Erscheinungsbilder - Rituale in der DDR

Erscheinungsbilder - Rituale in der DDR

Beitragvon Interessierter » 30. Juni 2016, 14:49

Rituale sind grundsätzlich mehrschichtig, sowohl bezüglich der Sinnstiftung als auch ihrer sozialen Praxis. Im DDR-Alltag und noch viel augenfälliger während ideologisch geprägter Feste wurden diverse Rituale inszeniert, die häufig ältere Traditionen fort- und umschrieben. Dazu gehörten tägliche Begrüßungsriten wie der Pionier- oder FDJ-Gruß, Masseninszenierungen bei Appellen, Festen und Aufmärschen insbesondere zum 1. Mai und 7. Oktober, Übergangsriten wie die Jugendweihe oder Rache- und Reinigungsriten wie die formalisierten Anklagen und Schuldbekenntnisse in Schauprozessen oder die Selbstkritiken von Parteimitgliedern.1 Sie dienten der Schaffung und Inszenierung von Gemeinschaft und machten sichtbar, wer sich ihr verweigerte, von ihr ausgeschlossen wurde bzw. gegen welche Feinde2 man sich abgrenzte.

Rituale verdeutlichten die Machtverhältnisse nicht nur, sie schufen sie auch, indem etwa Kundgebungsteilnehmer fähnchenwinkend und mit "Hoch"-Rufen der Parteiführung huldigten. So erscheint die Passage der Tribünen bei den feierlichen Großdemonstrationen als Kernritual der Legitimation der SED-Herrschaft.3 Neben dem sowjetischen Vorbild wirkten bei diesen Inszenierungen ältere Traditionen der Arbeiterbewegung nach, im konkreten Erscheinungsbild und im Erfahrungshorizont der Beteiligten waren allerdings auch die Ähnlichkeiten zum Nationalsozialismus präsent.4

Eine noch heute faszinierende zeitgenössische Analyse bot anlässlich der Formierung politischer Dissidenz durch die Charta 77 in der Tschechoslowakei Václav Havel. Er zeichnete die Mechanismen der Einbeziehung in die Diktatur durch rituelle Teilnahme an ideologischen Bekundungen nach.10 Indem etwa der Leiter eines Gemüseladens im Schaufenster zwischen Zwiebeln und Möhren das Spruchband "Proletarier aller Länder, vereinigt euch!" platziert, erklärt er den Machthabern seine Loyalität, wobei ihm der semantische Inhalt der Aussage – die Einigkeit der Proletarier – laut Havel relativ egal ist. Sie ist gleichwohl nicht unwichtig, verweist sie doch auf "irgendwelche höheren Ebenen der uneigennützigen Überzeugung" und bietet dem Gemüsehändler damit die Möglichkeit, "die ›niedrigen‹ Fundamente seines Gehorsams und somit auch die ›niedrigen‹ Fundamente der Macht vor [sich] zu verstecken." Denn er könnte es mit seiner Würde nicht vereinbaren, ein Spruchband "Ich bin gehorsam und will in Ruhe gelassen werden" in sein Schaufenster zu stellen – obwohl er genau diese Aussage bezweckt.


Der vollständige Beitrag hier:
http://www.horch-und-guck.info/hug/arch ... 602-demke/

Mich würde einmal interessieren, wieviel geschätzte Prozent der Bevölkerung eigentlich diesen Parolen glaubenschenkte und ebenso was denn eingefleischte SED - Mitglieder davon hielten. Auch würde ich gerne einmal wissen. was man empfand wenn man mit Hochrufen an den Genossen vorbeiziehen musste ?

Auf mich wirkte das von Beginn an immer nur befremdlich und irgendwann lächerlich, auch wenns für viele DDR Bürger wahrscheinlich eher ärgerlich statt lächerlich war, oder?
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Re: Erscheinungsbilder - Rituale in der DDR

Beitragvon karnak » 30. Juni 2016, 15:16

Interessierter hat geschrieben:
Mich würde einmal interessieren, wieviel geschätzte Prozent der Bevölkerung eigentlich diesen Parolen glaubenschenkte und ebenso was denn eingefleischte SED - Mitglieder davon hielten. Auch würde ich gerne einmal wissen. was man empfand wenn man mit Hochrufen an den Genossen vorbeiziehen musste ?

Auf mich wirkte das von Beginn an immer nur befremdlich und irgendwann lächerlich, auch wenns für viele DDR Bürger wahrscheinlich eher ärgerlich statt lächerlich war, oder?

Diese Parolen hat eine überwiegende Mehrheit überhaupt nicht umgetrieben,genau so wenig wie heute die regelmäßig widerkehrenden Parolen auf irgendwelchen Wahlplakaten.Man liest sie,belächelt sie vielleicht auch,aber ärgern darüber,die Mühe ist das kaum jemanden wert,die Parolen sind einfach da und gehören dazu wie man jedem Tag dem unsympatischsten Typ im Betrieb ein guten Tag wünscht.
Ob es"eingefleischte SED-Mitglieder"gab die von solchen Sprüchen angerührt waren,vielleicht ein paar aus der Zeit des aktiven Widerstands und die könnte man vielleicht sogar ein bisschen verstehen, weiß ich nicht,ich gehörte jedenfalls nicht dazu,ich gehörte eher zu der erstgenannten Kategorie.
Sich das Ganze so vorzustellen wie in einschlägigen B-Filmen zum Kommunismus,Stasi und und und,ich kann es nur wiederholen,man begeht da sowieso einen Denkfehler,der von gewissen Kreisen natürlich so gewünscht und deswegen auch entsprechend befeuert wird.Um etwas Wasser in dieses Feuer zu gießen,ein Grund warum ich hier bin.
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Re: Erscheinungsbilder - Rituale in der DDR

Beitragvon augenzeuge » 30. Juni 2016, 15:19

Muss man vorsichtig betrachten. Selbst in einer FDJ Versammlung begrüßte man sich untereinander nicht anders als sonst.
Und die politischen Losungen in den Geschäften sah man real kaum.

