Wer hatte die bessere Nazi-Aufarbeitung, Ost oder West ?

Re: Wer hatte die bessere Nazi-Aufarbeitung, Ost oder West ?

Beitragvon Interessierter » 11. Dezember 2016, 09:04

Nazi-Verstrickungen beim Geheimdienst
Die braunen Wurzeln des BND


NS-Belastung, was heißt das denn konkret? Eine Erklärung liefern vier neue Bände zur Geschichte des BND zwischen 1945 und 1968.

Wer hätte das gedacht. Im Herbst 2010 wirbelte eine von Guido Westerwelle in Auftrag gegebene Studie über das Auswärtige Amt im „Dritten Reich“ und in der frühen Bundesrepublik viel Staub auf. Seitdem ist die Liste der Behörden, deren Geschichte in Bezug auf den Nationalsozialismus und/oder dessen Nachwirkungen untersucht wurde, so lang geworden, dass darüber ein eigenes kleines Büchlein verfasst werden konnte (Mentel/Weise: „Die zentralen deutschen Behörden und der Nationalsozialismus“, 2016).

Mit am erstaunlichsten an dieser – übrigens auch durch stetes parlamentarisches Nachbohren forcierten – Entwicklung ist, dass zu den Institutionen, die ihre Geschichte aufarbeiten ließen, auch das Bundeskriminalamt (BKA), das Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV) und der Bundesnachrichtendienst zählten.

Würden ausgerechnet diese Institutionen wirklich bereit sein, ihre Archive zu öffnen? Sie waren es – wenn auch im Fall des BND nur bis 1968. Die beteiligten HistorikerInnen betonen sogar, sie hätten nicht den Eindruck, dass ihnen Akten vorenthalten wurden. Und die Befunde können sich sehen lassen – nicht nur in Bezug auf personelle, sondern auch auf politische Kontinuitäten.

Das Buch über das BfV brachte ans Licht, dass einstige SS- und Gestapo-Chargen in großer Zahl als „freie Mitarbeiter“ in einem pseudolegalen „Nebenbundesamt“ eine Anstellung fanden, das von der Amtsspitze kaum kontrolliert wurde. Die BKA-Studie konnte zeigen, dass die vielen ehemaligen Angehörigen der Gestapo und des Sicherheitsdienstes der SS ihr vermeintliches Wissen darüber, was einen Verbrecher ausmachte und wie man ihn am besten bekämpfte, nach 1945 nicht nur weiterverwendeten, sondern auch an jüngere KollegInnen weitergaben.

Noch mehr erfährt man hier:
http://www.taz.de/Nazi-Verstrickungen-b ... /!5363325/
Auch aus Steinen die einem in den Weg
gelegt werden,
kann man was schönes bauen
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Re: Wer hatte die bessere Nazi-Aufarbeitung, Ost oder West ?

Beitragvon Merkur » 13. Dezember 2016, 18:56

Anbei ein recht aktuelles Interview, Teil 1:

Quelle: neues-deutschland.de 17.09.2016

Kein Erbarmen mit den Mördern

Dieter Skiba war einer der Nazijäger in der DDR. Wie das MfS nach faschistischen Tätern fahndete

Herr Skiba, warum musste sich das Ministerium für Staatssicherheit auch mit der Fahndung nach Nazi- und Kriegsverbrechern befassen? Sind dafür nicht normalerweise juristische und polizeiliche Ermittlungsbehörden zuständig?

Erstens ist die DDR da keine Ausnahme gewesen, auch Israel schickte seinen Geheimdienst auf die Spur von Nazi- und Kriegsverbrechern. Zweitens sind bis 1955 die Ermittlungen tatsächlich überwiegend von der Kriminalpolizei geführt worden. Und die MfS-Verfahren standen ebenso wie diese unter staatsanwaltlicher Aufsicht. Entsprechend einer Vereinbarung zwischen dem Innenministerium und dem MfS unmittelbar nach dessen Gründung im Februar 1950 sollten noch anhängige und künftige Verfahren wegen schwerer Nazi-Verbrechen weiter von der Kripo bearbeitet werden, das MfS sollte sich nur um Fälle kümmern, die gegen, alliierte Kontrollratsbestimmungen und insbesondere die Interessen der sowjetischen Besatzungsmacht verstießen, wie etwa »Handlungen gegen die antifaschistisch-demokratische Ordnung« sowie Sabotage, Spionage und Terror - also wenn es sich um sogenannte Staatsschutzdelikte handelte.

Und warum blieb es nicht bei dieser Regelung?

Wegen der realen politischen und Sicherheitslage, die sich anders entwickelte als erhofft. Spionage, Sabotage, Brandstiftungen, Waffendelikte und andere subversive Handlungen wurden vielfach von ehemaligen Naziaktivisten begangen. Sie gehörten schon wegen deren Antikommunismus schon bald nach der Befreiung vom Faschismus und mit Beginn des Kalten Krieges vorzugsweise zur Agenturbasis westlicher Geheimdienste. Bei deren Enttarnung stießen wir dann auch auf deren faschistische Vorgeschichte.

Können Sie Beispiele nennen?

Aus der Frühzeit wären die Ermittlungen gegen Siegfried Erbe zu nennen. Als Gestapospitzel in Berlin und Königsberg sowie in der Wehrmacht hat er nachweislich 200 Personen wegen antifaschistischer Äußerungen denunziert sowie Zwangsarbeiter bei Fluchtversuchen und sogar einen 13-jährigen Jungen erschossen, der vor Hunger einen Kürbis gestohlen hatte. Er war dann für den BND unter dem Decknamen »Erbse« tätig, 1952 wurde er wegen Spionage zu zehn Jahren Zuchthaus sowie wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit zum Tode verurteilt. Oder Kurt-Heinz Wallesch, der als Wehrmachtsoffizier an der Leningrader Front an der Anordnung von Exekutionen sowjetischer Kriegsgefangener mitgewirkt hatte, Als Agent der »Organisation Gehlen«, Vortäufer des BND, war er beauftragt, in Leipzig eine »Nationale Befreiungsarmee« aufzubauen. Er war vom westdeutschen Geheimdienst wegen seiner Vergangenheit zur Zusammenarbeit erpresst worden, wie es sogar in der »Spiegel«-Serie »Pullach intern« von 1971 hieß.

Wurden angelastete Straftaten vor und nach 1945 in rechtsstaatlich getrennten Verfahren verhandelt?

Es gab vor allem in den 50er Jahren so genannte gemischte Verfahren. Die sind auch anderswo legitim. Man kann beispielsweise einen Tatverdächtigen wegen Diebstahls und wegen Kinderschändung anklagen. Wobei zumeist für das jeweilige Delikt ein Strafausspruch ergeht und dann eine Gesamtstrafe formuliert wird. Die Hauptabteilung IX/11 hat jedoch überwiegend »reinen« Nazi-Prozessen zugearbeitet.

Galt das Urteil »lebenslänglich« in der DDR im wörtlichen Sinne?

Im Prinzip ja. Zumindest gab es keinen Rechtsanspruch wie in der BRD darauf, dass man nach 15 Jahren entlassen werden kann. Aber es gab natürlich Einzelentscheidungen auf dem Gnadenweg oder durch Amnestien, wovon aber seit den 60er Jahren Nazi- und Kriegsverbrecher in der Reget ausgenommen waren.

Die UN-Resolution von 1965 deklarierte die Nichtverjährung von Nazi- und Kriegsverbrechern…

Die alte Bundesrepublik ist ihr nicht beigetreten. Erst 1969 konnte man sich nach massiven Protesten dazu durchringen, dass für Mord Nichtverjährung zu gelten hat. Für andere Tatbestände wie Totschlag war bereits 1960 Verjährung eingetreten.

