DDR - Opposition

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Beitragvon Interessierter » 19. Mai 2017, 10:49

Sabine Popp - Opposition im Vogtland

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Quelle: BStU

Sabine Popp wurde am 13. August 1960 in Reichenbach/Vogtland geboren. Ihre Eltern besaßen eine Gärtnerei; auch sie selbst erlernte den Beruf der Gärtnerin. In nächtlichen Aktionen malte sie als Jugendliche Parolen wie „Mauer weg" oder „Wir fordern die Wiedervereinigung" auf Anschlagtafeln, Unterführungen u.ä. in ihrer heimatlichen Umgebung. Von einem Bekannten, der für die Stasi arbeitete, wurde sie verraten. Man holte die Neunzehnjährige zu Hause ab und brachte sie in die MfS-Untersuchungshaftanstalt Chemnitz. Nach einem halben Jahr wurde ihr der Prozess gemacht: Sie wurde zu fünf Jahren Haft verurteilt, die sie im Frauengefängnis Hoheneck verbüßen sollte. Von da aus erfolgte im Juli 1982 ihr Freikauf in die Bundesrepublik. Dort ließ sich Popp zur Gärtnermeisterin ausbilden und begann später Innenarchitektur zu studieren. Nach dem politischen Umbruch 1989/90 kehrte sie nach Sachsen

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Auch sie gehörte zu den jungen Menschen, die sich nicht anpassen wollten und Freiheit und Demokratie statt Sozialismus bevorzugten.

http://www.gedenkort-kassberg.de/index. ... opp-sabine
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Re: DDR - Opposition

Beitragvon Interessierter » 24. Mai 2017, 11:03

Die Hoffnung auf eine bessere DDR

Das Neue Forum ist eine der wichtigsten Bürgerbewegungen der DDR. Joachim Stoff aus Königs Wusterhausen gilt als einer der Mitbegründer. Er hatte immer auf eine bessere DDR gehofft. Wegen seines Engagements wurde er lange von der Stasi beobachtet.

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Joachim Stoff mit einem seiner Flugblätter

Zeuthen. Rund 70 Frauen und Männer waren spontan zu Joachim Stoff gekommen, um das Neue Forum in Königs Wusterhausen zu begründen. Der hatte mit zwei, drei Familien gerechnet. Doch der Garten wurde voll. Allein fünf Geistliche waren gekommen. Vor dem Haus notierte derweil jemand für die Stasi die Kennzeichen der parkenden Autos. Wer der Staatssicherheit diese Informationen zukommen ließ, weiß Stoff bis heute nicht. Erst vor einem Jahr konnte er die Akten einsehen. Seitdem lässt sich rekonstruieren, wann das Treffen stattfand: am 28. Oktober 1989. Stoff, so heißt es in jener Akte, „gilt als umstrittene Person“. Er war Mitglied der SED und blieb es auch als die DDR, sein Land, zusammenbrach. Er wolle in der Partei bleiben, „damit die Partei nicht so bleibt“ schrieb er damals.

Stasi interessierte sich für Joachim Stoff

Mit Renate Dietrich vom Neuen Forum und anderen Aktiven entwarf er ein Flugblatt, verteilte es vor den Meldestellen, in denen die Leute anstanden, um einen Stempel für den Ausflug nach Westberlin in den Pass zu bekommen. „Bleibt hier, weil wir Euch brauchen!“, stand darauf. Joachim Stoff glaubte noch daran, dass es eine „bessere, demokratische DDR“ geben könne.

Als kleines Kind war der 1930 in Berlin geborene Stoff in den heutigen Zeuthener Ortsteil Miersdorf gezogen. Hier engagierte er sich ab 1946 in der Antifa-Jugend und in der FDJ. Mitten in seiner Ausbildung zum Zimmermann wurde er von der Familie nach Düsseldorf geschickt, auch dort trat er für seine Überzeugungen und damit in die westdeutsche FDJ und 1950 in die KPD ein. Nach einem schweren Motorradunfall kam er 1952 zurück in die DDR, nach Hause wollte er. Als Zimmermann arbeiten konnte er nicht mehr. Zwei Operationen an der Wirbelsäule führten dazu, dass Stoff frühzeitig invalidisiert wurde.

Er hatte nun Zeit. Die widmete er fortan dem Umweltschutz. Bis heute sein großes Thema und auch Thema bei jener Zusammenkunft in seinem Garten 1989. Immer wieder hatte Stoff sich gemeldet, Umweltsünden angeprangert, bei Versammlungen der Partei, in der Gemeinde Zeuthen. „Oft habe ich Redeverbot bekommen“, erinnert er sich. Seine Vorliebe für Rosa Luxemburg war nicht gern gehört: „Freiheit ist immer die Freiheit der Andersdenkenden.“ Dieses Luxemburg-Zitat brachte ihm eine Parteistrafe ein. Spätestens seit 1983 interessierte sich die Stasi für Stoff. Vehement und lautstark hatte er damals protestiert gegen die Festnahme von Friedensdemonstranten in Leipzig.

Friedensgebet und Schweigemarsch in Königs Wusterhausen

Ende September 1989 sammelte er erstmals Unterschriften für das Neue Forum. Zuvor hatte er Bärbel Bohley, die Mitbegründerin des Neuen Forums in der DDR, kontaktiert. Wie sie war auch er auf der großen Demonstration auf dem Berliner Alexanderplatz am 4. November 1989. Drei Tage zuvor gab es nach dem Friedensgebet in der Königs Wusterhausener Kreuzkirche einen Schweigemarsch. Joachim Stoff hatte ihn organisiert, ganz offiziell mit Genehmigung. Am ersten Advent war er wie Millionen anderer DDR-Bürger zur heutigen B96 gegangen. Gemeinsam mit seinen Töchtern nahm er teil an der Menschenkette durch die DDR. Da hatte Stoff noch große Hoffnungen für seinen Traum von einer besseren DDR.

http://www.maz-online.de/Lokales/Dahme- ... essere-DDR
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Re: DDR - Opposition

Beitragvon Interessierter » 2. Juli 2017, 08:56

Frieder Zimmermann

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Frieder Zimmermann wurde am 18.01.1952 in Annaberg-Buchholz geboren.

Welchen Bezug hatte der Zeitzeuge zum Kaßberg-Gefängnis:

Frieder Zimmermann wurde am 01.04.1987 wegen „§ 220 - öffentliche Herabwürdigung der staatlichen Ordnung“ im Kaßberg-Gefängnis inhaftiert. Er erhielt dafür ein Strafmaß von 8 Monaten.


Kurzbiographie des Zeitzeugen:

Frieder Zimmermann absolvierte nach dem Abschluss an der Polytechnischen Oberschule eine Ausbildung zum Bäcker. Da er aber von jeher militärisch interessiert war, arbeitete er nach Abschluss der Berufsausbildung lediglich 2-3 Monate in diesem Beruf und entschloss sich dann zur Armee zu gehen.

Nach Entlassung aus der Armee wollte er nicht mehr als Bäcker arbeiten. Das Wehrkreiskommando Annaberg-Buchholz vermittelte ihn zur „Gesellschaft für Sport und Technik“ (GST). Dort war er vor allem verantwortlich für das Sportschießen im gesamten Annaberger Kreis. 1975 wurde ihm nahegelegt aufgrund seines Amtes in die Partei einzutreten. Da Frieder Zimmermann sehr gern in seinem Beruf arbeitet, kam er dem nach. Er besuchte verschiedene Lehrgänge und wurde Oberinstrukteur. Frieder Zimmermann beendete jedoch 1980 seine Arbeit bei der GST, schulte zum Facharbeiter für Bergbautechnologie um und arbeite bei der Wismut GmbH. Da ihm die Parteizugehörigkeit nun nicht mehr notwendig erschien wollte Frieder Zimmermann 1982/1983 aus der Partei wieder austreten. Daraufhin folgten mehrere betriebliche Aussprachen in denen ihm verdeutlicht wurde, dass er nicht aus der Partei austreten könne. Vielmehr schließe die Partei ihn nun aus. Es folgte die Kürzung der Jahresendprämie und der Betrieb drohte den Ausschluss aus der Brigade. Doch der Brigadier stand hinter ihm. Dennoch: Unzufriedenheit über das System der DDR machte sich bei ihm breit.

