der Bitterfelder Weg

Kurz und Knapp, eben alles zum Thema Kultur

der Bitterfelder Weg

Beitragvon Berliner » 25. April 2010, 07:15



Quelle: Das war die DDR, Teil 5: Geist und Macht

War jemand von Euch dabei, als dieses Programm "Bitterfelder Weg" eingefuehrt wurde?
Wir wurde dieses Programm vom Volk verstanden? Seid Ihr auch der Meinung des Sprechers, dass der Weg "in eine Sackgasse geraten" sei?

Vielen Dank, ich freue mich auf Eure Kommentare.:)
Berliner
Nichts auf dieser Welt kann die Beharrlichkeit ersetzen.
Talent kann es nicht - nichts ist verbreiteter als erfolglose Maenner mit Talent.
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Re: der Bitterfelder Weg

Beitragvon Hans-Peter » 6. Mai 2010, 19:51

hallo Berliner grüß Dich, habe das Video mit Interesse gesehen, und da ich mich selbst auf dem Bitterfelder Weg als sogenannter "Schreibender Arbeiter" und Autor verirrte, habe in zwei Beiträge dazu hier hereingestellt: 1. Aus Wikipedia: Grundsätzliches zu diesem SED-Programm, 2. Mein persönlicher "Bitterfelder Irrweg".

Der Bitterfelder Weg - der Aufruf "Greif zur Feder Kumpel"

Der Bitterfelder Weg sollte in der damaligen Deutschen Demokratischen Republik (DDR) eine neue programmatische Entwicklung der sozialistischen Kulturpolitik einläuten und den Weg zu einer eigenständigen „sozialistischen Nationalkultur“ weisen. Diese sollte den „wachsenden künstlerisch-ästhetischen Bedürfnissen der Werktätigen“ entgegenkommen.

Namensgebend war eine am 24. April 1959 veranstaltete Autorenkonferenz des Mitteldeutschen Verlages im VEB Chemiekombinat Bitterfeld. Dabei sollte geklärt werden, wie den Werktätigen ein aktiver Zugang zu Kunst und Kultur ermöglicht werden kann. Die „vorhandene Trennung von Kunst und Leben“ und die „Entfremdung zwischen Künstler und Volk“ sollte überwunden, die Arbeiterklasse am Aufbau des Sozialismus umfassender beteiligt werden. Dazu sollten u. a. Künstler und Schriftsteller in den Fabriken arbeiten und Arbeiter bei deren eigener künstlerischer Tätigkeit unterstützen (Bewegung schreibender Arbeiter). Die im Wesentlichen von Walter Ulbricht ausgegebenen Direktiven standen unter dem Motto „Greif zur Feder, Kumpel, die sozialistische deutsche Nationalkultur braucht dich!“. Schon auf dem fünften Parteitag der SED 1958 stellte Ulbricht die Forderung auf: „...in Staat und Wirtschaft ist die Arbeiterklasse der DDR bereits Herr. Jetzt muss sie auch die Höhen der Kultur stürmen und von ihnen Besitz ergreifen.“

In der Tat kam es zu einem Aufschwung der Laienkunst, etwa durch regelmäßig veranstaltete Arbeiterfestspiele.

Die zweite Bitterfelder Konferenz am 24. und 25. April 1964 stellte den Kulturschaffenden die Aufgabe, insbesondere die „Bildung des sozialistischen Bewusstseins“ und der „sozialistischen Persönlichkeit“ zu fördern. Schon im Dezember 1965 wurde der Bitterfelder Weg de facto aufgegeben – das Konzept, Künstler durch den Einsatz in der Produktion an Partei und Werktätige zu binden, ging nicht auf. Noch einmal, im April 1967, wollte der siebte Parteitag der SED den Bitterfelder Weg als Bestandteil des offiziellen Parteiprogramms wiederbeleben.