Das eigentliche Problem aber war, dass die Bundesrepublik schwer belastete und sogar schon verurteilte Nazis wieder in öffentliche und geheime Dienste nahm, u. a. in der Justiz. Zum Beispiel Erich Anger, der in der Nazizeit als Staatsanwalt an mit Todesurteilen endenden Verfahren, vor allem gegen Tschechen, mitgewirkt hat und in der sowjetischen Besatzungszone in einem ordentlichen Verfahren 1948 zu zwölf fahren Zuchthaus verurteilt wurde. Er wurde Erster Staatsanwalt in Essen.

Was heißt denn „ordentliches“ Verfahren? Gab es unordentliche?

Ich meine das im Gegensatz zu den Waldheim-Verfahren 1950, die tatsächlich Ausnahmeverfahren waren.

Weil sie eine Schlussstrich-Mentalität bedienten?

Mit Schlussstrichmentalität hatte das sicherlich nichts zu tun. Die Waldheim-Verfahren resultierten aus der Entscheidung der Sowjets, ihre Internierungslager auf dem Territorium der DDR aufzulösen. Sie erfolgte auch aus außenpolitischen Erwägungen, hing mit der seinerzeitigen Option zusammen, dass die alliierten Siegermächte des Zweiten Weltkrieges einen Friedensvertrag mit Deutschland abschließen, wozu es bekanntlich nicht kam. Wie der Rechtswissenschaftler Erich Buchholz bemerkte, übergab die sowjetische Besatzungsmacht damals die noch in ihrem Gewahrsam befindlichen Beschuldigten an die DDR-Organe mit einem Blatt Notizen und der Auflage unverzüglicher und harter Bestrafung auf der Grundlage des alliierten Kontrollratsgesetzes Nr. 10 und der Kontrollratsdirektive 38. Damit wurde der DDR-Justiz bedeutet, sie brauche keine eigenen Untersuchungen mehr anzustellen. Es sei bereits alles festgestellt.

Und verblendete Hitlerjungen wurden dann unverhältnismäßig hart bestraft?

Also, die in Waldheim Verurteilten waren wahrlich keine Unschuldslämmer! In unserem Buch haben wir auf der Grundlage der Edition des Amsterdamer Rechtsprofessors Christiaan F, Rüter »DDR-Justiz und NS-Verbrechen« beispielhaft 91 solcher »Waldheim-Urteile« aufgelistet, die tatsächliche Beteiligung an Massenmorden oder Justizverbrechen ahndeten. Nach dem bundesdeutschen Strafrechtlichen Rehabilitierungsgesetz vom 29. Oktober 1992 gelten aber sämtliche Entscheidungen der Waldheimer Prozesse als »mit den Grundsätzen einer freiheitlichen rechtsstaatlichen Ordnung unvereinbar« und die dort Verurteilten nunmehr als »Opfer des Stalinismus«,

Außerdem: Die »Werwölfe« gab es unbestreitbar. Sie waren u. a. in Leipzig, Hoyerswerda und Hennigsdorf sehr aktiv. Sie schössen auch auf sowjetische Militärangehörige, »Werwölfe« gab es ebenso in Westdeutschland; bis 1949 wurden dort auch mehrere verurteilt. Gewiss gab es in den Waldheim-Prozessen formaljuristische Verfahrensfehler, auch Überspitzungen oder Irrtümer, die wenig später von der DDR-Justiz korrigiert wurden - durch Revisionsverhandlungen vor dem Oberlandesgericht Dresden. Ab 1952 erfolgten dann sukzessive vorfristige Entlassungen, Todesurteile wurden aufgehoben, Haftstrafen reduziert.

Was war die rechtliche Grundlage der Ermittlungen in der DDR gegen Nazi- und Kriegsverbrecher?

Das waren die bereits genannten alliierten Kontrollratsgesetze und -direktiven, die als besatzungsrechtliche Bestimmungen in der DDR bis 1955 galten, bis zum Abschluss des Staatsvertrages mit der Sowjetunion, sowie natürlich vor allem die Prinzipien des Internationalen Militärtribunals in Nürnberg gegen die Hauptkriegsverbrecher, die im Londoner Statut vom 8. August 1945 fixiert waren und im folgenden Jahr durch UN-Beschluss zu geltendem Völkerrecht erhoben worden sind: Verbrechen gegen die Menschlichkeit, Völkermord und Kriegsverbrechen. Wir beriefen uns zudem auf die Verfassung der DDR, in der das Völkerrecht als bindendes Recht bestimmt worden ist und orientierten uns am Strafprozessrecht und dem Strafgesetzbuch der DDR.
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Re: Wer hatte die bessere Nazi-Aufarbeitung, Ost oder West ?

Beitragvon Merkur » 13. Dezember 2016, 18:57

Teil 2:

Und westlich der Elbe?

In Westdeutschland sind die alliierten Kontrollratsbestimmungen sofort nach der Gründung der Bundesrepublik außer Kraft gesetzt worden. Schon Ende 1949/Anfang 1950 gab es dort eine Fülle von so genannten Wiederaufnahmeverfahren, in denen vorherige Entscheidungen für nichtig erklärt wurden und bei denen etliche Freisprüche ergingen.

Mit welcher Begründung?

Die Verurteilungen nach den Kontrollratsbeschlüssen seien rechtsstaatswidrig gewesen. Oder auf Grund von angeblicher Beweisnot. Oder weil es sich »nur« um Beihilfe zum Mord gehandelt habe. Und mittels anderer juristischer Tricks.

Womit wir beim Thälmann-Mörder Wolfgang Otto wären. Vergeblich sind die Witwe Rosa Thälmann mit dem Ostberliner Professor Karl Friedrich Kaul und dann Tochter Irma mit dem westdeutschen Anwalt Heinrich Hannover vor Gericht gezogen. Warum beantragte die DDR nicht die Auslieferung?

Eine Unmöglichkeit während der deutschen Teilung. Es gab einen Auslieferungsantrag, als 1948 in Weimar ein Verfahren gegen namentlich bekannte Angehörige des Exekutionskommandos vom 18. August 1944 eröffnet würde. Wilhelm Pieck und Otto Grotewohl hatten sich damals dafür stark gemacht, und die Sowjets haben an die Amerikaner ein Auslieferungsersuchen gestellt, weil einige Thälmann-Mörder nach dem Rückzug der US-Armee in ihrer Besatzungszone in Dachau Interniert worden sind.

Die Amis haben übrigens auch das gesamte Archivmaterial aus Buchenwald mitgenommen. Es kam erst 1984 in die DDR zurück, im Rahmen eines Kulturaustausches mit der Bundesrepublik, die es von den Amerikanern bekommen hatte. In diesen Unterlagen, auf denen die Behörden der Bundesrepublik Jahrzehnte hockten, haben wir dann die Beweise gefunden, dass Otto zum fraglichen Zeitpunkt in Buchenwald war. Er hat immer behauptet, er habe Urlaub gehabt, als Thälmann erschossen wurde.

Otto ist schon in den Dachauer Prozessen von 1947 wegen Beteiligung an mehreren Hinrichtungen in Buchenwald schuldig gesprochen, aber bereits 1952 wegen guter Führung vorzeitig aus der Haft entlassen worden. Als er aufgrund des Materials aus der DDR 1986 erneut vor ein bundesdeutsches Gericht zitiert werden musste, wurde er zu vier Jahren Haft verurteilt. Der Bundesgerichtshof hob das Urteil auf, weil nicht nachgewiesen sei, ob seine Kugel die tödliche war. So die Begründung noch 1988!

Erst der Münchner Prozess gegen John Demjanjuk, ukrainischer Trawniki, Freiwilliger im Vernichtungslager Sobibor, hat das Konstrukt bundesdeutscher Justiz aufgebrochen, eigenhändige Tötung sei nachzuweisen.