1986 beantragte Frieder Zimmermann eine 10-tägige Besuchsreise in den Westen, anlässlich des Geburtstages seines kranken Onkels. Er durfte 9 Tage ausreisen. Sein Onkel litt an Lymphknotenkrebs. Sollte sich sein Zustand verschlimmern, bat Zimmermann die zuständige Ärztin bei seiner Abreise vorsorglich um ein amtlich beglaubigtes Attest, welches er seinem Staat als Besuchsgrund vorlegen könne. Im September 1986 wurde ihm das Attest zugesandt. Die zuständigen Behörden der DDR bezweifelten die Echtheit des Attestes. Daraufhin beantragte die Familie am 08.10.1986 die Ausreise, um den kranken Onkel pflegen zu können. Mit Briefen an Honecker und den Minister des Inneren Dickel bat er um Unterstützung seines Anliegens. Dem Ausreiseantrag folgten mehrere Aussprachen beim Rat des Kreises - Abteilung Inneres. Bei einer solchen Aussprache am 01.04.1987 bezeichnete Zimmermann die DDR als einen unmenschlichen Staat. Daraufhin wurde er noch am selben Tag mit den Worten, er solle zur Klärung eines Sachverhaltes mitkommen, nach Chemnitz in die U-Haft des Kassberg-Gefängnisses abtransportiert. Erst am folgenden Tag erfuhr er vom zuständigen Haftrichter den Grund seiner Verhaftung: § 220 - „öffentliche Herabwürdigung der staatlichen Ordnung“. Für die juristische Unterstützung seines Falls wurde ihm eine vorbereitete Vollmacht für den Anwalt Dr. Vogel unterbreitet. Er unterschrieb.

Frieder Zimmermann saß vom 02.04. 1987 bis Ende Juni im Kaßberg-Gefängnis. Außer seinen Zellengenossen, sah er im Gefängnis nie einen anderen Gefangenen, auch nicht auf dem Weg zum Freigang, da alle Wege im Trakt per Ampelschaltung geregelt wurden. Die erste Woche nach der Verurteilung verbrachte er in der angrenzenden U-Haft des Ministeriums des Inneren. Den Rest seiner Haftzeit verbrachte Zimmermann im Strafvollzug auf der Reichenhainer Str. in Chemnitz. Da nach der Amnestie 1987 dort viele Kriminelle Gefangene entlassen wurden, wurde er dort als Erzieherbereichsältester eingesetzt. Sein Arbeitsplatz war die Umkleide und die Nebenküche zwischen dem Gefängnis und dem Arbeitsbereich. Hier konnte er sich freier bewegen als andere Mitinsassen und hatte auch die Möglichkeit Essen zu schmuggeln.

Am 03.12.1987 wurde Frieder Zimmermann schließlich entlassen. In der Abteilung für Inneres wurde ihm mitgeteilt, dass seinem Ausreiseantrag nach seinem Willen entsprochen wurde. Frieder Zimmermann fuhr damals zum Gefängnis zurück und zeigte ein vereinbartes Zeichen vor dem Strafvollzug, um den im Ungewissen gelassenen Mithäftlingen zu signalisieren, dass es für ihn Richtung Westen ginge. Noch bis zum 15.12.1987 musste die Familie, die auf gepackten Koffern saß, warten bis endlich Bewegung in die Angelegenheit kam. Zimmermann erhielt einen Laufzettel, um sich bei allen Behörden abzumelden.

Am 04.01.1988 wurde dann die gesamte Familie einbestellt und der DDR-Staatsbürgerschaft entlassen. Am 05.01.1988 war die Familie schlussendlich ausgereist. Der Onkel war jedoch bereits verstorben. Die Familie übernahm das Haus des Onkels in Waldaschaff bei Aschaffenburg. Frieder Zimmermann und seine Frau fanden recht schnell eine neue Arbeit und gewöhnten sich gut in ihr neues, freies Leben ein.

„Ich konnte mich dort entfalten“, so Frieder Zimmermann.


https://www.gedenkort-kassberg.de/zeitz ... nn-frieder

Schon damals erkannte Frieder Zimmermann, dass diese DDR ein unmenschlicher Staat war. Diese Erkenntnis und Aussage brachte ihn dann für 8 Monate ins Gefängnis.
Nur gut, dass wir in der Bundesrepublik in einer wirklichen Demokratie leben, sonst würden wohl diejenigen User, welche gerne die Unmenschlichkeit und das Menschenverachtende dieser SED - Diktatur bestreiten, ebenfalls für einige Monate im Gefängnis landen.


[denken]
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Re: DDR - Opposition

Beitragvon augenzeuge » 2. Juli 2017, 10:00

Wenn ich das lese, dann muss ich mich damals auf einer Gradwanderung befunden haben. [angst]

Zumindest zum Zeitpunkt des Ausweisentzuges fielen von mir ähnliche Worte.....

AZ
Freiheit ist ein Gut, das durch Gebrauch wächst und durch Nichtgebrauch dahinschwindet. Keiner darf für sich den Besitz der Wahrheit beanspruchen, sonst wäre er unfähig zu Kompromiß und überhaupt zu Zusammenleben.
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Re: DDR - Opposition

Beitragvon Interessierter » 20. Juli 2017, 09:22

Wolfgang Rüddenklau
Spießrutenlauf für die Volkspolizei

Eine alte Polizeigeschichte aus den letzten Jahren der DDR
Aus »Umweltblätter« 10/1988, S. 3f.: Offener Brief


Erlauchte Vertreter der Behörde!
Vor einem dreiviertel Jahr etwa habe ich meinen Personalausweis verloren. Da ich nicht über ein Konto verfüge und auch aus dem Alter heraus bin, in dem junge Menschen hier im Lande bevorzugtes Anmachziel von gelangweilten Volkspolizisten sind, war ich der Ansicht, daß ich keinen neuen Personalausweis benötige.

Weil ich einer schriftlichen Aufforderung nicht Folge leistete, »demnächst« bei der Meldestelle vorzusprechen, wurde ich in diesen Tagen von zwei Volkspolizisten zugeführt. Auf der Meldestelle versuchte man mir klarzumachen, daß ich einen Personalausweis benötige, außerdem, daß es meine staatsbürgerliche Pflicht sei, einen Personalausweis zu besitzen. Aus diesem Grunde, und weil ich mich auf »wiederholte Aufforderung« der Meldestelle nicht zur Verfügung gestellt habe; wurde mir eine Ordnungsstrafe von 350,-M (+20,-M Bearbeitungsgebühr) zuteil.