Die private DDR (in den eigenen Wänden)war in der Sache nicht anders als die BRD. Natürlich gabs Ausnahmen. [angst]

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Re: Erscheinungsbilder - Rituale in der DDR

Beitragvon karnak » 30. Juni 2016, 15:37

augenzeuge hat geschrieben:Muss man vorsichtig betrachten. Selbst in einer FDJ Versammlung begrüßte man sich untereinander nicht anders als sonst.
Und die politischen Losungen in den Geschäften sah man real kaum.

Die private DDR (in den eigenen Wänden)war in der Sache nicht anders als die BRD. Natürlich gabs Ausnahmen. [angst]

AZ

Wie hätte man sich untereinander begrüßen sollen,mit"Freundschaft " [flash] ,dass wäre doch einfach nur lächerlich gewesen.Solche Formeln waren doch eigentlich sowieso nur für offizielle Begrüßungen vorgesehen.Es hat sich ja auch niemand mit"sozialistischen Gruß "begrüßt [flash] ,das blieb nur offiziellen Schreiben vorbehalten.
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Re: Erscheinungsbilder - Rituale in der DDR

Beitragvon Interessierter » 30. Juni 2016, 19:11

Wenn man in der DDR ganzjährig Parolen lesen und hören musste, die oftmals fern jeglicher Realität waren, dann ist eine Frage nach der Wirkung auf die Bürger, nun wirklich normal.

Jedoch Dein übergrosser Trieb, hinter allem ominöse Kreise zu vermuten, treibt Dich sogar dazu ,diese ganzjährigen Parolen in der DDR absurderweise mit Wahlplakaten der BRD zu vergleichen.. [flash]

Schönen Abend noch.
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Re: Erscheinungsbilder - Rituale in der DDR

Beitragvon Kumpel » 1. Juli 2016, 07:49

....ja ja , die "bestimmten Kreise" . Manches ändert sich halt nie.
Ich würde das nicht so lapidar abtun mit der permanenten Indoktrination mit diesen Parteiparolen und der ständigen Lobhudelei auf die große Sowjetunion.
Die Menschen wurden dauerhaft mit Parolen und Kampfaufrufen bearbeitet , ob in der Schule in den Betrieben oder auf den Strasse , man konnte sich dem garnicht entziehen und mir kann niemand erzählen , das diese alles völlig wirkungslos an den Menschen vorbeiging.
Auch wenn mancher mit den Parolen kaum etwas anfangen konnte so ist es doch klar , dass irgendwas immer hängen bleibt und Einfluss auf das eigene Denken hat und so war es ja auch beabsichtigt.
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Re: Erscheinungsbilder - Rituale in der DDR

Beitragvon karnak » 1. Juli 2016, 10:51

Interessierter hat geschrieben:Wenn man in der DDR ganzjährig Parolen lesen und hören musste, die oftmals fern jeglicher Realität waren, dann ist eine Frage nach der Wirkung auf die Bürger, nun wirklich normal.

Jedoch Dein übergrosser Trieb, hinter allem ominöse Kreise zu vermuten, treibt Dich sogar dazu ,diese ganzjährigen Parolen in der DDR absurderweise mit Wahlplakaten der BRD zu vergleichen.. [flash]

Schönen Abend noch.

Ich vergleiche das weil es meistens schwülstiges Geschwafel ist,dass keiner wirklich ernst nimmt und von diesem auch nicht erzogen,beeinflusst oder wirklich zu einer Wahlentscheidung gebracht wird.Es ist nichts weiter als pure Geldverschwendung.
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Re: Erscheinungsbilder - Rituale in der DDR

Beitragvon Interessierter » 1. Juli 2016, 10:58

Aber mit den ganzjährigen Parolen und Losungen in der DDR hat es trotzdem nichts zu tun. Ich vergleiche ja auch nicht Sonnenkern mit
Rosinenstuten. [grins]
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Re: Erscheinungsbilder - Rituale in der DDR

Beitragvon karnak » 1. Juli 2016, 13:06

Sicher gibt es den Albernheitsunterschied was die ganzjährige Intensität angeht,wobei sich zu meiner bewußten Lebenszeit das auch ziemlich relativiert hatte,dass Land nun nicht unbedingt ganzjährig mit roten Spruchbändern zugepflastert war wie sich das manch Außenstehender vielleicht vorstellt.Jedenfalls war die DDR nicht mal zum 1.Mai und 7.Oktober mit soviel Plakaten mit albern grinsenden Herren und Damen mit irgendeinem Spruch zugepflastert wie das heute im Wahlkampf alle paar Jahre passiert. [flash]
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Re: Erscheinungsbilder - Rituale in der DDR