Aus meiner Sicht spielten bei diesem »Sinneswechsel« u.a. zwei Aspekte eine Rolle. Zum Einen war da 2008 der 50. Jahrestag der Gründung der Ludwigsburger »Zentralen Stelle der Landesjustizverwaltungen zur Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen«, die ihre Existenzberechtigung mit der Eröffnung neuer Verfahren unterstreichen wollte. Und zweitens gab es offensichtlich einen politisch determinierten Auftrag zur Aufbesserung des Images der BRD-Justiz. Und erst jetzt fiel es dieser ein, das Dreher-Gesetz aufzuheben,

Das Dreher-Gesetz?

Eduard Dreher war Nazijurist und im bundesdeutschen Justizministerium für Strafrechtsprobleme verantwortlich. Nachdem in der Bundesrepublik, dank nationaler und internationaler Proteste, die Verjährungsdebatte begann, kam man nicht umhin festzustellen, dass Mord nicht verjährt, also auch sämtliche Nazimorde nicht. Dreher kam nun, 1969, auf den Dreh mit dem Einführungsgesetz zum Ordnungswidrigkeitengesetz. Es fixierte, dass Mord zwar nicht verjährt, aber Beihilfe zum Mord geringer bestraft werden muss als Mord. Demzufolge verjährte Beihilfe zum Mord nach 15 Jahren. Und dies rückwirkend ab 1960. Von da an war Beihilfe zum Mord als Tatbestand für die Strafverfolgung von Nazi-Verbrechen in der BRD nicht mehr relevant.

Im Kontext mit der Festnahme von Demjanjuk in den USA, dem Ludwigsburger Jubiläum und außenpolitischen Zwängen, vor allem der internationalen Kampagne »Last Chance«, wurde nun das Dreher -Gesetz im Bundestag klammheimlich aufgehoben, jetzt konnten Verfahren wegen Beihilfe zum Mord eingeleitet werden und die Bundesrepublik sich als ein Staat präsentieren, der konsequent Naziverbrechen verfolgt. Was Jahrzehnte versäumt wurde, soll jetzt demonstrativ nachgeholt werden. Das ist heuchlerisch.

Und wird international durchschaut. Als die Ludwigsburger vor kurzem verlautbaren ließen, man werde gegen acht KZ-Wächter Anklage erheben, hat der World Jewish Congress dies begrüßt, aber auch erinnert: „Jahrzehnte tat Deutschtand sehr wenig, um Nazi- und Kriegsverbrecher vor Gericht zu stellen“.

Das ist richtig. Aber das sollte nicht nur Verbrechen an den europäischen Juden betreffen, sondern auch an der Zivilbevölkerung der überfallenen Staaten. Vor allem die Kriegsverbrechen in der Sowjetunion drohen ungesühnt zu bleiben. Es ist gut. dass die Griechen nicht nachlassen in ihren Forderungen nach Entschädigung für die Opfer deutscher Kriegsverbrechen. Ebenso die Italiener hinsichtlich der Geiselmorde durch deutsche Besatzungstruppen,
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Re: Wer hatte die bessere Nazi-Aufarbeitung, Ost oder West ?

Beitragvon Merkur » 13. Dezember 2016, 18:59

Teil 3:

Vermuten Sie noch lebende NS-Täter, die an Massakern in Griechenland und Italien beteiligt waren?

Bestimmt leben noch welche unter uns. Ich frage mich aber vor allem, warum die Bundesrepublik die in Italien in Abwesenheit zu lebenslänglichem Zuchthaus verurteilten Täter, die in der BRD lebten, nicht behelligte. Erstens hätten sie diese nach Italien überstellen können. Da war aber das Grundgesetz vor: Deutsche dürfen nicht ausgeliefert werden. Zweitens hieß es, die Strafen könnten in der Bundesrepublik nicht vollstreckt werden. Denn in Abwesenheit gefällte Urteile seien rechtsstaatswidrig, der Beschuldigte konnte sich nicht verteidigen. Und drittens hätte die bundesdeutsche Justiz selbst ein Verfahren gegen jene Täter einleiten können. Aber das ging ja auch nicht, weil niemand in der gleichen Sache zwei Mal verurteilt werden kann. Die ganze Rechtskonstruktion, die Nazitäter jahrzehntelang schützte, ist ungeheuerlich!

Die genannten Rechtsgrundsätze galten in der DDR nicht?

In der gleichen Sache konnte man auch bei uns nicht noch einmal angeklagt werden. Es sei denn, es gibt neue Beweismittel, neue rechtserhebliche Tatsachen, dann kann man das Verfahren wieder aufnehmen. In diesem Zusammenhang erscheint mir das derzeitige Neubrandenburger Verfahren gegen einen ehemaligen SS-Sanitätsdienstgrad doch äußerst fragwürdig, da dieser ja bereits 1948 in Polen wegen seiner SS-Zugehörigkeit und Einsatz in Auschwitz zu vier Jahren Haft verurteilt worden ist und diese Strafe auch verbüßt hat, ehe er in die DDR übersiedelte. Wo liegen denn hier neue, beweiserhebliche Tatsachen vor, wenn ihm nach bisherigen Veröffentlichungen kein strafrechtlich relevanter individueller Tatbeitrag anzulasten ist? Im übrigen lieferte auch die DDR ihre Staatsbürger prinzipiell nicht aus. Unter den sozialistischen »Bruderländern« war allerdings Konsens, gefasste Tatverdächtige werden dort vor Gericht gestellt, wo sie enttarnt worden sind.

Ein Prinzip, das auch der Internationale Strafgerichtshof in Den Haag praktiziert Erst wenn die nationale Gerichtsbarkeit unwillig oder unfähig ist, greift er sich die Täter.

Der Unwillen bundesdeutscher Justiz zeigte sich u. a. auch darin, dass man in Holland oder Dänemark angeklagte Kollaborateure, die in der Bundesrepublik untergeschlüpft sind, nicht auslieferte - weil sie als SS-Leute nach einem »Führerbefehl« von 1943 Deutsche waren. Selbst für diese galt der Schutz des Grundgesetzes! Die bundesdeutsche Justiz und Judikatur hat so viele Schlupflöcher für die Naziverbrecher geöffnet, die natürlich auch skrupellos genützt wurden. Dazu gehörte auch die Ausrede vom »Befehlsnotstand«.

Der In der DDR nicht akzeptiert wurde. Überhaupt scheint die Palette möglicher Anklagepunkte breiter gefächert gewesen zu sein als in der Bundesrepublik.

Es wurden Ermittlungen gegen Wachpersonal in faschistischen Haftstätten, Konzentrationslagern und Zuchthäusern, gegen Angehörige der Gestapo und des Sicherheitsdienstes, der Einsatzgruppen, der Polizei und Feldgendarmerie, gegen furchtbare Juristen, Kollaborateure und Denunzianten geführt. Wir ermittelten auch bezüglich Euthanasie-Verbrechen. Das T-4-Mordprogramm war in der DDR kein Tabu, wie nach 1990 immer wieder behauptet. In Cottbus wurde 1965 Otto Hebold, leitender Mitarbeiter der Zentrale in der Berliner Tiergartenstraße 4 wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit in Tateinheit mit Mord zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt. Die gleiche Strafe erhielt der SS-Arzt Kurt Heißmeyer, der in Hohenlychen über 50 Häftlinge mit dem Tuberkuloseerreger infizierte und im KZ Neuengamme Experimente an den 20 jüdischen Kindern verübte, die dann am 21. April 1945 in Hamburg am Bullenhuser Damm erhängt wurden. Wir haben viele Verfahren angestoßen, in denen Verbrechen in den letzten Wochen und Tagen des Nazireiches begangen wurden, beispielsweise die Erschießung eines Bürgermeisters, der die weiße Fahne hisste. Und wir ermittelten natürlich vor allem auch hinsichtlich der Judendeportationen.

Wie konnte es geschehen, dass einige belastete Nazis, sogar Gestapo-Angehörige, vom MfS als IM in den Dienst genommen wurden?

