Todesfälle außerhalb des Grenzgebietes

Die innerdeutsche Grenze. Alles was in das Thema Grenze, Grenztruppen, BGS, Zoll, Fluchten, Teilung, Leben im Sperrgebiet, usw.

Todesfälle außerhalb des Grenzgebietes

Beitragvon Interessierter » 14. Januar 2017, 11:01

Als Folge des DDR-Grenzregime kam es auch zu Todesfällen außerhalb des unmittelbaren Grenzgebiets. So wurden Sicherheitskräfte und unbeteiligte Bürger in Mitleidenschaft gezogen, wenn sie auf bewaffnete Fahnenflüchtige trafen, die ihr Vorhaben um jeden Preis in die Tat umsetzen wollten. Auch Amoktaten von Grenzsoldaten sind überliefert. Außerhalb des Grenzgebietes aber doch als Folge des DDR-Grenzregimes wählte eine unbekannte Zahl von Frauen und Männern nach gescheiterten Fluchtversuchen oder abgelehnten Ausreiseanträgen den Freitod. Nur wenn es sich nicht vermeiden ließ, berichteten örtliche Zeitungen verklausuliert über solche Vorfälle. In der Regel sorgten die Sicherheitsbehörden für ihre Geheimhaltung.

Major der VP Helmut Adam

In einem unbewohnten Wochenendhaus in Saalfeld, Am Lärchenhölzchen, wurde am 25. Dezember 1971 um 10.06 Uhr der Fahnenflüchtige Soldat der Pionierkompanie Sonneberg Gerhard Meyer aufgespürt. Der erste Stellvertreter des Volkspolizeikreisamtes Saalfeld Major Helmut Adam wurde beim Versuch, Meyer festzunehmen, angeschossen. Er erlag noch am gleichen Tag im Krankenhaus Saalfeld seinen Verletzungen.

geboren am 25. Januar 1929 in Rudolstadt
erschossen am 25. Dezember 1971
Ort des Zwischenfalls: Saalfeld (Thüringen)

Der Major der Volkspolizei Helmut Adam hatte den Tischlerberuf erlernt. Er war verheiratet, aus der Ehe gingen fünf Kinder hervor, die zum Zeitpunkt seines Todes zwischen sieben und 21 Jahre alt waren. Helmut Adam nahm am 25. Januar 1971 an der Suche nach dem Fahnenflüchtigen Pionier der Grenztruppen Gerhard Meyer teil, der am Vortag mit seiner Maschinenpistole und 60 Schuss Munition aus der Kaserne in Sonneberg desertiert war. Auf der Flucht hatte er einen 76-jährigen Arzt in der Nähe des Grenzübergangs Eisfeld niedergeschlagen und schwer verletzt. In Sachsenbrunn schoss er danach den Volkspolizisten und Abschnittsbevollmächtigten (ABV) Günther Michaelis nieder, der am gleichen Tag noch seinen Verletzungen erlag. Am Weihnachtsabend versuchte er in Saalfeld eine Säuglingsschwester in seine Gewalt zu bringen und verletzte sie in einem Handgemenge.

Nachdem das Versteck des Fahnenflüchtigen in einer Saalfelder Wochenendsiedlung durch eine Suchtruppe der Volkspolizei gegen 10.06 Uhr entdeckt worden war, wurde das Gelände von Sicherheitskräften des MfS und der Volkspolizei umstellt. Über Megaphon wurde der Deserteur mehrfach aufgefordert, seine Waffe aus dem Fenster zu werfen und sich zu ergeben. Dem kam er nicht nach, sondern schoss sofort auf einen Panzerwagen, als dieser sich dem Haus näherte. Nach dem Einsatz von Rauch- und Tränengas war aus dem oberen Geschoss des Gebäudes, in dem sich Meyer verbarrikadiert hatte, ein dumpfer Knall zu hören. Die Einsatzkräfte vermuteten, dass sich der Deserteur selbst erschossen hätte.

Daraufhin erteilte Oberstleutnant Hennig den Befehl zur Stürmung des Wochenendhauses. Doch abermals schoss Meyer aus dem Dachgeschoss auf den sich annähernden Panzerwagen SPW und warf mehrere ins Haus geworfene Rauchgranaten aus dem Fenster wieder heraus. Nach erneutem mehrfachem Rauchkörpereinsatz begab sich Oberstleutnant Hennig als erster in das Untergeschoss. Major Adam wurde mit einem zweiten Panzerwagen an das Gebäude heran gebracht. Sein Versuch, von einer Leiter aus eine Dachluke aufzubrechen, scheiterte. Er begab sich danach ebenfalls in das Gebäude und ließ sich von VP-Hauptmann Samper, der den Eingang sicherte, dessen Maschinenpistole geben. Mit Adam gelangte auch Oberwachtmeister Meinhardt ins Innere des Hauses.

Der Ablauf des Geschehens dort wurde in dem Abschlussbericht des Suhler Staatssicherheitsdienstes minutiös festgehalten. Demnach saß Meyer, als Oberstleutnant Hennig und ihm folgend Major Adam das Obergeschoss betraten, in einem Mansardenzimmer auf einem Stuhl und hielt sich seine Maschinenpistole unter das Kinn. Als Oberstleutnant Hennig ihn aufforderte, die Waffe niederzulegen, antwortete Meyer, er solle ihn doch erschießen. Als Hennig anlegte, um Meyer die Waffe aus der Hand zu schießen, stellte dieser die Waffe hinter seinen Körper. Inzwischen waren Hauptmann Semper und Oberwachtmeister Meinhardt ebenfalls im Dachgeschoss angelangt. „Meyer wurde in der weiteren Zeit von Oberstleutnant Hennig und Major Adam des öfteren aufgefordert, sich zu ergeben bzw. die Waffe wegzulegen, worauf er erwiderte, daß er nicht schießen werde, sondern erschossen werden will.

