BRD "Kinderverschickung": Betroffene reden über Misshandlungen

Was dachte der DDR Bürger über den deutschen in der Bundesrepublik. Was hielt der Bundesdeutsche vom DDR Einwohner? Unterschiedliche Ansichten bestehen heute noch. Was drücken sie aus, was wird erwartet?

BRD "Kinderverschickung": Betroffene reden über Misshandlungen

Beitragvon andr.k » 22. November 2019, 20:53

"Kinderverschickung": Betroffene reden über Misshandlungen

Von Nadina von Studnitz und Lukas Knauer

Quelle: https://www.ndr.de/nachrichten/schleswi ... er100.html



Sie litten an Bronchitis, waren unter- oder übergewichtig und sollten deshalb zur Kur. Am besten an die Küste oder in die Berge - dort, wo die Luft so gut ist. Zwischen den 50er- und 90er-Jahren wurden Schätzungen zufolge Millionen Kinder in der Bundesrepublik "verschickt". Das heißt, sie kamen auf ärztliche Weisung zur Kur - auch in Heime in Schleswig-Holstein. Doch für viele der sogenannten Verschickungskinder wurde der Kuraufenthalt zum Albtraum. In einigen dieser Heime kam es offenbar zu Misshandlungen, Betroffene berichten von Prügel und Psychoterror. Jetzt fordern sie Aufklärung. Rund 80 von ihnen treffen sich am Freitag erstmals in Westerland auf Sylt zu einem dreitägigen Kongress. Es ist der erste seiner Art in Deutschland.

Organisatorin war selbst "Verschickungskind"

Die Opfer treffen sich, weil sie unter anderem eine wissenschaftliche Aufarbeitung der Geschehnisse fordern. Denn auch von politischer Seite gibt es die bis heute nicht. Die Organisatorin des Kongresses, Anja Röhl, war in ihrer Kindheit selbst in einem Kurheim auf Föhr und hat darüber ein Buch geschrieben. Sie will ein Zeichen setzen und erreichen, dass sich noch mehr Betroffene melden. Wie viele Kinder in der Vergangenheit nach Schleswig-Holstein verschickt und misshandelt wurden, ist völlig unklar. Auf Anfrage sagte ein Sprecher, dass dem Sozialministerium hierzu keine Aufzeichnungen vorliegen.

Auch für den Kinderschutzbund Schleswig-Holstein ist das Thema relativ neu. "Wenn die Rechte von Kindern in dieser Zeit verletzt worden sein sollten, werde man natürlich auf der Seite der Opfer stehen", sagt die Vorsitzende Irene Johns, auch sie wird in Westerland dabei sein.

Mit sieben Jahren sechs Wochen zur Kur auf Föhr

Auch Petra Beller hätte gerne am Kongress teilgenommen, kann allerdings aus beruflichen Gründen nicht nach Sylt reisen. Auch sie war ein "Verschickungskind". 1977 kam sie mit sieben Jahren in ein Heim in Wyk auf Föhr. Der Hausarzt hatte sechs Wochen "Kinderverschickung" an die Nordsee verschrieben. Das kleine Mädchen aus Speyer in Rheinland-Pfalz war häufig erkältet und wog für ihr Alter zu wenig. Sechs Wochen auf Föhr also. Es wurde die schlimmste Zeit im Leben von Petra Beller. "Schlimm wurde es, wenn es dunkel wurde", sagt sie rückblickend und berichtet von bestimmten Ritualen, um, wie sie sagt, die Nacht im Schlafsaal zu überstehen: "Das Wichtigste war, dass man ruhig war. Man durfte sich nicht bewegen, nicht in die Decke kuscheln, absolutes Sprechverbot. Durch einen Spalt der Tür sah man die Schatten der Erwachsenen, wenn wir wieder kontrolliert wurden."

Psychoterror der Erzieher

Petra Beller erinnert sich genau an die Nacht, in der sie einem anderen Kind, das weinte, helfen wollte: "In dem Moment ist die Erzieherin gekommen, hat mich praktisch an den Haaren gepackt und mich mitsamt meiner Decke aus dem Schlafsaal entfernt, mich in ein angrenzendes Aufpass-Zimmer gezerrt. Dort musste ich tatsächlich eine komplette Nacht wach auf dem Boden verbringen mit der Decke über dem Kopf. Ich konnte nicht auf die Toilette, ich konnte nicht atmen und jedes Mal, wenn ich das Gefühl hatte, ich schlafe jetzt doch ein vor lauter Erschöpfung, dann hat sie mit dem Stock auf die Decke geschlagen und mir gedroht." Briefe oder Postkarten durften die Kinder nicht schreiben, berichtet Petra Beller. Die Pakete der Eltern wurden von den Erziehern abgefangen. Überhaupt, die Erzieher. Petra Beller beschreibt sie als emotionslos, kalt, distanziert und extrem autoritär.