Die angestrebte Aufhebung der Trennung von Berufs- und Laienkunst führte in der Folge jedoch zunehmend zu Differenzen mit prominenten Autoren wie beispielsweise Christa Wolf, Stefan Heym und Peter Hacks über die kritische Funktion und die gesellschaftlichen Aufgaben der Kunst. Insbesondere wurden Instrumentalisierung und Reglementierung zu Zwecken der Parteipropaganda und eine zunehmende Bevormundung befürchtet. Die Zusammenarbeit von Schriftstellern und Betrieben hielt sich selbst in der ersten Hälfte der 1960er Jahre in Grenzen; auch die meisten Künstler der DDR waren wenig gewillt, durch dauerhafte Mitarbeit in der Produktion ihre lebensweltliche Erfahrung auszuweiten. So wurden frühzeitig auch alternative Galerien gegründet, um Künstlern, die der Parteilinie nicht folgen wollten, ein Forum zu bieten – zum Beispiel 1960 die „Galerie Konkret“ in Berlin. (Quelle: Wikipedia)
Zuletzt geändert von Hans-Peter am 6. Mai 2010, 21:04, insgesamt 1-mal geändert.
Hans-Peter
 

Re: der Bitterfelder Weg

Beitragvon Hans-Peter » 6. Mai 2010, 20:33

Mein "eigener Bitterfelder Irr-Weg" oder die Bespitzelung der "Literaturbewegung" durch das MfS

In der Schule lag es mir, Aufsätze zu schreiben und manchmal - um vor der Klasse zu "glänzen" mit eigenen Gedichten zu "garnieren". In Deutsch hatte ich immer entweder eine Eins oder Zwei, Mathe dagegen Drei bis Vier. Später, als ich in der SED-Bezirkszeitung Freie Erde einmal ein Herbstgedicht veröffentlicht hatte, lud mich der Leiter des Zirkels Schreibender Arbeiter in Neustrelitz, Otto Teuscher, zum Treffen der Gruppe ein. Schreibende Arbeiter, das waren laut Bitterfelder Weg schreiberisch und "literarisch" begabte Werktätige - meist Lehrer oder Verwaltungsmenschen, Arbeiter im wahrsten Sinne des Wortes, die ihr Geld mit körperlicher eigener Hände Arbeit verdienten, weniger. Und diese" Schreibenden Arbeiter" sollten nun ihre Talente in den propagandistischen "Dienst der Arbeiterklasse" stellen und in ihrer Freizeit Geschichten oder Gedichte schreiben und darin die Politik der SED helfen zu verherrlichen, vielleicht auch Heimatgeschichten - aber alles brav im Sinne der "Partei der Arbeiterklasse". Darüber wachte der Leiter des Zirkels Schreibender Arbeiter, der darauf achtete, dass niemand allzu kritisches gegen die SED und den Staat schrieb oder gar nicht genehme Fragen in seinen vorgelegten Arbeiten stellte. Auch Stasi-IMs wachten im Zirkel mit.

Und meine ersten "proletarischen Gedichte" hatten folgende "Qualität": "Funken aus der Zündpistole/ und Flammen peitschen aus dem Brenner, das Rohr geschweißt/ und doch nicht routiniert/ ein falscher Griff/ was brennt da in der Hand wie Glut/ doch mit zusammen gebissenen Zähnen wird weiter gezogen/ Naht um Naht..." Der Inhalt war nicht so wichtig wie die Veröffentlichung auf der Kulturseite der Freien Erde und das Honorar von 25 DDR-Mark. Und man bildete sich manchmal ein, deshalb wer zu sein...