Dabei hielt er seine Waffe mit der Laufmündung an sein Kinn, wobei er den Finger am Abzug hatte.“ Oberstleutnant Hennig und Major Adam standen im Raum mit der Waffe in der Hand dem Fahnenflüchtigen gegenüber. Hennig legte sogar einmal seine Waffe ab und forderte Meyer auf, dies ebenfalls zu tun. Als Meyer aus dem Fenster blickte, legte Hennig an, um ihm die Waffe aus der Hand zu schießen. Im gleichen Moment gab Major Adam einen Feuerstoß ab „und rannte auf Meyer zu. [...] Aufgrund der Schußabgabe des Major Adam zuckte Meyer zusammen, neigte sich leicht nach vor und drehte nach links. In diesem Augenblick löste sich nach Angaben von Oberstleutnant Hennig ein Feuerstoß aus der Waffe des Meyer. Er fiel auf den bereits am Boden liegenden Major Adam, rollte nach links von diesem herunter und blieb in Rückenlage liegen.“

Die Obduzenten stellten später drei Schusstreffer bei Meyer fest, der tödliche Treffer lag im Bereich der linken Brustseite. Major Adam wurde durch einen Bauchschuss verletzt, an dessen Folgen er trotz einer Notoperation im Krankenhaus Sonneberg starb. Am Ende des Berichts sind insgesamt 36 Zeugen aufgeführt, die vom MfS befragt wurden. Einer Aussage zufolge soll Major Adam am Morgen des 25. Dezember vor dem Einsatz gegenüber dem Politstellvertreter der Volkspolizei Saalfeld, Major Köppe, geäußert haben: „Den Kerl bring ich um“. In dem abschließenden internen Bericht der Stasi-Zentrale wurde die hohe Einsatzbereitschaft der eingesetzten Kräfte gelobt, allerdings wurden „jedoch gleichzeitig ernste Verstöße gegen die Prinzipien des taktischen Vorgehens zur Festnahme bzw. Liquidierung des Verbrechers“ kritisiert.

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Re: Todesfälle außerhalb des Grenzgebietes

Beitragvon augenzeuge » 14. Januar 2017, 12:02

Spannende Story. [super]
Merkur, warum bringst du sowas nicht?
AZ
Freiheit ist ein Gut, das durch Gebrauch wächst und durch Nichtgebrauch dahinschwindet. Keiner darf für sich den Besitz der Wahrheit beanspruchen, sonst wäre er unfähig zu Kompromiß und überhaupt zu Zusammenleben.
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Re: Todesfälle außerhalb des Grenzgebietes

Beitragvon Merkur » 14. Januar 2017, 12:56

augenzeuge hat geschrieben:Spannende Story. [super]
Merkur, warum bringst du sowas nicht?
AZ


Arbeite dran. [wink]
Selbstverständlich muss jeder seine individuelle Sicht bzw. Meinung haben und schreiben. Quelle: Augenzeuge.
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Re: Todesfälle außerhalb des Grenzgebietes

Beitragvon augenzeuge » 14. Januar 2017, 14:42

Klasse!
AZ
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Re: Todesfälle außerhalb des Grenzgebietes

Beitragvon Kumpel » 14. Januar 2017, 14:50

Merkur muss wohl erst noch ein paar Geschichten raussuchen in denen die Stasi in einem angenehmen Licht erscheint. [grins]
'' Es war von vorn bis hinten zum Kotzen, aber wir haben uns prächtig amüsiert.''
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Re: Todesfälle außerhalb des Grenzgebietes

Beitragvon Merkur » 14. Januar 2017, 14:57

Kumpel hat geschrieben:Merkur muss wohl erst noch ein paar Geschichten raussuchen in denen die Stasi in einem angenehmen Licht erscheint. [grins]


Quatsch kein dummes Zeug!
Selbstverständlich muss jeder seine individuelle Sicht bzw. Meinung haben und schreiben. Quelle: Augenzeuge.
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Re: Todesfälle außerhalb des Grenzgebietes

Beitragvon Kumpel » 14. Januar 2017, 15:20

Nicht doch gleich so angefressen.
Deine Beiträge zum Thema sprechen stets für sich und die kurzen Kommentare so wie so. [grins]
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Re: Todesfälle außerhalb des Grenzgebietes

Beitragvon andr.k » 14. Januar 2017, 18:03

Kumpel hat geschrieben:Merkur muss wohl erst noch ein paar Geschichten raussuchen in denen die Stasi in einem angenehmen Licht erscheint. [grins]


Kumpel hat geschrieben:Nicht doch gleich so angefressen.
Deine Beiträge zum Thema sprechen stets für sich und die kurzen Kommentare so wie so. [grins]


Deine Beiträge sind einfach substanzlos. Wenn Du gewisse Buchvorstellungen und auch einige Bücher zum Thema gelesen hättest, wäre Dir vielleicht aufgefallen, dass es nicht nur um Deine Stasi geht.
Man lebt ruhiger, wenn man nicht alles sagt, was man weiß, nicht alles glaubt, was man hört und über den Rest einfach nur lächelt.

