Erlebnisberichte über Begegnungen mit der DDR

Wie lief der Alltag in beiden deutschen Staaten zur Zeit der Teilung ab? Wie wurde gearbeitet? Was waren typische Berufe? Was wurde nach Feierabend gemacht? Wohin gings in den Urlaub?
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Erlebnisberichte über Begegnungen mit der DDR

Beitragvon Interessierter » 20. März 2017, 11:12

Zeitzeuge Werner berichtet über den Ev. Kirchentag in Leipzig 1954

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Meine Erinnerungen an den letzten gesamtdeutschen Kirchentag vor fast 50 Jahren sind noch ganz deutlich. Sie stützen sich auf Tagebuchaufzeichnungen, die ich zu Beginn auszugsweise zitiere: „Dann setzt sich der Zug wieder in Bewegung. Wir stecken die Köpfe aus den Fenstern. Jetzt kommen wir an den Eisernen Vorhang! Zwei Volkspolizisten mit Karabinern stehen an der Grenze. Dann sind wir „drüben“. Das erste, was uns ins Auge fällt, ist ein Transparent „Westdeutsche Brüder, seid gegrüßt!“ Der Zug rollt auf dem Bahnhof in Marienborn ein. Ein Lautsprecher tönt uns entgegen: „ Achtung, Achtung! Sie befinden sich jetzt auf dem Hoheitsgebiet der Deutschen Demokratischen Republik. Wir heißen Sie als Teilnehmer am Deutschen Evangelischen Kirchentag in Leipzig recht herzlich willkommen!“ Volkspolizisten besteigen unseren Zug, kontrollieren die Ausweise, prüfen die Aufenthaltsgenehmigung; wir müssen das mitgeführte Westgeld angeben. In einem Wagen wird eine ganz geringfügige Stichprobe des Gepäcks durchgeführt. Dann verlassen wir den Zug und betreten den Bahnsteig.

Ein Posaunenchor des Grenzkirchenkreises empfängt uns. Wir stehen um den Chor herum und singen unsere Kirchenlieder, mitten auf dem Bahnsteig. Frauen der Bahnhofsmission gehen am Zug entlang und teilen warmen Tee aus. Man kann ihnen die große Freude an den Gesichtern ablesen. Das ist auch beim Posaunenchor der Fall, der die Mühe nicht gescheut hat, in früher Morgenstunde um 3 Uhr auf dem Bahnhof zu sein, um uns einen schönen Empfang bereiten zu können. Die ausführliche Beschreibung der Stationen Magdeburg und Halle, an denen der Sonderzug länger hält, würde hier zu weit führen. Gegen Mittag erreichen wir Leipzig, und ich setze nun meinen Tagebuch-Auszug vom 6. Juli 1954 fort. Die Leipziger winken uns entgegen, und auch aus den Fenstern unseres Zuges strecken sich winkende Hände. Die zugehörigen Köpfe haben in den Fensteröffnungen keinen Platz mehr. Hinter der Sperre haben die Leipziger eine Gasse gebildet, durch die wir nun hindurchgehen. Auch dabei wird gesungen. Wir sind einer der ersten Züge, die hier eintreffen. Hier sieht man überall Transparente mit politischen Parolen. „Kämpft für Einheit, Freiheit und Frieden“ oder „Nieder mit der EVG*), gegen den Militarismus in Westdeutschland“ usw. Und dabei sehen wir hier in der DDR, der „Deutschen Demokratischen

Republik“, seit über neun Jahren die ersten deutschen Soldaten, Volkspolizisten genannt. Aber wir wollen so tolerant wie möglich sein, denn schließlich sind wir hier Gäste, und wir müssen dankbar sein, daß der Kirchentag hier überhaupt stattfinden darf. Wir werden von den Menschen hier beherbergt und verpflegt werden und ihnen das bißchen noch wegessen, weil es von der Monatsration abgeht. Die Lebensmittelkarten sind noch immer nicht ganz verschwunden.

