DDR-Fotograf Thomas Steinert

Wie lief der Alltag in beiden deutschen Staaten zur Zeit der Teilung ab? Wie wurde gearbeitet? Was waren typische Berufe? Was wurde nach Feierabend gemacht? Wohin gings in den Urlaub?
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DDR-Fotograf Thomas Steinert

Beitragvon Interessierter » 1. Oktober 2015, 09:00

Schaurig-schön in den Untergang

Der nackte Galerist Lybke, die "Puhdys" beim Abrocken: Die Bilder erlangten Weltruhm - der Fotograf blieb im Schatten. Thomas Steinert hat die Tristesse der sterbenden DDR meisterhaft abgelichtet. Mit der Wende verschwand sein Sujet, jetzt schlägt er sich als Kardinal durch.

Nonchalant räkelt sich das Mädchen mit den langen Zöpfen und dem knappen Jeansröckchen auf der MZ, versonnen bläst es in die Triola. Ein Ständchen für den Teenager in Polohemd und Jeans, der sich vor ihr aufgebaut hat, abwartend, die Hände in die Hüften gestemmt? "Keine Ahnung", sagt Thomas Steinert. Was er da geknipst hat, ist einfach so passiert, vor seinem Fenster. Er brauchte nur die Gardine zu lupfen und auf den Auslöser zu drücken. So wie bei den meisten Aufnahmen.

Komponiert hat der Fotograf seine Bilder nur selten. Er wanderte durch Leipzig, sog in sich auf, was um ihn herum passierte und hielt dann und wann seine alte "Pentacon six" drauf. Kassiererinnen im Reinigungsbad, Bauarbeiter bei der Mittagspause, Senioren beim sonntäglichen Tanztee: Ohne es zu beabsichtigen, hat Thomas Steinert ein Gesellschaftstableau der DDR geschaffen, wie es subtiler, nachdenklicher und unmittelbarer kaum sein könnte.

Niemals hätte es der 58-Jährige für möglich gehalten, dass die Nachwelt seine Fotos als vorweggenommenen Abgesang auf eine zum Scheitern verurteilte Staatsutopie interpretiert. Bis zuletzt habe er an die Reformfähigkeit der DDR geglaubt, sagt er. "Die Fotos habe ich geknipst, damit das Land irgendwann einmal nostalgisch zurückblickt und sagen kann: 'Seht her, das haben wir überwunden'", so Steinert. Dabei war er zu DDR-Zeiten niemals ein aufrechter Sozialist. Ganz anders als seine, wie er sagt, "dunkelroten Urahnen, die seit 1919 in der KPD waren". Im Unterschied zu seinem Vater, kleinbürgerlicher Buchhändler und überzeugtes Parteimitglied, hatte Steinert junior mit der SED nie etwas am Hut - eine Ablehnung, die auf Gegenseitigkeit basierte.

Weiter mit dem Bericht und 22 interessanten Fotos geht es hier:
http://www.spiegel.de/einestages/ddr-fo ... 49115.html
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Re: DDR-Fotograf Thomas Steinert

Beitragvon augenzeuge » 1. Oktober 2015, 10:53

Ich begreife heute fast nicht, dass man diesen Personenkult so mitgemacht hat....selbst jenen auf dem Bild muss das eigentlich peinlich gewesen sein. [flash]

Bild

AZ
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Re: DDR-Fotograf Thomas Steinert

Beitragvon Interessierter » 1. Oktober 2015, 13:43

Wer das Töten von Flüchtlingen an der Grenze oder das Zersetzen von Bürgern absegnete, dem war das sicherlich nicht mehr peinlich.... [denken]
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Re: DDR-Fotograf Thomas Steinert

Beitragvon Kumpel » 1. Oktober 2015, 13:54

Hm Personenkult in der DDR. Ich weiß auch nicht. Honeckerbilder hingen überall und irgendwie war das normal, hat man sich nicht viel dabei gedacht.
Da wurde auch für jeden von Denen eine heroische Vita gebastelt mit allem was einen zum Helden macht , da dachte ich mir , die haben das schon irgendwie verdient.
Das der Honecker "nur" im Knast saß während andere an die Wand gestellt wurden oder ins Gas getrieben wurden und dann noch mit einer Knastwärterin ein Verhältniss anfing wußte ja keiner.
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