Empfindungen an der innerdeutschen Grenze vor 1989

Die innerdeutsche Grenze. Alles was in das Thema Grenze, Grenztruppen, BGS, Zoll, Fluchten, Teilung, Leben im Sperrgebiet, usw.

Empfindungen an der innerdeutschen Grenze vor 1989

Beitragvon Volker Zottmann » 22. November 2017, 19:10

Der Thread der vereitelten Skodaflucht ist geschlossen.
Grund genug die Themenabweichung hier zu verarbeiten!

An keiner Stelle schrieb ich, dass die MfS-ler mit ihrem Klappfix leichter oder unkontrolliert über die Grenze kamen.
Wer richtig und alles nachliest, merkt, um was es mir in diesenm Thread ging und hier geht.
Beobachtet, weil indirekt betroffen, hab ich, dass solch Ausweis benutzt wurde, um eine Warteschlange sehr schnell hinter sich zu lassen. Selbstbewusst ist der Träger vorbeigelaufen und hat etwas vorgezeigt und schon durften wir alle schneller.... das war aber nicht an der Grenze!

Und auch wenn es Genossen Hauptmann aufregt, mir geht es nicht um Bloßstellung, mir geht es ums Begreifen!
Jeder Leser soll möglichst sehen, dass es ein Riesenunterschied war, wer an der Grenze kontrolliert wurde. Wenn ich schreibe, dass diese Pass-Förderbänder auch ein Stück weit den Passierenden verunsicherten, weil er über eine gehörige Distanz Wegstrecke defacto ohne seine Papiere war, werde ich so falsch nicht liegen. So schätzt das nicht nur der Marienborner Gedenkstätten-Mitarbeiter ein, so erlebten es ja täglich Abertausende die diese Grenze passierten.
Wenn ich schreibe, dass generell die Grenzorgane der DDR schroff und eher unhöflich waren, ist es meine Meinung und wieder auch die von abertausenden Berichtenden.

Dass in Eigenwahrnehmung ein Stasihauptmann das anders empfand, versteht man. Denn er tat "korrekt" seinen Dienst, wie er es vorschriftsmäßig tat. Er bemerkt gar nicht, dass jedes höfliche oder freundliche Wort in seinem Dienstalltag fehlte, dass es so Reisende verunsicherte oder gar abstieß. Vergleichen konnte er ja selbst nie.
Fuhr er selbst gen Osten in Urlaub über eine Grenze, dann waren seine Kollegen oft bestimmt doch lockerer und gesprächsbereiter zu ihm, da sie Ihresgleichen erkannten.

Nie schrieb ich, dass ich gesehen habe, dass ein Stasimann an der Grenze seinen Klappfixx vorlegte. @Merkur hat auch schon beschrieben, dass dies nicht ging, was ich durchaus so glaube. @Karnak räumte aber ein, auch im Personalausweis einen Vermerk gehabt zu haben, der evt., keineswegs aber zwingend, gezeigt wurde.
Jeder kann sich vorstellen, denke ich, dass ein Kollege formal keinem Gleichgestellten gegenüber ruppig auftritt. Und daraus resultierend sah er seine eigene Grenzpassage viel milder, als es normale Alltagsreisende erlebten.

Aus diesen Überlegungen ziehe ich den Schluss, dass ein Grenzwächter einer GÜST mit großer Wahrscheinlichkeit NIE das wirkliche Empfinden der Reisenden je selbst erlebte.

Er ist nicht imstande, selbst 27 Jahre später an seinen Arbeitsplatz zurückkehrend, zu erkennen, wie negativ das DDR-Grenzregime auf die breite Menschheit wirkte und das es eins der verächtlichsten dieser Welt war.


Gruß Volker
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Re: Empfindungen an der innerdeutschen Grenze vor 1989

Beitragvon Volker Zottmann » 22. November 2017, 19:58

1970/71 war ich bei der NVA. Unser Zahnarzt hatte seinen Behandlungsstuhl im Zuchthaus Torgau, im berüchtigten Fort Zinna. https://www.google.de/maps/place/Am+For ... d12.983902
Obendrein hatten wir einen Kompaniechor zu gründen, der mit den Zuchthauswärtern gemeinsam trällerte.

Auch wir konnten also manchmal ins Zuchthaus und auch gleich wieder raus. Ebenso wie die Wärter.
Ist es nicht logisch, dass für uns das Zuchthaus nie diesen Schrecken hatte, wie für all jene Insassen?

Daraus ableitend oder vergleichend:
Für die Wächter war es ein sicherer, gut dotierter Arbeitsplatz. Sie empfanden sich bestimmt auch immer als freundliche Menschen..... Waren sie auch bei den Chorproben und Auftritten!
Wie aber urteilen die Insassen?

War es die Grenze betreffend nicht ebenso?


