR-Zeiten auch ein Hausbuch. Ich glaube, einmal im Jahr kam der ABV vorbei und hat reingeguckt. Damit so etwas nicht mal schiefging, hat er seinen Besuch immer etwa eine Woche vorher angekündigt, auch in der Nachbarschaft. So ging dann, wenn man doch etwas schludrig war, das Rätselraten im Familienkreis los. Nach dem Motto "Wann waren sie eigentlich da?"
Die Einträge mussten ja halbwegs mit jenen beim Meldeamt zusammenpassen. Jedenfalls bei Westbesuchen. Ansonsten war es eigentlich egal, mußte nur eben etwa hinkommen.
Theoretisch konnte es ein Bußgeld setzen, wenn etwas nicht richtig war. Ich kann mich aber nicht erinnern, dass es uns je getroffen hätte.
Später bei der Polizei habe ich Hausbücher kontrolliert, wenn es darum ging, wo und wie lange bekannte Einbrecher sich im Bereich aufhielten. Das war dann theoretisch wichtig für Alibis oder Weg-/Zeitdiagramme aber aus eigener Erinnerung habe ich dem immer ein gesundes Mißtrauen entgegengebracht. Bei Nachprüfungen hat es dann eigentlich auch fast nie gestimmt. Doch konnte man anhand der Eintragungen dann recht gut peilen, wer wen gedeckt hat oder das zumindest versuchte.
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Re: Das DDR-Hausbuch

Beitragvon CaptnDelta » 8. Oktober 2010, 23:51

icke46 hat geschrieben:Zu der Frage mit den Einfamlienhäusern:
nach §14 in
http://www.verfassungen.de/de/ddr/meldeordnung65.htm
waren die Hausbücher in jedem Haus in Gemeinden über 5000 Einwohnern zu führen. Von daher sollte das eigentlich auch für Einfamilienhäuser gelten, zumindest nach dem Gestzbuch - ob es so war, entzieht sich meiner Kenntnis [wink] .

Hi Icke,

Unser Dorf hatte nur 2000 Einwohner, und wir hatten ein Einfamilienhaus; trotzdem musste das Hausbuch gefuehrt werden. Das wurde bei uns auch ziemlich akribisch vom ABV kontrolliert, vor allem nachdem wir 1979 sowieso unter die permanente Kontrolle des "Organs" kamen. Den Luxus von "Ankuendigungen" durch den ABV hatten wir nicht, im Durchschnitt kam der bei uns einmal im Quartal oder so (anscheinend konnte der sich nicht soviele Besuche merken). Kann allerdings auch sein das er sich wieder mal bei uns umsehen wollte, nachdem er einer der ergiebigsten Zutraeger fuer die Stasi in unserer Sache war.

Das andere waren die Anmeldungen der Westgaeste bei der DeeVauPee. Nachdem denen ihre Oeffnungszeiten so aehnlich gelagert waren wie die Audienzen beim Papst (irgandwann mal mitten am Tag fuer 'ne halbe Stunde) war natuerlich der Anmeldetag groesstenteils futsch, um irgendwas zu unternehmen. Wenn ich mich richtig erinnere gab's sogar Mitte der 70er noch eine Abmeldepflicht, falls Westgaeste laenger als einen gewissen Zeitraum (2 Wochen?) dageblieben waren, das heisst es waren dann zwei Urlaubstage futsch, und man durfte sich 2x mit den Schnoeseln beim VPKA langweilen.

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Re: Das DDR-Hausbuch

Beitragvon Edelknabe » 9. Oktober 2010, 12:31

Hallo zusammen, ich schrieb im alten Forum zum selben Thema einmal sinngemäß: Wir wohnten seit 1977 in einem Gründerzeithaus in Leipzig mit privater Hausverwaltung, meine Aufgabe war die des Hausmeisters/ Hausobmann...hieß, von 50.ooMark Monatsmiete bekamen wir 25.00Mark der DDR für diese Aufgabe zurück.
In diesen "13 Jahren" wurde...ich habe vorsichtshalber gerade meine Frau nochmal gefragt, also das Hausbuch wurde in diesem Zeitraum 1X kontrolliert?
Ein Schelm, der da an "flächendeckende Überwachung durch das Ministerium für Staatssicherheit dachte?"
Und die Fluktuation, auch ausländischer Bürger(Studenten; Vertragsarbeiter, sonstige junge Mitmenschen" war recht rege in diesem Zeitraum.Ich wiederhole, ein Schelm....? Soviel zur recht unkomplizierten DDR.

