Wie sich unsere Hausgemeinschaft selber half ..

Wie sich unsere Hausgemeinschaft selber half ..

Beitragvon Interessierter » 24. März 2017, 09:52

Ich ( der Autor ) möchte heute dem interessierten Leser einen kleinen Einblick in das Leben einer Hausgemeinschaft in der DDR geben.

Hausgemeinschaften waren in der Regel Interessengemeinschaften von Mietern in Mehrfamilienhäusern und wurden aus der Notwendigkeit heraus ins Leben gerufen, den Erhalt der fast immer unter schwierigsten Umständen zugewiesenen Wohnungen und deren baulicher Hülle möglichst lange zu erhalten.

Um eine Hausgemeinschaft zu gründen, musste sich einer der Mieter ein “Herz” fassen und die anderen Mitbewohnern ansprechen um sie von der Idee zu überzeugen, dass ohne Eigeninitiative sich nichts bewegt und von niemandem Hilfe zu erwarten ist. Das kostete natürlich einen Mehraufwand an Zeit, Beharrlichkeit und viele Vorsprachen bei den entsprechenden Verwaltungs- / Zuteilungsstellen. Und wie das so ist, wer die Idee hat, hat auch gleich den “Hut” auf und die nicht immer ganz ernst gemeinte tatkräftige Unterstützung der angesprochenen Leute.

Unser Gebäude “Heinrich-Budde-Str. 16” wurde von dem VEB (Volkseigenem Betrieb) Gebäudewirtschaft in Treuhand verwaltet und die Hausgemeinschaft 1976 aus der Taufe gehoben (sprichwörtlich, weil mit Umtrunk verbunden). Sie bestand aus 13 Familien mit und ohne Nachwuchs, Rentnern, Angestellten, Arbeitern, Leuten mit und ohne Abzeichen, alle hatten wir ein Miteinandergefühl, weil die Erfolge durch die vielen “Mach-Mit”-Einsätze und Nachbarschaftshilfen zur Selbstverständlichkeit wurden.

Einen bis zur Gründung unserer Hausgemeinschaft mir nicht bekannten “Schönheitsfehler” hatte die Sache aber doch. Es musste eine HGL (Hausgemeinschaftsleitung) gewählt werden zu deren Aufgabe es gehörte, das Hausbuch in welchem jeder Hausbewohner eingetragen sein musste, für Besucher aus dem Ausland gab es eine Extra-Seite zu führen. Dieses Buch wurde einmal jährlich vom ABV (Abschnittsbevollmächtigten) der Volkspolizei kontrolliert und musste mit den Daten der Meldestelle übereinstimmen.

Ebenso musste sich jemand als Brandschutzverantwortlicher benennen lassen. Im Treppenhaus war dann auch eine Haustafel angebracht auf welcher verzeichnet war, wer für welche Funktion zuständig ist, in welcher Etage welcher Mieter wohnt und welche Telefonnummer im Bedarfsfall (Feuerwehr usw.) zu wählen ist.

Aber nun zu einem konkreten Beispiel: Der Zahn der Zeit hatte an unserem Treppenhaus tüchtig genagt, es musste renoviert werden! 1985 stellten wir also den entsprechenden Antrag bei der zuständigen Stelle. Es verging fast ein Jahr der ständigen Vorsprachen, Eingaben und den begründeten Ablehnungen (Materialschwierigkeiten, fehlende Kapazitäten usw.) Doch die hartnäckigen Vorsprachen unsererseits und schließlich unser ernst gemeinter Hinweis auf eine Eingabe bei dem Staatsratsvorsitzenden, brachte endlich Bewegung in die Angelegenheit. Da man dies aber nicht wollte und unbequeme Fragen von “Oben” mit erheblichen Mehraufwand für die Verwaltung verbunden war, schickte man uns Maler einer Berufsgenossenschaft zur Begutachtung des Treppenhauses vorbei. Fazit des Gutachtens: sieht wirklich schlecht aus und wir würden es ja machen, aber vorher muss der Treppenhauskopf repariert werden.

Nachdem wir der für uns zuständigen Gebäudewirtschaft nachdrücklich versicherten, die Reparatur selber zu erledigen wenn man uns die erforderlichen Materialien zur Verfügung stellen würde, bekamen wir den RSP-Auftrag (Reparaturstützpunkt) mit dem Vorbehalt, die Materialien wie Sand, Zement und Kalk selber transportieren zu müssen, da auch hierfür keine Kapazitäten vorhanden seien.