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Re: Empfindungen an der innerdeutschen Grenze vor 1989

Beitragvon Wosch » 22. November 2017, 20:05

Das Überqueren einer DDR- Grenze war für die meisten BRD-Bürger doch fast jedes Mal ein mittelgroßes Abenteuer. Am deutlichsten wurde mir dieses bei meinen vielen Ein-und Ausreisen mit der Bahn. Aus den Fenstern konnte man die Grenzanlagen mit allen ihrer Scheußlichkeiten bewundern, sah die Hundeführer mit ihren auf die Menschensuche abgerichteten Fiffis, konnte mit ansehen wie hin und wieder ein Fahrgast aus Ost oder West aus den Zug "gebeten" wurde und der dann bei der Weiterfahrt immer noch nicht anwesend war, erfuhr dann nach dem Überfahren der DDR- Grenze, auf West- Gebiet. wie die bis dahin schweigsamen DDR-Rentner mit einmal aus sich rauskamen und über die Scheiß- Grenze und über deren "Vollstrecker" wirklich dachten.
Ich war mal mit einer Bekannten mit dem Auto nach Berlin zur Grünen Woche gefahren, wir wurden 3x von den Vopos auf der Fahrt angehalten und in Marienborn und auch in Dreilinden wurde mit uns seitens der Abfertigung in barschem Ton umgegangen. Meine Bekannte fuhr mit mir sonst überall hin, nur durch die DDR um's Verecken nicht mehr, sie hatte einfach Angst vor dem dortigen Prozedere.

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Re: Empfindungen an der innerdeutschen Grenze vor 1989

Beitragvon Ari@D187 » 22. November 2017, 21:48

Wosch hat geschrieben:Das Überqueren einer DDR- Grenze war für die meisten BRD-Bürger doch fast jedes Mal ein mittelgroßes Abenteuer. [...]

Das kann ich voll und ganz bestätigen. Am 2. Mai 1988 ging es über Gerstungen mit der Bahn nach Berlin zum Bahnhof Zoo. Am 4. Mai dann nach Ost-Berlin.

Dieses "Abenteuer" faszinierte mich sehr und so ging es dann im Juni 1990 wieder durch die DDR nach Berlin. Ohne diese erste DDR-Reise wäre ich jetzt nicht hier im Forum und Ihr müsstet Euch nicht mit mir herumplagen...

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Re: Empfindungen an der innerdeutschen Grenze vor 1989

Beitragvon augenzeuge » 22. November 2017, 22:27

Also 1988 war dein erstes Mal?

AZ
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Re: Empfindungen an der innerdeutschen Grenze vor 1989

Beitragvon Volker Zottmann » 22. November 2017, 22:51

Mein erstes Grenzüberschreiten mit meiner Mutter in Richtung Düsseldorf war 1954. Da war ich etwas über dreieinhalb Jahre alt. Ich habe daran keinerlei Erinnerungen, was für das Kindesalter logisch erscheint.
Nach 4 Monaten etwa ging es mit meinem Vater zurück. Daran und an den für mich damals fantastischen Aufenthalt kann ich mich recht genau erinnern.
So fand ich ohne Hilfe 1987 in Wittlaer sofort das Haus in welchem mein Onkel wohnte.
Damals bemerkte ich als Knirps nur, dass auf der Rückfahrt ab Grenze die Schienenstöße wieder merklich zu spüren waren. Sonst nichts.
1987 aber, trotz voller Euphorie, empfand ich die Grenze mehr als bedrückend. Die für meine Begriffe bekloppte "Übernahme des Zuges im Grenzbahnhof" fand ich gelinde gesagt abstoßend. Wer das als Normalität empfand, kann nicht ganz sauber gewesen sein.
Wosch will und muss ich bestätigen. All die stummen DDR-Reisenden verloren ihr Schweigen und die Bedrückung erst im damals schon freien Teil Deutschlands.

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Re: Empfindungen an der innerdeutschen Grenze vor 1989

Beitragvon Interessierter » 30. Mai 2020, 09:58

Kati Naumanns Kindheit im Sperrgebiet

Was war damals passiert im sogenannten Sperrgebiet der DDR? Welche Schicksale und Tragödien spielten sich dort ab? Die Schriftstellerin Kati Naumann erinnert sich an ihre Kindheit, die sie zum Großteil bei ihren Großeltern im Sperrgebiet verbracht hat.

Bild
Die Autorin Kati Naumann verbrachte einen Großteil ihrer Kindheit in Thüringen bei ihren Großeltern, im Sperrgebiet der DDR.

In letzter Zeit denke ich viel über mein Heimatland DDR nach - ein Land, das es nicht mehr gibt und dessen Untergang mit dem Fall der Mauer eingeläutet wurde. Über diese Mauer muss ich neuerdings oft reden und ich merke: Noch immer fällt es mir schwer, die Dinge beim Namen zu nennen. Liegt es daran, dass während meiner Schulzeit das Wort "Mauer" tabu war und sie als antifaschistischer Schutzwall bezeichnet werden musste? Oder liegt es daran, dass die DDR mein Heimatland bleiben wird, ob es mir nun gefällt oder nicht? Ich hatte eine glückliche Kindheit in diesem Land und bin von ihm geprägt worden. Noch immer finde ich die Bedürfnisse der Gemeinschaft wichtiger als meine eigenen. Noch immer überlege ich gründlich, was ich laut ausspreche und was ich lieber verschweige.