Ich muß zugeben, daß mich die Situation etwas verwirrt. Falls der Personalausweis tatsächlich mein Eigentum sein soll, wie Sie unterstellen, bin ich nicht verpflichtet, einen solchen zu erwerben, ebensowenig wie ich einen Fernsehapparat oder ein U-Boot besitzen muß. Sollte der Personalausweis dagegen in Wirklichkeit (wie ich annehme) Eigentum der Behörde sein, so mögen sie ihn gefälligst behalten. Sollte aber (wie ich wiederum annehme) der Personalausweis dem Zwecke dienen, mich als ihren Untertan (sog. »Staatsbürger der DDR«) erkennbar zu machen und eventuell zu identifizieren, möchte ich Sie auf einen gravierenden Irrtum aufmerksam machen:
Ich betrachte mich zwar als Mitglied der Umwelt-Bibliothek und der Evangelischen Kirche, als Einwohner der Stadt Berlin und – sagen wir – Mitteleuropas, - aber keineswegs als ihren Untertan.

Sollten Sie der Meinung sein, daß Sie mich zwingen können, Ihre Sicht der Dinge anzuerkennen, so möchte ich Ihnen mit Jean Jacques Rousseau antworten: Wenn mich ein Räuber mit vorgehaltener Pistole zwingt, ihm meine Geldbörse zu geben, so werde ich das notwendigerweise tun. Nichts aber zwingt mich, ihm weiteres Geld zu geben, wenn er diese Pistolen nicht mehr hat.
In diesem Sinne protestiere ich scharf gegen die gegen mich verordnete Ordnungsstrafe.
r.l.


Ja, ich war derjenige, der seinerzeit in den »Umweltblättern« eigene Artikel mit »r.l.« kennzeichnete – eine Abkürzung nach einem älteren, eigentlich albernen Pseudonym: »R. Lynkeus«. Der Vorfall, der mich seinerzeit zu solchen rousseauschen Verlautbarungen veranlaßte, war eigentlich sogar noch bezeichnender für den Verfall des stalinistischen Herrschaftssystem als der vorstehende Text ahnen läßt.

Die beiden Volkspolizisten »führten mich«, wie es im DDR-Amtsdeutsch hieß, nicht auf die übliche Weise aus meiner Wohnung »zu«, indem sie mich in ihr Auto verschleppten. Nein, offenbar hatte so ein ganz Kluger aus der Stasiführung angeordnet, ich sei der Schande halber per Fuß zum Polizeirevier zu bringen, das in der Immanuelkirchstraße lag – später, während der Ereignisse im Herbst 1989 als Prügelrevier bekannt geworden. Die zwei Volkspolizisten begannen also als meine Eskorte den langen Weg von meiner damaligen Wohnung in der Fehrbellinerstraße und was für mich zur Schande gereichen sollte, wurde zum Spießrutenlauf für sie, die Staatsschützer.

Schon in der Fehrbelliner Straße kam uns ein Bekannter entgegen, der mich mit folgenden Worten ansprach: »Wollen Sie Dich schon wieder verhaften? Ich laufe gleich und sag beim Kontakttelefon Bescheid. Die werden ein blaues Wunder erleben!« Zu meiner Ehre sei gesagt, daß ich mich schützend vor die Uniformträger stellte und beruhigend sagte, daß es diesmal wahrscheinlich nicht um eine Verhaftung dreht, daß man aber heutzutage nie genau weiß... Bereits am Ende der Fehrbelliner Straße tauchte ein neuer Bekannter auf und versprach, daß sofort eine Mahnwache organisiert wird. So ging es auf dem Senefelder Platz weiter und in der Metzer Straße. Und selbst als die von solcherlei unerhörten Äußerungen der Volksstimmung gequälten Volkspolizisten aufatmend in der Imanuelkirchstraße, kurz vor ihrem heimatlichem Revier, angelangt waren, tauchte noch einmal ein ungerufener Solidarisationswilliger auf und versprach die ganze DDR zum Aufruhr zu bringen.

Wie schon der Oberstleutnant Zeiseweis von der Bezirksverwaltung der Staatssicherheit seinerzeit in einem Vermerk zum »OV Tyrann« weinerlich feststellte: »R. und seinesgleichen lassen sich schwer einsperren... Sperren wir R. ein, haben wir alle gegen uns...«
Ich denke, ich habe mir nichts auf meine damalige Position eingebildet. Mir war sehr klar, daß nicht ich selbst mit der Vielzahl der Hilfewilligen gemeint war, sondern, daß die Hilfsbereitschaft für mich ein Symbol war dafür, wie die entstehende Gegengesellschaft versprach, für jeden Einzelnen einzutreten, der durch den Staatsterror in Gefahr geriet. Und mir und jedem in unserer Bewegung war völlig klar, daß wir nur eine winzige Minderheit im Lande waren und gerade noch uns gegenseitig schützen konnten und daß die Wirkung der neuen Waffen, die wir entdeckt hatten, Mahnwachen und Öffentlichkeit, auf der äußerst prekären wirtschaftlichen Lage des Regimes beruhten.

Wie man mittlerweile aus erster Hand, von Schalck-Golodkowski, weiß, stand die DDR-Führung praktisch seit 1978 vor dem immer kompletteren Staatsbankrott und konnte sich nur mit Hilfe von Westkrediten und schmutzigen Geschäften aller Art über Wasser halten. Insbesondere mußte das Regime nach außen freundlich und einladend wirken, um die westlichen Kreditgeber nicht zu verprellen und so war es denn die höchste Sorge der Staatssicherheit »öffentlich wirksame Auftritte« zu vermeiden – ganz im Unterschied zu den fünfziger Jahren, wo man sich im Gegenteil von breitem Terror die beste Wirkung für die Erhaltung des Systems versprach. Dieses alte stalinistische Rezept war auch in der Tat das einzig möglich integrierende Element für jene absurden modernen Despotien und es läßt sich, daß in dem Maße, in dem sie diese Waffe nicht mehr verwenden konnten, das Regime verfiel und schließlich, als sich zu den allermeisten herumgesprochen hatte, daß der Kaiser ja nackt ist, 1989 zusammenbrach.

Ansonsten wäre der Ehrlichkeit halber nachzutragen, daß ich mich schließlich doch bereit fand, den neuen Personalausweis entgegenzunehmen, vor allem wegen eines besonderen Genusses: Man hatte mir nämlich in der Meldestelle in der Immanuelkirchstraße mitgeteilt, ich solle, wenn ich meinen Ausweis abhole, mich nicht etwa in die Reihe der wartenden Normalbürger setzen. Nein, ich solle unter Mißachtung der »sozialistischen Wartegemeinschaft« (wie das im Volksmund hieß), sofort in die Amtsräume gehen und bekäme meinen Ausweis umgehend ausgehändigt. Die Tatsache, daß mir, dem übel beleumdeten Staatsfeind, solche Privilegien zuteil wurden, hatte für mich einen sehr eigenen ironischen Geschmack, den ich dann mit der gebührenden Delikatesse auskostete.

Tatsächlich brauchte auch ich, der unter den in Ostberlin auftretenden Volkspolizisten bekannt war wie ein bunter Hund, gelegentlich doch meinen Ausweis. Man hatte sich nämlich entschlossen, mir zu zeigen, daß man mich kennt und weniger schätzt und deshalb wurde ich alle naselang von einem Volkspolizisten etwa mit folgenden Worten angehauen: »Herr Rüddenklau, Fahndungskontrolle, zeigen Sie doch mal ihren Ausweis.« Ich hatte mir schon überlegt, ob ich nicht für solche Fälle eine Identitätsbescheinigung bereithalten sollte, die beispielsweise von Pfarrer Simon, Bischof Forck und Rechtsanwalt Schnur unterschrieben wäre. Für mich als alten Anarchisten und Radikaldemokraten lag in dieser Situation, in der die Gegengesellschaft bemerkbar wuchs, Identität gab und ihre eigenen Waffen erprobte ein Vorfrühling und ein Vorgeschmack einer besseren DDR zu der es dann aber leider nicht kam oder doch wenigstens nur ein paar wenige Monate lang.