Später nach der Lehre war ich als Rohr-Monteur "richtiger schreibender Arbeiter", eine der echten wirklichen Arbeiter, kein "Sesselfurzer oder Tintenpisser", wie im Volksmund hinter vorgehaltener Hand Funktionäre oder Verwaltungsangestellte in der DDR hießen. Und als "echter schreibender Arbeiter" gehörte ich bald zum Gefolge manches SED-Sekretärs oder anderer Bonzen bis zu zu Margarete Müller, Kandidatin des Politbüros. Man bildete sich selber darauf anfangs etwas ein. Der Volksmund nannte einen dagegen treffender "Hofnarr im Bonzengefolge". 1972 durfte ich mit zum alljährlich im Sommer im Schweriner Schloss stattfindenden "Poeten-Seminar" der FDJ. Und da witzelten die anderen Teilnehmer schnell über meine "Arbeitergedichte", von denen eins so anfing: "Vom Hirn fliegt ein Befehl in muskelschwere Arme". Zu den ganz Muskelschweren gehörte ich selber weidlich nicht [laugh]

Später versuchte ich es in Prosa. Das klappte wohl besser und wurde eher gelesen (so auch die Geschichte "Derricks Fischzug", die ich später für meine heutige Homepage nochmal überarbeitet habe). Ich wurde nach Neubrandenburg zur Arbeitsgemeinschaft Junger Autoren eingeladen, die zu Beginn der 70er Jahre vom Literaturwissenschaftler Dr. Tom Crepon geleitet wurde. Crepon war wie ich damals noch SED-Mitglied und vom Rat des Bezirkes Neubrandenburg als Leiter des Literaturzentrums Neubrandenburg angestellt. Sein Job war es, Berufsschriftsteller wie Helmut Sakowski (mehrteiliger DDR-Fernsehfilm "Wege über das Land"), Franz Freitag, Joachim Wohlgemuth oder den Lyriker Werner Lindemann auf Parteilinie zu halten und zu kontrollieren. Crepon leitete aber auch die Arbeitsgemeinschaft Junger Autoren des Literaturzentrums an. Ihnen sollte, waren sie versprechende Talente, bei der Entwicklung ihrer Romane oder Gedichte geholfen werden, aus ihnen sollte Schriftstellernachwuchs werden. Und darüber, dass sie getreu der SED und ihrer Politik schrieben und keine "klassenfeindlichen Werke" verfassten, wachte der IM Tom Crepon, wie man plötzlich nach der Wende in seinen eigenen Stasi-Akten las. Als Inoffizieller Mitarbeiter der MfS-Bezirksverwaltung Neubrandenburg überwachte Crepon neben den "Jungen Autoren" auch die beruflich tätigen Schriftsteller und berichtete über deren "Treiben" seinen Führungsoffizieren von der MfS-BV. So bespitzelte er auch die der DDR kritisch gegenüber stehende in Neubrandenburg wohnende über die DDR-Grenzen weit hinaus bekannte Schriftstellerin Brigitte Reimann (1933 - 1973, Franziska Linkerhand). Heute lebt Crepon in Lückeck. Aber auch Schriftsteller wie Freitag oder Wohlgemuth bespitzelten als Stasi-IMs ihre Autorenkollegen nach Strich und Faden.

Ausführliches findet ihr im Internet unter den Sammelbegriffen "Literaturzentrum Neubrandenburg", "Brigitte Reimann" oder "Dr. Tom Crepon".

Eines meiner letzten DDR-Gedichte, dort aber nicht veröffentlicht:

Der Ordensträger

Vom Politbüro jüngst dekoriert
war auch ein Truthahn worden.
Es prangte an seines Gefieders Frack
jetzt ein Karl-Marx´ens Orden.

Und wie er sich vor dem Spiegel dreht,
zu prüfen des Ordens Glanz,
ob der zu des Frackes Eleganz
richtig protzend und blinkend steht.

