von pentium » 22. Oktober 2025, 13:23
Das leerstehende Haus am Schwarzwasser. An diesem Flussabschnitt könnte Peter V. ums Leben gekommen sein
Zu den Kennern, die ich über alte Stollen am Schwarzwasser befragt hatte, gehörte auch Lauters Ortschronist Volker Zimmer. Er hatte mir spontan Auskunft gegeben und versprochen, seine Unterlagen zu durchforsten und sich zu melden, falls er mehr herausfinden würde. Nun hatte er noch etwas entdeckt.
„Dort, wo sich heute der alte Mühlteich der Freytagmühle befindet, gab es früher einen Stollen, der in Richtung Schwarzwasser führte“, erzählte er mir. Noch vor den Zeiten der Mühle und ihrem Teich hatte sich auf dem Gelände ein kleines Bergwerk befunden, Clars Fundgrube. Die Bergleute hatten ständig Probleme mit Grubenwasser, weshalb sie um 1815 einen Entwässerungsstollen anlegten. Laut Volker Zimmer war das kein richtiger Stollen, sondern zunächst bloß ein tiefer Graben, den sie später mit Brettern und Bohlen verkleideten, ein Dach zimmerten und das Konstrukt mit Erde bedeckten. Übrig blieb ein provisorischer Stollen, der vermutlich irgendwann in sich zusammengebrochen ist. Undenkbar, dass im Zweiten Weltkrieg ein Spezialkommando dort Kunstgüter, Akten oder was auch immer eingelagert hatte.
Auf einen Schatzsucher, der diese Hintergründe nicht kennt, konnte der Stollen, oder besser das, was von ihm übrig war, dennoch einige Anziehungskraft ausüben. Am Flussufer ist nämlich auch heute noch bisweilen der aus Feldsteinen geformte obere Bogen des Stollenausgangs zu erkennen. Ob man etwas sieht, ist vom Wasserstand abhängig. Davon konnte ich mich selbst überzeugen. Bei einer Begehung erkannte ich die Firste fast auf den ersten Blick. Als ich mich später mit Volker Zimmer am Schwarzwasser traf, suchten wir vergebens. Volker zeigte mir Fotos, die er von der Steinsetzung gemacht hatte, und es war genau der Anblick, der sich mir beim ersten Mal geboten hatte.
„Der Bau des Freytagwehrs um 1870 hat den Wasserstand so weit gehoben, dass der Stollen komplett überflutet wurde“, erzählte mir Volker. „Vermutlich ist heute nicht mehr als die Spitze des Bogens übrig. Hinein kommt man nicht mehr.“
Wir standen an einer Stelle, an der Angler gerne in den Fluss waten. Einer von ihnen erzählte mir, dass er nur noch mit Gummischuhen ins Wasser geht, weil er mit nackten Füßen mehrfach auf den glitschigen Steinen ausgerutscht war und ein unfreiwilliges Bad genommen hatte. Hatten wir den Ort gefunden, an dem Peter V. seine letzte Erkundungstour begonnen hatte?
Am gegenüberliegenden Ufer thront ein verlassenes Haus auf einem Felsen, ein paar Schwimmzüge flussabwärts ragt eine steile Felswand aus dem Wasser. Dazu der Stollenbogen aus Feldsteinen, der mal da und dann wieder verschwunden ist. In der Abenddämmerung herrscht hier eine Atmosphäre, die der Fantasie verborgene Geheimnisse vorgaukelt.
Das Freytagwehr ist kaum 150 Meter entfernt, und dieser Bereich des Flusses gehört noch zum Wehrteich. Falls Peter V. hier gestürzt ist und bewusstlos wurde, kann er leicht bis in den Betriebsgraben der Wasserkraftanlage geschwemmt worden sein.
Weil es an dieser Stelle kein Depot geben kann, das jemand bewachen müsste, scheidet die Theorie vom Nazi-Gralshüter, der einen neugierigen Schatzsucher ausgeschaltet hat, mit fast hundertprozentiger Sicherheit aus. Ein Unfall drängt sich auch heute noch als wahrscheinlichste Variante auf: Peter V., wieder mal auf falscher Fährte und einmal mehr im Pech. Zum allerletzten Mal in seinem nicht gerade von Glück beseelten Leben. Es könnte sich genauso abgespielt haben, wie Roberto Kehling vermutete.
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GEHEIMSACHE ERZGEBIRGE (Mario Ulbrich)
332 Seiten mit zahlreichen Abbildungen, Karten, Fotos
ISBN 978-3-9827881-0-4
39,80 € zzgl. DHL-Versandkosten 6,95 €
Verlag Tschirner & Co
erscheint am 3.11.2025