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Re: Das DDR-Hausbuch

Beitragvon Affi976 » 9. Oktober 2010, 14:04

@all,
in dem Haus, in dem wir heute wohnen, sind wir 1988 eingezogen, allerdings in einer anderen Wohnung. Die damalige Hausbuchführerin, ist meine heutige Nachbarin und die war die Chefin der VP Meldestelle im VPKA unserer Stadt. Da nun ich mich nicht ins Hausbuch eintrug, meine Familie allerdings und ich aber auch andere eingetragene Wohnsitze hatte, kam die Dame natürlich desöfteren und klagte, dass sie, sollte ich mich nicht eintragen, erheblichen Ärger bekäme. Ich hab`s bis zur Wende durchgehalten mich nicht einzutragen. Heute können wir darüber lachen, damals war es ihr nicht einerlei, die Stasi hätte ihr immer wieder auf die Füße getreten, dass der Herr R. sich denn nun endlich einträgt.
Also man kanns nehmen wie man will, es wird/wurde nicht alles so heiss gegessen, wie`s gekocht wird und es kommt auch drauf an, wer kocht!!!! [wink]
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Re: Das DDR-Hausbuch

Beitragvon Berliner » 16. Oktober 2010, 03:25

S51 hat geschrieben:Später bei der Polizei habe ich Hausbücher kontrolliert, wenn es darum ging, wo und wie lange bekannte Einbrecher sich im Bereich aufhielten. Das war dann theoretisch wichtig für Alibis oder Weg-/Zeitdiagramme aber aus eigener Erinnerung habe ich dem immer ein gesundes Mißtrauen entgegengebracht. Bei Nachprüfungen hat es dann eigentlich auch fast nie gestimmt. Doch konnte man anhand der Eintragungen dann recht gut peilen, wer wen gedeckt hat oder das zumindest versuchte.


S51s Worte leuchten ein. Also, Hausbuecher helfen um Verbrecher zu fassen.

Gab es auch andere Gruende oder ein bestimmtes Konzept hinter der Fuehrung dieser Buecher ? [ich auch]

Danke, [hallo]
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Re: Das DDR-Hausbuch

Beitragvon S51 » 17. Oktober 2010, 21:44

Berliner hat geschrieben:...
Gab es auch andere Gruende oder ein bestimmtes Konzept hinter der Fuehrung dieser Buecher ? [ich auch]

Danke, [hallo]
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Von der Theorie her war das Prinzip Hausbuch für Kontrollfreaks schlüssig. Man, sprich der Staat hätte im Nachhinein immer feststellen können, wer sich wann wo aufhielt. Der Grund für diese spätere Kontrolle war dafür nicht wichtig.
Praktisch ist es wie mit allen anderen Gesetzen auch. Die wirken bei jenen, die sich an Gesetze halten und Sanktionen daraus deshalb nicht fürchten müssen. Bei jenen jedoch, die sich sowieso nicht daran halten, eben nicht oder allenfalls durch dummen Zufall. Den jedoch sollte man nie unterschätzen.
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Re: Das DDR-Hausbuch

Beitragvon Berliner » 19. Oktober 2010, 04:43

Hallo S51, vielen Dank. [rose]

S51 hat geschrieben:Von der Theorie her war das Prinzip Hausbuch für Kontrollfreaks schlüssig. Man, sprich der Staat hätte im Nachhinein immer feststellen können, wer sich wann wo aufhielt. Der Grund für diese spätere Kontrolle war dafür nicht wichtig.
Praktisch ist es wie mit allen anderen Gesetzen auch. Die wirken bei jenen, die sich an Gesetze halten und Sanktionen daraus deshalb nicht fürchten müssen. Bei jenen jedoch, die sich sowieso nicht daran halten, eben nicht oder allenfalls durch dummen Zufall. Den jedoch sollte man nie unterschätzen.


