von HPA » 17. Januar 2016, 17:01
Mit Todenhöfers Sohn ist Matthias Richter eng befreundet, seit beide 15 Jahre alt sind. Damals wollte Richter Profifußballer werden und Frederic so wie sein Vater, der große Jürgen Todenhöfer. Matthias Richter und Frederic Todenhöfer verbindet eine besondere Freundschaft, die andere nicht immer verstehen, eine, die beide mit den großen Themen der Weltpolitik verband, in der E-Mails von Assad eine Rolle spielten oder Gutachten über Osama Bin Laden. Eine Freundschaft, bei der man dort Urlaub machte, wo andere Krieg führten. In Afghanistan bei den Warlords, in Israel, im Gazastreifen, auf Demonstrationen mit Palästinensern, mit Tränengas. Matthias Richter und sein Freund reisten oft in die Gefahr. Richter sagt, „andere steigen auf den Mount Everest, wir mögen keinen normalen Urlaub, Baden auf Mallorca, wir mögen es extrem“.
Diese Reisen haben Matthias Richter oft geholfen in seinem Leben; als er, beispielsweise, einen Kreuzbandriss hatte und spürte, dass es nichts mehr werden würde mit der Fußballkarriere – und das Abitur schmiss. Frederic Todenhöfer nahm seinen Freund mit, nach Afghanistan. Richter sah das Elend der Menschen und lernte dadurch die Chancen schätzen, die er in Deutschland hatte, ein Motivationstrip. Die beiden Freunde reisten zu Todenhöfers Stiftungen, halfen den Armen in der Ferne, so wie sie es von ihrem Vorbild kannten, sie fühlten sich nützlich. Als sie zurück waren, holte Richter das Abitur nach, begann ein Studium, zuerst in Wien, dann in München.
Heute ist Matthias Richter Volljurist, 32 Jahre alt, auch sein Freund Frederic Todenhöfer ist 32, er war Marketingstudent in New York und ist heute Musikproduzent und Hobbyfilmer.
In der Vergangenheit saß Matthias Richter oft gemeinsam mit dem Freund in seinem Zimmer und wertete Artikel aus, um dessen Vater zu imponieren. Wenn Jürgen Todenhöfer den Bundespräsidenten Joachim Gauck verklagen wollte, schrieb Matthias Richter Gutachten, wenn „der Jürgen“, wie Richter Todenhöfer nennt, Morddrohungen bekam und keine offizielle Sicherheitsfirma beauftragen wollte, begleitete Richter ihn zu Lesungen nach Berlin, immer gern, immer umsonst. Matthias Richter hat breite Schultern, er macht sich gut als Bodyguard.
Auch der Trip zum IS passte wieder gut in die Zeit. Richter war gerade durch mit seinem zweiten Staatsexamen, er hatte keinen Job, Todenhöfer wollte ihm ein Praktikum vermitteln, Warteschleife, Motivationsloch, „Islamischer Staat“.
Die Rückkehr von dieser Reise ist etwa ein Jahr her, Matthias Richter liegt in einer Hängematte in seinem Zimmer im Süden von München, auf dem Schreibtisch das Handbuch „Global Terrorism“, in seiner Hand der Bestseller.
JÜRGEN TODENHÖFERS LEBEN IN FOTOS
FOTOSTRECKE Medienmanager, Publizist, Politiker: die wichtigsten Stationen im Leben von Jürgen Todenhöfer im Überblick.
Matthias Richter blättert durch die Seiten, stoppt bei Kapitel VIII, Überschrift: Reise in den „Islamischen Staat“, Grobe Skizzen eines Albtraums, Seite 164: Es sind die Zeilen, in denen er das erste Mal auftaucht. Matthias Richter heißt in dem Buch nur „Malcolm“, so taufte Jürgen Todenhöfer seinen dritten Mann, der anonym bleiben sollte, aus Sicherheitsgründen, wie Todenhöfer behauptete.