Erziehungsmethoden aus der Nazizeit

Dieser Erziehungsstil sei in jener Zeit keine Seltenheit gewesen, meint die Kinder- und Jugendlichen-Therapeutin Brigitte Linke. Die Kinder sollten nicht "verweichlicht" werden, Mitleid wurde vermieden. Die Erziehungspersonen waren die "Herren", die Kinder sollten gehorchen und "satt und sauber" erzogen werden, erläutert Linke. Dieser pädagogische Ansatz ist stark in der Nazizeit verwurzelt. "Für Kinder, die ohne Bezugspersonen in eine fremde Umgebung mit fremden Leuten geschickt werden, ist das schon sehr belastend. Wenn diese Personen sie auch noch psychisch unter Druck setzen oder verletzen, kann das schwere Folgen haben".


Teil 2, folgt.
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Re: BRD "Kinderverschickung": Betroffene reden über Misshandlungen

Beitragvon andr.k » 22. November 2019, 20:55

Niemand glaubt dem Kind

Als Petra Beller wieder zu ihrer Familie zurückkehrt, erzählt sie den Eltern von ihren Erlebnissen. Niemand glaubt ihr, ihre Berichte werden abgetan als Heimweh und "als alles schlecht geträumt". Petra Bellers Albtraum geht aber weiter. Zwei Jahre später, 1979, wird sie wieder verschickt, wieder nach Wyk auf Föhr, wieder in dasselbe Heim. Die schlimmste Erzieherin habe da aber schon nicht mehr gearbeitet. Heute ist Petra Beller 48 Jahre alt und führt eine psychologische Beratungspraxis in Baden-Württemberg. Sie habe versucht mit der Krankenkasse ins Gespräch zu kommen, die das Heim auf Föhr betrieben hat, wurde aber nur abgewimmelt.

"Ich brauche keine Entschädigung, sondern Gewissheit"

Bis heute leidet sie unter den Erlebnissen von damals, ohne Licht kann sie nicht mehr einschlafen. "Es gibt für mich nichts Schlimmeres, als wenn ich Schatten sehe. Ein Türspalt, der nur Schatten von jemandem zeigt, der kommt. Es begleitet mich immer noch. Ich bin nicht misstrauisch, aber ich weiß, wie Menschen sein können." Petra Beller will nur für sich selbst sprechen. Sie bräuchte keine Entschuldigung, auch keine Entschädigung. "Ich bräuchte nur die Gewissheit, dass es hier tatsächlich Menschen gab, die falsch und fast schon menschenverachtend gehandelt haben. Und dass man den Betroffenen sagt, Ihr habt Euch das nicht eingebildet. Wenn aus all den angeblich verfälschten Erinnerungen ein gemeinsamer Nenner wird, dann habt ihr das alles so erlebt."


Ich bin erschüttert!!!

Ein Kommentar:

Hermenau Jessica schrieb am 22.11.2019 16:12 Uhr:

Meine Heimverschickung war wohl 1975 und mit meiner 1 Jahr älteren Schwester zusammen.
Ich selber hatte Bronchitis und meine Schwester hatte zu viel Gewicht
Wir kamen aus Kiel und worden für 6 Wochen auf die Nordseeinsel Wiek auf Föhr verschickt.

Meine Schwester und ich wurden im Schlafsaal getrennt untergebracht . Eines Nachts weinte meine Schwester vor Ohrenschmerzen, und da habe ich sie getröstet und wurde erwischt.

Als Strafe musste ich in der Nasszelle /Badesaal schlafen.
Es war eine ganz traurige und böse Erfahrung ,von den vielen die ich zu dieser Zeit mit meiner Schwester dort erlebt habe.
Damals nach der Kur hatte uns keiner geglaubt.

Und ich hoffe es sind noch mehr Betroffene, die ein Gehör bekommen.
Man lebt ruhiger, wenn man nicht alles sagt, was man weiß, nicht alles glaubt, was man hört und über den Rest einfach nur lächelt.

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