kennst Du einen Fall, wo dieser Zufall im Bezug auf das Hausbuch eine grosse Rolle spielte ? [ich auch]

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Re: Das DDR-Hausbuch

Beitragvon S51 » 19. Oktober 2010, 17:46

Hallo Berliner,

Eine der Hauptaufgaben eines frischen Kripoaspiranten, der ich damals war, war das "Klinkenputzen". Wenn in einem bestimten Bereich eine Straftat zur Anzeige kam, dann waren es Leute wie ich, die in den Häusern der Umgebung die Nachbarn befragt, Hausbücher kontrolliert und Informationen gesammelt haben. Die Auswertung erfolgte dann am Abend oder noch später in der Arbeitsgruppe oder, war man allein angesetzt, auch allein für sich.
In Karlshorst ist es mir nach Einbruchserien dort in Gartenlauben nicht nur einmal gelungen, aus vorherigen Sachen bereits bekannte Täter zuzuordnen, nur weil sie:
- Einmal ausgerechnet am Tattag in das Hausbuch eingetragen wurden, obwohl sie behauptet hatten, dort nie gewesen zu sein.
- Einige Male sich die Hausbuchführer bei der Kontrolle derart verhaspelt und in Widersprüche verwickelt haben, dass ich durch nachhaken an nützliche Angaben unter anderem für Weg-/Zeitdiagramme herankam. Weg-/Zeitdiagramme waren aus heutiger Sicht primitive aber wirksame Mittel, mit denen man herausfinden konnte ob ein Alibi stimte oder nicht. Weil festzustellen war, ob ein bestimmter Weg in einer bestimmten Zeit zurückgelegt werden konnte oder nicht. Jemand zu dieser Zeit am behaupteten Ort sein konnte oder nicht.
Dazu muss man anmerken, dass viele dieser Täter ihre Aufenthaltsorte immer mal wechselten, um sich auch der Kontrolle zu entziehen.
Das liest sich nicht nur nüchtern und trocken, war es auch. Also eher nicht wie im Film.
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Re: Das DDR-Hausbuch

Beitragvon Berliner » 20. Oktober 2010, 04:43

Hallo S51, vielen Dank. [knuddel]

S51 hat geschrieben:Dazu muss man anmerken, dass viele dieser Täter ihre Aufenthaltsorte immer mal wechselten, um sich auch der Kontrolle zu entziehen.
Das liest sich nicht nur nüchtern und trocken, war es auch. Also eher nicht wie im Film.


gab es Faelle wo Taeter tatsaechlich in der DDR untertauchen konnten ? Das stelle ich mir schwierig vor... [denken]

Danke, [hallo]
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Re: Das DDR-Hausbuch

Beitragvon S51 » 21. Oktober 2010, 19:12

Berliner hat geschrieben:...gab es Faelle wo Taeter tatsaechlich in der DDR untertauchen konnten ? Das stelle ich mir schwierig vor... [...Berliner


Was sollte daran schwierig gewesen sein? Bitte, die DDR nicht gedanklich nach O. Wells Vorbild formen. Über 90 % der Bevölkerung war in dem was sie wann tat durch den Staat nicht beeinflusst. Dass man irgendwo gemeldet war, hieß nicht, dass man dort auch wirklich wohnte. Man konnte auch bei Verwandten oder, besser noch, bei Bekannten unterkommen, von denen die eigenen Familienmitglieder bestenfalls vielleicht nur den Spitznamen kannten.
So ähnlich lief es hier bei Tätern, die vor allem Eigentumsstraftaten begingen. Dazu brauchte und gab es für den Verkauf und Handel mit geklauten Waren eine Art Subkultur mit Bekannten da und dort. Das war kein Untertauchen wie im Film, weil man immer irgendwann wo auflief. Den Zusammenhang herzustellen war aber dann die Kunst an der Sache.
Unsere Kunden waren eher nicht jene, die als Vorbilder hätten dienen können. Das wußten sie auch und sahen keinen Grund, uns die Arbeit so leicht wie möglich zu machen. Irgendwie verständlich. Man kriegte sie alle, irgendwann, aber das konnte auch schon mal dauern.
Vermißte sind ein anderes Feld aber auch so etwas gab es in der DDR.
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Re: Das DDR-Hausbuch

