Der Bauernkrieg

Reformation und Gegenreformation (1517–1648)

Der Bauernkrieg

Beitragvon pentium » 23. Juli 2015, 10:32

Der Bauernkrieg in der DDR-Geschichtsschreibung
Die „Deutsche Revolution“?


Zitat:
Für die DDR ist der Bauernkrieg ein gefundenes Fressen: In ihm entdeckt der „Arbeiter- und Bauernstaat“ die revolutionäre Tradition, mit
der er seine Existenz rechtfertigen kann.
Über 70 Gedenkstätten, Geldscheine, Briefmarken: 1989, im Jahr seines 500. Geburtstag, ist der Bauernführer Thomas Müntzer im „Arbeiter- und Bauernstaat“ allgegenwärtig.
Westdeutsche Besucher der DDR mag diese Vielfalt verwundern. Schließlich hat der Bauernkrieg bei ihnen lange ein Schattendasein neben der Reformation gefristet.
Bei den ostdeutschen Nachbarn aber ist der Müntzer-Kult bloß Auswuchs einer Forschungstradition, die weit in die Zeit vor Gründung der DDR zurückreicht. „Urvater“ ihrer Geschichtsschreibung hierzu ist nämlich kein geringerer als der Marx-Weggefährte Friedrich
Engels.
1850 erscheint Engels’ Werk „Der deutsche Bauernkrieg“. Deutlich zeigt sich darin der Marxismus: Engels bezeichnet den Konflikt als Klassenkampf, geführt von den gesellschaftlich Ausgegrenzten. Repräsentant dieser „Anfänge des Proletariats “ ist Thomas Müntzer, dessen
Theologie als sozialrevolutionäres Programm ihren religiösen Gehalt völlig verliert. Das Scheitern des Bauernkriegs erklärt Engels, ganz Marxist, wie folgt:
Die wirtschaftliche Lage der Bauern und die Zersplitterung Deutschlands hätten kein anderes Ende zugelassen.

Bei seinen Zeitgenossen stößt Engels auf wenig Gegenliebe. Allein die deutsche Arbeiterbewegung beruft sich auf ihn, doch bis seine Bauernkriegs-Interpretation wirklich Fuß fassen kann, vergeht noch fast ein Jahrhundert. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg erlebt Engels eine Renaissance. Historiker in der DDR stehen vor einer schwierigen Aufgabe:
Im Dritten Reich wurde der Bauernkrieg für die NS-Propaganda ausgenutzt, nun gilt es, das braune Stigma zu entfernen und den Konflikt für eigene Zwecke brauchbar zu machen.
Unterstützung für dieses Unterfangen gibt es von höchster Stelle. Denn um das Dasein der DDR zu legitimieren, brauchen die Führer des noch jungen Staates eine passende Geschichtsschreibung. Schließlich beruht ihre Staatsideologie, der Marxismus, auf dem Historischen Materialismus. Dieser Theorie zufolge vollzieht sich der Übergang von einem Gesellschaftssystem zum nächsten stets durch eine Revolution.

Der Historische Materialismus bringt die DDR jedoch in Erklärungsnöte. Kein Historiker spricht von einer „Deutschen Revolution“. Wie also ist in Deutschland die Bourgeoisie entstanden, laut Marx der Nährboden für den Sozialismus? Die historischen Fakten scheinen der Theorie
zu widersprechen. Der „West“-These vom „deutschen Sonderweg“ will man sich im Osten nicht anschließen. Denn das hieße ja, eine "faschistische“ Sichtweise anzunehmen. Stattdessen sucht man fieberhaft nach einer eigenständigen Interpretation – und wird beim
Bauernkrieg fündig.