Ich will damit nichts verharmlosen und mir ist bekannt, daß zur gleichen Zeit beispielsweise in einem Dorf im Bezirk Gera (Ibrahim Böhme: »Die engste Gasse der Republik«) oder im gleichermaßen finsteren Bezirk Suhl noch Undinge geschehen konnten, die ganz im Stile der fünfziger Jahre waren. Die Volkspolizei war mitnichten eine humanitäre Einrichtung, sondern, im Unterschied zum Staatssicherheitsdienst, das Repressionsorgan für die mehr gröberen Angelegenheiten.

http://www.horch-und-guck.info/hug/arch ... eddenklau/
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Re: DDR - Opposition

Beitragvon HPA » 20. Juli 2017, 10:17

. Bei einer solchen Aussprache am 01.04.1987 bezeichnete Zimmermann die DDR als einen unmenschlichen Staat. Daraufhin wurde er noch am selben Tag mit den Worten, er solle zur Klärung eines Sachverhaltes mitkommen, nach Chemnitz in die U-Haft des Kassberg-Gefängnisses abtransportiert. Erst am folgenden Tag erfuhr er vom zuständigen Haftrichter den Grund seiner Verhaftung: § 220 - „öffentliche Herabwürdigung der staatlichen Ordnung“.


Ja, das " öffentlich" wusste man damals sehr flexibel auszulegen um den " Delinquenten" rechtsbeugend zu verknacken [flash]
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Wenn du lange genug am Fluss sitzt, siehst du irgendwann die Leiche deines Feindes vorbeischwimmen. (Sun Tzu)
Wer zu einer Schießerei geht, sollte nicht mit einem Messer antan­zen .

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Re: DDR - Opposition

Beitragvon Interessierter » 24. Juli 2017, 12:31

Nadelstiche gegen die DDR

Illegale Losungen wie "DDR=KZ" oder "Hoch BRD" gab es im SED-Staat zu Tausenden - und das Regime konnte die Schreiber nur selten ermitteln. Ein Leipziger Historiker erforscht jetzt erstmals anhand von Stasi-Unterlagen das erstaunliche Ausmaß jener anonymen und fast vergessenen Rebellion. Neue Forschungen belegen das Ausmaß anonymer Proteste und die geringen Erfolge der Staatssicherheit.

Unerhörtes musste der Bürgermeister der Gemeinde Heyda lesen, als er am frühen Morgen des 7. Oktober 1980 auf den amtlichen Dorfaushang schaute: "31 Jahre existiert die DDR nun schon, wir Mitglieder der Gruppe TFH werden dafür sorgen, daß die DDR in wenigen Jahren vernichtet wird." Ein ähnlicher Gruß zum Staatsgeburtstag schmückte das schwarze Brett des gleichfalls südlich von Riesa liegenden Ortes Prausitz. Erstmals war ein Zettel mit dem geheimnisvollen Kürzel TFH im August an einem Straßenmast aufgetaucht. Die Botschaft: "Erst wenn Erich Honecker hängt, kann Deutschland aufatmen."

Solche Aktionen seien keinesfalls nur vereinzelt vorgekommen, erklärt der Leipziger Historiker Sören Zöger. Seit zwei Jahren durchpflügt er auf dem mühsamen Weg zum Doktortitel ein bislang unbeackertes Forschungsfeld und hat in der Stasi-Akten-Behörde massenweise Belege für eine Form der Regimekritik gefunden, gegen die der Sicherheitsapparat meist nichts ausrichten konnte: Parolen, die an Mauern prangten, Meinungsbekundungen, die an Haltestellen klebten, Fahnen, die heruntergerissen wurden.

"Ich habe insgesamt etwa 200 000 Aktenblätter durchgesehen und bin dabei auf fast sechseinhalbtausend Fälle gestoßen", erläutert der 27-Jährige. Die Zahl beschreibt wohl nur die Spitze eines Eisberges. Denn die Recherchen beschränkten sich auf die heutigen Bundesländer Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen sowie im Wesentlichen auf die Zeit zwischen 1961 und 1989. Außerdem grenzte der gebürtige Altenburger sein Erkundungsgebiet ein. Schriftliche Äußerungen innerhalb von Gebäuden - dazu zählen nicht zuletzt politische Bekundungen an Toilettenwänden - ließ er unberücksichtigt.

"Das Beispiel der TFH-Zettel zeigt, dass es solche Nadelstiche gegen das System nicht nur in den größeren Städten gab", berichtet Zöger. Während derlei Vorkommnisse sonst meist totgeschwiegen wurden, rief die Volkspolizei in diesem Fall zur Mithilfe auf, und der Prausitzer Schuldirektor behauptete kühn, TFH würde "Treue für Hitler" bedeuten. Die beiden 15-jährigen Verfasser der Texte aber wollten sich keineswegs in die Nazi-Ecke drängen lassen. Sie schickten der Polizei einen anonymen Brief und stellten klar, dass "Tod für Honecker" hinter dem Kürzel stecken würde. Die Halbwüchsigen nannten ihre Aktion einen bösen Kinderstreich und entschuldigten sich.

Erst jener Brief brachte die Sicherheitsorgane auf die Spur der Schreiber. "In diesem Fall reagierte die Staatsmacht überraschend milde", stellt der Wissenschaftler fest. "Im Stasi-Bericht steht, dass es sich um ,bisher unbescholtene Jugendliche' handele, ,deren Eltern ebenfalls einen guten Leumund' besäßen. Die Haftstrafe wurde zur Bewährung ausgesetzt, hinzu kamen ein paar Tage gemeinnützige Arbeit."

Nur in 18 Prozent der von Zöger recherchierten Fälle wurden die Täter gefasst. "Sie waren im Durchschnitt 23 Jahre alt und zu mehr als 90 Prozent männlich. Meist handelte es sich um Arbeiter, Lehrlinge oder Schüler, selten um Studenten." Die Justiz verhängte oft drastische Strafen. In Jena quittierte sie 1968 Protest-Parolen einiger Medizin-Studenten gegen den Einmarsch von Warschauer-Pakt-Truppen in die CSSR mit bis zu vier Jahren Gefängnis.
Zu siebeneinhalb Jahren wurde Heinrich Saar verurteilt. Der zuvor geschasste Marxismus-Dozent hatte mit Unterstützung von Studenten 1978 in Riesenlettern auf dem Sockel des Leipziger Völkerschlachtdenkmals "Freiheit für Bahro" gefordert, einen inhaftierten linken SED-Kritiker.

"Meist waren die Urheber der Malereien nachts mit weißer Ölfarbe und Pinsel unterwegs, nutzten Mauern, Fahrbahnen und sogar Rathaustreppen oder klebten Zettel. Deren Schrift entstand oft mit Hilfe von Stempelkästen, ein damals beliebtes Kinderspielzeug", sagt der Historiker.

Die Geheimdienstler fotografierten die Losungen zunächst, dann wurden sie entfernt oder überstrichen. "25 Jahre Sklavenstaat" war kurzzeitig an einer Mauer in Jena zu lesen, "DDR=KZ" stand an einer Weißenfelser Litfaßsäule, "No DDR" und "Hoch BRD" an Hauseingängen in Dessau. Punks lieferten Sprüche wie "macht kaputt was euch kaputt macht" und "Anarchie".

