Das erste Fahrrad

Das erste Fahrrad

Beitragvon Interessierter » 17. Februar 2017, 12:00

Zu meinem Geburtstag 1959 bekam ich ( der Autor ) von meinen Eltern mein erstes Fahrrad geschenkt. Bis dahin wurde ich entweder auf dem Rad meines Vaters
"", sehr unbequem auf der Stange sitzend, oder auf dem Gepäckträger von Mutters Rad, was dank eines untergelegten Kissens angenehmer war, auf kurzen Strecken transportiert. Nun war ich mit meinen zehn Jahren aber zu groß und schwer geworden und sollte nun selbst fahren. Das neue Fahrrad war gebraucht gekauft worden, aber in gutem Zustand und es blitzte und blinkte vor Chrom, was mich sehr stolz machte. Ich hatte bereits mit dem Rad meines Vaters Fahrrad fahren geübt. Da sein Rad aber zu groß für mich war, streckte ich ein Bein durch den Rahmen, um an die Pedale zu kommen. So fuhr ich kurze Strecken im Stehen, was sicherlich sehr komisch ausgesehen haben muss, da ich schräg im Rahmen stehend die Arme hoch strecken musste, um die Lenkstange halten zu können. Aufgeschlagene Knie und andere Blessuren waren die Folgen meiner Übungsfahrten.

Nun aber hatte ich zum ersten Mal in meinem Leben ein eigenes Rad. Lenkstange und Sattel hatte mein Vater für mich passend so tief eingestellt, dass ich aufrecht auf dem Sattel sitzend fahren konnte, und ich war stolz wie Oskar. Am Stützrohr des Rahmens war an Klemmen eine verchromte Luftpumpe und ein Schild mit den olympischen Ringen aufgeklebt. Zum Bremsen gab es die obligatorische Rücktrittbremse und eine Stockbremse vorn. Hatte das Rad meiner Schwester noch eine altmodische Stockbremse mit Hebel und Bremsstange, besaß mein Fahrrad bereits eine "moderne" Bremse mit Bowdenzug und Rückholfeder. Allerdings war das Prinzip der Bremse, zum Bremsen ein Hartgummistück auf die Lauffläche des Vorderreifens zu pressen, immer noch das Gleiche. Schob man das Rad mit gezogener Handbremse rückwärts, wurde der Gummi einfach aus seiner Halterung geschoben, die nach hinten offen war. Bei nächster Vollbremsung, nun ohne Bremsgummi, wurde der Fahrradmantel aufgeschlitzt.

Meine Übungsfahrten auf den Straßen in der Nähe des elterlichen Hauses machten mich immer sicherer und ich sauste die Straße rauf und runter. Ende der 1950er Jahre besaß kaum jemand aus der Nachbarschaft ein Auto, die Straßen waren frei und nicht zugeparkt wie heute. Selbst auf der Tangstedter Landstraße, der Hauptstraße, fuhr nur gelegentlich mal ein Auto vorbei. Quer zu den kleinen Straßen unserer Siedlung gab es sogenannte Wirtschaftswege, breit genug für Fußgänger oder Radfahrer, sie waren die kürzeste Verbindung zur Hauptstraße. Einer dieser Wege kreuzte drei Straßen unserer Siedlung und mündete genau in der Kurve kurz vor dem Krankenhaus Heidberg auf die zweispurige Tangstedter Landstraße. Zu dieser Zeit gab es dort noch keinen Asphaltbelag, sondern Kleinpflaster aus Blaubasalt. Hier mündete auch der Wakendofer Weg
"""" auf die Hauptstraße, und genau hier stand die "süße Bude", des Öfteren Ziel meiner Fahrten mit dem neuen Rad. Etwas weiter in Richtung Stadt standen auf der linken Straßenseite Wohngebäude und die Scheune einer der letzten Bauernhöfe im Norden Hamburgs, dem Hof von Bauer Winkelmann

. Am Gehwegrand der rechten Straßenseite stand eine Holzbude, ein Kiosk, bei uns allgemein als "süße Bude" bekannt. Dort gab es Zeitungen, Zigarren und Zigaretten und für uns Kinder Sahnebonbons, Lakritze und die heißgeliebten Salmi Lollys mit Schokoladenüberzug, wenn das Taschengeld dafür reichte. Um die Bude herum liefen immer ein paar braune Hühner, suchten sich ihr Futter pickend und scharrend im Gebüsch und auf dem Weg. Die Hühner gehörten zu einem kleinen Haus neben der Bude und liefen manchmal auch über die Straße bis auf den Hof von Bauer Winkelmann.

Mitte der 1950er Jahre wurde das Wohngebiet am Wakendorfer Weg um mehrere einfach gebaute Einfamilien- und Doppelhäuser erweitert. In einem dieser Häuser eröffnete ein Allgemeinmediziner seine Hausarztpraxis. Meine Mutter hatte zu der insgesamt dürftigen Infrastruktur hier im Norden Hamburgs nur den Kommentar: "Wir brauchen nur zu warten, die Stadt kommt irgendwann zu uns heraus". Dieser Arzt war bereits motorisiert und machte nach der Sprechstunde mit seinem Auto bei den Patienten Hausbesuche, die bettlägerig krank waren und deshalb nicht in seine Praxis kommen konnten.

