Der Kniefall von Warschau - 07. Dezember 1970

Der Kniefall von Warschau - 07. Dezember 1970

Beitragvon karl143 » 6. Dezember 2010, 17:31

Morgen am 7. Dezember vor 40 Jahren befand sich Willy Brandt zur Unterzeichnung des Warschauer Vertrages in Polens Hauptstadt. Als Bundeskanzler der Bundesrepublik legte er vor dem Denkmal zu Ehren der Helden des Warschauer Ghettos einen Kranz nieder. Nachdem er die Schleife gerichtet hatte, verharrte er nicht eine Zeitlang wie üblich, sondern ging auf die Knie.

Die Fotos von dem Kniefall gingen um die Welt. Sie läuteten eine neue Epoche in Europa ein, die Willy Brandt seit Regierungsantritt zaghaft aber beharrlich vorantrieb. Das Ziel waren Erleichterungen für die Menschen im Verhältnis zwischen Ost- und West, und als Gegenleistung war er als erster deutscher Bundeskanzler bereit, die bestehenden Grenzen anzuerkennen. Dieser Kniefall war eine Demutsbezeugung, sie wurde in der gesamten Welt als solche beachtet und geachtet. Nur in der Bundesrepublik mußte sich Brandt verteidigen. Politiker in der CDU und CSU warfen ihm vor dies wäre nicht die richtige Geste gewesen.

Sehr viel wurde darüber diskutiert, ob es eine spontane Handlung gewesen sei. Dazu schrieb Brandt später: Immer wieder bin ich gefragt worden, was es mit dieser Geste auf sich gehabt habe. Ob sie etwa geplant gewesen sei? Nein, das war sie nicht. Meine engen Mitarbeiter waren nicht weniger überrascht als jene Reporter und Fotografen, die neben mir standen, und als jene, die der Szene ferngeblieben waren, weil sie »Neues« nicht erwarteten.
Ich hatte nichts geplant, aber Schloß Wilanow, wo ich untergebracht war, in dem Gefühl verlassen, die Besonderheit des Gedenkens am Ghetto-Monument zum Ausdruck bringen zu müssen. Am Abgrund der deutschen Geschichte und unter der Last der Millionen Ermordeten tat ich, was Menschen tun, wenn die Sprache versagt.

Heute erinnert in Warschau ca. 150 m von dem damaligen Platz entfernt, der Willy Brandt Platz an dieses historische Ereignis. Mit dem Kniefall begann langsam aber unaufhörlich die Versöhnung mit Polen. Ich finde, es war eine großartige Geste von einem Bundeskanzler. Wurde von diesem Ereignis überhaupt in den DDR Medien berichtet? Ich wage mal, das jetzt schon mit Nein beantworten zu können.
karl143
 

Re: Der Kniefall von Warschau - 07. Dezember 1970

Beitragvon augenzeuge » 6. Dezember 2010, 17:49

Brandt bekam für diese Ostpolitik ein Jahr darauf den Friedensnobelpreis.

Und wie reagierte die DDR?

Die SED-Führung sieht den Kniefall negativ. Er wird daher in den offiziellen DDR-Medien todgeschwiegen. Die Zeitung „Neues Deutschland“, das Parteiorgan der SED, erwähnt am 8. Dezember 1970 den Kniefall mit keiner Silbe. Die karge Überschrift lautet: „Vertrag VR Polen-BRD unterzeichnet“. Kein Kniefall-Foto weit und breit. Stattdessen findet sich auf Seite die dürftige Beschreibung: „In den frühen Vormittagsstunden hatte Willy Brandt, begleitet von Walter Scheel und anderen Mitgliedern der Delegation der BRD, Warschau besichtigt und am Grabmal des Unbekannten Soldaten sowie am Denkmal der Ghettohelden Kränze niedergelegt.“

Das Ignorieren des Kniefalls hatte kühle Methode: verschweigen, weil unbequem, ja gefährlich. Brandts Kniefall war eigentlich ein Triumph, für ihn, für Deutschland, den Westen. In der DDR-Führung hatte man das schnell erkannt. Aufmerksame westliche Beobachter hätten das Schweigen als Furcht der kommunistischen Machthaber vor Brandts außergewöhnlicher Wirkung wahrnehmen können.
(Arte)
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