Beitragvon Kumpel » 1. Juli 2016, 13:17

Jetzt staune ich aber wenn ein Genosse die permanente ideologische Bearbeitung der Bevölkerung der DDR mit Albernheiten in Verbindung bringt.
Ich hatte einen Schulkameraden , dessen Vater arbeitete in einer PGH und war ganzjährig damit beschäftigt diese Schilder mit den bekannten Losungen zu beschriften.
Mindestens an jedem Betrieb hingen diese Dinger und feuerten die Menschen an ihr bestes zu geben im Kampf um die Planerfüllung oder erinnerten sie an ihre Verpflichtung zur Dankbarkeit gegenüber der Sowjetunion.
Besonders grotesk wurde es wenn auf diesen Schildern die Überlegenheit des Sozialismus gepriesen wurde und darunter sah man dann die graue triste realsozialistische
DDR Realität.
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Re: Erscheinungsbilder - Rituale in der DDR

Beitragvon dein1945 » 1. Juli 2016, 15:28

Man kann einen Teil des Volkes die ganze Zeit täuschen, und das ganze Volk einen Teil der Zeit. Aber man kann nicht das gesamte Volk die ganze Zeit täuschen [hallo]
(Abraham Lincoln)

Soviel zu den DDR Sprüchen zum 1.Mai und 7.Okt.
Man(n) muß wissen wenn Schluß ist !
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Re: Erscheinungsbilder - Rituale in der DDR

Beitragvon Interessierter » 10. November 2016, 10:49

Rituale in der politischen Kultur der DDR

Das Beispiel der Jugendweihe

»Die Jugendweihe war das abschließende und am heißesten erwartete Ereignis einer DDR-Kindheit. Sie bedeutete die feierliche Aufnahme der Vierzehnjährigen in den Kreis der Erwachsenen. [...] Ich hatte Anfang April 1985 Jugendweihe. [...] Der Festakt mit Reden, Kulturprogramm und sozialistischem Glaubensbekenntnis fand in einem Saal des Museums für Deutsche Geschichte statt, das jetzt Deutsches Historisches Museum heißt. Bevor es losging, standen die meisten Eltern noch draußen am Kanalgeländer in der Frühlingssonne, sahen auf den Palast der Republik und rauchten. Wir standen abseits, hinter ein paar Büschen versteckt und rauchten auch. Alle waren aufgeregt.«1 So beginnt die junge ostdeutsche Schriftstellerin Claudia Rusch ihr Kapitel über die Jugendweihe, und Ähnliches kann man auch in anderen Berichten nachlesen.2 Was machte das Besondere der Jugendweihe aus? Warum wurde dieses Ritual, wiewohl es genauso politisch gesteuert und eingefordert wurde wie die anderen Veranstaltungen der Staatspartei, zu einem Fokus positiver Erinnerungen an die DDR? Im Folgenden soll es sowohl um die politischen als auch die persönlichen, familiären Funktionen des Rituals gehen. Der Blick auf die Weimarer Zeit und auf die Nachwendezeit dient dabei der historischen Einordnung. Im Fazit gilt es, die beiden Funktionen miteinander zu kontrastieren und die Bedeutung der Jugendweihe bei der rituellen Inszenierung der Diktatur näher zu bestimmen.

Nach dem Aufstand des 17. Juni 1953 und angesichts der anhaltenden Massenflucht aus ihrem Staat machte die SED die Kirchen für das – selbst verschuldete – Fiasko verantwortlich: Ein zentrales parteiinternes Dokument3 denunzierte »die Kirche und ihre Einrichtungen als die stärkste legale Position der imperialistischen Kräfte« in der DDR. Daher gelte es, die Bevölkerung durch »systematische Aufklärungsarbeit« deren Einfluß zu entziehen.

Die politisch-gesellschaftliche Funktion der Jugendweihe hat sich mehrmals gewandelt. War diese in der Weimarer Republik das Ritual des kirchenfernen und klassenbewußten Teils der Arbeiterschaft gewesen und auf das oppositionelle Milieu der sozialistischen und kommunistischen Arbeiterbewegung beschränkt, so transformierte die SED sie – parallel zur eigenen Etablierung als Staatspartei – in eine politisch gewünschte Veranstaltung, an der die übergroße Mehrheit der Jugendlichen teilnahm und sich damit »in die große Gemeinschaft des werktätigen Volkes« integrierte.

Die vergleichbaren Versuche der Staatspartei, auch Lebensweihe und sozialistische Eheschließung zu etablieren, scheiterten vor allem daran, daß die weltlichen Alternativen zu den christlichen Vorbildern nicht angenommen wurden.

Den vollständigen Beitrag findet man hier:
http://www.horch-und-guck.info/hug/arch ... 7-schuetz/

Diese SED - Diktatur versuchte sich, in alle auch noch so persönlichen Bereiche, einzumischen.
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Re: Erscheinungsbilder - Rituale in der DDR

Beitragvon Volker Zottmann » 10. November 2016, 11:55

Jugendweihe gab es schon zu Zeiten der Weimarer Republik und wurde zu SED-Zeiten flächendeckend als politisches Bekenntnis und somit auch als "Ersatz" zur Konfirmation gesehen.
Die sozialistische Eheschließung hingegen hat sich nie richtig durchgesetzt. Zu DDR-Beginn gab es das noch nicht. So hat meine Mutter als 23jährige Bürgermeisterin von Tanne/Harz damals ihren Bruder verheiraten können. Sie fungierte auch als Standesbeamte in Personalunion.
Wenige Jahre später (1957 oder 1958) erlebte ich als kleines Schulkind aber die sozialistische Hochzeit ihrer jüngeren Schwester im VEB Union-Metallwerke Quedlinburg. Da wurde im Betriebssaal geheiratet und Vertreter aller möglichen Abteilungen nahmen während ihrer Arbeitszeit im Blaumann und in Kittelschürzen daran teil.
Der Standesbeamte war der Freund meiner Eltern und unser Flurnachbar.
Ich kann mich lebhaft an diesen Tag im Werk erinnern. Es war eben etwas Außergewöhnliches. Durchgesetzt hat sich dieses Ritual aber nie.