Nun begann der aufregende Teil des Vorhabens im Haus, Gespräche in den Familien wegen der Arbeitseinsätze, Beschaffung des benötigten Materials und die Organisierung von Gerüstmaterial. Mit einem kleinen Handwagen haben wir aus verschieden Objekten das benötigte Gerüstmaterial umgelagert und mit eigenen PKW mit Anhänger Sand und Kalk heran transportiert. Das Gerüst im Haus musste 8 Mal umgesetzt, zuletzt gereinigt und wieder zurückgebracht werden. Der Sand wurde gesiebt und wie alles andere in die 5. Etage per Eimer getragen werden. Ziegelmatten mussten zugeschnitten und über Kopf mittels Schrauben befestigt werden, weil ein Nageln in die dürren Bretter durch deren Eigenfederung unmöglich war. Der abgeklopfte Putz konnte auch nur eimerweise nach unten getragen werden. Natürlich war abendliches Saubermachen des Treppenhauses entsprechend der gestellten Gerüstteile angesagt, sonst hätten wir in den Wohnungen noch mehr Staub als notwendig gehabt. Bei der Gelegenheit mussten wir ein Dachfenster aushacken, neu befestigen und verputzen.

Für diesen Einsatz wurden von der Hausgemeinschaft 313,0 Std. à 5,00 M =1.565.00 M

Sonntagszuschläge 74,0 Std. à 1,00 M= 74,00 M

dem VEB Gebäudewirtschaft berechnet. Die Summe wurde ohne Abzüge auf unser Hauskonto überwiesen. Das Geld ist entsprechend der Stundennachweise an die beteiligten Mieter bei der zu diesem Zweck organisierten Hausfeier ausgezahlt worden.

Durch die tatkräftige Mitwirkung aller Hausbewohner haben wir in der Zeit vom 04.10. – 21.10.1986 das Treppenhaus maurermäßig instand gesetzt und die Maler hielten was sie versprachen, indem sie nach wiederholten Vorsprachen unsererseits dann im Februar 1987 das Treppenhaus für die nächsten Jahre wieder farblich neu erstrahlen ließen.

Einsätze wie der oben beschriebene waren auch:

Errichtung eines Containerplatzes durch Umgestaltung des Hofgeländes
Neugestaltung des Hausvorgartens mit Zaunerneuerung
Schaffung eines Gemeinschaftsraumes für Freizeitaktivitäten im Keller
Beschaffung, Aus– und Einbau der gesamten Kellerfenster
Errichtung einer Gemeinschaftsantenne
tätige Nachbarschaftshilfe für die “Alten” wie Kohlen tragen, amtl. Wege besorgen und ähnliches
sowie viele kleine Aktivitäten deren Aufzählung müßig ist weil sie für uns selbstverständlich waren.

Am 18.10.1986 ist unsere Hausgemeinschaft mit der “Goldenen Hausnummer” auf einer Festveranstaltung in der Kongresshalle am Zoo mit 12 weiteren aktiven Hausgemeinschaften ausgezeichnet worden.

Neben den gemeinsam erzielten materiellen und Lebensverhältnisse verbessernden Erfolgen ist aber der zwischenmenschliche Zugewinn an gewachsenen Freundschaften durch das gemeinsame Miteinander und Füreinander nicht hoch genug einzuschätzen. Sind auch über 25 Jahre seit Bestehen der Hausgemeinschaft vergangen, fast alle ehemaligen Familien aus- und umgezogen, einige Leute verstorben, erwachsen gewordene Kinder ihre eigenen Wege gegangen so sind Freundschaften erhalten geblieben und wir treffen uns zu den unterschiedlichsten Ereignissen zu welchen auch die verwitweten Freunde mitgebracht werden.

Die Zeit der Hausgemeinschaft war eine Zeit des Werdens, Denkens und Handelns - vom Ich zum Wir.

http://www.ddr-zeitzeugen.de/html/wie_s ... lf___.html
Auch aus Steinen die einem in den Weg
gelegt werden,
kann man was schönes bauen
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Re: Wie sich unsere Hausgemeinschaft selber half ..