Beitragvon Berliner » 24. Oktober 2010, 04:00

Hallo S51, vielen Dank. [knuddel]

S51 hat geschrieben:Bitte, die DDR nicht gedanklich nach O. Wells Vorbild formen.


war es nicht ein Ziel der sozialistischen Erziehung, dass sich die Menschen fuer ihre Gesellschaft interessiern und ggf. auch ein Vebrechen melden sollten ?

gab es nicht einen nicht unbetraechtlichen Teil der Bevoelkerung, die sich aktiv daran beteiligte dem Staat mit Informationen aus der Gesellschaft zu versorgen, u.a. auch ueber vermeintliche Verbrechen ?

Wenn Du mir sagst, dass die DDR kein Staat wie im Buch "1984" war, dann stimmt das. Die Frage waere dann, "wie hat sich die DDR von z.B. der Bundesrepublik unterscheidet, wenn es darum ging Informationen zur Aufklaerung eines Verbrechens zu sammeln ?"

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Re: Das DDR-Hausbuch

Beitragvon S51 » 24. Oktober 2010, 04:26

Berliner hat geschrieben:...war es nicht ein Ziel der sozialistischen Erziehung, dass sich die Menschen fuer ihre Gesellschaft interessiern und ggf. auch ein Vebrechen melden sollten ?

gab es nicht einen nicht unbetraechtlichen Teil der Bevoelkerung, die sich aktiv daran beteiligte dem Staat mit Informationen aus der Gesellschaft zu versorgen, u.a. auch ueber vermeintliche Verbrechen ?

Wenn Du mir sagst, dass die DDR kein Staat wie im Buch "1984" war, dann stimmt das. Die Frage waere dann, "wie hat sich die DDR von z.B. der Bundesrepublik unterscheidet, wenn es darum ging Informationen zur Aufklaerung eines Verbrechens zu sammeln ?"
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- Ziele müssen nicht erreicht werden. Nicht komplett und manche eben nur in der Theorie. Ich habe in der Praxis "Herr Wachtmeister, haben sie schon gehört..." zwischen Ost und West keinen wesentlichen Unterschied erlebt.
- Dieser "nicht unbeträchtliche Teil der Bevölkerung" hatte mit meiner Klientel so gar nichts zu tun. Allenfalls über die K I bekamen wir Unterstützung oder durch unsere Befragungen.
- Der eigentlich einzige Unterschied bestand darin, dass es noch viel weniger öffentliche Mitteilungen, Fahndungsaufrufe oder vergleichbares in der DDR gab. Kriminalität kam offiziell fast nicht vor. Beispielsweise gab es kein "XY-Unbekannt". Informationen gab es durch unsere Arbeit jedoch auch durch das MfS. Gerade bei öffentlichkeitswirksamen Straftaten wie Einbrüchen, Sexualtaten haben sie oft parrallel zu uns ermittelt und uns durch die K 1 dann Informationen zugearbeitet. Wesentlicher Unterschied war auch, dass die DDR ja keine wirklich offene Gesellschaft war. Irgendwann also traf ein Täter immer auf uns.
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Re: Das DDR-Hausbuch