Gruß Volker
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Re: Erscheinungsbilder - Rituale in der DDR

Beitragvon karnak » 10. November 2016, 15:32

Wenn Du bereit warst in Uniform zu heiraten finanzierte die "Firma" die ganze Fete, wurde aber auch nicht so der Hit. [flash]
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Re: Erscheinungsbilder - Rituale in der DDR

Beitragvon Wosch » 10. November 2016, 16:15

Wenn man sich als DDR-Bürger noch nicht einmal kritisch zu den roten Partei-Parolen äussern durfte aus Angst dafür eingesperrt zu werden, dann müsste eigentlich jedem Normaldenkenden klar sein, wie die breite Masse über die ständige Rotlichtbestrahlung nachdachte. Man nahm sie zur Kenntnis und machte darüber unter der Hand treffende Witze. Es war im Grunde genommen nicht viel anders als im Dritten Reich. Es war nicht wichtig was man darüber dachte, man mußte nur so tun als ob man daran glaubte.
Meine Schwester sagte immer: " Was willste machen"?.

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Re: Erscheinungsbilder - Rituale in der DDR

Beitragvon Beethoven » 10. November 2016, 16:39

Ich weiß nicht, wie es in den 60-er und 60-er Jahren war. In den 70-er Jahren bis zum Zusammenklatschen der beiden deutschen Staaten, waren solche Parolen sicher noch vorhanden, haben aber in keiner Weise, flächendeckend das Auge des DDR-Bürgers gestreßt.

Ich sehe das also nicht so verbissen, wie es im Eingangsbeitrag dargestellt wird. In meinen Augen wieder einmal so n Ding von "Schaut mal was die Bürger alles ertragen mußten."

Wie man überhaupt über so einen Unsinn stolpern kann? [flash]

Und die "geilen" Sprüche während des vorbei Defilierens vor der Partei- und Staatsführung gingen rechts oder links rein (je nachdem wo die Tribüne stand) und auf der anderen Seite raus.

Gruss
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Re: Erscheinungsbilder - Rituale in der DDR

Beitragvon Kumpel » 10. November 2016, 17:01

Aber Hallo,
das sagt einer der sich der Ideologie der SED völlig unterworfen hatte und den Alltag in der DDR erfolgreich verdrängt hat.
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Re: Erscheinungsbilder - Rituale in der DDR

Beitragvon Nov65 » 10. November 2016, 17:36

Hi @Beethoven, du meinst den Begriff "Zusammenklatschen" doch nur salopp? Oder steckt dahinter eine Abwertung des "Beitritts" per Einigungungsvertrag zur deutschen Einheit?
Zur Propaganda:
Ich meine, es gab schon große Unterschiede im "Ertragen" der Propagandabilder: Wenn die großen Umzüge veranstaltet wurden, flogen preußenhaft die Stahlhelmköpfe von NVA und Kampfgruppen auf Kommando , die blanken Stiefel lieferten einen geschichtsbeladenen Stechschritt ab. Die Blumenhände von FDJ und werktätigen Massen winkten der Partei-und Staatsführung nur so zu (Am Ende des Zuges aber flog der ganze Krempel in die Ecke.).
Man hatte sich an die Selbstdarstellung von Partei und Regierung und ihren Lügenaussagen gewöhnt. Man akzeptierte die Sterne an den Mähdreschern als Wettbewerbsausdruck während der Erntekampagne und die ständige Planübererfüllung, wusste aber, dass dadurch die Läden nicht voller wurden.
Aber die ständige Beeinflussung hatte in etlichen Familien, in denen stramme Funktionäre lebten, auch Auswirkungen auf die Wahl der Fernsehsender. Ich hatte ferne Verwandten, da wurde nicht Westfernsehen geschaut.Brüder der Ehefrau waren MfS-Offiziere, der Vater war Abteilungsleiter im Rat des Kreises.
Wenn ich heute Bilder aus Nordkorea sehe und die abgöttische(hündische) Liebe zu dem/den Parteiführern erlebe, frage ich mich immer, wie weit ein Mensch manipuliert werden kann. Dieser Vorgang fand auch in der DDR statt, allerdings in sehr abgeschwächter Form.
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Re: Erscheinungsbilder - Rituale in der DDR

Beitragvon ratata » 10. November 2016, 19:06

augenzeuge hat geschrieben:Muss man vorsichtig betrachten. Selbst in einer FDJ Versammlung begrüßte man sich untereinander nicht anders als sonst.
Und die politischen Losungen in den Geschäften sah man real kaum.

Die private DDR (in den eigenen Wänden)war in der Sache nicht anders als die BRD. Natürlich gabs Ausnahmen. [angst]

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Wieso weist du wie man sich in FDJ - Versammlungen begrüßte .Warst du denn FDJ -ler .ratata
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Re: Erscheinungsbilder - Rituale in der DDR

Beitragvon augenzeuge » 10. November 2016, 19:19

ratata hat geschrieben:
augenzeuge hat geschrieben:Muss man vorsichtig betrachten. Selbst in einer FDJ Versammlung begrüßte man sich untereinander nicht anders als sonst.
Und die politischen Losungen in den Geschäften sah man real kaum.