In den offiziellen Dienst des MfS wurden keine Nazis übernommen! Das ist die abstruse These von Vera Lengsfeld und Henry Leyde, einem Mitarbeiter der Stasi-Unterlagenbehörde. Da das MfS aber wusste, dass ehemalige Nazis zur Agenturbasis der westlichen Geheimdienste gehörten, wurden vor allem in den ersten zwei Jahrzehnten nach Kriegsende in diesem Personenkreis inoffizielle Quellen angeworben, Voraussetzung war aber immer, dass diese nicht unter dem Verdacht standen, selbst Nazi-Verbrechen begangen zu haben. Einige ehemalige Nazis wollten auch etwas wiedergutmachen und sahen die Mitarbeit dann als Chance an. Sobald es Beweise für ein strafrechtlich relevantes Handeln in der Nazizeit gab, ist die Zusammenarbeit aber sofort eingestellt worden, Markus Wolf berichtet in seiner Autobiografie von einem FDP-Spitzenpolitiker, der eine »eifrig sprudelnde Quelle« war. Als die Polen Beweise für Verbrechenstatbestände vorlegten, wurde er abgeschattet,

Was war im Laufe der Ermittlungsjahre der „größte Fang“?

Es gab viele Fälle, die internationale Aufmerksamkeit erlangten. Zum Beispiel das Verfahren gegen den KZ-Arzt Horst Fischer, der an der Rampe von Auschwitz »selektierte« und Vergasungen beaufsichtigte. Er erhielt 1965 die Todesstrafe. Oder - im Zusammenhang mit Massenverbrechen an tschechischen Zivilisten nach dem Attentat 1942 auf Reinhard Heydrich - gegen den Gestapo-Chef in Kolin, Paul Hermann Feustet, und dem Kommandeur des Polizeibataillons dort, Fritz Gottspfennig. Und gegen den später als »Mörder von Oradour« bekannt gewordenen Heinz Barth. Ebenso gegen Kurt Wachholz, der an der Tötung von mindestens 300 Häftlingen im KZ Theresienstadt durch Erschlagen, Steinigen, Ertränken und Erschießen beteiligt war. Ein anderer wichtiger Fall war Josef Blösche, der an der Deportation von 300000 Juden in die Vernichtungslager und bei der Liquidierung des Warschauer Ghettos mitgewirkt hat. Zu nennen wären Rudolf Zimmermann und Hubert Schwerhoff, die ebenfalls in Polen wüteten. Oder Hans Baumgarten, in Lettland beteiligt an der Erschießung von über 6300 Menschen.

Ein für uns ganz bedeutsames Verfahren war das gegen Stanislavs Steins, alias Alexander Schrams, der als Chefdolmetscher bei einem Bauunternehmen in Potsdam tätig war, das Objektbauten für die Sowjetarmee in der DDR ausführte. Er gehörte 1941 dem berüchtigten lettischen »Arais-Kommando« an und war Offizier der lettischen Waffen-SS. Tatbeteiligt war er u. a. an der Liquidierung des Rigaer Ghettos im November/Dezember 1941, bei der 27 500 Juden erschossen wurden. Er wurde 1979 zu lebenslanger Haft verurteilt; die Todesstrafe wurde zu diesem Zeitpunkt in der DDR de facto nicht mehr ausgesprochen.

Haben Sie auch nach Mengele, Eichmann, Brunner, Bormann und Himmler gefahndet?

Natürlich. Bormanns ehemalige Geliebte lebte in der DDR und ist nach dessen Verbleib befragt worden. Wir haben uns interessiert für Walther Rauf, den Erfinder des Gaswagens, der 1984 in Pinochets Chile starb. Wegen der Alleinvertretungsanmaßungen der BRD hatten wir keine Rechtshilfeverträge mit dem kapitalistischen Ausland. Mit Griechenland war schon eins ausgearbeitet, doch dann übte Bonn Druck auf Athen aus und es wurde nicht unterschrieben.

Waren noch Verfahren anhängig, als sich die DDR auflöste?

Ja. Sie wurden nicht weitergeführt.

Wie viele NS-Verbrecher befanden sich zu Ende der DDR noch In Haft?

Mitte 1990 waren es 23. Fünf wurden noch in jenem Jahr begnadigt, andere später, darunter Heinz Barth, der in der DDR 1983 zu lebenslanger Haft verurteilt worden ist Er wurde 1997 aus »gesundheitlichen Gründen entlassen und bezog sogar noch Kriegsopferrente für seine als SS-Offizier in Frankreich erlittene Kriegsverletzung. Ein Skandal: Während der deutsche Staat Milliarden D-Mark und heute noch Millionen Euro Kriegsrente an Täter, Kollaborateure und ehemalige Angehörige der Waffen-SS zahlt, knausert er bei den wahren Opfern des Krieges.
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Re: Wer hatte die bessere Nazi-Aufarbeitung, Ost oder West ?

Beitragvon Merkur » 10. März 2017, 20:36

Interessierter hat geschrieben:
Unbestritten ist, dass sich die vorgeblich antifaschistische DDR mit vielen Alt-Nazis arrangierte. 1951 ergab eine Zählung der SED, dass 174.928 ehemalige NSDAP-Leute oder Wehrmachtsoffiziere nun Parteimitglied waren. Insgesamt soll es 1,5 Millionen ehemalige NSDAP-Mitglieder in der DDR gegeben haben; eines war Ernst Melsheimer, Chefankläger der Generalstaatsanwaltschaft.


Melsheimer war kein Mitglied der NSDAP.
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Re: Wer hatte die bessere Nazi-Aufarbeitung, Ost oder West ?

Beitragvon augenzeuge » 10. März 2017, 22:36

Merkur hat geschrieben:Melsheimer war kein Mitglied der NSDAP.


Obwohl er sich später aufführte, als ob er beim Volksgerichtshof in die Lehre gegangen wäre..... Fast 100 Todesurteile gehen auf sein Konto.
AZ
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Re: Wer hatte die bessere Nazi-Aufarbeitung, Ost oder West ?

Beitragvon HPA » 10. März 2017, 23:31

Merkur hat geschrieben:
Interessierter hat geschrieben:
Unbestritten ist, dass sich die vorgeblich antifaschistische DDR mit vielen Alt-Nazis arrangierte. 1951 ergab eine Zählung der SED, dass 174.928 ehemalige NSDAP-Leute oder Wehrmachtsoffiziere nun Parteimitglied waren. Insgesamt soll es 1,5 Millionen ehemalige NSDAP-Mitglieder in der DDR gegeben haben; eines war Ernst Melsheimer, Chefankläger der Generalstaatsanwaltschaft.


Melsheimer war kein Mitglied der NSDAP.


Ja und? Nicht NSDAP Mitglied gewesen zu sein, heisst angesichts seiner Vita nicht, dass er kein Nazi war.

wiki:

Von 1928 bis 1933 gehörte er der SPD und dem Reichsbanner an. Im Jahr der Machtergreifung 1933 trat Melsheimer aus der SPD aus und blieb Landgerichtsdirektor.


vom Sozi zum Nazi...

Er engagierte sich 1936 im Nationalsozialistischen Rechtswahrerbund (NSRB), stieg 1937 zum Kreisrechtsberater in der Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt (NSV) auf und erhielt 1940 die „Treuemedaille des Führers 2. Klasse“.[2] Die Stelle eines Reichsgerichtsrats am Reichsgericht, zu der er 1944 vorgeschlagen wurde, konnte Melsheimer nicht mehr antreten, weil bis zu dessen Auflösung im Mai 1945 keine freigeworden war. Es war ihm gelungen, unter den Nationalsozialisten Karriere zu machen, ohne in politischen Strafprozessen „die Treue zum nationalsozialistischen Staat“ ernsthaft unter Beweis zu stellen zu müssen.[3]


vom Nazi zum Kommunisten...