Beitragvon S51 » 24. Oktober 2010, 17:26

Ich möchte dies ergänzen.
Anders als in der Bundesrepublik konnte ein Täter unsere Arbeit bestenfalls daran vor der Festnahme erkennen, dass ihm "Klinkenputzer" bei den Befragungen immer näher kamen. Da ich aber je nach Person, mit der ich mich unterhielt, keineswegs immer die tatsächlichen Gründe für diese oder jene Frage mitteilte, manchmal in einem Wust von Fragen nur ein kleines Detail wirklich wichtig war, hatte er immer viele Denkmöglichkeiten. Das wiederum provozierte bei ihm Fehler. Darauf haben dann Ermittler wie ich irgendwie gelauert.
Das war natürlich zeitintensiv.
Es gab so gut wie keine öffentliche Begleitung unserer Arbeit. Wenn etwas in den Zeitungen stand (einige meiner Kunden haben es bis auf die letzte Seite der Wochenpost "geschafft"), dann immer nachträglich und ohne Details.
Da brauchte es keine Orwellschen Verhältnisse und auch keineswegs eine flächendeckende Überwachung oder ähnlichen Schmarrn. Die Tatsache, dass wir jeden Tatort bearbeitet haben, bestimmte Ansatzpunkte oft überprüften und unsere Arbeit für die Täterkreise unkalkulierbar war, machte erfolgreich. Sinnbildlich gesprochen: Ein paar Krümel bleiben immer. Wer viel sucht, findet den einen oder anderen und einer kann schon reichen...
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Re: Das DDR-Hausbuch

Beitragvon Berliner » 31. Oktober 2010, 02:11

Hallo S51, [knuddel]

vielen, herzlichen Dank. Auf Deine sachlichen und ausfuehrlichen Antworten freue ich mich immer. [heart]

S51 hat geschrieben:- Ziele müssen nicht erreicht werden. Nicht komplett und manche eben nur in der Theorie. Ich habe in der Praxis "Herr Wachtmeister, haben sie schon gehört..." zwischen Ost und West keinen wesentlichen Unterschied erlebt.
- Dieser "nicht unbeträchtliche Teil der Bevölkerung" hatte mit meiner Klientel so gar nichts zu tun. Allenfalls über die K I bekamen wir Unterstützung oder durch unsere Befragungen.
- Der eigentlich einzige Unterschied bestand darin, dass es noch viel weniger öffentliche Mitteilungen, Fahndungsaufrufe oder vergleichbares in der DDR gab. Kriminalität kam offiziell fast nicht vor. Beispielsweise gab es kein "XY-Unbekannt". Informationen gab es durch unsere Arbeit jedoch auch durch das MfS. Gerade bei öffentlichkeitswirksamen Straftaten wie Einbrüchen, Sexualtaten haben sie oft parrallel zu uns ermittelt und uns durch die K 1 dann Informationen zugearbeitet. Wesentlicher Unterschied war auch, dass die DDR ja keine wirklich offene Gesellschaft war. Irgendwann also traf ein Täter immer auf uns.


gab es tatsaechlich eine Abteilung des MfS, die sich alleine mit "normalen" Verbrechen befasst hat ? Wenn nicht, was war das Hauptinteresse des MfS daran, diese Verbrechen aufzuklaeren ?

S51 hat geschrieben:Ich möchte dies ergänzen.
Anders als in der Bundesrepublik konnte ein Täter unsere Arbeit bestenfalls daran vor der Festnahme erkennen, dass ihm "Klinkenputzer" bei den Befragungen immer näher kamen. Da ich aber je nach Person, mit der ich mich unterhielt, keineswegs immer die tatsächlichen Gründe für diese oder jene Frage mitteilte, manchmal in einem Wust von Fragen nur ein kleines Detail wirklich wichtig war, hatte er immer viele Denkmöglichkeiten. Das wiederum provozierte bei ihm Fehler. Darauf haben dann Ermittler wie ich irgendwie gelauert.
Das war natürlich zeitintensiv.
Es gab so gut wie keine öffentliche Begleitung unserer Arbeit. Wenn etwas in den Zeitungen stand (einige meiner Kunden haben es bis auf die letzte Seite der Wochenpost "geschafft"), dann immer nachträglich und ohne Details.
Da brauchte es keine Orwellschen Verhältnisse und auch keineswegs eine flächendeckende Überwachung oder ähnlichen Schmarrn. Die Tatsache, dass wir jeden Tatort bearbeitet haben, bestimmte Ansatzpunkte oft überprüften und unsere Arbeit für die Täterkreise unkalkulierbar war, machte erfolgreich. Sinnbildlich gesprochen: Ein paar Krümel bleiben immer. Wer viel sucht, findet den einen oder anderen und einer kann schon reichen...