Die private DDR (in den eigenen Wänden)war in der Sache nicht anders als die BRD. Natürlich gabs Ausnahmen. [angst]

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Wieso weist du wie man sich in FDJ - Versammlungen begrüßte .Warst du denn FDJ -ler .ratata


Eigentlich habe ich gedacht, dass langsam alle Bescheid wissen. ratata, ich kenne beide Seiten, als Erwachsener habe ich nach langen, großen Mühen und Schikanen ausreisen dürfen. [flash]
Ich habe in der DDR das bekannte Leben mitgemacht. Ok?
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Re: Erscheinungsbilder - Rituale in der DDR

Beitragvon Beethoven » 11. November 2016, 11:30

Nov65 hat geschrieben:Hi @Beethoven, du meinst den Begriff "Zusammenklatschen" doch nur salopp? Oder steckt dahinter eine Abwertung des "Beitritts" per Einigungungsvertrag zur deutschen Einheit?
Zur Propaganda:
Ich meine, es gab schon große Unterschiede im "Ertragen" der Propagandabilder: Wenn die großen Umzüge veranstaltet wurden, flogen preußenhaft die Stahlhelmköpfe von NVA und Kampfgruppen auf Kommando , die blanken Stiefel lieferten einen geschichtsbeladenen Stechschritt ab. Die Blumenhände von FDJ und werktätigen Massen winkten der Partei-und Staatsführung nur so zu (Am Ende des Zuges aber flog der ganze Krempel in die Ecke.).
Man hatte sich an die Selbstdarstellung von Partei und Regierung und ihren Lügenaussagen gewöhnt. Man akzeptierte die Sterne an den Mähdreschern als Wettbewerbsausdruck während der Erntekampagne und die ständige Planübererfüllung, wusste aber, dass dadurch die Läden nicht voller wurden.
Aber die ständige Beeinflussung hatte in etlichen Familien, in denen stramme Funktionäre lebten, auch Auswirkungen auf die Wahl der Fernsehsender. Ich hatte ferne Verwandten, da wurde nicht Westfernsehen geschaut.Brüder der Ehefrau waren MfS-Offiziere, der Vater war Abteilungsleiter im Rat des Kreises.
Wenn ich heute Bilder aus Nordkorea sehe und die abgöttische(hündische) Liebe zu dem/den Parteiführern erlebe, frage ich mich immer, wie weit ein Mensch manipuliert werden kann. Dieser Vorgang fand auch in der DDR statt, allerdings in sehr abgeschwächter Form.
Andreas


Nun lieber Andreas, ich hätte statt "zusammenklatschen", auch "vereinnahmen" schreiben können. Der Einigungsvertrag zwischen den beiden deutschen Staaten, ist doch für die kleine DDR nicht anderes gewesen. Man hat von heute auf gleich, die Bürger der DDR zu zweitklassigen Bürgern in einem Staat gemacht. Die Industrie abgewickelt oder auch an Spekulanten für ein Butterbrot verschenkt und große Teile der Bevölkerung mit einem Tritt in den Allerwertesten auf die Straße befördert. War das eine Vereinigung auf Augenhöhe?

Eigenartig dabei und das freut mich sogar ein bißchen, wer sich in der DDR schon, sich um seine Mitmenschen, Kollegen und sich selber gekümmert hat, wer schon zu Zeiten der DDR aus seinem Leben etwas gemacht hat, der kam komischer Weise auch in der bunten Republik schnell auf die Füße.
Wer schon damals eher vor sich hinlebte ohne dabei zu denken, ist oft in ein Loch gefallen.

Was die Propaganda angeht. Da hätte die DDR viel Geld sparen können. Selbst Typen wie ich, die eigentlich voll zur DDR standen, nahm davon kaum Notiz. Wenn ich nur an die politischen Wandzeitungen denke, wird mir heute noch übel. Viel Brimborium um Zeugs, dass sich sowieso kaum einer durchgelesen, geschweige denn verinnerlicht hat. Und ja, lieber Kumpel, das ging mir am Gesäß vorbei, ob Du es glaubst oder nicht.

Für mich waren der 1. Mai und der 7. Oktober (so ich nicht vom Militär eingespannt war - Parade und so) schöne Tage im Kreise von Freunden und der Familie.

Gruß
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Re: Erscheinungsbilder - Rituale in der DDR

Beitragvon Kumpel » 11. November 2016, 11:44

Beethoven hat geschrieben:..................
Was die Propaganda angeht. Da hätte die DDR viel Geld sparen können. Selbst Typen wie ich, die eigentlich voll zur DDR standen, nahm davon kaum Notiz. Wenn ich nur an die politischen Wandzeitungen denke, wird mir heute noch übel. Viel Brimborium um Zeugs, dass sich sowieso kaum einer durchgelesen, geschweige denn verinnerlicht hat. Und ja, lieber Kumpel, das ging mir am Gesäß vorbei, ob Du es glaubst oder nicht.