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Re: Todesfälle außerhalb des Grenzgebietes

Beitragvon Kumpel » 15. Januar 2017, 11:52

andr.k hat geschrieben:Wenn Du gewisse Buchvorstellungen und auch einige Bücher zum Thema gelesen hättest, wäre Dir vielleicht aufgefallen, dass es nicht nur um Deine Stasi geht.


Gut das du deinem Kollegen bei springst.
Genau das ist ja der Punkt. Für manch einen ist lediglich die Stasi erwähnenswert welche mit moralischer Überlegenheit Nazis , Kindermörder und Saboteure verfolgte.
Das es sich bei dieser Organisation in erster Linie um ein Instrument zur Repression , Überwachung und Verfolgung der eigenen Bevölkerung handelte könnte man dabei glatt übersehen.
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Re: Todesfälle außerhalb des Grenzgebietes

Beitragvon Interessierter » 16. Januar 2017, 12:06

Hauptwachtmeister Gerd Eisenbach

Am 16. Dezember 1975 errichtete die Volkspolizei an den Landstraßen, die im Thüringer Raum zur Grenze führten, Straßensperren. Mit höchster Alarmstufe wurde nach dem am Vortag aus einer Kaserne in Spremberg geflüchteten NVA-Soldaten Werner Weinhold gefahndet. Auf der Landstraße bei Vachdorf löste sich während einer Fahrzeugkontrolle ein Schuss aus einem dort eingesetzten leichten Maschinengewehr. Hauptwachtmeister Gerd Eisenbach wurde getroffen und tödlich verletzt.

geboren am 22. April 1949
getötet durch fahrlässigen Schusswaffengebrauch am 16. Dezember 1975
Ort des Zwischenfalls: Landstraße zwischen Vachdorf und Leutersdorf (Thüringen)

Im Rahmen der Fahndungsmaßnahmen gegen den am 15. Dezember 1975 aus der Panzerkaserne in Spremberg geflüchteten Soldaten Werner Weinhold richteten Volkspolizisten an der F 89 zwischen den Ortschaften Vachdorf und Leutersdorf bei Themar einen Sonderkontrollpunkt ein. VP-Meister Harald J. erhielt bei der Einrichtung des Kontrollpunktes den Befehl, ein leichtes Maschinengewehr (LMG) in Stellung zu bringen. VP-Meister Fiedler, der das Kommando an der Kontrollstelle führte, wies Harald J. an, das LMG schussbereit zu machen, eine Patrone einzuführen und die Waffe zu sichern. Der Versuch, den Gurt einzulegen, gelang nicht sofort. Harald J. behauptete später, er habe den Kommandoführenden darauf hingewiesen, dass er nicht an dieser Waffe ausgebildet worden sei. Gerd Eisenbach half daraufhin seinem Kollegen, das LMG schussbereit zu machen. Dann begab er sich kurz nach 18.00 Uhr auf die Straße zum Kontrollpunkt.

Nach Angaben von Harald J. habe er das Schloss des LMG zurückgezogen, das sei vorgeschnappt und ein Schuss löste sich. Gerd Eisenbach, der in einiger Entfernung im Schussfeld des LMG stand, wurde in den Rücken getroffen. Er habe noch gesagt, „was macht ihr denn“ und brach dann zusammen. Volkspolizeimeister Fiedler ließ den schwer Verletzten in einen ‚Wartburg‘ aus der wartenden Fahrzeugkolonne legen und zum Krankenhaus Meiningen bringen. Dort konnten die Ärzte nur noch seinen Tod feststellen. Nach ihrer ersten Einschätzungen handelte es sich bei der Schussverletzung um einen Lungendurchschuss und eine Verletzung der Lungenschlagader.

Der Rapport an das DDR-Innenministerium über den tödlichen Zwischenfall enthält folgenden kritischen Hinweis: „Entgegen der Festlegung, die Einsatzkräfte am KP mit Mpi auszurüsten, hatte der Leiter der Schutzpolizei des VPKA Meiningen die Anweisung gegeben, einen Genossen der Einsatzkräfte des Fahndungskontrollpunktes mit LMG zu bewaffnen. Bisherige Überprüfungen ergaben, dass der LMG-Schütze, Meister der VP Harald J. (31), keine gründliche Ausbildung an dieser Waffe hat. Er handelte fahrlässig bei der Herstellung der Feuerbereitschaft.“

Während die DDR-Medien sich ausführlich mit den Todesfällen der von Weinhold an der Grenze erschossenen Soldaten Jürgen Lange und Klaus-Peter Seidel befassten und diese zum Gegenstand ihrer Propaganda gegen die Bundesrepublik machten, spielte der Tod von Gerd Eisenbach in den Berichten über den Ablauf der Fahnenflucht Werner Weinholds keine Rolle.

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Re: Todesfälle außerhalb des Grenzgebietes

Beitragvon Interessierter » 19. Januar 2017, 09:34

Volkspolizist Gerhard Gergau

Um in die Bundesrepublik zu gelangen, wollte Helmut C. ein Flugzeug entführen. Er überfiel in Leipzig vor einem Ausbildungsgelände der NVA einen Wachposten und entriss ihm die Maschinenpistole. Dann versuchte er zum Flughafen Schkeuditz zu gelangen. Als sich ein Streifenwagen der Volkspolizei näherte, eröffnete Helmut C. das Feuer.

geboren am 18. Januar 1949
erschossen am 15. Januar 1981
Ort des Zwischenfalls: Leipzig, Slevogtstraße (Sachsen)

In den späten Abendstunden des 14. Januar 1981 wurde der zur Bewachung am Ausbildungsgelände Wiederitzscher Weg eingesetzte NVA-Posten Jürgen P. überfallen. Der Täter schlug ihn nieder und entriss ihm die Waffe und 60 Schuss Munition. Der Wachposten sagte später aus, er sei von hinten angefallen und zu Boden geschlagen worden. Der Täter habe ihn dann mit der eigenen Waffe bedroht und zur Herausgabe der Munition gezwungen. Sodann musste er sich mit dem Kopf zur Erde auf den Bauch legen, der Täter drohte zu schießen wenn er sich bewege. Nach zehn Minuten habe er gewagt aufzustehen und Alarm auszulösen.

