Verstecken statt Aufdecken – die DDR-Spielart der Karikatur

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Verstecken statt Aufdecken – die DDR-Spielart der Karikatur

Beitragvon Interessierter » 28. März 2016, 09:55

Zensiert wurde die Karikatur in der DDR auf verschiedenerlei Weise. Da gab es staat­licherseits die verdeckte Zensur. Offiziell herrschte Presse- und Meinungsfreiheit, doch wurden den Zeitungsmachern schon früh die Interessen und Wünsche der Partei- und Staatsführung eindrucksvoll verständlich gemacht. Eine umfassende Nachzensur gab diesen Wünschen Nachdruck, sorgte für die Einhaltung der Anweisungen. Wer es nicht tat, riskierte Konsequenzen wie Parteistrafen oder Entlassung. Folgen hatten Verfehlungen interessanterweise aber nicht für die Karikaturisten, sondern die Redaktionsleitungen. So war beispielsweise eine Profil-Karikatur Walter Ulbrichts, gezeichnet von Harald Kretzschmar, die Ursache, daß Heinz H. Schmidt seines Postens als Chefredakteur des Eulenspiegel enthoben wurde.

Bei vielen Zeichnern fand Selbstzensur statt. Man wusste, was gewünscht war, und hat dementsprechende Ausdrucksmöglichkeiten gesucht. Die "Schere im Kopf" war einfach präsent, kannte man doch die Spielräume, die eng gezogenen Grenzen der Satire in der DDR. Eine lückenlose Auseinandersetzung mit dem Zeitgeschehen war somit unmöglich.

Dennoch wird die Karikatur in der DDR zusehends beliebter. Doch die Menschen wollen auch hier die Wahrheit, ihre eigenen Empfindungen und Erfahrungen widergespiegelt sehen. Und so verschwinden in den 70er Jahren allmählich die allgegenwärtigen Propagandabilder. Die Zeichner testen mehr und mehr die Grenzen des Erlaubten aus und entwickeln die Methode "Verstecken statt Aufdecken". Diese Sprache wird vom Publikum verstanden, ist man doch geübt darin, nur verbrämt sein Missfallen mit politischen oder wirtschaftlichen Gegebenheiten auszudrücken. Immer öfter wird nun in satirischen Bildern der Widerspruch zwischen Anspruch und Wirklichkeit im Lande festgehalten. Publiziert werden sie zwar noch nicht, sie finden aber Eingang in zahlreiche Ausstellungen, die sich vor allem ab Beginn der siebziger Jahre etablieren und große Besucherresonanz zu verzeichnen haben. Da werden Blätter gezeigt, die sich mit Themen befassen, die nach wie vor in den Medien verschwiegen werden: Mängel der Planwirtschaft, Willkür der Behörden, soziale Probleme, Rüstungswahn und Umweltzerstörung.

In diese Zeit fällt die Gründung des Greizer Satiri­cums, des einzigen Karikaturmuseums in der DDR. Hier fanden die Zeichner und Karikaturisten eine Heimstatt; in den Greizer Ausstellungen konnten viele erstaunlich kritische Karikaturen gezeigt werden.

Natürlich greifen auch die Oppositionsgruppen in der DDR die genannten Themen auf, vor allem das Umwelt- und das Friedensthema. Tabus werden gebrochen, die Kritik wird offener, und mehr und mehr schaffen sich die "verbotenen Bilder" Raum, werden in den Untergrundzeitschriften publiziert.

Im Herbst 1989 bricht auch für die Karikaturisten der DDR eine neue Zeit an. Sie haben Mühe, aktuell zu bleiben, oftmals werden sie von den turbulenten Geschehnissen der Zeit überholt. Die Thematik wird deutlich brisanter, der Blick auf die Realität schärfer, und die Zeichnungen gewinnen an Biß: Offen zieht man bildlich gegen die Staatsmacht zu Felde. Selbst bislang "unpolitische" Zeichner wie beispielsweise Henry Büttner greifen das Zeitgeschehen auf. Die "Schere im Kopf" ist nicht mehr notwendig. Trotz aller Euphorie im Lande kommentieren die Zeichner den Ruf nach der deutschen Einheit kritisch, bleiben skeptisch im Einigungsprozeß 1990. Umfassende Änderungen in der Gesellschaft und im Leben jedes einzelnen lassen das letzte Jahr der DDR zur hohen Zeit der Karikatur werden. Politisch-Wirtschaftliches und Existenzängste, Zwischenmenschliches und vor allem die Beziehungen zwischen Ost und West sind nun die Themen.