Gruß


Siehste Beethoven und genau das nehme ich dir nicht ab, oder du weißt es wirklich nicht besser.
Die Propaganda wurde doch nicht aus einer Laune irgend eines senilen Genossen veranstaltet , sondern sie war dringend notwendig um den Laden am Laufen und die Leute auf Linie zu halten
und eine Abgrenzung zu anderen Meinungen aufrecht zu halten.
Ob da nun der Einzelne daran glaubte oder nicht spielte wohl kaum eine Rolle , wichtig war , dass die Leute auf die es ankam auf Linie waren und dr Rest sich auch ohne Glauben unterwarf.
Das gleiche Prozedere kann man doch wunderbar in allen totalitären Systemen beobachten. Propaganda und das ständige Suggerieren eines Feindbildes sammelt die Massen und lenkt von
den eigenen Defiziten ab.
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Re: Erscheinungsbilder - Rituale in der DDR

Beitragvon Interessierter » 11. November 2016, 12:31

@Beethoven:
Du hast als Offizier der NVA der Propaganda nicht geglaubt?

Wenn man Euch gelassen hätte, wärst Du damals willfährig in einen Bruderstaat des Warschauer Paktes einmarschiert bzw. hättest es als richtig empfunden, der sich eigentlich nur seine Freiheit und Menschenrechte zurückholen wollte.

Man hat von heute auf gleich, die Bürger der DDR zu zweitklassigen Bürgern in einem Staat gemacht.


Wer nach mehr als 25 Jahren noch so einen Schwachsinn verbreitet, der wird seine kommunistische Prägung nie los.

Eigenartig dabei und das freut mich sogar ein bißchen, wer sich in der DDR schon, sich um seine Mitmenschen, Kollegen und sich selber gekümmert hat, wer schon zu Zeiten der DDR aus seinem Leben etwas gemacht hat, der kam komischer Weise auch in der bunten Republik schnell auf die Füße.
Wer schon damals eher vor sich hinlebte ohne dabei zu denken, ist oft in ein Loch gefallen.


Du widersprichst Dir selber und merkst es nicht einmal, erst behauptest Du wahrheitswidrig der ehemalige Klassenfeind hätte DDR Bürger zu zweitklassigen Menschen gemacht und sofort anschließend schreibst Du, dass es die Bürger der DDR waren, die nur vor sich hinlebten ohne zu denken, die in ein Loch fielen.

Vielleicht stellst Du einfach einmal einen Leserbrief mit vollem Namen in Deine Heimatzeitung ein und schreibst, dass alle Deutschen " kuhäugig " sind und dass diejenigen bei denen die Wende nicht zum Erfolg wurde, ohne zu denken vor sich hingelebt haben.

Nur gut, dass Dein Freund " Mäuselchen " das nicht liest, was Du hier von Dir gibst... [flash]
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Re: Erscheinungsbilder - Rituale in der DDR

Beitragvon Nov65 » 11. November 2016, 12:39

Da habt Ihr beide recht. @Beethoven war schlau genug seine berufliche Karriere an den Staat zu binden. Er erschien linientreu, war ein sicherer Kantonist. Da er aber schlau war, durchdachte er das Ganze, machte kräftig mit zu seinem Frommen und bekam nach dem Zusammenbruch die Kurve im neuen Gesellschafts-und Wirtschaftssystem.
Mit seiner Gerissenheit stand er im Einklang mit Millionen.Was blieb ihnen/uns auch anderes übrig? Offen rebellieren, das hatte Konsequenzen.
Und hier sieht man, dass die Propaganda mächtig Früchte trug: Fast alle unterwarfen sich, machten mit. Aus Überzeugung oder auch Dummheit oder eben Schlauheit. Man hatte nur ein Leben, und das sollte gelingen.
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Re: Erscheinungsbilder - Rituale in der DDR

Beitragvon Interessierter » 11. November 2016, 13:28

Niemand neidet den Menschen, welche die Wende zu ihrer Zufriedenheit gemeistert haben, ihren Erfolg. Wenn aber einer derjenigen - wie Beethoven - meint hier behaupten zu müssen, dass die Bundesrepublik die Menschen aus der DDR zu zweitklassigen Bürgern gemacht hätten, so ist das schlechthin gelogen und fernab jeglicher Realität.

Wenn er sich dann aber auch noch sofort selbst widerspricht und sagt, dass die weniger erfolgreichen selber Schuld waren, weil sie, wie schon in der DDR, nur ohne nachzudenken vor sich hingelebt haben, dann ist so eine pauschale Aussage eine Beleidung für viele Menschen aus der Ex - DDR. Fakt ist nämlich, dass es auch viele Bürger gab, die ohne eigenes Verschulden die Wende nicht erfolgreich meistern konnten.

In jedem Land der Welt gibt es Menschen, die aus den unterschiedlichsten Gründen ihr Leben nicht meistern können. Wenn man dann berücksichtigt, dass die Menschen in der DDR es besonders schwer hatten, plötzlich ein selbstbestimmtes Leben zu führen, dann finde ich solche Äußerungen von Beethoven einfach borniert und widerlich.

Das war die eigentliche Aussage meines vorherigen Beitrags.
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Re: Erscheinungsbilder - Rituale in der DDR

Beitragvon Kumpel » 11. November 2016, 13:51

Interessierter hat geschrieben:......................
Wenn er sich dann aber auch noch sofort selbst widerspricht und sagt, dass die weniger erfolgreichen selber Schuld waren, weil sie, wie schon in der DDR, nur ohne nachzudenken vor sich hingelebt haben, dann ist so eine pauschale Aussage eine Beleidung für viele Menschen aus der Ex - DDR. Fakt ist nämlich, dass es auch viele Bürger gab, die ohne eigenes Verschulden die Wende nicht erfolgreich meistern konnten.