Wenig später klingelte ein Mann in der Radefelder Straße an mehreren Haustüren und forderte von Anwohnern, die ihm öffneten, mit vorgehaltener Waffe die Herausgabe eines Fahrzeugs. Nach einem Gerangel mit Hausbewohnern gab der Unbekannte mehrere Schüsse in die Luft ab und entfernte sich in Richtung Slevogtstraße. Als er dort einen Funkstreifenwagen auf sich zu kommen sah, eröffnete er sofort das Feuer. Der Volkspolizist Gerhard Gergau wurde tödlich verletzt, sein Kollege Lutz H. schwer. Der Täter ließ die Waffe zurück und flüchtete. Kurz darauf wurde er in einer Seitenstraße entdeckt und festgenommen. Es handelte sich um den 25-jährigen Anlagenfahrer Helmut C. aus Leipzig, der beabsichtigt hatte, mit der Waffe am Flugplatz Schkeuditz ein Flugzeug zu kapern, um in die Bundesrepublik ausgeflogen zu werden.

Helmut C. wurde am 19. Juni 1981 durch das Bezirksgericht Leipzig zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt. Die Aussage des Wachpostens Jürgen P. stellte sich später als falsch heraus. Er war von C. nicht von hinten angegriffen worden, sondern hatte sich von ihm in ein Gespräch verwickeln lassen und ihm ermöglicht den Postenbereich zu betreten. Damit aber hatte er die Dienstvorschriften verletzt. Jürgen P. wurde am 8. April 1981 durch das Militärgericht Halle zu einem Jahr und drei Monaten Freiheitsentzug verurteilt, da er „aufs gröbste gegen bestehende Befehle und Anweisungen“ verstoßen habe.

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Dümmer und rücksichtsloser konnte man nun wirklich nicht versuchen zu flüchten... [bloed]
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Re: Todesfälle außerhalb des Grenzgebietes

Beitragvon augenzeuge » 19. Januar 2017, 17:32

Was wurde aus Helmut C nach der Wende?

Helmut C. wurde am 19. Juni 1981 durch das Bezirksgericht Leipzig zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt.

Da hat er nochmal Glück gehabt. Weitaus weniger konnte man Teske nachweisen, der hatte z.B. keinen Menschen umgebracht, aber er wurde 7 Tage nach diesem Urteil in Leipzig erschossen.... [angst]
AZ
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Re: Todesfälle außerhalb des Grenzgebietes

Beitragvon Merkur » 19. Januar 2017, 19:47

augenzeuge hat geschrieben:Was wurde aus Helmut C nach der Wende? AZ


C. wurde am 19.06.1981 zu einer lebenslänglichen Freiheitsstrafe verurteilt und saß seine Haftstrafe in Bautzen II seit dem 22.07.1981 ab. Seit Oktober 1990 bemühte er sich um eine vorzeitige Freilassung und Kassation des Urteils. Als Argument wurde u. a. angeführt, dass das Urteil im Strafausspruch rechtsstaatlichen Grundsätzen widerspricht. Es sei ein politisches Urteil gewesen, da C. die DDR verlassen wollte. C. wurde am 07.08.1991 entlassen, die Bewährungszeit wurde auf 4,5 Jahre festgesetzt.
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Re: Todesfälle außerhalb des Grenzgebietes

Beitragvon augenzeuge » 19. Januar 2017, 22:44

Danke, dann ist er ja schon lange im anderen Deutschland angekommen.

Man muss seine Freilassung akzeptieren, so wie man hinnehmen muss, dass gewalttätige Vertreter des Staates auch nicht für ihre Tat zur Rechenschaft gezogen werden konnten.
AZ
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Re: Todesfälle außerhalb des Grenzgebietes

Beitragvon Merkur » 20. Januar 2017, 08:05

augenzeuge hat geschrieben:Danke, dann ist er ja schon lange im anderen Deutschland angekommen.

Man muss seine Freilassung akzeptieren, so wie man hinnehmen muss, dass gewalttätige Vertreter des Staates auch nicht für ihre Tat zur Rechenschaft gezogen werden konnten.
AZ


Ich sage doch gar nichts dagegen. Warum der vorauseilende Vergleich?
Selbstverständlich muss jeder seine individuelle Sicht bzw. Meinung haben und schreiben. Quelle: Augenzeuge.
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Re: Todesfälle außerhalb des Grenzgebietes

Beitragvon augenzeuge » 20. Januar 2017, 08:16

Es war nicht auf dich bezogen. Ich habe mal "laut" gedacht. [hallo]
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Re: Todesfälle außerhalb des Grenzgebietes

Beitragvon SkinnyTrucky » 20. Januar 2017, 09:43

augenzeuge hat geschrieben:Was wurde aus Helmut C nach der Wende?

Helmut C. wurde am 19. Juni 1981 durch das Bezirksgericht Leipzig zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt.