Unmittelbar nach Ende des Zweiten Weltkriegs 1945 trat Melsheimer in die KPD ein


Herrlich! [flash]

Der Prototyp eines Opportunisten welcher sich für seine Karriere ein 360 Grad Gelenk im Halswirbelbereich implantieren lies.
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"Wer seinen Kinderglauben sich bewahrt, in einer reinen, unbefleckten Brust - und gegen das Gelächter einer Welt zu leben wagt, - wie er als Kind geträumt - bis auf den letzten Tag: das ist ein Mann!"(Henning v. Tresckow)

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Re: Wer hatte die bessere Nazi-Aufarbeitung, Ost oder West ?

Beitragvon SCORN » 11. März 2017, 00:29

HPA hat geschrieben:
Der Prototyp eines Opportunisten welcher sich für seine Karriere ein 360 Grad Gelenk im Halswirbelbereich implantieren lies.


soll es auch heute noch geben!
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Re: Wer hatte die bessere Nazi-Aufarbeitung, Ost oder West ?

Beitragvon HPA » 11. März 2017, 01:51

sehe ich da bei dir einen ansatz von selbstkritik? [grins]
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Re: Wer hatte die bessere Nazi-Aufarbeitung, Ost oder West ?

Beitragvon Interessierter » 10. Mai 2017, 13:39

Warum die DDR-Staatssicherheit NS-Mörder schützte

Die Stasi betrieb „faktisch Strafvereitlung". Das wichtigste Ziel dabei: Der Bundesrepublik so weit wie möglich zu schaden.

In einem Punkt sind sich pensionierte Stasi-Generäle, Politiker der Linkspartei und sonstige DDR-Nostalgiker einig: Der sozialistische deutsche Staat habe bei allen Schwächen und Fehlern immerhin die Verbrechen der vorangegangenen braunen Diktatur konsequent aufgeklärt und bestraft. Kürzlich bestätigte der renommierte holländische Rechtshistoriker Christiaan Frederick Rüter scheinbar diese Ansicht: In der DDR seien – bezogen auf die Bevölkerungszahl – mehr als doppelt so viele Verfahren gegen NS-Täter geführt und mit einer Verurteilung abgeschlossen worden.

Allerdings bestanden von Anfang an gegenüber dieser These Rüters große Vorbehalte. Jetzt hat, im neuesten Heft der renommierten Fachzeitschrift „Deutschland-Archiv“, das dieser Tage ausgeliefert wird, der Stasi-Experte Henry Leide Rüters Argumentation genau überprüft. Der Mitarbeiter der Stasi-Unterlagen-Behörde (BStU) kommt zu dem Schluss, viel wichtiger als jeder „Antifaschismus“ seien bei der Verfolgung von NS-Tätern in der DDR „geheimdienstliche Opportunitätsüberlegungen“ gewesen.

Mit anderen Worten: Die Stasi betrieb ihre Ermittlungen gegen mutmaßliche Holocaust-Mittäter nur dann, wenn sie der Strategie der SED gerade nützten. Dazu gehörte auch, die Gesamtzahl solcher Verfahren niedrig zu halten: „Zu viele Prozesse gegen NS-Täter hätten spätestens ab den Sechzigerjahren die antifaschistische Reputation der DDR in Zweifel gezogen, weil deutlich geworden wäre, dass in der DDR viele Täter unentdeckt ,überwintert‘ hatten.“


In aller Kürze handelt Leide zunächst die grundsätzlichen Einwände gegen Rüters These ab: So wurden 90 Prozent der Verfahren, auf die sich seine für die Linkspartei so nützliche Statistik stützt, bereits in den Jahren 1945 bis 1950 geführt. Zieht man diese wie auch die in der gleichen Zeit in der späteren Bundesrepublik geführten Verfahren von der Gesamtzahl ab, sehen die Ergebnisse schon anders aus.

Ein weiterer wichtiger Punkt ist, dass die DDR sich nie an rechtsstaatliche Grundsätze bei der Verfolgung von NS-Tätern hielt.
Weder musste hier die individuelle Schuld des Angeklagten nachgewiesen werden noch konkrete Taten; es genügte die allgemeine Feststellung, er habe Verbrechen gegen die Menschlichkeit begangen. Da zudem alle Regeln über Verjährung pauschal außer Kraft gesetzt worden waren, gab es die Verfahrenshindernisse nicht, mit denen sich die Ermittler in westdeutschen Schwerpunkt-Staatsanwaltschaften und der Zentralen Stelle in Ludwigsburg herumschlagen mussten. Unter solchen Bedingungen waren Verfahren natürlich leichter zu einer Verurteilung voranzubringen als in Westdeutschland.

Vor allem aber kann Henry Leide zeigen, dass die Stasi bei den Ermittlungen gegen mutmaßliche NS-Täter weit hinter ihren Möglichkeiten zurückblieb: „Zahlreiche, dem MfS bekannte NS-Täter blieben unbehelligt, und bei den Prozessen, die letztlich geführt wurden, standen häufig propagandistische Gesichtspunkte im Vordergrund.“ Aus jüngsten Forschungen führt der BStU-Historiker mehrere Fälle an.

Diese Beispiele findet man hier:
https://www.welt.de/kultur/history/arti ... etzte.html
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Re: Wer hatte die bessere Nazi-Aufarbeitung, Ost oder West ?

Beitragvon Interessierter » 11. Mai 2017, 08:48

Wie die SED ihre Wurzeln in der NSDAP vertuschte

Der Osten hat seine braune Vergangenheit besser bewältigt als der Westen, heißt es oft. Stimmt nicht, sagen Soziologen der Friedrich-Schiller-Universität Jena. Auch unter SED-Funktionären fanden sich etliche ehemalige NSDAP-Mitglieder. Die Quote lag sogar noch höher als der Anteil an der Gesamtbevölkerung.

Unehrlich währt am längsten – jedenfalls, was die Mitgliedschaft in der NSDAP angeht. Und das galt gleichermaßen in West wie Ost. Zwar gehört es zu den kaum mehr hinterfragten zeitgeschichtlichen Binsenweisheiten, dass in der Bundesrepublik die braune Vergangenheit kollektiv beschwiegen worden sei, während die "antifaschistische" DDR die Hitler-Zeit konsequent aufgearbeitet habe.

Doch dabei handelt es sich um einen Mythos, wie jetzt Soziologen der Friedrich-Schiller-Universität Jena festgestellt haben: In der DDR machten ehemalige Mitglieder der Hitler-Partei sehr wohl Karriere, sowohl im Staatsapparat als auch in der SED. Und genau wie im Westen Deutschlands war auch hier der bevorzugte Umgang mit der eigenen Verstrickung konsequentes Verdrängen. Damit löst sich der wohl letzte Mythos über eine vermeintliche "historische Leistung" der SED-Diktatur auf.

Die Wissenschaftler um Heinrich Best haben, im Rahmen eines von der Deutschen Forschungsgemeinschaft finanziertes Sonderforschungsbereichs über Eliten in Deutschland, alle SED-Spitzenfunktionäre auf dem Gebiet des heutigen Thüringen für die gesamte Herrschaftszeit der ostdeutschen Staatspartei untersucht. Zwischen 1946 und 1989 waren das insgesamt 441 Personen. 263 davon wurden vor 1928 geboren, konnten also noch Mitglied der NSDAP werden.

Der überraschende Befund: Immerhin 36 der 263 Männer wurden in der zu vier Fünfteln erhaltenen NSDAP-Mitgliederkartei geführt. Die Quote liegt bei 13,6 Prozent und damit sogar noch etwas höher als der Anteil der NSDAP-Mitglieder an der Gesamtbevölkerung. Noch bemerkenswerter aber ist: 35 der 36 jetzt durch den Vergleich von NSDAP- und SED-Archivalien entdeckten Mitglieder der Hitler-Partei unter den thüringischen SED-Spitzenfunktionären verschwiegen ihre Vergangenheit auch in SED-internen Unterlagen.