Dann bist Du also auch ein Fan von Polizeiruf 110 ? [grins]

Gruss ueber den Teich, [hallo]
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Re: Das DDR-Hausbuch

Beitragvon manudave » 31. Oktober 2010, 06:11

S51 hat geschrieben:
Berliner hat geschrieben:...gab es Faelle wo Taeter tatsaechlich in der DDR untertauchen konnten ? Das stelle ich mir schwierig vor... [...Berliner


Was sollte daran schwierig gewesen sein? Bitte, die DDR nicht gedanklich nach O. Wells Vorbild formen. Über 90 % der Bevölkerung war in dem was sie wann tat durch den Staat nicht beeinflusst. Dass man irgendwo gemeldet war, hieß nicht, dass man dort auch wirklich wohnte. Man konnte auch bei Verwandten oder, besser noch, bei Bekannten unterkommen, von denen die eigenen Familienmitglieder bestenfalls vielleicht nur den Spitznamen kannten.
So ähnlich lief es hier bei Tätern, die vor allem Eigentumsstraftaten begingen. Dazu brauchte und gab es für den Verkauf und Handel mit geklauten Waren eine Art Subkultur mit Bekannten da und dort. Das war kein Untertauchen wie im Film, weil man immer irgendwann wo auflief. Den Zusammenhang herzustellen war aber dann die Kunst an der Sache.
Unsere Kunden waren eher nicht jene, die als Vorbilder hätten dienen können. Das wußten sie auch und sahen keinen Grund, uns die Arbeit so leicht wie möglich zu machen. Irgendwie verständlich. Man kriegte sie alle, irgendwann, aber das konnte auch schon mal dauern.
Vermißte sind ein anderes Feld aber auch so etwas gab es in der DDR.


Da fällt mir spontan der 1.Mai ein - da war die Zahl sicher umgekehrt.
Auch wenn es manch einer nicht wahrhaben will, der Staat hat ganz sicher bei JEDEM in irgendeiner Form etwas beeinflusst.
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Re: Das DDR-Hausbuch

Beitragvon S51 » 31. Oktober 2010, 08:19

manudave hat geschrieben:...Da fällt mir spontan der 1.Mai ein - da war die Zahl sicher umgekehrt.
Auch wenn es manch einer nicht wahrhaben will, der Staat hat ganz sicher bei JEDEM in irgendeiner Form etwas beeinflusst.


Na ja, so gesehen schon. aber das gilt ja heutzutage auch. Über Steuern, Vorschriften, Gesetze und so weiter.
Wie damals ist es aber heute nichts, was einen permanent bewußt ist, wonach man sich nun unbedingt immer und zu aller Zeit richtet. Was man ununterbrochen als Maßstab für das Handeln nimmt.
Und der 1. Mai, na ja. Ein bischen Religion muss man uns schon lassen.
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Re: Das DDR-Hausbuch

Beitragvon S51 » 31. Oktober 2010, 09:04

Berliner hat geschrieben:...gab es tatsaechlich eine Abteilung des MfS, die sich alleine mit "normalen" Verbrechen befasst hat ? Wenn nicht, was war das Hauptinteresse des MfS daran, diese Verbrechen aufzuklaeren ?
...Dann bist Du also auch ein Fan von Polizeiruf 110 ? [grins]

Gruss ueber den Teich, [hallo]
Berliner


Hallo Berliner!