Nun rötet sich noch sein Kopf vor Wahn
hinunter bis an den Hals.
Doch er bleibt ein häßlicher Trutenhahn,
ein Geiferer bestenfalls.
Zuletzt geändert von Hans-Peter am 7. Mai 2010, 12:07, insgesamt 2-mal geändert.
Hans-Peter
 

Re: der Bitterfelder Weg

Beitragvon karl143 » 7. Mai 2010, 09:29

Hans- Peter, deine Erzählungen sind für mich absolutes Neuland. Das liegt sicher daran, das ich noch nie solche
Beiträge von direkt Betroffenen aus der Kulturszene gelesen habe. Die sind natürlich sehr interessant und eine
Bereicherung für jedes Forum. Schon mal vielen Dank dafür.
karl143
 

Re: der Bitterfelder Weg

Beitragvon Feliks D. » 7. Mai 2010, 10:42

Hans-Peter hat geschrieben:Eines meiner letzten DDR-Gedichte, dort aber nicht veröffentlicht:



Das war wohl auch besser so, andernfalls wären sicher Reaktionen zu erwarten gewesen.

Da du scheinbar öfters mit der Arbeitsgemeinschaft Junger Autoren und auch der Freien Erde zu tun hattest mal die Frage am Rande, ob du dich auch mit OB Hans Hahn auseinandersetzen "durftest"?
Dieser war ja so als Person schon schwer zu handeln, aber wäre das Gedicht mit dem Truthahn in der Freien Erde erschienen, er hätte es sicher dofort auf sich bezogen.

Du scheinst ein recht kritischer Geist gewesen zu sein...
Feliks D.
 

Re: der Bitterfelder Weg

Beitragvon Hans-Peter » 7. Mai 2010, 11:58

Moin Wolle, ne disse rode Hohn har ick nich kennliert. To wegger Tiet hätt hei denn de Niegenbramborger Stadtverwoltung "dörchnanner" bröcht? Als Mecklenburger, späterer zweijähriger Gast-Nordfriese und nun seid über 30 Jahren im "Asyl" in Niedersachsen bin ich des Plattdeutschen mächtig. Nun aber wieder Hochdeutsch und meine Gegenfrage: Du scheinst Dich ja auch gut in Mecklenburg und dem einstigen Bezirk Neubrandenburg auszukennen? Kannst mir ja auch eine PN schicken, wenn Du möchtest. Halt die Ohrn steif Alter. gruß hp [wink]
Hans-Peter
 

Re: der Bitterfelder Weg

Beitragvon Feliks D. » 7. Mai 2010, 12:46

Hans-Peter hat geschrieben:Moin Wolle, ne disse rode Hohn har ick nich kennliert. To wegger Tiet hätt hei denn de Niegenbramborger Stadtverwoltung "dörchnanner" bröcht? Als Mecklenburger, späterer zweijähriger Gast-Nordfriese und nun seid über 30 Jahren im "Asyl" in Niedersachsen bin ich des Plattdeutschen mächtig. Nun aber wieder Hochdeutsch und meine Gegenfrage: Du scheinst Dich ja auch gut in Mecklenburg und dem einstigen Bezirk Neubrandenburg auszukennen? Kannst mir ja auch eine PN schicken, wenn Du möchtest. Halt die Ohrn steif Alter. gruß hp [wink]


Hallo Hans-Peter,

des sprechens von platdütsch bin ich leider nicht mächtig, des verstehens und lesens jedoch schon da u.a. meine Tante in der Volkssolidarität diese Tradition pflegte und auch entsprechende Chöre und AG's leitete. In schöner Erinnerung an Sie sind mir immer noch ihre platten Gedichte die sie regelmäßig bei uns daheim zum Weihnachtsfest vortrug, heute ärgere ich mich nicht selbst auch mehr Interesse fürs sprechen gezeigt zu haben.

Den Beginn seiner Segnung kann ich dir aus dem stehgreif gar nicht sagen, er blieb es jedoch bis zur Wende die ja an sich gar keine war.


Die steifen Ohren wünsche ich dir auch und vielleicht zwitschert dir ja bald ein Vögelein: Hey, kiek maal in dien Breevkasten na, ik glöv du hest Post kregen.

In diesem Sinne ein schönes Wochenende [hallo]
Feliks D.
 


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