Vergessener Chruschtschow-Besuch Ich bin auch ein Berliner!

Vergessener Chruschtschow-Besuch Ich bin auch ein Berliner!

Beitragvon Interessierter » 5. Juli 2013, 08:49

Wettlauf um die Sympathien der Deutschen: Zwei Tage nach Kennedys großer Berlin-Rede wollte sich Nikita Chruschtschow genauso euphorisch im Osten der Stadt feiern lassen. Doch die überstürzt geplante Reise wurde zum Abziehbild der West-Inszenierung - mit wütender Kriegsrhetorik statt Charisma.

Es war der 28. Juni 1963, und Berlin lag den beiden Politikern zu Füßen. So zumindest beschrieb und bebilderte es wenige Tage später die "Liga für die Völkerfreundschaft der Deutschen Demokratischen Republik" – ein opulent gestaltetes, dreisprachiges Propagandaheft mit dem Titel "Berlin - Zentrum der Weltöffentlichkeit".

Westliche Reporter sahen den Empfang des Kreml-Chefs in Ost-Berlin hingegen ganz anders. "Auffallend teilnahmslos" hätten die Menschen am Straßenrand ihre Fähnchen geschwungen. Das vernichtende Fazit der Zeitung: "Der Versuch des Ostens, den Eindruck des triumphalen Besuches Kennedys durch einen arrangierten Jubel-Empfang abzuschwächen, ist misslungen. Die Masse der Ost-Berliner blieb zu Hause. Freiwillig kam niemand."

Kennedys Reise nach West-Berlin, an die in den vergangenen Tagen ausführlich erinnert wurde, hat Geschichte geschrieben. Chruschtschows Besuch in Ost-Berlin hingegen ist heute völlig in Vergessenheit geraten.

http://einestages.spiegel.de/s/tb/28893 ... -1963.html

Wie waren eigentlich die Meinungen und Empfindungen der Menschen in der DDR bezüglich der Führer der SU? Gab es zu bestimmten Personen ein herzliches und aufrichtiges Empfinden ?

War es nur wegen des Mauerbaus so schlecht oder waren sie eigentlich nie so richtig willkommen bei den " Ottonormal - Bürgern " ?
Damit meine ich nicht die bestellten " Hochrufer " . [grin]

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Re: Vergessener Chruschtschow-Besuch Ich bin auch ein Berliner!

Beitragvon Nov65 » 5. Juli 2013, 12:19

Ich kann mich nicht daran erinnern, dass vor dem Auftreten Gorbis irgendein SU-Führer bei den einfachen Menschen(in meiner Umgebung) eine Wärme verströmte. Niemand hatte zu denen Sympathie. Von denen kam auch nichts rüber als Machtgeprotze mit ihren Raketen. Ganz unten, zwischen Sowjetoffizieren-Soldaten kamen kaum in die Nähe von Ostdeutschen-, war diese Nähe zu spüren.

Sehr sympathisch dagegen waren viele SU-Sportler-alles nur meine Meinung-,aber meist nur durch das Fernsehen wahrnehmbar.
Genauso fanden wir Gagarin toll.
Grüße von Andreas
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Re: Vergessener Chruschtschow-Besuch Ich bin auch ein Berliner!

Beitragvon Interessierter » 5. Juli 2013, 14:31

Das erstaunt mich, offen gesagt. Ich hatte immer gedacht durch die permanente Propaganda, hätte die Bevölkerung es anders gesehen. Wie hatte eigentlich die Bevölkerung bemerkt, daß bei Staatsbesuchen viele " bestellte " Jubler am Straßenrand standen? Oder wurden die Bürger irgendwie ganz offen aufgefordert zum Jubeln dort hinzugehen? Oder gab es etwa sogar einen gewissen Druck, dass es zur Pflicht wurde ?

Mir erschien es auch immer irgendwie befremdlich und unnormal, bei Staatsbesuchen den eigenen Politiker hochleben zu lassen. Oder war das lediglich die Sichtweise eines Wessis?

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Re: Vergessener Chruschtschow-Besuch Ich bin auch ein Berliner!