Da hat er nochmal Glück gehabt. Weitaus weniger konnte man Teske nachweisen, der hatte z.B. keinen Menschen umgebracht, aber er wurde 7 Tage nach diesem Urteil in Leipzig erschossen.... [angst]
AZ


7 Tage nach einem Todesurteil zu vollstrecken ist ziemlich unüblich, oder....


groetjes

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Re: Todesfälle außerhalb des Grenzgebietes

Beitragvon Kumpel » 20. Januar 2017, 09:57

Aber doch nicht im Ostblock. Da landeten die Delinquenten durchaus auch vom Gerichtssaal direkt vor dem Erschießungskommando.
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Re: Todesfälle außerhalb des Grenzgebietes

Beitragvon Nostalgiker » 20. Januar 2017, 10:07

Kumpel hat geschrieben:Aber doch nicht im Ostblock. Da landeten die Delinquenten durchaus auch vom Gerichtssaal direkt vor dem Erschießungskommando.


Beispiele?
Ich nehme zur Kenntnis, das ich einer Generation angehöre, deren Hoffnungen zusammengebrochen sind.
Aber damit sind diese Hoffnungen nicht erledigt. Stefan Hermlin

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Re: Todesfälle außerhalb des Grenzgebietes

Beitragvon Kumpel » 20. Januar 2017, 10:10

Besonders bei "Agenten" und Saboteuren" in der DDR standen die Urteile ohnehin oftmals schon vor Prozessbeginn fest und die Beispiele kannst du dir selber ergoogeln.
Zuletzt geändert von Kumpel am 20. Januar 2017, 10:14, insgesamt 1-mal geändert.
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Re: Todesfälle außerhalb des Grenzgebietes

Beitragvon Merkur » 20. Januar 2017, 10:13

Nostalgiker hat geschrieben:
Kumpel hat geschrieben:Aber doch nicht im Ostblock. Da landeten die Delinquenten durchaus auch vom Gerichtssaal direkt vor dem Erschießungskommando.


Beispiele?


Nicolae und Elena Ceausescu [shocked]
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Re: Todesfälle außerhalb des Grenzgebietes

Beitragvon Kumpel » 20. Januar 2017, 10:15

Ja richtig , die Verantwortlichen sind wie stets in den Kreisen der Stalinisten zu suchen , die damit nur ihre eigene Haut retten wollten.
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Re: Todesfälle außerhalb des Grenzgebietes

Beitragvon augenzeuge » 20. Januar 2017, 16:20

SkinnyTrucky hat geschrieben:
augenzeuge hat geschrieben:Was wurde aus Helmut C nach der Wende?

Helmut C. wurde am 19. Juni 1981 durch das Bezirksgericht Leipzig zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt.

Da hat er nochmal Glück gehabt. Weitaus weniger konnte man Teske nachweisen, der hatte z.B. keinen Menschen umgebracht, aber er wurde 7 Tage nach diesem Urteil in Leipzig erschossen.... [angst]
AZ


7 Tage nach einem Todesurteil zu vollstrecken ist ziemlich unüblich, oder....


groetjes

Mara


Hast du falsch verstanden. 7 Tage nach dem Urteil an Helmut C wurde Teske erschossen. Dessen Urteil lag länger zurück....
AZ
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Re: Todesfälle außerhalb des Grenzgebietes

Beitragvon SkinnyTrucky » 20. Januar 2017, 16:38

Ah, okay....thx....


groetjes

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Re: Todesfälle außerhalb des Grenzgebietes

Beitragvon Interessierter » 23. Januar 2017, 10:00

Wilhelm Grehsmann

Bei Schießübungen traf ein Grenzpolizist versehentlich den in der Nachbarschaft arbeitenden Bauern Wilhelm Grehsmann.
geboren am 27. Mai 1892
erschossen am 19. Dezember 1952
Ort des Zwischenfalls: Testorf, Ortsteil von Zarrentin (Mecklenburg-Vorpommern)


Wilhelm Grehsmann lebte auf einem Bauernhof in Testorf bei Zarrentin, der seiner Familie seit mehreren Generationen gehörte. Sein Vater hatte die Stellung eines Dorfschulzen inne. Als Wilhelm Grehsmann am 18. Juli 1919 heiratete, zog auch seine Braut, die 22-jährige Frieda Möller mit auf den Hof. Nach der Teilung Deutschlands lag das Dorf unmittelbar im Grenzgebiet. Gegenüber dem Hof der Grehsmanns bezog ein Kommando der DDR-Grenzpolizei Quartier.

Am Nachmittag des 19. Dezember 1952 arbeitete der inzwischen 60 Jahre alt gewordene Wilhelm Grehsmann im Garten an seiner Kartoffelmiete, einer Vorrichtung zur Einlagerung von Kartoffeln. Die Schüsse, die vom Gelände des Grenzkommandos herüberhallten, hielten ihn nicht von seinen Aufgaben ab – die Grenzpolizisten schossen hier öfters mit ihren Kleinkalibergewehren auf Rebhühner oder machten Zielübungen mit Streichholzschachteln, die sie auf Pfähle stellten. An diesem Tag verfehlte jedoch eine Kugel ihr Ziel und traf den Landwirt unterhalb des rechten Schulterblattes. Er brach zusammen, eine Schlagader war verletzt und führte innerhalb kurzer Zeit zur inneren Verblutung. Familienmitglieder trugen ihn ins Haus, doch sie konnten ihm nicht mehr helfen. Der aus Zarrentin herbeigerufene Arzt stellte wenig später den Tod von Wilhelm Grehsmann fest. Die der Tat verdächtigen Grenzpolizisten kamen zunächst in Arrest. Das Strafmaß für den als Schütze identifizierten Leutnant der Grenzpolizei geht aus den Überlieferungen nicht hervor.