Die Bands The Cure und Schleim-Keim, die dem Staat suspekt erschienen, wurden gewürdigt, ebenso - in Verbindung mit einem Peace-Symbol - Rockrebell Billy Idol. "Die Registrierung solcher Schriftzüge durch die Stasi", so der Historiker, "zeigt, dass die Machthaber darin eine politische Äußerung sahen."
Etwa fünf Prozent der in den Akten erfassten Texte und Symbole könnten als NS-Propaganda gewertet werden, eindeutig sei dies aber in vielen Fällen nicht. "Ich will das keineswegs bagatellisieren", betont Zöger, "aber die Zuordnung ist oft schwierig." Es gebe zum Beispiel die pazifistische Forderung "Frieden schaffen ohne Waffen" und daneben als völligen Widerspruch ein Hakenkreuz.

Bei Vernehmungen musste die Mielke-Truppe feststellen, dass sich Parolenschreiber mitunter auf die Tradition des Widerstandskampfes gegen Hitler beriefen, beispielsweise auf Sophie Scholl und ihre Flugblattaktionen. Den meisten sei es darum gegangen, einen Freiraum für die sonst fehlende Meinungsfreiheit zu finden, resümiert der Wissenschaftler. "Zum Beispiel schrieb im Jahr 1983 jemand an ein Schaufenster in Leipzig nichts weiter als: ,Hurra wir haben Meinungsfreiheit', und genau die hatte sich der Verfasser ja verschafft."

Der Doktorand fand in den Akten der Stasi-Unterlagenbehörde zudem Hinweise auf mehr als 1000 heruntergerissene Fahnen. Ein paar davon seien nachweislich verbrannt worden, am Mügelner Bahnhof habe ein nächtlicher Passant eine Flagge nach verrichteter Notdurft als Toilettenpapier-Ersatz verwendet, erzählt Zöger. "Manche schnitten auch das Emblem heraus, um die DDR- in eine Deutschlandfahne zu verwandeln."

https://www.aktion-zivilcourage.de/Star ... d5691s648/

Die Erfolgsquote der Stasi war da ja sichtlich sehr bescheiden....
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Re: DDR - Opposition

Beitragvon Volker Zottmann » 24. Juli 2017, 15:46

Ja der Erfolg war bescheiden, so auch 1968 in Quedlinburg.
Direkt gegenüber der Stasikreisdiensstelle wurde eine riesengroße rote Losung da die Wand vom VEB Saatzucht (Ehemals Fa, Dippe) angeschrieben:
"Es lebe die CSSR!"
Wir alle haben und amüsiert. Wenn die Stasi doch nur ein normales Gittertor gehabt hätte... Ja so war das aber eisenverplattet, verblecht und nicht zu durchschauen. Kameras gab es da auch noch nicht in der Provinz.
Der Diensthabende war sicher müde... und so stand sie dann da, die Losung. [laugh]
Wochenlang übrigens. Anhänger von einem Möbeltransportunternehmen wurden davor geparkt und der Gehweg abgesperrt.

Gruß Volker
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http://Mein-DDR-Leben.de/

Die Weite Deines Horizonts ist Frage Deiner Sicht.
Der Große sieht ihn breiter, der Kleine leider nicht.
(Volker Zottmann)
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Re: DDR - Opposition

Beitragvon Interessierter » 28. Juli 2017, 10:16

»Sich dumm zu stellen, war eine Form von Opposition«
Wie konnte man als kluger Mensch in der Diktatur überleben, ohne wahnsinnig zu werden?


fluter: Herr Wolle, war es nicht vielleicht eine gute Idee, nach dem Zweiten Weltkrieg mit den Ungleichheiten des Kapitalismus aufzuräumen und nach dem Faschismus mit der DDR eine gerechtere Gesellschaft zu schaffen?

Stefan Wolle: Eigentlich schon. Viele kamen ja aus dem Krieg zurück und stellten die Schuldfrage. Und da gab es weit über die Kreise der Kommunisten hinaus die Überzeugung, dass die Monopolkapitalisten, die Konzernherren und Junker, die Hitler 1933 in den Sattel gehoben haben, für das Desaster verantwortlich waren. Weil sie den Krieg gewollt hatten, um daran zu verdienen. Man sah also den Faschismus als die radikalste Ausprägung des Kapitalismus und hatte schon in weiten Kreisen der Gesellschaft den Willen, damit Schluss zu machen. Die neue Gesellschaft sollte sozialistisch sein – die Frage war nur, ob nach dem Vorbild der Sowjetunion.

Wurde diese Frage von der Besatzungsmacht beantwortet?

Ja, die Sowjetunion schuf schnell Fakten, die einen humaneren Sozialismus verhindert haben. Als eine der ersten Maßnahmen wurde die Bodenreform durchgezogen – also die Enteignung von Bauern mit mehr als 100 Hektar Land. 1946 kam es dann zur Zwangsvereinigung von Kommunisten und Sozialdemokraten, nach der die SED das Heft fest in der Hand hatte. Sozialdemokraten, die dagegen protestierten, wurden in die Sowjetunion verschleppt und in den Gulag gebracht.

War es da schon vorbei mit der besseren, gerechteren Gesellschaft?


Es gab ja auch gleich wirtschaftliche Schwierigkeiten. Viele Vertriebene, etwa aus Schlesien, konnten mit dem ihnen zugeteilten Land nichts anfangen. Die waren gar nicht mit den Techniken der modernen Landwirtschaft vertraut. Die größte Hypothek waren aber die Demontagen durch die Sowjetunion. Die Siegermächte hatten das Recht, Industrieanlagen abzubauen, um sich für die Kosten des Krieges entschädigen zu lassen. Und das hat die Sowjetunion im Gegensatz zu den Alliierten im Westen im großen Stil gemacht.

War nicht eh immer an allen Problemen der »Klassenfeind « schuld?


Das war natürlich ein nützliches Konstrukt. Man hat immer gesagt, dass das alles nur Anfangsschwierigkeiten sind, bald komme der wahre Sozialismus. Wenn der Westen nicht mehr reinfunkt und keine Agenten mehr schickt, um die Kühe zu vergiften.

Reine Propaganda? Oder war da auch etwas Wahres dran, schließlich hat der Westen massiv die Arbeiter abgeworben?

Das war ja gar nicht vonnöten, die strömten ja von allein in den Westen, als dort das Wirtschaftswunder begann.

Wurden sie auch durch die zunehmende Unfreiheit aus dem Land getrieben?


Nach der Gründung der DDR hat sich der Kurs zunehmend verschärft – so bis Juli 1952: die Kollektivierung, der Kampf gegen die Kirche, die Remilitarisierung der Gesellschaft, der wachsende Stalin-Kult. Erst nach Stalins Tod wurde diese ständige Verschärfung abgebremst und eine Politik des neuen Kurses verkündet. Das empfanden aber die meisten schon nicht mehr als Liberalisierung, sondern als den Anfang vom Ende der Regierung. Deswegen war ja auch der Protest am 17. Juni 1953 so massiv.

Kann man sagen, dass die Entfremdung der Menschen vom Staat einerseits und die Entfernung der Führung von der Realität andererseits schon 1953 so weit waren, dass das große Experiment gescheitert war?

Das kann man so sehen. Die ganze Geschichte der DDR war ja dadurch gekennzeichnet, dass es immer wieder Ansätze zu neuen Kursen gab, die dann wieder abgebremst wurden. Das war eine ständige Pendelbewegung zwischen Neuaufbruch und Zeiten der Repression, und diese Pendelbewegung erklärt auch, warum noch bis 1989 so viele Menschen dem System die Treue hielten und daran glaubten, dass die DDR letztlich doch die antifaschistische Alternative zur kapitalistischen BRD und auf lange Sicht der bessere Staat sei. Viele Kritiker der DDR haben ja das System nicht abschaffen, sondern verbessern wollen. Dem Sozialismus gehöre die Zukunft, hie©¨ es, er müsse nur demokratisch erneuert werden. Wirtschaftlich effizienter und humaner sein.