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Re: Verstecken statt Aufdecken – die DDR-Spielart der Karikatur

Beitragvon Interessierter » 3. April 2016, 12:00

Die Stasi war nicht amüsiert

„Karikaturen in der DDR“ - unter diesem Titel zeigte das Romanische Haus in Bad Kösen eine Sonderausstellung. Da hat auch Andreas Neumann-Nochten seinen Platz. Obwohl: Bis zur Wende waren seine Karikaturen offiziell gar nicht zu sehen. Der Naumburger Student am Kirchlichen Oberseminar hatte dafür eine dicke Stasi-Akte und bekam häufig Ärger mit Horch und Guck sowie der Volkspolizei.

Zeitzeuge der Wende in der Region

Das Naumburger Stadtmuseum hatte nun Neumann-Nochten, der heute in Görlitz lebt, nach Bad Kösen eingeladen und ihn gebeten, in der Ausstellung über die damalige Zeit zu berichten. Museumsleiter Siegfried Wagner begrüßte ihn als einen derjenigen Personen, die über die jüngste Vergangenheit authentisch berichten können. „Als Zeitzeuge eingeladen zu werden, da muss man ja schon alt sein“, meinte der heute 54-Jährige, der seinen Humor nie verloren hat. „Erste Karikaturen von Kommilitonen, die neben mir saßen entstanden in der Vorlesung“, erinnerte er sich. „Der Dozent wunderte sich dann über die Heiterkeit, die sich im Hörsaal verbreitete.“ Neumann-Nochten der damals im Friedenskreis an der Hochschule mitarbeitete, gestaltete dann Aufnäher à la „Schwerter zu Pflugscharen“.

Für zwei Wochen ins Gefängnis


Die hatten sie vor dem Verteilen zwar in einem Suppentopf versteckt, aber die Volkspolizei entdeckte sie dennoch. Zur ersten Festnahme kam es am 1. Mai 1983, als einige Studenten mit von Neumann-Nochten gezeichneten Plakaten an der offiziellen Mai-Demonstration in Naumburg teilnehmen wollten. Bei der Stasi landete er, als ein Kartenspiel beschlagnahmt wurde. „Eigentlich harmlos, heute würde man es lustig finden“, meinte Neumann-Nochten. Er hatte da Menschen aus der DDR-Gesellschaft gezeichnet. Gedacht war es eigentlich für die Satirezeitschrift „Eulenspiegel“.

Bei der Stasi indes war man nicht sehr amüsiert über die Darstellungsweise. Schickte man ihn damals nach dem Verhör noch nach Hause, kam er 1988 für zwei Wochen ins Gefängnis und wurde als Bausoldat eingezogen. Immer waren es Sprüche und Zeichnungen, die den Genossen gar nicht gefielen, ja, die Staatsverrat sein sollten. Dafür wurde dem Naumburger auch die Exmatrikulation nahe gelegt. Examinierter Theologe ist er dennoch geworden. Erzählt wurde vom Umbruch in Naumburg, von den Meinungen, die es gab, von den Neugründungen, so Neues Forum und Demokratischer Aufbruch, von den ersten Demonstrationen. Neumann-Nochten zeichnete intensiv in dieser Zeit. „Bonzen-freie Zone“ ist da noch in Erinnerung. Auch im „Eulenspiegel“ und in der „Titanic“ wurden jetzt seine Karikaturen gedruckt. Und er blieb auf der Höhe der Zeit: Honecker samt Schnitzler verschwanden. Dafür zeichnete er die Sieben Zwerge, die die 1989er DDR-Novemberrevolution im Sarg zu Grabe tragen und ein Kohl, die DM im Korb, bereitet ihnen den Weg: Wir sind dein Volk. Das einstige „das“ ist durchgestrichen.

http://www.naumburger-tageblatt.de/roma ... rt-4200974
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