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Re: Todesfälle außerhalb des Grenzgebietes

Beitragvon Interessierter » 26. Januar 2017, 10:00

Klaus-Dieter Hebig

Ein betrunkener Unterfeldwebel der Grenztruppen schoss mitten in Eisenach um sich und verletzte Klaus-Dieter Hebig tödlich.

Geboren am 13. Juni 1948 in Eisenach
erschossen am 6. März 1984
Ort des Zwischenfalls: Eisenach, Heinrich-Heine-Straße

Bild
Klaus Dieter Hebig bei der Volksmarine

Klaus-Dieter Hebig wuchs in einer Eisenacher Arbeiterfamilie auf. Nach dem Abschluss der 10. Klasse an der Polytechnischen Oberschule erlernte er im VEB Automobilwerk Eisenach den Beruf eines Montageschlossers im Fahrzeugbau. Der fleißige und gute Lehrling konnte seine Facharbeiterprüfung vorzeitig ablegen und kam hernach in die Endmontage der dort gebauten PKW Wartburg. 1968 verpflichtete sich Klaus-Dieter Hebig zum vierjährigen Wehrdienst bei der Volksmarine.

Am 06. März 1984 kehrte der 22-jährige Unterfeldwebel des Grenzausbildungsregiments Eisenach Andreas D. vom Ausgang angetrunken in die Kaserne zurück. Er entwendete dort den Schlüssel der Waffenkammer und nahm seine Maschinenpistole samt vier gefüllten Magazinen an sich. Anschließend kletterte er über den Kasernenzaun. Vom Grenzausbildungsregiment in der Thälmannstraße war es nur knapp ein Kilometer bis zum Kulturhaus der Automobilarbeiter in der Heinrich-Heine-Straße. Unter den Gästen, die dort eine Faschingsveranstaltung besuchten, befand auch Klaus-Dieter Hebig. Er arbeitete zu dieser als Betriebshandwerker beim VEB Backwaren Eisenach und besuchte das Faschingsfest, um seine alten Kollegen aus der Fahrzeugfabrik wiederzutreffen. Gegen 1.35 Uhr machte er sich auf den Heimweg. Genau in diesem Moment erreichte Andreas D. die Heine-Straße und gab unvermittelt mehrere Feuerstöße aus seiner Waffe ab. Ein Geschoss traf Klaus-Dieter Hebig.

Andreas D. stürmte danach in das Kulturhaus und bedrohte zwei auf der Faschingsfeier anwesende Frauen. Gemeinsam gelang es mehreren Gästen, ihm die Waffe zu entreißen und ihn bis zum Eintreffen der Volkspolizei festzuhalten. Für Klaus-Dieter Hebig kam jedoch jede Hilfe zu spät, er starb noch am Tatort. Er hinterließ seine Frau und eine gemeinsame Tochter.

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Re: Todesfälle außerhalb des Grenzgebietes

Beitragvon Interessierter » 30. Januar 2017, 09:56

Nadine Klinkerfuß

Gemeinsam mit ihrem Mann und ihren drei Kindern versuchte Nadine Klinkerfuß im August 1978 über die tschechoslowakische Grenze nach Österreich zu flüchten. Das Vorhaben scheiterte im Grenzgebiet. Hans-Joachim Klinkerfuß erhielt in der DDR eine Haftstrafe, seine schwangere Frau Nadine blieb zunächst auf freiem Fuß. Als der Staatssicherheitsdienst ihr ebenfalls eine Haftstrafe und die Wegnahme der Kinder androhte, nahm sie sich das Leben.

Bild

geboren am 22. Januar 1951 in Ticheville (Frankreich)
Suizid am 17. März 1979
Ort des Zwischenfalls: Magdeburg (Sachsen-Anhalt)

Der Vater von Nadine Klinkerfuß, Helmut Müllerke, geboren 1920 in Magdeburg, hatte in der Nachkriegszeit Nadines französische Mutter Yolande kennengelernt und geheiratet. Nadine Klinkerfuß kam 1957 in Ticheville (Normandie) in die Grundschule und besuchte nach einem Umzug der Familie nach Le Sap (Normandie) dort bis zur 5. Klasse eine katholische Schule. Das Ehepaar Müllerke zog 1962 aus Frankreich mit acht Kindern in Helmut Müllerkes Heimatstadt Magdeburg. Dort besuchte Nadine Müllerke bis zur 8. Klasse die Maxim-Gorki-Oberschule.

Den in Frankreich geborenen Kindern der Familie Müllerke fiel es nicht leicht, sich in der DDR einzuleben. Zwischen 1963 und 1965 flüchteten drei von ihnen wieder aus der DDR. Nadine Müllerke tat sich in der Schule und mit der deutschen Sprache schwer. Nach dem Schulabschluss arbeitete sie eine Zeitlang in einer Magdeburger Zuckerraffinerie, anschließend als Reinigungskraft bei der Post, danach als Stationsgehilfin in der Landesfrauenklinik Magdeburg und zuletzt als Druckhelferin in einem Papierverarbeitungswerk. Nadine Müllerke heiratete 1969 den Installateur Achim Klinkerfuß. Im August des gleichen Jahres kam die erste Tochter des jungen Ehepaares, Jaqueline, zur Welt. Im Juli 1971 wurde deren Schwester Karin und im Februar 1977 der Sohn Helmut geboren.