Weiter mit dem Interview hier:
http://www.fluter.de/sich-dumm-zu-stell ... opposition

Stefan Wolle studierte Geschichte in Ostberlin. 1972 wurde er aus politischen Gründen von der Humboldt-Universität verwiesen. Nach dem Fall der Mauer war er Mitarbeiter des Komitees für die Auflösung des Ministeriums für Staatssicherheit und des Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes. Seit 2005 ist Stefan Wolle Wissenschaftlicher Leiter des DDR-Museums in Berlin
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Re: DDR - Opposition

Beitragvon Interessierter » 2. August 2017, 11:47

Opposition im Ulbricht-Staat?

Nach dem Scheitern der Pariser Gipfelkonferenz mußte der Kandidat des SED-Politbüros, der 1. Sekretär der Bezirksleitung Magdeburg, Alois Pisnik, öffentlich eingestehen, daß die Haltung Chruschtschows in Paris von der Bevölkerung Mitteldeutschlands nicht gebilligt und offen kritisiert werde. Selbst unter den Parteimitgliedern gab es, Pisnik zufolge, »die verschiedenartigsten Diskussionen« über Paris. Die Menschen seien der Meinung, die sowjetische Politik sei zu hart. Parteimitglieder hätten erklärt: »Na gut, Proteste gegen Spionageflüge sind notwendig, ... aber mußte deshalb die ganze Konferenz scheitern?«

Die Tatsache, daß sich führende Funktionäre der SED gezwungen sahen, sich mit der offen geäußerten Kritik an Chruschtschows Verhalten in Paris auseinanderzusetzen, ist ein Zeichen dafür, wie die drohende Gefahr eines separaten Friedensvertrages zwischen der UdSSR und der »DDR« die Bevölkerung beunruhigt.

Im Gegensatz zu Ulbricht und seinen Anhängern, die auf den baldigen Abschluß eines »Friedensvertrages mit der DDR« drängen, hofft die Bevölkerung Mitteldeutschlands immer noch auf eine Regelung der Deutschlandfrage durch die Großmächte, die eine Annäherung an die Bundesrepublik und in absehbarer Zeit auch die Wiedervereinigung bewirken könnte. Denn für die Bevölkerung der Sowjetzone ist die Wiedervereinigung mehr als ein nationales Anliegen. Bei einer noch weiteren Vertiefung der Spaltung befürchtet man eine Verschlechterung der Lebensbedingungen, weitere Einschränkungen der persönlichen Freiheit und eine stärkere geistige und seelische Bedrückung. Die Forderung nach Wiedervereinigung ist deshalb seit Jahren die verbindende Losung der Oppositionellen in der Zone, gleichgültig aus welchen Motiven das Ulbricht-Regime abgelehnt wird.

Wenn auch gegenwärtig keine besonderen Anlässe das Wirken der Opposition sichtbar machen, so darf man sich doch von der scheinbaren Ruhe nicht täuschen lassen. Gerade jetzt, da Ulbricht seine separatistische Politik immer entschiedener verfolgt, ist es wichtig, der oppositionellen Bewegung in der Sowjetzone, die auch von starken nationalen Gefühlen bestimmt wird, eingedenk zu sein.
Die Opposition ist antisowjetisch. Ein gar nicht hoch genug einzuschätzendes emotionales Moment für die Ablehnung des Ulbricht-Regimes durch die Massen, das auch die aktive Opposition stimuliert, resultiert aus der Begegnung der Bevölkerung mit der sowjetischen Armee in den ersten Jahren der Besetzung. Der Schock, den die brutalen Übergriffe und Grausamkeiten der barbarisch anmutenden Soldateska auslöste, war um so stärker, als die sowjetische Armee zwar ohne Begeisterung, aber doch von vielen in der geheimen Hoffnung erwartet worden war, in ihr den Vertreter einer anderen und vielleicht besseren Ordnung zu finden.

Schrecken und Entsetzen über die in den ersten Jahren der Besatzungszeit erlebten Vergewaltigungen, Plünderungen und sonstigen Rohheiten sind heute noch lebendig. Immer wieder erzählen sich die Menschen davon, zumal sich heute noch in den Landbezirken, wo sowjetische Truppen stationiert sind, immer wieder ähnliche Vorfälle ereignen. Generationen werden vergehen müssen, ehe das alles in Vergessenheit gerät. Alle späteren Versuche der SED, dieses Thema durch »offene Aussprachen« (»Die Russen und wir«) aufzuheben, sind fruchtlos geblieben, und die Partei hat damit das Gefühl der Abneigung gegen die Russen nur auf sich gezogen. Die Argumente, die Nazis hätten es in der Sowjetunion viel schlimmer getrieben, und alles, was geschehen sei, müsse an den sowjetischen Verlusten und Opfern gemessen werden, konnten nach Meinung der Bevölkerung das wüste Treiben der sowjetischen Soldaten nach Beendigung der Kampfhandlungen nicht entschuldigen, zumal mindestens viele bewußte Antifaschisten nach dem Mythos, den die Sowjets als Kommunisten um sich verbreitet hatten, von ihnen überhaupt etwas anderes erwartet hatten.

Dabei ist wichtig, daß zahlreiche Funktionäre der SED und linke Intellektuelle, die anfänglich bereit waren, die unmenschlichen Ausschreitungen zu entschuldigen, in späteren Jahren, als eine intensivere Bekanntschaft mit den sowjetischen Verhältnissen möglich war, ihre Meinung über diese Tatsachen änderten und sie als Zeichen der kulturellen Rückständigkeit der Sowjetunion begriffen.
Besonders haben auch die Enthüllungen über die Verbrechen Stalins die antisowjetischen Stimmungen in der Sowjetzone verstärkt.


Der interessante Bericht wird hier fortgesetzt:
http://www.horch-und-guck.info/hug/arch ... 02-zoeger/

Die Haltung in der Zone war von Beginn an antisowjetisch und der Wunsch nach Wiedervereinigung unübersehbar, auch wenn es gerne bestritten wird.
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Re: DDR - Opposition

Beitragvon Interessierter » 8. September 2017, 09:55

1. bis 18. September 1987:
Olof-Palme-Friedensmarsch


Zwischen dem 1. und 18. September 1987 organisierten internationale Friedensgruppen einen Friedensmarsch zur Erinnerung an den schwedischen Premierminister Olof Palme. Palme, der am 28. Februar 1986 ermordet worden war, hatte einst als entschiedener Gegner des atomaren Wettrüstens einen 150 km langen atomwaffenfreien Korridor zwischen Ost und West vorgeschlagen.

Der Olof-Palme-Friedensmarsch führte auch durch die DDR. Neben den offiziellen Vertretern der DDR-Friedensbewegung und Mitgliedern ausländischer Friedensinitiativen entschlossen sich auch unabhängige kirchliche Kreise und oppositionelle Friedensgruppen der DDR, an dem Marsch mit eigenen Transparenten teilzunehmen.

Bild
Übersicht zum Streckenverlauf des Olof-Palme-Friedensmarsches in der DDR Quelle: BStU, MfS-ZOS Nr. 1965, Blatt 13

Die SED-Führung konnte die Teilnahme dieser Gruppen nicht verhindern, ohne die Selbstdarstellung der DDR als friedensfördernder Staat zu beschädigen. Sie hatte den Marsch schon offiziell bekannt gegeben, zudem würde sich Erich Honecker zwischen dem 7. und 11. September zu einem Staatsbesuch in der Bundesrepublik aufhalten, um über unverzichtbare Kredite für die DDR zu verhandeln.