In der Szene, die Richter jetzt liest, ist Malcolm der alte Schulfreund von Frederic, der sich am letzten Tag, wenige Stunden vor Abreise, noch aufdrängt, weil er mitkommen möchte zu den Terroristen. Und Jürgen Todenhöfer ist der gütige Vater, der einwilligt, weil sein Sohn ihn darum bittet, dass der Freund mitkommen darf.
Richter versteht nicht, warum er so eingeführt wird. Am letzten Tag. Auf den letzten Drücker. Er, der Monate lang die Reise mit Todenhöfer vorbereitete, der ganze Abende im Hofbräuhaus mit den Todenhöfers saß, um die Reisedetails zu besprechen, der mit seinen Eltern stritt und zwei Wochen auf gepackten Koffern saß und auf die Abreise wartete. Aber Matthias Richter versteht vieles nicht, wenn er durch dieses Buch blättert, für das er Protokoll führte.
Richter sagt, erst habe er bei der Lektüre des Buches hier und da gestutzt. Später habe er nur noch darauf geachtet, ob er das, was er las, überhaupt erlebt hatte. Irgendwann, sagt Richter, habe er verstanden, dass all die Szenen, die Jürgen Todenhöfer schildert, weniger dokumentarisch gemeint sind, sondern vielmehr eine dramaturgische Funktion erfüllen. Die einen sollen Glaubwürdigkeit erzeugen, die anderen Spannung, sie sollen moralisieren oder auf angebliche Bedrohungen hinweisen.
Es sind Szenen wie die während des Fluges in die türkische Stadt Adana. An Bord sind auch Schulmädchen, mit ihnen will Todenhöfer über deren Stadt gesprochen haben. In der Szene wundert er sich über ihre gute Laune, obwohl sie unweit der syrischen Grenze leben.
„Das haben wir nie getan“, sagt Richter. „Wenn der Jürgen fliegt, dann fliegt er und unterhält sich nicht ständig.“ Richter fragt auch: In welcher Sprache hätten sie miteinander reden sollen? Und warum sollten Mädchen aus der Südtürkei Angst vor dem IS haben?
Im Abschnitt Dritter Tag, Seite 204, wird ein Balkon beschrieben, die Szene spielt in ihrer Wohnung in Rakka, jener Stadt, in der die drei Deutschen nie allein auf die Straße, sich nicht frei bewegen, nicht mit Zivilisten sprechen dürfen. Das Besondere dieses Balkons war laut Todenhöfer, dass man von ihm aus das Straßenleben beobachten konnte. Ein Hochsitz mit unverstelltem Blick auf die Schlächter, gewissermaßen. Die Terroristen hätten ihnen jedoch verboten, diesen Balkon zu betreten.
Cheeseburger ist nichts für uns. "You are, what you eat!", lege ich noch eins drauf.
Im Buch steht nun, dass sich Jürgen Todenhöfer dieser Anweisung immer wieder widersetzt habe und auf diesen Balkon gegangen sei, um das Straßenleben zu beobachten, um sich mit eigenen Augen ein Bild zu machen. So beschreibt er seinen Kampf gegen die Verbote, seinen Sieg im Balkonkampf.
Matthias Richter erinnert sich nicht an ein Balkonverbot. Er erinnert sich auch nicht an einen Balkon, der zur Straße rausging. Er erinnert sich nur an einen Balkon, auf dem eine Wäscheleine gespannt war. Auf diese Leine sollten sie ihre nasse Kleidung zum Trocknen hängen, jeden Tag. Nach Richters Erinnerung durften sie auf diesen Balkon, wann immer sie wollten. Sie wollten aber nie darauf, weil man, zum einen, von dort nur in einen verlassenen Innenhof blicken konnte. Zum anderen sei es draußen auf dem Balkon „saukalt“ gewesen, im Dezember, in Rakka.