Der Vater von Nadine Klinkerfuß durfte 1973 als Frührentner nach Frankreich reisen. Er kehrte nicht wieder in die DDR zurück. Kurze Zeit später verschlimmerte sich seine Herzerkrankung und auch seine Frau Yolande durfte ausreisen, um ihn in Frankreich zu pflegen. Auch sie kehrte nicht wieder in die DDR zurück. Nadine Klinkerfuß und ihr Mann standen fortan unter der Beobachtung des DDR-Staatssicherheitsdienstes. Als eine Schwester von Nadine Klinkerfuß unter Berufung auf ihren französischen Pass einen Ausreiseantrag aus der DDR stellte, verfügte das Ministerium des Innern am 22. Januar 1974, dass „die Mitglieder der Familie Müllerke, die auf dem Territorium der DDR leben, Staatsbürger der DDR sind“.

Nadine Klinkerfuß stellte 1975 einen Antrag auf eine zeitweilige Ausreise, um ihren kranken Vater in Frankreich besuchen zu können. Zu diesem Zeitpunkt stand für sie und ihren Mann eine dauerhafte Ausreise aus der DDR noch nicht zur Debatte. Zwischenzeitlich wandte sie sich an die französische Botschaft und bat um die Reaktivierung ihres französischen Passes und Unterstützung ihres Besuchswunsches zu den Eltern. Im Frühjahr 1978 erkrankte Helmut Müllerke erneut schwer, woraufhin sie unter Beifügung eines ihrem Vater ausgestellten ärztlichen Attestes einen weiteren Antrag zur besuchsweisen Ausreise stellte. Doch auch dieser wurde abgelehnt. Daraufhin entschlossen sich Achim und Nadine Klinkerfuß im Frühjahr 1978 zur Flucht über die tschechoslowakische Grenze nach Österreich. Sie nahmen an, dass diese nicht so stark wie die innerdeutsche Grenze überwacht würde. Am 7. August 1978 tauschten sie Geld um, packten die nötigsten Sachen, vor allem persönliche Unterlagen und wichtige Dokumente ein und machten sich mit ihren drei Kindern auf den Weg in Richtung Oberwiesenthal.

An dieser Grenzübergangsstelle konnte die Familie pass- und visafrei mit dem Auto in die Tschechoslowakei reisen. Kurz darauf fiel ihr Fahrzeug aus, so dass sie ihren Weg mit öffentlichen Verkehrsmitteln über Karlovy Vary, Plzeň, České Budějovice nach Nové Hrady fortsetzten. In den Zwischenstationen kamen sie in Privatunterkünften oder Hotels unter. Unterwegs kauften sie eine Landkarte und einen Kompass, um sich im Grenzgebiet orientieren zu können. Da die Kinder müde waren und es dunkel wurde, verbrachten sie die Nacht vom 10. zum 11. August 1978 in einem Waldgebiet in unmittelbarer Nähe der Staatsgrenze zu Österreich. Schon in den frühen Morgenstunden, bevor sie ihren Weg fortsetzen konnten, entdeckten ČSSR-Grenzer die Familie bei Nové Hrady.

Nach zehntägiger Untersuchungshaft überstellten die Sicherheitsorgane der ČSSR Achim Klinkerfuß dem DDR-Staatssicherheitsdienst, der ihn in die Untersuchungshaftanstalt nach Magdeburg-Neustadt einlieferte. Das Kreisgericht Magdeburg verurteilte ihn am 7. November zu einer Gefängnisstrafe von einem Jahr und zehn Monaten. Da Nadine Klinkerfuß zum Zeitpunkt ihrer Festnahme im sechsten Monat schwanger war, leitete die Staatsanwaltschaft das Ermittlungsverfahren gegen sie zunächst ohne Haft ein. Ihr viertes Kind kam im November 1978 zur Welt. Sie gab ihm ihren Namen Nadine. Achim Klinkerfuß konnte seine Tochter nicht in die Arme schließen, er befand sich zum Strafvollzug im Zuchthaus Cottbus, dem sogenannten „Roten Elend“.

Nadine Klinkerfuß musste nun mit ihren vier Kindern alleine zurechtkommen. Sie verkaufte das von ihrem Mann überwiegend in Eigenarbeit gebaute Haus und zog mit den Kindern in eine Magdeburger Wohnung. Das MfS lud sie mehrfach zu Vernehmungen vor und durchsuchte ihre Wohnung. Ihrem inhaftierten Mann schrieb sie lange ermutigende Briefe in die Haft und besuchte ihn so oft es gestattet war. Zweimal schrieb sie auch an den Staatsratsvorsitzenden und SED-Chef Erich Honecker und verlangte darin die Übersiedlung ihrer Familie nach Frankreich. Am 17. Januar 1979 ging per Einschreiben im SED-Zentralkomitee ein drittes Schreiben von Nadine Klinkerfuß an Erich Honecker ein. Diesen Brief an den SED-Chef muss sie in äußerster Erregung geschrieben haben.