Nicht Offenheit war das Prinzip, sondern "kollektives Beschweigen", wie der Philosoph Hermann Lübbe es einmal für die Bundesrepublik formuliert hat, der übrigens selbst als 18-Jähriger noch in die Hitler-Partei aufgenommen worden war. Anhand von vier Fallstudien illustriert die Sozialwissenschaftlerin Sandra Meenzen, wie dieses Verdrängen in der DDR ablief.

Eine aussichtsreiche Karriere in der SED stand Harry Planert, geboren 1926, bevor - aber nur, weil er konsequent seinen Eintritt in die NSDAP zum 20. April 1944 (Mitgliedsnummer 10.129.754) verschwiegen hatte, in mehreren handschriftlichen Lebensläufen. Dabei war sich der ehemalige Unteroffizier der Wehrmacht der Bedeutung durchaus bewusst - so teilte er mit, dass sein Bruder "Parteigenosse", kurz "PG" gewesen sei. Planert starb schon 1964 mit nur 38 Jahren, so dass er nicht über die thüringische Provinz hinaus kam.
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Ganz anders erging es dem ein Jahr jüngeren Herbert Wagner. Er war ehrlich, verschwieg als einziger Thüringer Spitzenfunktionär gegenüber den SED-Kaderabteilungen seine NSDAP-Mitgliedschaft nicht und setzte sich mit voller Kraft für den "Aufbau des Sozialismus" ein. Gedankt wurde es ihm nicht. Nach Ermahnungen, nicht zu offen mit seiner PG-Nummer 9.948.758 umzugehen, wurde er 1958 vom Zentralkomitee in Ost-Berlin abgesetzt und auf einen unwichtigen Posten bei der Staatsgewerkschaft FDGB abgeschoben.

Der vielleicht prominenteste Fall eines SED-Spitzenfunktionärs mit brauner Vergangenheit in dem untersuchten Sample ist Hans Bentzien. Er stieg bis zum Kulturminister der DDR auf, wurde 1966 aber abgesetzt - jedoch nicht wegen seiner NSDAP-Mitgliedschaft (Nr. 9.751.671), sondern weil die SED in der Kulturpolitik auf Kahlschlag umschaltete. Bentzien überwinterte in verschiedenen Funktionen, bis er 1989/90 der letzte Generalintendant des DDR-Fernsehens wurde. Eigenen Angaben nach 1990 zufolge verschwieg Bentzien in seinen Lebensläufen in Absprache mit einem höheren SED-Funktionär die Mitgliedschaft in der Hitler-Partei.

Besonders abstoßend ist das vierte Beispiel, den Meenzen analysierte. Heinrich Tittl, ebenfalls Jahrgang 1926, verschwieg nicht nur konsequent seine eigene Zugehörigkeit zur NSDAP (PG-Nr. 9.771.135). Er schoss sogar 1968 einen innerparteilichen Konkurrenten ab – unter Hinweis auf dessen braune Vergangenheit. Tittl war zudem IM der Stasi, doch Mielkes Mannen ahnten, den Akten zufolge, offenbar nichts von der Vergangenheit des Genossen.

Weiter geht es hier:
https://www.welt.de/kultur/article55583 ... schte.html
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Re: Wer hatte die bessere Nazi-Aufarbeitung, Ost oder West ?

Beitragvon Interessierter » 13. Mai 2017, 08:41

Strittmatter und die Verlogenheit der DDR

Der beliebte Schriftsteller Erwin Strittmatter (1912-1994) war, wie 2008 bekannt geworden ist, Mitglied der SS-Gebirgsjäger. SS-Zugehörigkeit galt in der DDR-Propaganda als harter Vorwurf gegen politische Gegner. Die SED wusste wohl von Strittmatters Fall. Dies offenbart, was der Antifaschismus der DDR wert war: nichts.

Die Enthüllung geschah durch den in der DDR sozialisierten Werner Liersch, einen fleißigen, gewissenhaften (und keineswegs antikommunistischen) Literaturwissenschaftler und Essayisten.

Strittmatter zählte zum Kriegsende 33 Jahre, und die Einheit, bei der er diente, hat zumal in Griechenland entsetzliche Kriegsverbrechen begangen. Strittmatter selbst war wohl nicht direkt daran beteiligt, davon gewusst hat er mit Sicherheit, auch seine Texte deuten es an. Dass es in der DDR in großer Zahl alte Nazis gab, die hernach zu getreuen Sachwaltern des SED-Sozialismus wurden, ist nicht gänzlich unbekannt. Fast alle Milieus waren davon betroffen, die Technik und die Medizin, die NVA-Generalität, der Journalismus und das Kunstschaffen – der hochgelobte Maler Bernhard Heisig etwa war Mitglied der Waffen-SS, aber sein Fall ähnelt eher dem von Günter Grass.

https://www.welt.de/kultur/article20880 ... r-DDR.html
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Re: Wer hatte die bessere Nazi-Aufarbeitung, Ost oder West ?

Beitragvon Volker Zottmann » 13. Mai 2017, 15:00

Interessierter hat geschrieben:Strittmatter und die Verlogenheit der DDR

[b]Der beliebte Schriftsteller Erwin Strittmatter (1912-1994) war...



War Strittmatter wirklich so beliebt? Oder lag es daran, dass die DDR-Kinder und -Jugend seine Bücher im Lehrplan stehen hatten?
Mich haben jesdenfalls die so recht einfältig und monoton geschriebene Bücher nicht hinter dem Ofen vorgelockt. Ich denke, das erste was wir lesen mussten war "Tinko"
Es gab ergreifendere und spannendere Nachkriegsgeschichten.

Gruß Volker
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Re: Wer hatte die bessere Nazi-Aufarbeitung, Ost oder West ?

Beitragvon Interessierter » 20. Mai 2017, 11:19

Die SED-Diktatur und die NS-Vergangenheit - Ein doppeltes Spiel


Die SED-Machthaber propagierten die DDR als einen antifaschistischen Staat. Sie nahmen für ihr Land in Anspruch, mit sämtlichen Kontinuitäten der NS-Zeit gebrochen zu haben, und wollten sich damit auch von der Bundesrepublik abheben. Hinter den Kulissen hingegen sah die SED-Führung über NS-Belastungen vielfach hinweg, wenn es ihr politisch nützlich erschien.

Bild
Kriegsverbrecherprozeß vor dem Stadtgericht Berlin Quelle: BStU,

Auch mit Schauprozessen gegen NS-Täter dokumentierten die Machthaber ihre klare Absage an den Nationalsozialismus. Gleichzeitig wurde die Bundesrepublik angeprangert, sie stünde in der Kontinuität des NS-Regimes. Dass die Bonner Republik sich nur zögerlich einer Aufarbeitung der NS-Vergangenheit stellte, war dieser Interpretation förderlich.

Hinter den Kulissen sah der Umgang mit der NS-Vergangenheit in der DDR oft anders aus. Die Stasi verzichtete häufig auf die Offenlegung ihrer Ermittlungen gegen NS-Verstrickte oder NS-Täter in der DDR, wenn das dem propagierten Image zuwiderlief oder der SED-Diktatur und ihrer Geheimpolizei nützlich erschien.

Mit konspirativen Mitteln und einem weitgehenden Monopol beim Zugang zu NS-Akten konnte die Staatssicherheit relevante Informationen unter Kontrolle halten. Das MfS ermittelte verdeckt und prüfte die Fälle vor allem auch unter dem Gesichtspunkt der politischen Zweckmäßigkeit. Überwogen die Vorteile, wurden die Beschuldigten vor Gericht gestellt. Strenge Urteile sollten dann die begangenen Verbrechen sühnen und die antifaschistische Rigorosität der DDR demonstrieren.