In jedem Land der Welt gibt es Menschen, die aus den unterschiedlichsten Gründen ihr Leben nicht meistern können. Wenn man dann berücksichtigt, dass die Menschen in der DDR es besonders schwer hatten, plötzlich ein selbstbestimmtes Leben zu führen, dann finde ich solche Äußerungen von Beethoven einfach borniert und widerlich.
....................



Absolut richt herausgearbeitet Wilfried,

Beethovens Einlassungen sind einfach nur zynisch , zumal man auch zu Grunde legen muss , dass den Menschen in der DDR das eigenverantwortliche Handeln und Entscheiden
vom Staat DDR weitesgehend abgewöhnt wurde.
Die Bürger der DDR wurden wie Staatseigentum behandelt und Eigeninitiative war nicht gefragt.
Leute wie Beethoven, die noch im Sommer 89 den Kapitalismus tapfer bekämpft hatten, wurden dann oft am schnellsten zu den talentiertesten Kapitalisten nach Manchestermanier.
Das habe ich selber erlebt , als mich Anfang der 90er mal das Heimweh plagte und ich eine Arbeit im Osten suchte.
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Re: Erscheinungsbilder - Rituale in der DDR

Beitragvon Beethoven » 11. November 2016, 14:37

Ihr Beiden Heilsbringer, Ihr dreht Euch das hin, wie Ihr wollt.

Die Propaganda der DDR habe ich schon geglaubt, sonst wäre ich nicht das gewesen, was ich war und heute bin. Es ging um die Parolen, die z.B. zum 1. Mai an den Mann gebracht wurden, denn das war ja das Theme, um Sprüche an Wandzeitungen oder Schildern. Nur davon sprach ich als ich von ins Ohr rein und raus schrieb. Das, Ihr beiden Helden, solltet Ihr verstanden haben. Vielleicht aber auch nicht. Ich möchte Eure Intelligenz da nicht zu sehr strapazieren. [hallo]

Interessierter hat geschrieben:@Beethoven:
Du hast als Offizier der NVA der Propaganda nicht geglaubt?

Wenn man Euch gelassen hätte, wärst Du damals willfährig in einen Bruderstaat des Warschauer Paktes einmarschiert bzw. hättest es als richtig empfunden, der sich eigentlich nur seine Freiheit und Menschenrechte zurückholen wollte.]


Siehste, wieder eine Behauptung, die Du nicht beweisen kannst. Wie auch? Immer getreu dem Satz, "was ich selber denk und tu, das traue ich auch anderen zu". [laugh]
Sicher, wir hätten die Befehle ausgeführt, wie das jeder Soldat einer Armee macht. Ob wir das richtig empfunden hätten, kann ein Kleingeist aus der anderen Hemisphäre, doch gar nicht einschätzen.

Interessierter hat geschrieben:@Beethoven:
Eigenartig dabei und das freut mich sogar ein bißchen, wer sich in der DDR schon, sich um seine Mitmenschen, Kollegen und sich selber gekümmert hat, wer schon zu Zeiten der DDR aus seinem Leben etwas gemacht hat, der kam komischer Weise auch in der bunten Republik schnell auf die Füße.
Wer schon damals eher vor sich hinlebte ohne dabei zu denken, ist oft in ein Loch gefallen.


Interessierter hat geschrieben:Du widersprichst Dir selber und merkst es nicht einmal, erst behauptest Du wahrheitswidrig der ehemalige Klassenfeind hätte DDR Bürger zu zweitklassigen Menschen gemacht und sofort anschließend schreibst Du, dass es die Bürger der DDR waren, die nur vor sich hinlebten ohne zu denken, die in ein Loch fielen..


Nun ja, man kann ja darüber diskutieren, finde ich. Als Widerspruch würde ich das nun nicht sehen. Die Praxis hat dies leider zu oft bewiesen. Noch heute, lieber sich "Interessierter" Nennender, haben die Menschen im ostwärtigen Teil Deutschlands nicht die gleichen Löhne, bei mehr Stunden Arbeit und gleicher Leistung, bekommen weniger Urlaubstage und werden von vielen altbundesdeutschen Bürger als faul und unfähig angesehen. Willst Du diese Tatsachen etwa nicht sehen? Und so könnte ich noch einiges aufzählen. Die Wirtschaft der DDR wurde durch Altbundesbürger platt gemacht, weil diese einschätzten, es sei alles Müll (vieles war das auch) und verschenkten das an ehemalige Konkurrenten für n Appel und n Ei. Stimmts oder stimmts? [grins]

Nimm Dir mal die Zeit und höre Dir das hier an:

https://www.youtube.com/watch?v=XhKiCUfl1rM

Gruß
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Sie ist die schlechteste aller Staatsformen, ausgenommen alle anderen.