Beitragvon Volker Zottmann » 5. Juli 2013, 15:46

Ja Wilfried, das Jubeln wurde "verordnet".
In "Mein DDR-Leben" beschreibe ich so eine Situation. Da kam der Bauminister Wolfgang Junker in seine Heimatstadt nach Quedlinburg, um die Grundsteinlegung des neuen HMBQ-Gevierts zu vollziehen. Dort wurde ein ganzer historischer Stadtteil mit maroden Fachwerkhäusern erbarmungslos abgerissen und durch diese Bauweise ersetzt.
Bis auf wenige Neugierige, wäre keine Sau dorthin gelaufen, nur um den Minister zu sehen. Der war übrigens der jüngste Minister der DDR, wars von 1963 bis zum Ende. Der hatte auch mit Mittag gemauschelt und wurde 1990 in U-Haft genommen und hat sich fortgestohlen. Wurde nur 61 Jahre alt.
Ich wurde damals auch dorthin beordert. Im VEB gabs ohnehin kaum Arbeit für mich, und so ist ein ganzer Trupp (ohne Winkelemente ;-)) dorthin gereist.
Die drumherum standen kamen alle aus anderen Betrieben und viele kannte ich als ehemaliger Quedlinburger. Freiwillige habe ich nicht gesehen.

Nun zu der russischen Führung. Für die hat sich wohl kaum wer interessiert. Vielleicht ein paar Linientreue aus Berlin. Doch wenn die ehrlich sind, müssten die auch zugeben, dass ganze Abteilungen zum Winken freigestellt wurden und dadurch oft auch ein früherer Feierabend in Aussicht war.
Kontakte zu Ausländern, also auch zu Russen oder "Sowjetmenschen" war nie gewollt.
Als wir Soldaten in der Jüterboger Kaserne in Altes Lager waren, saßen wir den "befreundeten" Soldaten gegenüber. Doch unterhalten, ernsthaft sprechen konnten wir nicht. Denn es gab keine Dolmetscher.
Es war wirklich immer etwas Kasperletheater bei allen solchen Auftritten. Alle spielten hochwohlgeboren Honecker was vor.
Nicht ohne Grund rede ich gern von Abstrusistan!

Gruß Volker
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Die Weite Deines Horizonts ist Frage Deiner Sicht.
Der Große sieht ihn breiter, der Kleine leider nicht.
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Re: Vergessener Chruschtschow-Besuch Ich bin auch ein Berliner!

Beitragvon Dille » 5. Juli 2013, 18:14

Interessierter hat geschrieben:Mir erschien es auch immer irgendwie befremdlich und unnormal, bei Staatsbesuchen den eigenen Politiker hochleben zu lassen.


Nun @Interessierter -- wie es wirklich und spontan ausgesehen hat, das konnte man doch 1971 in Erfurt sehen, und zumindest genauso schön war die Reaktion zumindest in meinem damaligen Betrieb in Ost- Berlin, über "Buschfunk" oder Mundpropaganda war dies noch während der Arbeitszeit im Kollegenkreis bekannt -- lief man auf dem Flur entlang, war in den Gesichtern nur ein Feixen !
Und wie tief diese spontane Begeisterung einer nicht "delegierten" Bevölkerung in Erfurt für den "falschen" Willy die Führung ins Mark getroffen hatte, konnte man dann ja in Güstrow erleben.

Gruß, Dille
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Re: Vergessener Chruschtschow-Besuch Ich bin auch ein Berliner!

Beitragvon Interessierter » 6. Juli 2013, 06:47

Sehr richtig Dille, die Bilder von den Besuchen Brandts und Schmidts sehe ich noch vor mir. Ich mag mich ja täuschen oder war zu sehr durch die westlichen Medien beeinflußt, aber Chruschtschow und auch seine Frau erinnerten mich immer an ein überaus einfach strukturiertes, dörfliches Ehepaar aus einem Deputatarbeiterhaus. Naja und sein mit dem Schuh auf den Tisch schlagen, passte dann dazu.

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