Bei den Abteilungen des MfS kenne ich mich nicht genügend aus. Ich hatte mit ihm dann hauptsächlich während der Zeit als Dauerdienstler bei der K zu tun. Dieser "Kelch", sprich Dauerdienst ging in den Kommissariaten reih um und erwischte natürlich vor allem die jungen Genossen aus der Riege der Ermittler und von der Kriminaltechnik. In der Regel immer eine Woche im Monat von Montag bis Montag.
Es bedeutete, dass man außerhalb der normalen Dienstzeit von 16:00 Uhr Werktags bzw. Freitags bis 08:00 den nächsten Morgen oder auch Montag Morgen Bereitschaft hatte. Gemeinsam mit einem Kollegen von der Kriminaltechnik und immer dann gerufen wurde, wenn es galt, den "ersten Angriff", also die Erstvernehmung von Zeugen, Geschädigten, eventuell auch Tätern zu machen. Den Sachverhalt zu dokumentieren, was wann wo wie vielleicht warum geschehen ist mit welchen Folgen und das so aufzuarbeiten, dass der Vorgang entweder gleich abgeschlossen oder zur weiteren Ermittlung an die zuständigen Fachabteilungen abgegeben werden konnte. Wenn nichts los war, hat man seine sonstigen Sachen abgearbeitet.
Dabei hatten wir immer auch fallweise Rücksprache mit den jeweiligen Diensthabenden der Kreisdienststelle des MfS bei schweren Straftaten wie Serieneinbrüchen, vermissten Kindern oder Jugendlichen, möglichen Tötungsdelikten, Vergewaltigungen aber auch gemeldeten 213-ern, sprich Republikfluchten, die im schweren Fall (zusammen mit anderen Personen, mit Waffen, besonderer Technik) auch an das MfS abgegeben werden mussten und Wirtschaftsstraftaten. Ich kann nur sehr allgemein antworten, dass es dort Fachbereiche hierfür gab und dort Bereiche für Stimmungsbilder in der Gesellschafft, in Kirche und oppositionellen Kreisen zuständig waren, bei schweren Straftaten gesondert ermittelten. Ihr Vorteil waren die IM, wodurch sie Informationen aus den verschiedensten Bereichen bekamen, die sie viel schneller aktivieren konnten als wir Zeugenaussagen vor Ort mühsam zusammenholen konnten. Bei solchen Vorgängen wie Vermisstenanzeigen konnten sie also schneller mehr als wir an Hinweisen erhalten und verarbeiten. Manchmal gute Hinweise, oft freilich nur sehr allgemeine Tipps. Jedoch besser als nichts.
Hauptinteresse des MfS dabei war, keine Unruhe und vor allem keine ungünstige Stimmung in der Bevölkerung entstehen zu lassen.
Zwar waren unsere Leute vom K I geschulter aber oft erst nach zwei bis drei Werktagen zu erreichen.
Bei Vorgängen wie einem vermissten Kind als Beispiel konnte man über solche Meldungen an nützliche Informationen kommen. Und vor allem gedeckt, der Täter wurde also nicht durch unsere Befragungen zur Unzeit vorher gewarnt. Natürlich war dann ab und an auch Schrott dabei.

Polizeiruf 110? Ich gebe zu, ich habe als Kind und Jugendlicher zwar gerne Tatort oder den Polizeiruf gesehen. Jedoch nicht seit meiner praktischen Zeit. Das machte mir und der Familie einfach keinen Spaß, weil man eigentlich ständig an sich halten musste, um nicht loszumeckern. Man merkt einfach, wann etwas halbwegs real ist und wann es meistens reine Dramaturgie, sprich Spinne ist. Seit dem schau ich mir so etwas nicht mehr an, weder Polizeiruf, noch Tatort und schon gar keine dieser neuen Serien...
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Re: Das DDR-Hausbuch

Beitragvon S51 » 31. Oktober 2010, 09:43

Bekannte und Kollegen haben mir mal den Spitznamen "Grawe" oder so ähnlich verliehen. Sie sagten, der wäre so wie ich... Ich bin mir freilich nicht sicher, ob das nun ein Lob war.
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Re: Das DDR-Hausbuch

Beitragvon Berliner » 1. November 2010, 20:49

Hallo S51, nochmals Danke. [knuddel]

