Vom NVA-General zum WachmannAnliegen dieses Beitrages ist es, zu schildern, mit welchen Eindrücken und Empfindungen ich die letzten Jahre meines Dienstes von 1985 bis 1990 als Chef der Verwaltung Personelle Auffüllung im Ministerium für Nationale Verteidigung (seit 1967) erlebte.Anwachsen von Problemen in der Nationalen Volksarmee (NVA)Der Vorsitzende des Nationalen Verteidigungsrates, Erich Honecker, hatte im Juni 1985 ein von den Mitgliedern des Politbüros des Zentralkomitees der SED Heinz Hoffmann (Verteidigungsminister), Egon Krenz (Sekretär des ZK) und Günter Mittag (Sekretär des ZK) unterzeichnetes Dokument bestätigt, das u. a. festlegte, die jährliche Einberufungsquote zum aktiven Wehrdienst für die NVA, die Grenztruppen und die kasernierten Einheiten der anderen bewaffneten Kräfte (Bereitschaftspolizei, Transportpolizei, Wachregiment des Ministeriums für Staatssicherheit) bis 1990 von 102.000 auf 85.000 taugliche junge Männer abzusenken.
Begründet wurde diese Reduzierung um fast 17 Prozent mit dem Ziel, jüngere Arbeitskräfte für die Volkswirtschaft freizusetzen. Das sollte aber nicht etwa von einer entsprechenden Reduzierung der Sollstärken begleitet und damit abgefangen werden. Im Gegenteil! Das Oberkommando der Vereinten Streitkräfte des Warschauer Vertrages hatte von der NVA auch für den Perspektivzeitraum 1986-1990 die zusätzliche Aufstellung von Truppenteilen und Einheiten verlangt.
Um diese Ziele und die entsprechenden Iststärken abzusichern, orientierte die Führung der NVA erstens auf die verstärkte Gewinnung von längerdienenden Zeit- und Berufssoldaten. Zweitens wurden noch mehr Planstellen in den Strukturdokumenten für Reservisten vorgesehen - obwohl diese gedienten oder ungedienten Reservisten für die Dauer des Reservistenwehrdienstes ebenfalls für die Volkswirtschaft ausfielen und es sich dabei meist um Facharbeiter, Spezialisten und Leitungskräfte handelte.
Das wirkte sich in den folgenden Jahren bis in die letzte Kompanie aus. Hinzu kamen die zunehmenden Forderungen nach dem Einsatz von Armeeangehörigen in der Volkswirtschaft - und zwar nicht nur zur Aufrechterhaltung der Energieversorgung im Winter, sondern zu allen möglichen Engpässen fast aller Industriezweige.
All das kollidierte zwangsläufig mit dem immer wieder lautstark betonten militärischen Klassenauftrag der NVA und der Grenztruppen, ständig eine hohe Gefechtsbereitschaft zu gewährleisten und angesichts zunehmender Aggressionsbereitschaft der NATO-Streitkräfte auch jähen Veränderungen der Lage gewachsen zu sein.
Die Verwaltung Personelle Auffüllung hatte in Zusammenarbeit mit dem Bereich Kader und der Politischen Hauptverwaltung an einer Vorlage für das Politbüro mitzuwirken, in der es um die Umsetzung dieser Beschlüsse und ihre weitere Verwirklichung ging. Wir legten in deren Entwurf dar, daß es eine Illusion sei, bei der Auffüllung der Armee auf eine steigende Anzahl von längerdienenden Jugendlichen zu hoffen, selbst wenn die staatlichen Organe und die gesellschaftlichen Organisationen in dieser Hinsicht „mehr Druck" machen würden. Die schwindende Stärke der Geburtsjahrgänge ((Knaben) 1963 = 149.000,1972 = 89.000) würde zu der utopischen Forderung führen, jeden zweiten Jugendlichen für eine längere Dienstzeit zu gewinnen, wollte man den vollen Bedarf abdecken.
Diese kritische Darstellung im Entwurf der Vorlage wurde bei der Überarbeitung und dem Einreichen an das Politbüro jedoch soweit abgeschwächt, daß der Ernst der Lage und die illusorische Forderung nach der „Quadratur des Kreises" kaum noch zu erkennen waren.
Erst durch die von Erich Honecker am 23. Januar 1989 verkündete Entscheidung des NVR erfolgte eine Reduzierung der NVA um 10.000 Mann, die Auflösung von sieben Truppenteilen (sechs Panzerregimenter und ein Jagdfliegergeschwader) sowie die Außerdienststellung von 600 Kampfpanzern und 50 Jagdflugzeugen.
Aber selbst diese einseitige Abrüstungsmaßnahme, so politisch wirkungsvoll sie eigentlich gedacht war und als realer Schritt zur militärischen Entspannung von Freund und Feind anerkannt werden sollte, brachte neue Probleme für die NVA und verschärfte etliche bereits vorhandene Widersprüche.
Weiter mit dem längeren Beitrag geht es hier:
http://www.spurensicherung.org/texte/Ba ... er.htm#topEine lange; aber interessante Schilderung eines ehemaligen Armeeangehörigen.