Winston Churchill

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Dein Charakter ist das, was Du wirklich bist, doch Dein Ruf ist nur das, was andere von dir halten.
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Re: Erscheinungsbilder - Rituale in der DDR

Beitragvon Kumpel » 11. November 2016, 15:19

Ach Beethoven ,
du verfällst doch immer wieder in die gleiche alte propagandistische Leier.
Die Parolen an den vergammelten Wänden der grauen Häuser der DDR kann man doch nicht getrennt zu der alltäglichen Propaganda die über der Bevölkerung nieder ging betrachten.
Diese Parolen waren dabei der erhobene sichtbare Zeigefinger des Staates für seine Bürger auf das sie nicht zu vergessen wer die Macht hat. Wer so etwas tut , der hat das auch nötig.
Und was die Löhne in Ost und West anbetrifft ist das wohl die Marktwirtschaft , die sich gerade Leute in deiner Branche zu nutze machen um stets üppige Rechnungen schreiben zu können.
In wirtschaftlich schwachen Regionen der alten Bundesrepublik werden auch nicht sonderlich hohe Löhne gezahlt , die sich kaum von denen in Ost-Deutschland unterscheiden.
Geh doch einmal in einen Betrieb in der ehemaligen Zone und frage den Chef aus dem Osten weshalb er seinen Leuten keine höheren Löhne zahlt.
Ich kenne da einen , der war früher Abteilungsleiter bei Robotron , SED Mitglied und zahlte seinen Leuten bis der Mindestlohn eingeführt wurde 5 Euro pro Stunde. Na dämmerts?
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Re: Erscheinungsbilder - Rituale in der DDR

Beitragvon Nov65 » 11. November 2016, 16:15

Ich hoffe nicht, dass wir drei, ja zurzeit diskutieren nur wir drei über das Thema,uns wieder das Kloppen kriegen. Denken wir daran, dass auf beiden Seiten der Elbe Offiziere den jeweiligen Verteidigungsauftrag zu erfüllen hatten, und sie waren nicht per se' Ideologiemonster.
Von der Propaganda zu den Fähigkeiten vieler DDR-Bürger. Dämlich waren wir ja wirklich nicht. Unsere Schulbildung konnte sich messen mit der der BRD. Natürlich wurde einerseits Ideologie total überzogen und andererseits Kosmetik und Schauspielunterricht sowie Fremdsprachen, außer Russisch, unterschätzt bzw. bewusst unterbelichtet. Aber so richtig kamen die ersten "Einkäufer" aus dem Westen hier im Osten nicht so recht zum Zuge, obwohl sie gut rochen und immer top frisiert waren.
Was sich als folgenreich auswirkte, war der fehlende Wettbewerb der Menschen als Arbeitskraft untereinander. Wir DDR-Bürger waren alle nicht die Feinde des Nebenan-Bürgers, wir hatten eine berufliche Zukunft, egal, ob mehr Geld oder nicht. Aufstieg war hochprozentig nur mit SED-Mitgliedschaft zu erreichen.
Plötzlich war die Vita wichtig. Und da gab es die Brüche. Die meisten DDR-Bürger konnten auch hart arbeiten, mit der Hand und mit dem Kopf. Aber die Hand wurde meistens nicht mehr gebraucht. Als Beispiel mögen Melker und andere Landarbeiter dienen. Und jetzt ging der Abstieg los.....

Also: Bleiben wir beim Thema und versuchen wir nicht dem anderen ein Bein zu stellen. Ich schätze alle beiden Mitdiskutanten.
Grüße von Andreas
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Re: Erscheinungsbilder - Rituale in der DDR

Beitragvon steffen52 » 11. November 2016, 17:07

Nun ja, man kann ja darüber diskutieren, finde ich. Als Widerspruch würde ich das nun nicht sehen. Die Praxis hat dies leider zu oft bewiesen. Noch heute, lieber sich "Interessierter" Nennender, haben die Menschen im ostwärtigen Teil Deutschlands nicht die gleichen Löhne, bei mehr Stunden Arbeit und gleicher Leistung, bekommen weniger Urlaubstage und werden von vielen altbundesdeutschen Bürger als faul und unfähig angesehen. Willst Du diese Tatsachen etwa nicht sehen? Und so könnte ich noch einiges aufzählen. Die Wirtschaft der DDR wurde durch Altbundesbürger platt gemacht, weil diese einschätzten, es sei alles Müll (vieles war das auch) und verschenkten das an ehemalige Konkurrenten für n Appel und n Ei. Stimmts oder stimmts? [grins]




@Beethoven
In gewissen Teilen Deiner Ausführung magst Du recht haben. Aber ich habe mich noch nie als zweitklassiger Mensch im vereinten Deutschland gesehen! Das wir Ostdeutschen faul und unfähig sind,
das sagen nur die Altbundesbürger, welche nie die DDR kennen gelernt haben! Vergiss nicht wir haben aus Müll wieder was gemacht, die Nägel wieder gerade geklopft und Dinge zum gehen gebracht, die
hätte jeder andere weggeworfen! Das manche VEB-Betriebe in einen baulichen Zustand waren, marode ist noch liebevoll ausgedrückt, das hast Du bestimmt auch gesehen oder? Das man als Kapitalist
keine Fabrik mit mehren Stockwerken(aus der Zeit um 1920 u.s.w.) gewinnbringend betreiben konnte, das müsste auch Dir klar gewesen sein,gut es gab ja auch Ausnahmebetriebe, aber halt
wenige. Dazu auch noch die mehr als auf Verschleiß gefahrene Technik. Dazu kommt noch eins, wir wollten zu ihnen,( Du natürlich nicht) und nicht sie zu uns. Kapitalismus ist nun
nicht der von der DDR-Macht gelobte Sozialismus(was er nie war). Wer hat den alles für ein paar D-Mark verschleudert? Ein Unternehmer investiert 5 Mark um 15 Mark rauszuholen, in der
Damaligen ist es umgekehrt gewesen und deshalb auch am Ende 1989! [denken]
Gruß steffen52
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