Beitragvon Volker Zottmann » 24. März 2017, 10:33

Ich wohnte als Kind und Jugendlicher bis nach verbüßter Armeezeit in einem 5-Familienhaus, was durch Dachausbau 1965 eine 5. Wohnung erhielt.
Mit Sicherheit waren wir eine tolle Hausgemeinschaft, wo alles an notwendigen Erhaltungsarbeiten selbst verrichtet wurden. Doch gab es niemals einen Vorsitzenden, noch Wahlen. Wer das Hausbuch führte, ist mir nicht bekannt. Es gab aber eins, wo sich auch unser Besuch eintrug.
Neue Wäschepfähle setzen wir selbst. Zement und Kies gab es bei einem Nachbarn schräg gegenüber, der für die Grundstücksverwaltung ein kleines Materialvorratslager unterhielt. Außenanlagen , Gehwege und Gossen zu reinigen war daamals unausgesprochene Aufgabe der Mieter, in allen Häusern. Das stand aber niemals in irgend einem Mietvertrag festgeschrieben.
Unsere beiden im Haus wohnenden Wehrmachtsoffiziere grüßten so einige Male in meinem Beisein einen alten Herrn, der dort mal der Blockwart war und völlig mietfrei in der Straße wohnte. Seit die Häuser 1936 etwa erstmals bezogen wurden, besorgte dieser Mann auch sämtliche Straßenreinigungen unserer 150m langen Straße. Das änderte sich erst, als nach 1945 viele Neumieter in die Fliegerhäuser einzogen und später sogar sozialistischer Wind durch den Straßenzug wehte.
Eine tolle Gemeinschaft schrieb ich deshalb, weil in unserem Haus alles ohne Auflagen geschah. Ohne Vorgaben, wir wollten es selbst schön haben. Ab etwa 1970 wurden dann aber ebenso wie im obigen Beitrag beschrieben, die Arbeitstunden mit der KWV verrechnet und dem Hausgemeinschaftskonto zugeschrieben. Damit wurden Feiern bestritten.

Gruß Volker
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Die Weite Deines Horizonts ist Frage Deiner Sicht.
Der Große sieht ihn breiter, der Kleine leider nicht.
(Volker Zottmann)
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Re: Wie sich unsere Hausgemeinschaft selber half ..

Beitragvon Beethoven » 24. März 2017, 13:50

Ich wohnte auch als Kind in einem Vierfamilienhaus.

Ich weiß noch, dass sich die Männer trafen um auf dem Grundstück Laub zu harken, die Bäume zu beschneiden usw..
Das Laub wurde an Ort und Stelle verbrannt was natürlich was für uns Kinder war. Dann gab es für alle Kartoffelsalat und Bockwurst.
Gute Truppe würde ich sagen. Angekotzt hat mich das erst, als ich dann selber Rasen mähen mußte und all solch Zeug, als Jugendlicher.

An meinen Wohnorten, wo ich dann mit meiner Familie wohnte, war es immer schön. Gute Hauskollektive wobei man sich mit dem Einen besser verstand als mit dem Anderen. Aber zum Feieren und zum Ordnung machen, waren aus jeder Wohnpartei immer welche dabei. Hausmeister wie heute, hatten wir damals wohl eher nicht. Jedenfalls sind mir keine unter gekommen.

Ein Wort zum Hausbuch aus meiner Sicht.
Ich bin mit meiner Frau und den Kindern 6x umgezogen bis wir dann im hier und heute angekommen sind.
Ich habe nicht ein einziges mal ein Hausbuch gesehen, weiß aber, dass es welche gab.
Die letzte Wohnung bezogen wir im Dezember 1988. Auch da gab es kein Hausbuch obwohl es ein Neubau (Platte) war und wir somit die Erstmieter waren.

Aber ich muss der Gerechtigkeit halber auch schreiben, dass wir heute zu all unseren Nachbarn (es gibt eine Ausnahme) ein sehr gutes Verhältnis haben. Wir machen 1 x im Jahr ein Straßenfest und Abends wird an diesem Tage auf irgend einem Grundstück der Grill angeworfen für alle die in der Straße wohnen. Das sind allerdings nur 22 Familien.

Gruß
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Re: Wie sich unsere Hausgemeinschaft selber half ..

Beitragvon Edelknabe » 6. April 2017, 18:20

Weil Interessierter das Thema eröffnet hatte. Mal ne Frage zu die Hausgemeinschaften West. Gab es das analog der DDR auch, so ähnlich oder? Wie ist da seine eigene Erfahrung?

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Re: Wie sich unsere Hausgemeinschaft selber half ..

Beitragvon Interessierter » 6. April 2017, 19:20

Also wir wohnten in einem Haus mit 6 Mietparteien. Dieser Eingang war Teil eines riesigen Häuserblocks, der sich über Teile von 5 Strassen hinzog. Für diese riesige Anzahl von Wohnungen, die alle einem Vermieter gehörten, gab es in einem Haus ein Hausmeisterbüro.

Die jeweiligen Hausbewohner hatten keine Probleme, wenn sie sich einfach an die Hausordnung hielten. Etwaige Probleme wurden meistens selbst untereinander geregelt.

Wir mussten weder ein Hausbuch führen, noch Buch über unsere Besucher führen, schließlich lebten wir in einer Demokratie. Niemand hätte es geduldet, sich nach der Hitlerdiktatur, gleich wieder von einer neuen Diktatur überwachen und unterdrücken zu lassen.
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