Passierschein, Schlagbaum, Wartezeit: "Es war unser Alltag"

Einen Großteil meiner Kindheit verbachte ich während der 60er- und 70er-Jahre in Thüringen bei meinen Großeltern, die damals im Sperrgebiet der DDR lebten. Meine frühesten Erinnerungen setzen sich aus Waldesrauschen, Fichtenduft und der unerschütterlichen Liebe meiner Großeltern zusammen. Dabei war es nicht ganz einfach, zu ihnen zu gelangen. Jedes Mal mussten sie für mich bei der Polizei einen Antrag auf einen Passierschein stellen, und das taten sie, immer und immer wieder. Eine solche Prozedur konnte sich über Wochen hinziehen und war nicht immer von Erfolg gekrönt. Nur für die Auserwählten, die einen der kostbaren Passierscheine oder einen Wohnrechtstempel im Ausweis vorweisen konnten, öffnete sich der Schlagbaum zum Sperrgebiet. Das und die vielen Kontrollen fand ich nicht bedrohlich, sondern völlig normal. Es war unser Alltag. Für alles, was wir sehnsüchtig begehrten, mussten wir Geduld und lange Wartezeiten aufbringen.

Das Sperrgebiet - ein magischer Ort

Die Schwierigkeit, ins Thüringer Grenzgebiet zu gelangen und die Tatsache, dass ich immer in der Ferienzeit dort war, verwandelte diesen Landstrich für mich in einen magischen Ort. Es ist die heile Welt meiner Kindheit. Ich ahnte damals nicht, dass sich ganz in der Nähe Tragödien ereigneten. Menschen, die meine Großeltern hätten sein können, verloren dort durch Zwangsaussiedlungen ihre Heimat. Für mich fühlte sich der Wald mit seinen Baumriesen, dem Schrei der Eichelhäher und dem flirrenden Licht endlos und frei an. Schließlich wussten meine Großeltern genau, welche Wege wir gehen durften und welche verboten waren. Es gab eine bestimmte Stelle, an der mein Großvater immer den Hund herbeirief und ihn anleinte. Auch der Feldstecher, mit dem wir sonst die Rehe beobachteten, wurde weggepackt. Damals habe ich mir keine Gedanken über den Grund gemacht. Erst jetzt, mit vielen Jahren Verspätung, wird mir bewusst, dass dort unmittelbar die Grenze gewesen sein muss.

Unter der Oberfläche war vieles ganz anders


Manchmal zeigte mir meine Großmutter von den Bergen aus den Westen. Ich habe immer sehnsüchtig nach Coburg hinübergeguckt und versucht, einen schillernden Glanz zu entdecken. Den Tag, an dem die Mauer fiel, hat meine Großmutter nicht mehr erlebt. So gern wäre ich mit ihr den Berghang hinunter und rüber nach Coburg gelaufen. Später fuhr ich mit dem Auto dorthin und nahm sie in Gedanken mit.

Den westlichen Teil Deutschlands betrat ich zum allerersten Mal ein paar Tage nach dem Mauerfall. Es schien mir, als würde ich aus einem Schwarz-Weiß-Film in einen Farbfilm überwechseln. Ich erinnere mich daran, wie kurz nach der Wende in Leipzig die schwarzen Fassaden der öffentlichen Gebäude gereinigt wurden. Zu meiner Überraschung stellte sich heraus, dass sie nicht aus dunklem Granit, sondern aus hellem Sandstein bestanden. Unter der Oberfläche war vieles ganz anders als ich immer geglaubt hatte.


Die Grenzen im Kopf

Nach dem Mauerfall wollte ich erst einmal nichts mehr von der DDR wissen. Später näherte ich mich ihr mit erinnerungsseliger Verklärung. Aber erst heute, mit dem Abstand von 30 Jahren und dem Wissen über Totgeschwiegenes kann ich mein Heimatland so sehen, wie es wirklich war. Ich sehe die Hoffnung, auf der es errichtet wurde und die Abgründe, die immer tiefer wurden. Und auch wenn die Mauer längst gefallen ist, spüre ich noch immer die Grenzen in meinem Kopf. Manchmal fällt es mir schwer, sie zu überschreiten. Aber es gelingt mir immer öfter.

https://www.ndr.de/ndrkultur/Kati-Nauma ... en102.html
Was du hast, können viele haben. . . doch was du bist , kann keiner sein.
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Re: Empfindungen an der innerdeutschen Grenze vor 1989

Beitragvon augenzeuge » 30. Mai 2020, 10:04

Sehr gute Schilderung.

Folgende Aussage macht vieles deutlich, man hatte die Unnormalität als Normalität gesehen. Der gebückte Gang war normal geworden.

Das und die vielen Kontrollen fand ich nicht bedrohlich, sondern völlig normal. Es war unser Alltag.


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