Ich breche an dieser Stelle meine Tagebuchauszüge ab, um nur noch das wiederzugeben, was mir aus der zeitlichen Distanz in Erinnerung geblieben ist.
Zuerst ist das Straßenbild zu nennen: Die Schäden des Krieges waren noch stärker sichtbar als im Westen. Die Häuser wirkten grau, noch viele Ruinen waren zu sehen. Die Straßen holperig, die wenigen Autos klein und altertümlich, die überfüllten Straßenbahnen schaukelten auf ausgefahrenen Schienen. Der Schaffner rief merkwürdige Haltestellen aus wie „Karl-Marx-Allee“ oder „Ernst-Thälmann-Platz“ oder „Straße der Befreiung 8. Mai 1945“ und das alles in breitestem Sächsisch. Die Kleidung der Menschen wirkte ärmlich und fast so grau wie die Häuser. Im Gegensatz dazu vereinzelte Neubauten in stalinistischem Bombasmus: Das Stalin-Denkmal 1 ½ Jahre nach dem Tode des Diktators immer noch nicht gestürzt, sondern ehrfürchtig betrachtet. Auf dem Messegelände, wo die meisten Veranstaltungen des Kirchentages stattfanden, als Blickfang das riesige Sowjetische Ehrenmal mit einem großen roten fünfzackigen Stern, der nachts von innen leuchtete - sozusagen als Gegensymbol zum christlichen Kreuz.

Unvergeßlich sind mir die Bibelarbeiten in den Messehallen mit Pastor Wilhelm Busch aus Essen oder mit Professor Helmut Gollwitzer aus Berlin, bekannt geworden durch sein Tagebuch in russischer Kriegsgefangenschaft „Und führen, wohin du nicht willst“. Daneben die vielen musikalischen und kulturellen Veranstaltungen, etwa mit dem Leipziger Thomanerchor oder dem Dresdner Kreuzchor.

Die Hauptsache für mich aber waren die vielen guten und intensiven Gespräche mit den Menschen in der DDR, die wie wir Kontakte suchten und sich über jede Begegnung freuten. Hauptthema war das Christ sein im Kommunismus, die Spannung zwischen Kirche und Staat, die politischen, wirtschaftlichen und beruflichen Nachteile für christliche Gemeindemitglieder sowie etwa die Spannung zwischen Konfirmation und Jugendweihe. Immer wieder standen unsere Gesprächspartner unter dem Druck, nicht oder nicht alles sagen zu können, was sie dachten. Auch auf dem Kirchentag fürchteten sie Spitzel.

Diese Tage sind mir deshalb so gut im Gedächtnis geblieben, weil sie für mich als Zwanzigjährigen zu einer Erstbegegnung mit einem Kirchentag und mit dem anderen Teil Deutschlands wurden, die in späteren Jahren nie wieder diese Intensität erreichte. Die Frömmigkeit und der Bekennermut der DDR-Christen in einer atheistisch-feindlichen Umgebung beschämte uns „freie Westler“ und Bundesbürger damals. Aber es war für uns auch eine Gelegenheit, das eigene Christ sein kritisch zu überdenken. Wir kehrten „reich beschenkt“ nach Westen zurück.

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Re: Erlebnisberichte über Begegnungen mit der DDR

Beitragvon Interessierter » 26. Mai 2017, 09:01

Protestanten im Kalten Krieg

Der Wittenberger Kirchentag zum Lutherjubiläum 1983

Das Verhältnis von Kirche und Staat in der DDR war von einem Machtkampf geprägt, der sich im Jahr 1983 in zwei konkurrierenden Jubiläen äußerte: den 100. Todestag von Karl Marx auf der einen und den 500. Geburtstag von Martin Luther auf der anderen Seite. Während die Sozialistische Einheitspartei (SED) den Philosophen eine Woche lang im Palast der Republik feierte, beging die evangelische Kirche ihr Jubiläum mit insgesamt sieben Kirchentagen in verschiedenen Städten der DDR. Die letzte Veranstaltung in dieser Reihe fand in Wittenberg von Donnerstag, 22. bis Sonntag, 25. September 1983 statt.