Am 1. September 1987 wurde der Friedensmarsch mit einer Veranstaltung in Stralsund eröffnet. Höhepunkt war ein Pilgerweg, der vom 2. bis 5. September über 80 Kilometer zwischen Ravensbrück und Sachsenhausen verlief, vorbereitet von der „Aktion Sühnezeichen“.

Etwa 500 bis 600 Personen, darunter viele Vertreter unabhängiger Friedensgruppen, nahmen daran teil. Sie führten Transparente mit, auf denen sie u.a. forderten: „Schwerter zu Pflugscharen“, „Sozialer Friedensdienst für Wehrdienstverweigerer“, „Friedenserziehung statt Wehrunterricht“, „Abbau der Militarisierung in Schulen und Kindergärten“. Zugleich protestierten sie gegen Atomkraftwerke sowie die DDR-Umwelt- und die Abgrenzungspolitik. Als der Pilgerzug in Oranienburg eintraf, setzten die Behörden 5.000 bestellte Demonstranten an die Spitze des Zuges, um die Dominanz der unabhängigen Gruppen und ihrer Transparente zu brechen.

Am frühen Abend des 5. September 1987 demonstrierten im Berliner Stadtbezirk Prenzlauer Berg etwa 1000 Personen, die auf Initiative von Stadtjugendpfarrer Wolfram Hülsemann mit DDR-kritischen Transparenten, Losungen und Forderungen von der Zionskirche zur Gethsemanekirche zogen. Diese größte legale Demonstration der DDR-Opposition wurde von der Polizei weder behindert noch aufgelöst.


Offiziell ging der Olof-Palme-Friedensmarsch am 18. September 1987 in Dresden mit einer Kundgebung zu Ende, nachdem zuvor u.a. in Leipzig, Königswalde, Brandenburg und Torgau Veranstaltungen stattgefunden hatten. Allerdings unterband die SED weitere Pilgerzüge, so dass der Friedensmarsch im Kern eine Kette von Kundgebungen in verschiedenen Städten war. Lediglich von Torgau nach Riesa gab es am 12. und 13. September 1987 noch einen zweitägigen Pilgermarsch, an dem sich zwischen 50 und 110 Personen beteiligten.

Nach der Rückkehr Honeckers aus der Bundesrepublik ging die Polizei wieder schärfer gegen DDR-kritische Plakate vor und beschlagnahmte oder verbot diese teilweise - so etwa in Leipzig, Torgau und Dresden.

Der Friedensmarsch übte zunächst eine beflügelnde Wirkung auf die Opposition aus. Viele dachten, dass die offizielle Genehmigung des Marsches ein erstes Anzeichen für eine innenpolitische Entspannung sei. Allerdings gab es auch skeptische Stimmen, die schon damals meinten, die Genehmigung für den Friedensmarsch sei nur deshalb erteilt worden, weil er mit dem Honecker-Besuch zusammentraf und die SED-Führung außenpolitisch einen Gesichtsverlust befürchtete.

Der Überfall der Staatssicherheit auf die Umweltbibliothek der Berliner Zionskirchgemeinde im November 1987 und die Verhaftungen, die damit in Zusammenhang standen, gaben den Skeptikern schließlich Recht. Als Markus Meckel im März 1988 im Namen des Friedenskreises Vipperow vorschlug, anlässlich des im Juni 1988 in Berlin geplanten „Internationalen Treffens für kernwaffenfreie Zonen“ unabhängige – d.h. nicht-staatliche - Demonstrationen durchzuführen, wurde dieses Ansinnen vom Staat zurückgewiesen. Der Olof-Palme-Friedensmarsch blieb die einzige legale Demonstration der Opposition in der DDR.

http://www.bstu.bund.de/DE/Wissen/Akten ... E.2_cid319
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Re: DDR - Opposition

Beitragvon Interessierter » 9. September 2017, 10:38

Die Aktion der Jungen Gemeinde Stadtmitte

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Neben dem Offenen Brief der Künstler gegen die willkürliche Ausbürgerung Wolf Biermanns 1976 ist die Unterschriften-Aktion der Jenaer Jungen Gemeinde Stadtmitte die wichtigste Widerstandsaktion. Die Ereignisse in Jena – die Unterschriftensammlung und vor allem die darauf folgende Verhaftungswelle – werden in den oppositionellen Kreisen der ganzen DDR bekannt und führen zu einem erneuten Aufflammen des Widerstands gegen das Regime.

In die meisten Gruppierungen, die der Politik der SED kritisch gegenüberstehen, hat die Geheimpolizei Informanten eingeschleust, so auch in die Junge Gemeinde Stadtmitte. In diesem Fall ist es ein Student, der unter dem Decknamen "Helmut Falke" regelmäßig über die Zusammenkünfte der Jungen Gemeinde beziehungsweise des Lesekreises seine Berichte an die Kreisdienststelle des Ministeriums für Staatssicherheit liefert. Nach der Ausbürgerung Wolf Biermanns schlägt seine große Stunde: Am Abend des 17. November 1976 beschließt die Versammlung, keine Einzelaktionen zu starten, sondern sich Rat bei Robert Havemann und Jürgen Fuchs in Berlin zu holen. Diese Entscheidung meldet "Helmut Falke" direkt an die Stasi. Staatssicherheitsminister Mielke wird sofort telegrafisch über den Stand der Dinge in Jena informiert (Bildergalerie).

Am kommenden Abend, nach der Lesung von Jurek Becker, treffen sich etwa 50 junge Leute in den Räumen der Jungen Gemeinde, unter ihnen auch "Helmut Falke". An diesem Abend wird der Offene Brief der Künstler verlesen. Die Gruppe beschließt, eine Unterschriftensammlung zu starten. Der Spitzel nimmt, unter dem Vorwand, sich das Papier in Ruhe durchlesen zu wollen, eine Abschrift des Offenen Briefs mit nach Hause und bringt ihn zur Kreisdienststelle der Stasi. Die reagiert schnell: Um drei Uhr nachts trifft ein Operativer Einsatzstab aus der Bezirksverwaltung Gera ein, morgens um fünf Uhr sind die Einsatzpläne fertig, um sechs beginnen in Jena die Verhaftungen. Insgesamt werden 40 Personen zu Verhören abgeholt, unter ihnen auch Thomas Auerbach und seine damals 22-jährige Freundin Doris Liebermann. (Doris Liebermann berichtet im Zeitzeugen-Interview darüber.) Thomas Auerbach und einige seiner Freunde bleiben in Untersuchungshaft. Der Vorwurf: staatsfeindliche Gruppenbildung.
Der 23-jährige Marian versteckt Beweismaterial im Staubsauger


Im Gefängnis versucht die Stasi, die Jenenser durch Isolationshaft und Psychoterror zu Geständnissen zu bewegen. Viele der Verhafteten sind gerade erst Anfang 20. Ihre Wohnungen werden unterdessen nach belastenden Materialien durchwühlt. Doch es gelingt der Stasi (noch) nicht, die Unterschriftenliste vom 19. November zu finden. Marian Kirstein (23) hat sie nämlich im Staubsaugerbeutel versteckt.

Im Westen reagieren Gruppen wie das „Schutzkomitee Freiheit und Sozialismus“ sofort auf die Verhaftungswelle. In einer Protestresolution erklären prominente Unterstützer des Schutzkomitees ihre Solidarität, unter ihnen Otto Schily, Max Frisch und Romy Schneider.