In vielen anderen Fällen verzichtete das MfS aber auf die Weitergabe ihrer Ermittlungsergebnisse. Stattdessen nutzte es sein Wissen häufig zum eigenen Vorteil und warb die ins Visier geratenen Personen auch als Inoffizielle Mitarbeiter.
Dokumente zum Thema

Bild

http://www.bstu.bund.de/DE/Bundesbeauft ... 7.1_cid319
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Re: Wer hatte die bessere Nazi-Aufarbeitung, Ost oder West ?

Beitragvon HPA » 20. Mai 2017, 11:57

Das Dokument spricht für sich.

In vielerlei Hinsicht. [grin]

Henry Leide hat das einst sehr gut aufgearbeitet und den "mfs-insidern" die Zornesröte ins Gesicht getrieben.
Bild

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Re: Wer hatte die bessere Nazi-Aufarbeitung, Ost oder West ?

Beitragvon augenzeuge » 20. Mai 2017, 13:04

HPA hat geschrieben:Das Dokument spricht für sich.


Erst mal abwarten, was Merkur dazu zu sagen hat.

AZ
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Re: Wer hatte die bessere Nazi-Aufarbeitung, Ost oder West ?

Beitragvon HPA » 20. Mai 2017, 13:07

Na, nicht das er Dir eine "Absache" erteilt. [wink]
Bild

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Re: Wer hatte die bessere Nazi-Aufarbeitung, Ost oder West ?

Beitragvon Interessierter » 20. Mai 2017, 15:08

[laugh]
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Re: Wer hatte die bessere Nazi-Aufarbeitung, Ost oder West ?

Beitragvon Interessierter » 13. Dezember 2017, 13:32

Hinter den Toren dieser Stadt (Kollektivschuld)

Hinter den Toren dieser Stadt – das kollektive Verbrechen; Ein Beitrag zum 60. Jahrestag der militärischen Besetzung Schwerins und Befreiung der Opfer aus der nationalsozialistischen Barbarei.
Antifa [affect] Schwerin-Mitte, 10. April 2005

Am frühen Morgen des 02. Mai 1945 erreichten Panzereinheiten der 2. Belorussischen Front der Roten Armee unter Marschall Rokossowski das Ostufer des Schweriner Sees, während im Westen die 21. Anglo-amerikanische Heeresgruppe des Feldmarschalls Montgomery in Richtung der Demarkationslinie vorrückte. Bereits in den Mittagsstunden besetzten Einheiten der 8. Amerikanischen Infanteriedivision kampflos die 60.000 Einwohner zählende Gauhauptstadt Schwerin und besiegelten ihre militärische Niederlage.Das Zusammentreffen der antideutschen Koalition auf der „Meeting- Line“ bedeutete allein im Raum Schwerin die Befreiung für tausende Opfer des nationalsozialistischen Wahns.

AG Zivilisationsbruch

Anläßlich der Begräbnisfeier für die 144 im KZ Wöbelin gefundenen Toten am 08. Mai 1945 in Hagenow fand die amerikanische Besatzungsmacht folgende Worte:

„In diesen offenen Gräbern liegen die verhungerten, mißhandelten Leichen von 144 Staatsangehörigen vieler Länder. […] Sie wurden gejagt, geschlagen und verhungerten, um den […] Durst der deutschen Kriegsmaschine zu stillen. […] Was ihr heute in Hagenow als Zeugen seht, ist nur ein einziges kleines Beispiel von dem, was man in Eurem deutschen Vaterland, so wie es weit und breit ist, sehen kann. Unzählige Massen von anderen alliierten Soldaten und deutschen Bürgern erbeben vor ähnlichen Begräbnisfeiern, sowie Ihr heute erbebt. Die Alliierten erbeben, weil sie nie davon träumten, daß eine durch die Massen unterstütze menschliche Führung sich so erniedrigen konnte, für solche Folgen verantwortlich zu sein, wie diese in den offenen Gräbern. Ihr Deutschen erbebt aus Euren eigenen Gründen. Manche von Euch, die Ihr an diesen Greueltaten teilgenommen habt, erbebt vor Angst, daß Eure Schuld bewiesen wird, und das wird auch erfolgen. Andere von Euch erbeben, weil Ihr solche Verschlechterungen zugelassen habt. Die zivilisierte Welt erbebt, weil sie sieht, wie tief ein Teil von ihr herabgesunken ist. Diese Welt will nicht glauben, daß nur eine kleine Gruppe deutscher Gangster, Fanatiker und Wahnsinniger diese Greueltaten verübt hat. Diese Welt muß glauben und glaubt, daß das ganze deutsche Volk für das Geschehene verantwortlich ist.“

Die Amerikaner bewiesen in dieser Rede bereits am Tage der Kapitulation des besetzten Deutschlands die Fähigkeit, Schlüsse hinsichtlich der Schuld an der Shoa zu ziehen. In der Kernaussage schrieben sie dem gesamten deutschen Volk eine Mittäterschaft an den Verbrechen zu und prägten damit die Kollektivschuldthese. In einer beeindruckenden Bündigkeit brachten sie auf den Punkt, daß es zu solchen Greueltaten, wie sie in Nazi- Deutschland geschehen sind, mehr als nur eine kleine Führungsclique um Adolf Hitler benötige. Jeder Deutsche müsse demnach eine Verantwortung für Auschwitz besitzen, weil er entweder direkt an den Verbrechen beteiligt war, sie toleriert oder davon gewußt hat.

Schwerins Einwohner engagierten sich fleißig für die deutsche Vernichtungsmaschinerie und ihren reibungslosen Betrieb. Bis zum Einmarsch der Alliierten Streitkräfte setzte das Schweriner Stadtbauamt Kriegsgefangene aus mehreren Nationen für die Straßenunterhaltung und Luftschutzmaßnahmen, bei der Müllabfuhr, der Friedhofsverwaltung und der Unterhaltung städtischer Gebäude ein. Zudem forderten mehrere Privatbetriebe, darunter die Baufirma Parbs aus der Werderstraße, die in der „Adolf Hitler Kaserne“ (heutiges Innenministerium) arretierten Zwangsarbeiter als billige Arbeitskräfte an. Ein Großteil von ihnen durchlief zuvor das Kriegsgefangenenlager am Grünen Tal mit insgesamt 15.000 Inhaftierten. Dort sind rassistisch motiviert zwischen 1940 und 1945 mindestens 500 sowjetische Gefangene von ihren deutschen Bewachern auf brutalste Weise ermordet worden.

Diese Vernichtung war die letzte Konsequenz einer kollektiv herbeihalluzinierten externen Bedrohung der deutschen Volksgemeinschaft. Um die „Reinigung des Volkskörpers“ von innen heraus voran zu treiben, ließ das Erbgesundheitsgericht am Demmlerplatz in den Heil- und Pflegeanstalten am Sachsen- und Lewenberg „minderwertige“ Menschen zwangssterilisieren. Für derlei Eingriffe standen in Mecklenburg 14 Krankenhäuser zur Verfügung, vier davon in Schwerin. Mehr als 900 Menschen mit geistigen oder körperlichen Behinderungen, psychisch Kranke, Alkoholiker oder so genannte „Asoziale“ wurden in Schwerin durch eine Überdosierung von Veronal, Luminal oder Morphium im Essen oder durch eine Injektion getötet. Unter ihnen befanden sich auch 100 Kinder, die zwischen 1941 und April 1945 unter der Leitung von Dr. Alfred Leu ermordet wurden.