Bereits bei der ersten Parteikonferenz der SED 1949 wird eine intensive Auseinandersetzung mit der revolutionären Tradition Deutschlands gefordert. Wie selbstverständlich werden dazu auch der Bauernkrieg und Thomas Müntzer gezählt. Luther dagegen wird verächtlich als
„Fürstenknecht“ abgetan. Bald darauf werden das Museum für Deutsche Geschichte und das Historische Institut der Akademie der Wissenschaften eingerichtet, in der Folge Knotenpunkte der ideologischen Kontrolle der Geschichtswissenschaft.
Die Historiker enttäuschen die Staatsführung nicht. 1952 erscheint auf Deutsch die Monographie des Sowjethistorikers Moisej M. Smirin. Sie verankert in der DDR den Begriff der „frühbürgerlichen Revolution“. Allerdings fehlt es noch an marxistisch ausgebildeten Historikern. Erst Ende der 1950er Jahre wird daher der Startschuss für eine Ausarbeitung dieses Konzeptes abgegeben – wiederum von einem „Auswärtigen“: Der gebürtige Frankfurter Max Steinmetz verbindet in einem Arbeitspapier Smirins und Engels’ Thesen.
Steinmetz zufolge sind um 1500 kapitalistische Merkmale in das Feudalsystem eingedrungen: fremdes Kaufmannskapital, Arbeitsteilung, technische Innovationen. Zwar erfassen diese Neuerungen vor allem Bergbau und Buchdruck und nicht die Landwirtschaft, doch fällt diese
Beobachtung nicht weiter ins Gewicht. Das Problem, dass ein Bürgertum im Marx’schen Sinne fehlt, wird durch die Vorsilbe „früh“ gelöst.
Und dass die Aufrührer großteils Bauern waren – auch dafür gibt es eine Erklärung: Die „Bürger“ sind revolutionsunwillig, also müssen andere
die Revolution vorantreiben.

Damit hat die DDR ihre Legitimationsbasis. Und nicht nur das: Der Bauernkrieg übernimmt als „frühbürgerliche Revolution“ die Vorreiterrolle für andere Länder. Thüringen als Herzland der revolutionären Tradition in Europa, die DDR als Bewahrerin und Fortführerin dieses Erbes –
eine bessere PR könnte sich Ostberlin nicht wünschen. Auch das Scheitern der Bauernkriege wissen die DDR-Ideologen auszuschlachten: Sie können ihre eigene Politik als Erfüllen der Wünsche der Bauern von 1525 darstellen. Vergessen ist, dass schon die Nationalsozialisten diese Rolle für sich beanspruchten.
Im Schatten der „frühbürgerlichen Revolution“ reifen jedoch schon Ende der 1960er Jahre neue Interpretationen heran.
Durch die Hintertür treten Luther und die Reformation auf die Forschungsbühne, wo sie in ein zunehmend positiveres Licht gerückt werden. 1967 erscheint die erste marxistische Luther-Biographie. Die Reformation wird als „Volksbewegung“, als gelungene „frühbürgerliche Revolution“ bezeichnet, ideologisch und international erfolgreich.
Das Scheitern des Bauernkriegs, nun als Teil der Reformation angesehen, wird dadurch relativiert: Die Stärkung der Fürsten, das bisher als negativ aufgefasste Ergebnis des Bauernkrieges, wird nun als Schwächung des Kaisers gutgeheißen.

Ohnehin wird die DDR-Geschichtswissenschaft in den 1970er Jahren von Tauwetter erfasst.
Zwar flammt im Gedenkjahr 1975 noch einmal die Propaganda auf:
Kurt Hager, Chefideologe der SED, ruft die NVA dazu auf, sich bei der Verteidigung des Sozialismus vom Mut der Bauern inspirieren zu lassen – eine klare Spitze gegen den Westen. Gleichzeitig aber kommt es zu einer Ost-West-Annäherung. Eine gemeinsame Konferenz in Leipzig erweist sich für beide Seiten als fruchtbar. In der BRD widmet man sich in der Folge verstärkt den sozialen und wirtschaftlichen Umständen der Bauernkriege.
In der DDR erkennt man, dass eine allein auf fortschrittlichen Elementen aufgebaute Nationalgeschichte zu einseitig ist. Und Luther und
Müntzer dürfen nun auch religiöse Theoretiker sein – die DDR-Historiker entdecken gar verbindende Elemente.
Gedenkstätten, Geldscheine, Briefmarken: Sie sind am Vorabend der Wende eigentlich nur noch Schatten einer Ideologie, die ihren Zenit längst überschritten hat. Denn, so bemerkt der Historiker Klaus Ebert schon 1987: „Die Diskussion um Thomas Müntzer ist sachlich geworden... Die Zeiten, in denen der Bauernkrieg der ideologischen Vereinnahmung oder der Polemik diente, sind vorbei.“ Bald nach diesem Abgesang auf eine seiner wichtigsten Traditionen ist auch der Bauernstaat am Ende.

quelle: http://www.g-geschichte.de/pdf/plus/der ... eibung.pdf

mfg
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