Sie beschwerte sich darin über die Zustände in der Haftanstalt Cottbus, beklagte, dass Ihr Mann und andere politische Gefangene „für den Scheißstaat“ arbeiten müssten und nur „Kohlsuppe und Sülze“ erhielten. Sogar die Kleinigkeiten, die sie ihrem Mann bei den Besuchsterminen zum Essen mitbrachte, durfte er nicht entgegennehmen. Weiter hieß es in dem Brief, „lasst uns da leben, wo wir hingehören, festhalten könnt Ihr uns nicht.“ Schließlich drohte Nadine Klinkerfuß damit, das westliche Ausland um Hilfe zu bitten. Auf dem Kopf dieses Briefes befindet sich der handschriftliche Vermerk: „am 31.1.79 an MfS“. Zwei Wochen später erhielt Nadine Klinkerfuß Besuch von einem MfS-Mann, der sie aufforderte, keine weiteren Briefe an Erich Honecker zu schreiben und jegliche Verbindung in das westliche Ausland abzubrechen. Sollte sie dem nicht Folge leisten, werde sich das strafverschärfend in dem in Kürze gegen sie stattfindenden Gerichtsverfahren auswirken. Sie müsse außerdem mit einer Einweisung ihrer Kinder in ein staatliches Heim rechnen.

Am 17. März 1979, eine Woche vor dem bereits terminierten Beginn ihres Strafprozesses, schrieb Nadine Klinkerfuß zwei verzweifelte Briefe. Einen adressierte sie an ihre Eltern in Frankreich, den anderen an ihren Mann im Gefängnis Cottbus. Beide Briefe beklagen die Aussichtslosigkeit ihrer Lage und enthalten Abschiedsworte. In den späten Abendstunden, als ihr ebenfalls in Magdeburg lebender Bruder noch einmal bei ihr vorbeischaute und die Wohnungstür aufschloss, roch es nach Gas. Er fand seine Schwester auf dem Küchenboden. Aus dem Herd strömte Gas. Die vier Kinder schliefen unversehrt im Nebenzimmer. Nach der Einlieferung von Nadine Klinkerfuß in die Medizinische Akademie Magdeburg konnte dort nur noch ihr Erstickungstod diagnostiziert werden.

Entgegen ihrem und ihres Mannes Wunsch ließen die DDR-Behörden eine Bestattung von Frau Klinkerfuß in ihrer Heimat Frankreich nicht zu. Man trug sie am 28. März 1979 in Magdeburg auf dem Westfriedhof zu Grabe. Ihr Ehemann durfte nur 15 Minuten an der Bestattung unter der Bewachung von drei Stasibegleitern teilnehmen. Im Zuge einer Amnestie wurde er frühzeitig aus der Haft entlassen. Die beiden älteren Kinder lebten bis dahin bei den Geschwistern von Nadine Klinkerfuß in Magdeburg, die beiden jüngeren in einem Heim. Sie durften ihre Tanten und Onkel nur an den Wochenenden besuchen.

Eine Kampagne der Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte machte in der Bundesrepublik den Fall bekannt. Mehrere Zeitungen berichteten über die Weigerung der DDR-Behörden, Achim Klinkerfuß und seine Kinder nach Frankreich ausreisen zu lassen. Nachdem sich die französische Botschaft und der französische Außenminister Jean François-Poncet bei seinem DDR-Besuch im Juli 1979 auf Spitzenebene für die Familie eingesetzt hatten, durfte Hans-Joachim Klinkerfuß mit seinen vier Kinder im Sommer 1980 dann doch nach Frankreich übersiedeln.

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Und natürlich kamen auch die, für diese unmenschliche Vorgehensweise Verantwortlichen, ungestraft davon. Davon ausgehend, dass diese bekannt gewordenen Fälle nur die Spitze des Eisberges sind, dann mag man ermessen, wie rücksichtslos, menschenverachtend und verbrecherisch diese SED - Diktatur war.
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Re: Todesfälle außerhalb des Grenzgebietes

Beitragvon AkkuGK1 » 30. Januar 2017, 10:51

das waren doch Feinde des Arbeiter und Bauernstaates, dort wo der Mensch erst zum Menschen wird. Mit solchen Subjekten durfte so umgegangen werden! Sollen doch froh sein, in der SU in den 30ern wären die nicht so glimpflich davon gekommen!

Wo bleibt eigentlich der Kotzsmily?
Ei sirweiw Gohronah!
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Re: Todesfälle außerhalb des Grenzgebietes

Beitragvon Volker Zottmann » 30. Januar 2017, 11:22

Da kann man fragen, wen und wie man will:
Was hat das für einen Sinn gemacht, eine Familie zu zerreiben, die eben genauso französische wie deutsche Wurzeln hatte?
Warum Knast?
Warum ließ man die Frau lieber in den Suizid gleiten, als einfach natürlich und menschlich die Familie ziehen zu lassen?

Ich schrieb ja schon von meinem angeheirateten französischen Cousin und seinen Kindern, meinen Nichten und Neffen 2. Grades, die genau so unwürdig in der DDR "eingesperrt" bleiben sollten, trotz auch französischer Staatsangehörigkeit.
Die Parallelen sind erschreckend und belegen, dass die Stasi stets Abwanderung mit jedem zersetzenden Mittel unterband. Einfach perfide!

Gruß Volker
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Die Weite Deines Horizonts ist Frage Deiner Sicht.
Der Große sieht ihn breiter, der Kleine leider nicht.
(Volker Zottmann)
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Re: Todesfälle außerhalb des Grenzgebietes

Beitragvon augenzeuge » 30. Januar 2017, 19:23

Volker Zottmann hat geschrieben:Warum ließ man die Frau lieber in den Suizid gleiten, als einfach natürlich und menschlich die Familie ziehen zu lassen?
Gruß Volker


Weil die DDR eben ganz und gar nicht der humane Staat war, welcher ihren Bürgern permanent vorgegaukelt wurde. Es ist der gleiche Grund, der dazu führte, dass das Schussfeld frei gemacht wurde, Selbstsschussanlagen installiert wurden....etc.

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