von pentium » 6. Mai 2025, 16:32
Die makabren Details des minutiös bürokratisch geplanten und quasi industriell betriebenen Massenmordes wird die Mehrheit der deutschen Bevölkerung nicht gewusst haben, selbst viele der Opfer die jahrelang zuvor schon ausgeplündert und entrechtet wurden, die bereits Gerüchte über Orte wie Auschwitz und Treblinka gehört hatten, konnten sich so etwas nicht vorstellen, einfach weil das Ausmaß der Barbarei das Vorstellungsvermögen übertrifft.
Wer aber Augen zu sehen und Ohren zu hören hatte, der hat von 1933-1938 und dann erst recht seit Beginn des Krieges viele Gelegenheiten gehabt, Ereignisse mitzubekommen, die zumindest ahnen ließen, das es so etwas gab.
Von den ersten Boykotten gegen jüdische Geschäfte und Betriebe 1933 über faktische Berufsverbote, die Kollegen, Nachbarn, Bekannte, Mitschüler, etc., etc. trafen, über die Nürnberger Gesetze 1935, die Novemberpogrome 1938, als alle Deutschen Zeugen wurden wie Synagogen brannten und vielerorts Leute ganz offen umgebracht wurden, die Kennzeichnung durch den gelben Stern in Deutschland und den besetzten Gebieten und der Beginn des Mordens 1939 in Polen und der Beginn der Shoah mit dem Unternehmen Barbarossa. An der Ostfront müssen viele deutsche Soldaten etwas mitbekommen haben, und das Morden war durchaus ein Gesprächsthema in Offizierskasinos, wie Ernst Jünger in seinen Tagebuchberichten erwähnt.
SD und Gestapoberichte bedauerten 1943, dass sich die Empörung über die Morde von Katyn an polnischen Offizieren in Grenzen hielt, weil die meisten wussten, dass die deutschen Judenmassaker diese Verbrechen Stalins bei weitem übertrafen. Nachbarn, Mitschüler wurden erst jahrelang ausgegrenzt und ausgeplündert und waren irgendwann völlig verschwunden. Das es nichts Gutes bedeuten konnte, wenn Menschen "evakuiert" und "deportiert" wurden, wenn sie "im Osten" zum "Arbeitseinsatz" kommen sollten. Vom ersten Tag an gab es in Nazideutschland Konzentrationslager. Man drohte sich ganz offen mit Orten wie Dachau (Halt´s Maul, sonst kommst du nach Dachau) oder Buchenwald. Jedem war bewusst, dass Konzentrationslager etwas fürchterliches bedeutete. Sicher, viele Sozialdemokraten, Gewerkschaftler, Kommunisten wurden auch wieder freigelassen, manche nach Wochen, andere nach Monaten oder Jahren wieder frei. Dass aber Leute oft ohne Urteil und wegen Bagatelldelikten weggesperrt wurden, dass das Recht instrumentalisiert und vergewaltigt wurde, wusste jeder Deutsche, Jeder hat in jeder beliebigen deutschen Kleinstadt mitbekommen, dass gerne politische Gegner durch die Stadt geführt, verächtlich gemacht und misshandelt wurden. Alle Deutschen haben in ihrer Heimatgemeinde die Synagogen brennen sehen, haben all die vielen Gemeinheiten mitbekommen, das hässliche feixen, das begleichen von alten Rechnungen, das anzeigen von Nachbarn, das heimliche denunzieren, das mitmachen, das mitplündern. Natürlich haben da nicht alle mitgemacht, viele, viele hatten Unbehagen dabei. In fast jeder beliebigen deutschen Stadt waren es keine auswärtigen bösen Nazis, die wie Außerirdische über Deutschland kamen, es waren ganz normale Leute, es waren die Nachbarn, die Mitbürger von nebenan, mit denen viele Juden früher gut ausgekommen waren, mit denen man gefeiert hatte.
Manche Soldaten brachten Beutegut aus Polen mit, manche Angehörige freuten sich über Pelze oder Schmuck, Beutegut, das Juden weggenommen wurde mit der Bemerkung "die brauchen das nicht mehr."
Wer einmal ein arisiertes Grundstück günstig gekauft oder einen Betrieb übernommen hatte, der stellte keine Fragen mehr nach dem Verbleib von Mitbürgern und Nachbarn, der war´s zufrieden, wenn die rechtmäßigen Besitzer nicht mehr wiederkamen und der wünschte sich auch keine Diskussion darüber wie es soweit kommen konnte.