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Marktplatz in Wittenberg mit Blick auf die Lutherhalle, das Lutherdenkmal und Stadtkirche. Quelle: BStU, MfS, BV Halle, KD Wittenberg, Nr. 134, Bl. 2 (Ausschnitt)

Die Feierlichkeiten unterlagen keinen grundsätzlichen staatlichen Restriktionen und wurden durch das DDR-Fernsehen wohlwollend begleitet. Jedoch wurde das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) auf den Kirchentag und seine Organisatoren angesetzt. Die Geheimpolizei versuchte über verschiedene Kanäle an Informationen zu gelangen und setzte Inoffizielle Mitarbeiter (IM) auf die verschiedenen Veranstaltungen an. Die Stasi wollte im unmittelbaren Umfeld der Kirche Informationen gewinnen. Dabei konzentrierte sie sich ab September 1982 auf die Organisatoren des Kirchentages. Dafür wurden Wanzen installiert, Telefone abgehört und die Post überwacht.

Die Staatssicherheit warb IM im Umfeld der Kirchenvertreter an und unterwanderte die an der Organisation beteiligte Ost-CDU. Genossen traten während der Tagung anonym als Agitatoren auf. Hierfür wurden unter anderem etwa 20 Jugendliche angeworben, die geschult wurden, um das Jugendzentrum Christuskirche zu unterwandern. Wir aus Berichten aus dem Stasi-Unterlagen-Archiv hervorgeht, war die Teilnahme von IM am Kirchentagskongress "Mit Luther im Gespräch" so massiv, dass einige Spitzel übereinander berichteten. [laugh]

Um der staatlichen Kontrolle zu entgehen, deklarierten die Veranstalter im Programm diverse Aktionen als Zusatzveranstaltungen, die vorab nicht genehmigt werden mussten. So konnten verschiedene Programmpunkte stattfinden, für die es normalerweise keine Erlaubnis gegeben hätte. Dadurch konnte beispielsweise am Freitag ein Disputationsgottesdienst durchgeführt werden, in dem Streitgespräche Platz fanden. Auch die berühmte Aktion im Lutherhof, bei der Stephan Lau ein Schwert zu einer Pflugschar umschmiedete, war als Zusatzveranstaltung deklariert und fiel der Staatssicherheit erst sehr spät auf.

Bei der Hauptveranstaltung am Sonntag hielt unter anderem Richard von Weizsäcker eine Rede. Er betonte, dass Deutschland durch den christlichen Glauben geeint wäre und alle dieselbe Luft atmen würden. Die vergleichsweise wenigen Berichte dazu dokumentieren sehr genau die Reaktionen des Publikums. Darüber hinaus sorgten sieben unangemeldete Schriftbanner, die während der Veranstaltung von der Marktkirche herabhangen, für Verärgerung auf staatlicher Seite Klaus Gysi, Sekretär für Kirchenfragen, schätze rückblickend den Wittenberger Kirchentag als "schlimmsten" und "reaktionärsten" Kirchentag ein.

http://www.bstu.bund.de/DE/InDerRegion/ ... -1983.html
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Re: Erlebnisberichte über Begegnungen mit der DDR

Beitragvon augenzeuge » 26. Mai 2017, 12:06

Wir aus Berichten aus dem Stasi-Unterlagen-Archiv hervorgeht, war die Teilnahme von IM am Kirchentagskongress "Mit Luther im Gespräch" so massiv, dass einige Spitzel übereinander berichteten.


Das würd ich gern lesen. Merkur, du hast doch sicher einen Ausschnitt, oder? [grins]
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Re: Erlebnisberichte über Begegnungen mit der DDR

Beitragvon Kumpel » 26. Mai 2017, 12:35

Dir ist offensichtlich noch nicht aufgefallen , dass die Repression durch die Stasi explizit nicht zu dem Fachgebiet gehört welches Merkur
gesteigerte Aufmerksamkeit widmet.
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Re: Erlebnisberichte über Begegnungen mit der DDR

Beitragvon Merkur » 26. Mai 2017, 15:53

Kumpel hat geschrieben:Dir ist offensichtlich noch nicht aufgefallen , dass die Repression durch die Stasi explizit nicht zu dem Fachgebiet gehört welches Merkur
gesteigerte Aufmerksamkeit widmet.


Ich sehe @Kumpel, Du bist lernfähig. [super]
Der Vorteil der Klugheit besteht darin, dass man sich dumm stellen kann. Das Gegenteil ist schon schwieriger.
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Re: Erlebnisberichte über Begegnungen mit der DDR

Beitragvon augenzeuge » 26. Mai 2017, 15:57

Doch schon. Aber die Hoffnung stirbt zuletzt. [grin]
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