Viele Schweriner arbeiteten und bewegten sich tagtäglich im Umfeld dieser Verbrechen. Daß sie von den Greueltaten nichts gewußt haben sollen, ist nur schwerlich vorstellbar. Vielmehr profitierten sie von den Zwangsarbeitern und befürworteten das „Euthanasieprogramm“ und die Mißhandlung von Kriegsgefangenen. Wie sehr sich Schwerins Einwohner mit dem nazistischen Unterbau der Verbrechen identifizieren konnten, beweisen die Ergebnisse der Reichstagswahlen. Bereits 1930 wurde die NSDAP in Mecklenburg- Schwerin auf Anhieb zweitstärkste Partei. Nur zwei Jahre später erhielt die NSDAP bei den Landtagswahlen in Mecklenburg sogar 49 Prozent der Stimmen und konnte die Regierung fortan alleine übernehmen. Über Jahre hinweg fanden Parteiveranstaltungen bei Schwerins Einwohnern einen regen Zuspruch. Nicht nur angesichts dieser Fakten erscheint das Argument, daß alleinig die Angst vor dem autoritären Regime Hitlers dessen Sturz verhindert habe, lächerlich.


Den vollständigen, erschütternden Beitrag findet man hier:
https://komplex-schwerin.de/2005/04/10/ ... vschuld-3/

Ich vermute einmal, dass es im Umfeld von anderen Lagern, gleich ob in Ost oder West ähnlich war? Evtl. können User ja dazu etwas berichten?
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Re: Wer hatte die bessere Nazi-Aufarbeitung, Ost oder West ?

Beitragvon Wosch » 13. Dezember 2017, 18:51

Da ist er wieder der Vorwurf der "Kollektivschuld" gegen das Deutsche Volk, hier speziell an die Schweriner Bevölkerung.
Meine Tanten Emma und Anni (beide zum damaligen Zeitpunkt wohnhaft in Schwerin) hätten hier zu dem Vorwurf "ihrer" Kollektivschuld auch etwas schreiben können, doch leider sind sie wie die überwiegende Anzahl wahrer Zeitzeugen aus Altersgründen den Weg aller Lebenden gegangen und können sich deswgen zu den unsinnigen Vorwürfen der Kollektivschuld nicht mehr zur Wehr setzen.
Beide Tanten verloren während dieses Krieges ihre Ehemänner und wurden vorher nicht gefragt ob sie das wollten. 9Nein, sie mußten. Ein anderer Onkel kam 1954 aus sowjetischer Kriegsgefangenschaft zurück (Gefreiter), mit 38 Kilo Körpergewicht mal gerade 38 Kilogramm.
Ja, sie haben in dieser Zeit gelebt, meine Tanten und deswegen haben sie sich noch lange nicht schuldig gemacht an Gräueltaten und anderen den Deutschen nachgewiesenen Kriegsverbrechen und das man vor 1933 dem Hitler in Schwerin schon eine Stimmenmehrheit verschafft hatte, war da nichteine starke Angst vor der Alternative " Thälmann" mit im Spiel?
Das Schweriner Firmen Kriegsgefangene beschäftigte. was soll das beweisen, Kriegsgefangene wurden überall und jederzeit zu solchen "Diensten" herangezogen, deportiert und ausgebeutet. Ich find's nicht gut, aber so wardas immer und wird sich sicher auch nie ändern.
Onkel Paul aus Mühlenbeck bei Schwerin und Onkel Walter aus Schwerin- Krebsförden hatten sich wahrscheinl dann auch "mitschuldig" gemacht als sie den verlorenen Krieg mit heiler Haut überlebt hatten, obwohl sie auch an der Front ihr Bestes geben durften.
Die bestatteten Umgekommenen in Hagenow entstammten dem Außenlager des KZ Neuengamme und trug die Bezeichnung "Reiherhorst". Es bestand nur ein paar Wochen und selbst im nur 3 Kilometer entfernten Ludwigslust war nicht bekannt um was es sich da handelte und selbst wenn, wer hätte es sich wagen können ein "Veto" einzulegen??
Die "Aufrechten"waren im sicheren Exil und die "Schuldigen" ließ man mit. den SCHULDIGEN alleine.
Ich mag diese Art von Aufarbeitung nicht besonders, weil sie verklärt und in großen Teilen nicht der Wahrheit entspricht.
Ansonsten zum Titel dieses Threads, mann könnte ihn durchaus auch: "Wer hatte die beste NAZI-AUFBERETUNG? nennen.
Eine schöne Adventszeit wünscht Euch
Wosch aus Kassel.
Ich bin stolz darauf, noch nie den "Melde-Button" benutzt zu haben!
Mecklenburger sind nicht nachtragend, aber vergessen tun sie auch nicht!
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Re: Wer hatte die bessere Nazi-Aufarbeitung, Ost oder West ?

Beitragvon Interessierter » 30. Dezember 2017, 14:09

"Organisationseinheit 85" - Wie der BND seine eigenen Nazis jagte

Fast ein halbes Jahrhundert lagen sie im Archiv - jetzt werden BND-Akten bekannt, die an ein dunkles Geheimnis der jungen Bundesrepublik rühren. Geheimdienstchef Gehlen ließ in den Sechzigern nach Ex-SS-Leuten fahnden. 71 mussten gehen. Dabei hatte er die meisten ganz bewusst eingestellt.

Jetzt ist ihr Geheimnis gelüftet. Um die brisanten Schriftstücke lesen zu dürfen, hat der Journalist Peter Carstens, Redakteur bei der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung", über vierzehn Monate einen zähen Kampf mit deutschen Behörden geführt - mit dem Apparat des BND, mit der zuständigen Justizverwaltung, gar mit dem Bundeskanzleramt. Dann wurden die Ludwigsburger Akten doch aus dem Archiv geholt.

Die Vermerke und Schriftwechsel dokumentieren, dass ausgerechnet Reinhard Gehlen, unter den Nazis Chef der legendären Abteilung "Fremde Heere Ost" bei der Abwehr und nach dem Krieg Gründungschef des Bundesnachrichtendienstes, Anfang der sechziger Jahre nach NS-Verbrechern in den eigenen Reihen fahnden ließ - obwohl er selbst die meisten der alten Kameraden ohne große Bedenken in seinen neuen Spionagedienst geholt hatte.


Der "Tiger vom Como"

Den Anlass für Gehlens Aktivismus lieferte der schwerste Skandal seit Gründung des BND, der den Dienst Anfang der sechziger Jahre erschütterte: Der BND-Mann Heinz Felfe, seit 1951 in der Spionageabwehr, dem Herz des Pullacher Geheimapparates, war 1960 als KGB-Agent enttarnt und verhaftet worden, ebenso ein zweiter BND-Mitarbeiter, Johannes Clemens.

Im Zuge des Prozesses wurde ruchbar, dass Felfe vor 1945 als SS-Obersturmführer für Himmlers Sicherheitsdienst (SD) in den besetzten Niederlanden tätig gewesen war. Auch Doppelagent Clemens hatte eine SS-Vita: Als SD-Mann in Italien hatte er im blutigen Kleinkrieg gegen den italienischen Resistenza den Beinamen "Tiger von Como" erhalten. Als die Öffentlichkeit erstmals vernehmlich Fragen nach Alt-Nazis im BND stellte, erklärte die Bundesregierung, ihr Anteil betrage weniger als ein Prozent - die glatte Unwahrheit.

Wie viele BND-Leute tatsächlich in den NS-Terror verstrickt waren, ermittelte zur gleichen Zeit in Gehlens Auftrag eine kleine, streng geheime Spezialtruppe mit dem nichtssagenden Namen "Organisationseinheit 85". Die "Org. 85" bestand aus gerade einmal vier Personen und einer Verbindungsfrau zur Justiz. Geleitet wurde die Truppe, die sich unter dem Dach der Pullacher Präsidentenvilla einquartierte, vom damals 32-jährigen Hans-Henning Crome. Von den Details der Untersuchung habe Gehlen nichts wissen wollen, erzählte Crome jetzt der "FAZ", "weil diese Leute ja in seiner Verantwortung eingestellt worden waren". Aber der BND-Chef ließ den jungen Beamten, dessen Vater er aus dem Krieg kannte und ebenfalls zum BND geholt hatte, machen.

Mehr erfährt man hier:
http://www.spiegel.de/einestages/organi ... 48770.html
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