Ein offizieller Prozess wird gegen die Mitglieder der Jungen Gemeinde nie geführt. Im September 1977 werden sieben der acht Inhaftierten nach West-Berlin abgeschoben – bei einer Weigerung drohen zwölf Jahre Haft. Dass die Jenaer Szene damit nicht unter Kontrolle gebracht ist, zeigt die Entwicklung der Friedensgemeinschaft Jena in den folgenden Jahren.

Bilder und Dokumente findet man hier:
https://www.jugendopposition.de/themen/ ... stadtmitte
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Re: DDR - Opposition

Beitragvon Interessierter » 14. September 2017, 16:22

Erich und die "Diskutierer"

Mit selbstgefertigten Flugblättern protestiert eine Handvoll DDR-Jugendlicher 1982 gegen die Verschärfung des Wehrdienstgesetzes - die SED plant unter anderem die Einführung des Frauenwehrdienstes. Die jungen Leute wollen ein Zeichen setzen gegen den Verfassungsbruch durch das Honecker-Regime und riskieren dafür Gefängnis.

"Fordert Volksdiskussion über das neue Wehrdienstgesetz!" steht auf den Flugblättern, die in der Nacht vom 22. zum 23. April 1982 in verschiedenen Bezirken Ost-Berlins und in Dresden auftauchen. Die Flugblätter kleben in Telefonzellen, an Litfaßsäulen, hängen an Bäumen, liegen in Garageneinfahrten, Hauseingängen, auf der Straße oder werden in Briefkästen gefunden.

Staatssicherheit und Volkspolizei sind alarmiert. In ihren Augen sind die Flugblätter ein Angriff auf den Sozialismus, hergestellt von "feindlich negativen Kräften". Gegen das Wehrdienstgesetz zu sein bedeutet für die Stasi, dass "die Täter aus pazifistisch, christlichen Kreisen kommen". Für sie steht auch fest, dass die Aktion von der Bundesrepublik aus gesteuert wird, um somit der "DDR und damit der Sache des Friedens" zu schaden. Ein Denkfehler, denn die Beteiligten werden weder von der Kirche noch vom Westen gesteuert. Und so gehen die Ermittlungen des MfS zunächst in die völlig falsche Richtung.

Zwei Wochen nach einer Absichtserklärung der Volkskammer wird das neue Wehrgesetz bereits verabschiedet. Zu einer "Diskussion", wie sie die Verfassung der DDR im Artikel 65 Absatz 3 zumindest für solche Fälle vorsieht, kommt es nicht. Als ein Artikel in der "Berliner Zeitung", der Bezirksorgan der SED, auf die bevorstehende Änderung des Wehrdienstgesetzes hinweist, beschließen Tom Sello und Thomas Vetter etwas zu unternehmen.

Drei Jahre Knast drohen

An der Aktion sind etwa 15 Personen beteiligt. Sie arbeiten bei der Herstellung und Verteilung der Flugblätter mit Handschuhen, um Fingerabdrücke zu vermeiden. Um bei einer eventuellen Verhaftung niemanden preisgeben zu können, wissen die Beteiligten zumeist nichts voneinander. Noch nicht einmal alle Initiatoren haben die vollständige Übersicht über die Anzahl, geschweige denn die Namen aller Mitwirkenden. Auch nach der Aktion vermeiden diejenigen, die sich kennen, längere Zeit jeglichen Kontakt.

Auch wenn die Jugendlichen über keinerlei Erfahrungen in konspirativer Arbeit verfügen, ist ihnen klar, dass eine solche Aktion nicht ohne Folgen bleiben kann. Im Falle einer Verhaftung droht ihnen eine Verurteilung wegen "öffentlicher Herabwürdigung" nach Paragraph 220 des Strafgesetzbuches und damit eine Freiheitsstrafe von bis zu drei Jahren.Tom Sello erinnert sich: "Wir waren uns schon bewusst, [...] dass das Unannehmlichkeiten mit sich bringen, dass das auch Gefängnis bedeuten konnte." Doch habe er eben "auch die Unbeschwertheit der Jugend oder die Ignoranz gegen sich selbst die man eben als Jugendlicher manchmal aufbringt" gehabt.

Nur einmal kommt das MfS den Jugendlichen gefährlich nahe. Wenige Wochen nach der Flugblattaktion wird Wolfgang Schröter vorgeladen und verhört. Der Grund ist seine Fotomontage gegen Wehrsport, die er dem Grafiker Klaus Staeck in die Bundesrepublik geschickt hat. Bei einer Postkontrolle fällt diese Stasi Mitarbeitern in die Hände. Aber er verrät sich und seine Freunde nicht im Verhör, als er mit dem Flugblatt konfrontiert wird.

Ein halber Fingerabdruck

Die Staatssicherheit registriert penibel alle Fundorte der "Hetzflugblätter" und gibt diese bis nach oben an "Genosse Minister" Erich Mielke weiter. Ein Operativer Vorgang mit dem Namen "Diskutierer" wird angelegt, in dem alle Erkenntnisse zusammengetragen werden. Besonders ärgerlich für das MfS ist der Umstand, dass ein Flugblatt den Weg in den Westen gefunden hat. Am 21. Juni 1982 wird es, mit einer kleinen Meldung versehen, im Nachrichtenmagazoin DER SPIEGEL abgedruckt.

Das MfS tappt völlig im Dunkeln. Von Bausoldaten in Prora auf Rügen bis hin zu kirchlichen Kreise in Thüringen werden Verdächtige unter die Lupe genommen. Zudem werden an verschiedenen Stellen Spitzel eingesetzt. Das einzige und, wie sich später herausstellt, unbrauchbare Beweisstück ist ein halber Fingerabdruck auf einem Flugblattexemplar. Doch insgesamt bleibt der große personelle und materielle Aufwand, den das MfS betreibt, ergebnislos: Die "Diskutierer" bleiben unentdeckt.

Bis zur Öffnung der Stasiunterlagen ist das Flugblatt auch bei den Beteiligten in Vergessenheit geraten. Dies ändert sich 1992, als Tom Sello auf Unterlagen des Operativen Vorganges "Diskutierer" stößt. Detailliert kann er nun nachlesen, mit welchem Aufwand die Stasi versucht hat, die "feindlich negativen Kräfte" zu finden und zur Verantwortung zu ziehen. Weiche Knie bekommt er, als er sich von einem Freund ausrechnen lässt, wie viele Jahre Knast das bedeutet hätte.

"Diebische Freude"

Rückblickend meint Tom Sello, sei die Aktion "natürlich auch nicht überzubewerten." Zur gleichen Zeit gab es andere Gruppen, die Widerspruch gegen Wehrdienstgesetz organisierten - voran die "Frauen für den Frieden" -, die wirkungsvoller waren und wesentlich weiter gingen, indem sie offen agierten.

Die Bedeutung der Flugblatt-Aktion liegt für Sello darin, dass er uns seine Mitstreiter damals ihre Angst überwanden und sich zu Wort meldeten. Neben der "diebischen Freude, der Stasi ein Schnippchen geschlagen zu haben" ist ihm sein Freundeskreis noch wichtiger: "Dass ich tatsächlich so einen Freundeskreis hatte, mit dem das funktioniert hat [...] und alle Dicht gehalten haben, die daran beteiligt waren - das ist so ein glückliches und schönes Gefühl."

Der vollständige Beitrag hier:
http://www.spiegel.de/einestages/ddr-ju ... 47987.html

Für sie steht auch fest, dass die Aktion von der Bundesrepublik aus gesteuert wird, um somit der "DDR und damit der Sache des Friedens" zu schaden.

Also das lesend, überkommt mich selbst nach Jahrzehnten noch heute diebische Freude.. [laugh]
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