S51 hat geschrieben:Dabei hatten wir immer auch fallweise Rücksprache mit den jeweiligen Diensthabenden der Kreisdienststelle des MfS bei schweren Straftaten wie Serieneinbrüchen, vermissten Kindern oder Jugendlichen, möglichen Tötungsdelikten, Vergewaltigungen aber auch gemeldeten 213-ern, sprich Republikfluchten, die im schweren Fall (zusammen mit anderen Personen, mit Waffen, besonderer Technik) auch an das MfS abgegeben werden mussten und Wirtschaftsstraftaten. Ich kann nur sehr allgemein antworten, dass es dort Fachbereiche hierfür gab und dort Bereiche für Stimmungsbilder in der Gesellschafft, in Kirche und oppositionellen Kreisen zuständig waren, bei schweren Straftaten gesondert ermittelten. Ihr Vorteil waren die IM, wodurch sie Informationen aus den verschiedensten Bereichen bekamen, die sie viel schneller aktivieren konnten als wir Zeugenaussagen vor Ort mühsam zusammenholen konnten. Bei solchen Vorgängen wie Vermisstenanzeigen konnten sie also schneller mehr als wir an Hinweisen erhalten und verarbeiten. Manchmal gute Hinweise, oft freilich nur sehr allgemeine Tipps. Jedoch besser als nichts.


hat das MfS in der Regel einen Fall komplett uebernommen, oder gab es auch eine Zusammenarbeit, wo nur Informationen ausgetauscht wurden ?

S51 hat geschrieben:Hauptinteresse des MfS dabei war, keine Unruhe und vor allem keine ungünstige Stimmung in der Bevölkerung entstehen zu lassen.

Danke [rose]

S51 hat geschrieben:Polizeiruf 110? Ich gebe zu, ich habe als Kind und Jugendlicher zwar gerne Tatort oder den Polizeiruf gesehen. Jedoch nicht seit meiner praktischen Zeit. Das machte mir und der Familie einfach keinen Spaß, weil man eigentlich ständig an sich halten musste, um nicht loszumeckern. Man merkt einfach, wann etwas halbwegs real ist und wann es meistens reine Dramaturgie, sprich Spinne ist. Seit dem schau ich mir so etwas nicht mehr an, weder Polizeiruf, noch Tatort und schon gar keine dieser neuen Serien...

Bekannte und Kollegen haben mir mal den Spitznamen "Grawe" oder so ähnlich verliehen. Sie sagten, der wäre so wie ich... Ich bin mir freilich nicht sicher, ob das nun ein Lob war.

Das fiel mir als Laie nie auf. Danke, Grawe. [wink]


Gruss, [hallo]
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Re: Das DDR-Hausbuch

Beitragvon S51 » 1. November 2010, 21:18

Berliner hat geschrieben:...
hat das MfS in der Regel einen Fall komplett uebernommen, oder gab es auch eine Zusammenarbeit, wo nur Informationen ausgetauscht wurden ?

...Berliner


Ja, immer zum Beispiel dann, wenn es sich um Republikflucht im besonders schweren Fall gehandelt hat.
Ich hatte mal jemanden, der in Berlin-Karlshorst hinter der Kaserne der GSSD an einer Eisenbahnbrücke Abseilen geübt hat. Mit einer einfachen Wäscheleine und weit, weit weg von jeder Grenze. Vom Funkwagen kontrolliert hatte er nichts Besseres zu tun, als zu erzählen, er übe um abzuhauen. Am Wochenende, also meine "Kanne".
In der ersten Vernehmung ging es nur um ihn und weil es ja noch nicht mal ein richtiger Versuch war, wollte ich einen einfachen Fall daraus machen und abschließen. Den hatte er aber gedanklich aber schon durch und befürchtete, dass es dafür keine "zwei Jahre" geben würde. Die zwei Jahre Gefängnis waren aber als Untergrenze für einen eventuellen Freikauf durch die BRD im Gespräch. Das fand er nicht gut und hat mir also einen zweiten möglichen Täter genannt. Somit war er ein "besonders schwerer Fall" und ich musste ihn an das MfS zur weiteren Ermittlung übergeben. Das war übrigens so ein Kunde, der als weiteren Grund sagte, in Hohenschönhausen bekäme er wenigstens Kaffee, während ich ihm nur Tee machen konnte.
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