Im Mai fuhr ich mit meinem neuen Fahrrad auf geradem Weg zur "süßen Bude", um mir von meinem Taschengeld einen Salmi Lolly zu kaufen. Es nieselte und ich fuhr deshalb etwas schneller auf dem Wirtschaftsweg um auch schnell wieder zu Hause zu sein. An der ersten Kreuzung der Siedlungsstraße traf ich den Doktor, besser gesagt, ich traf sein Auto ‒ mit dem Rad. Er muss sich furchtbar erschrocken haben, als ich, unvorsichtig und nicht auf Querverkehr achtend, direkt gegen sein Auto fuhr und auf der Motorhaube landete. Ich kann mich kaum an den Unfall und das Danach erinnern, er hat mich wohl in seinem Auto nach Hause gebracht und ich musste eine ganze Woche mit Gehirnerschütterung das Bett hüten. Wie sich meine Eltern mit dem Doktor über den entstandenen Sachschaden an Auto und Fahrrad geeinigt haben, weiß ich heute nicht mehr. Ich meine aber, mich erinnern zu können, dass mein Vater später einmal augenzwinkernd davon sprach, der Doktor hätte damals auch ein schlechtes Gewissen gehabt, was eine gütliche Einigung stark vereinfachte.

In den 1960er Jahren wurde die Tangstedter Landstraße asphaltiert und die rechts und links der Straße brachliegenden Heidelandschaften auf Glashütter und Hamburger Gebiet urbanisiert. In den Jahren darauf nahm der motorisierte Verkehr immer mehr zu. Meine Mutter hatte mit ihrer Prognose: "die Stadt kommt zu uns" Recht behalten. Heute kommt man zur rush hour nur noch an der Fußgängerampel über die Tangstedter Landstraße und unsere kleine Siedlung ist mit Autos so zugestellt, dass ein Durchkommen nur noch mit dem Fahrrad einfach ist ‒ wenn man ganz vorsichtig fährt.

Autor: Hartmut Kennhöfer

http://www.ewnor.de/hk/944_hk.php

Genau in dieser schrägen Haltung bretterte ich damals mit dem Rad gegen einen Poller, was mich einen " Milchzahn " kostete.
Auch aus Steinen die einem in den Weg
gelegt werden,
kann man was schönes bauen
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Re: Das erste Fahrrad

Beitragvon Interessierter » 17. April 2017, 07:32

Im nachstehenden Beitrag geht es zwar nicht um das erste Rad; passt irgendwie trotzdem.

Ein ganz gewöhnlicher Fahrradfahrertag oder: Hat die Polizei in Deutschland wirklich zu wenig Personal?

Doch jetzt zu dem, was mich ( den Autor ) dann in der Stadt erwartete: Ich fuhr sehr langsam und rücksichtsvoll (wie ich es immer tue) in eine Fußgängerzone und wurde zum Glück von einer Fußgängerin darauf aufmerksam gemacht, dass vorne die Polizei warte und ich besser absteigen sollte. Dort schiebend angekommen, entdeckte ich doch tatsächlich ein wenig versteckt acht (jawohl acht!!!) Polizisten. Eine Gesetzeshüterin stellte sich mir auch sogleich in den Weg und sprach den denkwürdigen Satz: „Ich weiß, dass Sie nur deshalb schieben, weil Sie uns gesehen haben. Deshalb mache ich Sie hiermit darauf aufmerksam, dass Fahrräder in Fußgängerzonen immer geschoben werden müssen.“

Von den anderen sieben Polizisten standen sechs tatenlos herum und plauderten gemütlich miteinander. Dieses Verhältnis änderte sich auch nicht in der kommenden halben Stunde. Wegen des Wartens auf einen verspäteten Kollegen konnte ich mir das Treiben nämlich eine Weile anschauen: Ziemlich selten kamen Radler vorbei. Auch Fußgänger gab es wenige. Die meisten Radler waren wohl gewarnt und schoben (mussten sich dann aber dennoch mehrheitlich obigen Spruch anhören). Diejenigen die fuhren, fuhren fast alle umsichtig und mit deutlich gemäßigtem Tempo. Dennoch mussten sie ihre Personalien vorweisen und eine Strafe bezahlen.

Seit all das passiert ist, frage ich mich, ob es in Deutschland wirklich zu wenige Polizisten gibt, wie derzeit so oft behauptet wird. Vor allem aber: Warum bloß kann ich mich nicht daran erinnern, jemals acht Polizisten auf einmal an der Einfallsstraße in die Innenstadt gesehen zu haben, die über rot fahrende Autos aufschreiben sowie alle (wirklich alle) Autos anhalten, um jenen, die mit überhöhter Geschwindigkeit gefahren sind, einen Strafzettel zu geben und den anderen zu sagen: „Ich weiß, dass Sie hier nur deshalb 50 fahren, weil Sie uns gesehen haben. Aber Sie wissen schon, das Sie hier eigentlich niemals schneller als 50 fahren dürfen?“

Ach ja, noch etwas: Nach dem neuesten Bericht der EU-Verkehrskommissarin steigt die Zahl der Verkehrstoten in Europa wieder an. Im Jahr 2015 starben in Deutschland 26.000 Menschen durch Verkehrsunfälle. Die meisten Betroffenen seien Fußgänger, Fahrradfahrer oder ältere Menschen. Todesfälle in Fußgängerzonen dürften in dieser Statistik keine große Rolle gespielt haben.

Der vollständige Beitrag hier:
http://starke-meinungen.de/blog/2017/04 ... #more-6900

[denken]
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